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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau zur Verleihung des "Medienpreises Entwicklungspolitik" im Alten Rathaus Bonn

Frau Bundesministerin,
Frau Oberbürgermeisterin,
meine Damen und Herren !

Ich bin der Einladung sehr gerne gefolgt, auch in diesem Jahr wieder an der Verleihung des "Medienpreises Entwicklungspolitik" teilzunehmen.

Missverstehen Sie das bitte nicht als Ausdruck purer Höflichkeit.

Nach meinem Eindruck gibt es zu wenig Aufmerksamkeit für die Entwicklungspolitik und zu wenig Aufmerksamkeit für die Länder, denen wir durch gezielte Unterstützung helfen wollen, damit sie sich selber helfen können.

Deshalb ist es mir wichtig, wenigstens einmal im Jahr die Arbeit derer zu würdigen, die versuchen, diesem Mangel an Interesse entgegenzuarbeiten.

Es ist ja nicht so, dass Themen aus Lateinamerika, Asien und Afrika in den Medien nicht vorkämen. Manche Bilder fallen uns ein, wenn wir an das vergangene Jahr zurückdenken:

  • Bilder von den verheerenden Flutkatastrophen in Mosambik und Südostasien.
  • Bilder aus dem Kampf um einen wüsten Landstrich im Grenzgebiet zwischen Äthiopien und Eritrea.
  • Bilder von Geiselnahmen, die uns vor allem dann interessieren, wenn nicht Einheimische, sondern Europäer verschleppt werden.
  • Und ich denke an die schrecklichen Bilder aus den Bürgerkriegen im Sudan, an der Elfenbeinküste, im Kongo oder auch in Simbabwe.

Die Bilder, die wir aus Afrika, aus Asien und Lateinamerika zu sehen bekommen, sind allzu oft Bilder von Not und Armut, von Elend und Gewalt.

Wo aber waren die Berichte über positive Veränderungen, über die Fortschritte, die Länder wie Mali oder Senegal auf dem Weg zu Demokratie und sozialer Marktwirtschaft erzielt haben, über die Erfolge neuer Politikansätze des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, über Beispiele für gelungene Stadtteilsanierung in Ägypten, über erfolgreiche Wüstenbekämpfung in Burkina Faso?

Ihnen, meine Damen und Herren, brauchte ich darüber eigentlich nichts zu erzählen. Ihre Arbeit, vor allem die Beiträge, die in diesem Jahr ausgezeichnet werden, zeigen, dass man lohnende, farbige und packende Berichte über die ganze, über die vielfältige Wirklichkeit in Ländern der Dritten Welt schreiben kann. Dafür möchte ich allen Preisträgerinnen und Preisträgern dieses Jahres ganz herzlich danken und dazu gratuliere ich Ihnen.

Sie wissen aber selber am besten, wie dornig der Weg ist, wenn es darum geht, von Ihren Redaktionen einen Sendeplatz oder Raum zum Abdruck zu bekommen für einen Bericht, der unaufgeregt und in Ruhe über die normalen Schwierigkeiten und die kleinen Erfolge des Alltags in Ländern der Dritten Welt erzählt.

Ich sehe die Gefahr, dass sich der Horizont der Berichterstattung immer mehr auf die nähere Umgebung, auf unser europäisches Umfeld verengt. Über den Tellerrand unseres Kontinents richtet sich der Blick fast nur auf die großen Börsenplätze und auf natürliche oder von Menschen zu verantwortende Katastrophen.

Junge Leute, die ohne ersichtlichen Grund über längere Zeit in einem Container hausen, erregen inzwischen mehr öffentliche Anteilnahme als Dinge, die uns wirklich bewegen sollten. Ich denke zum Beispiel

  • an die Zerstörung traditioneller Wertordnungen und Lebensformen in den Ländern der sogenannten Dritten Welt;
  • an die leichtfertige Verschwendung unserer natürlichen Ressourcen;
  • an den eklatanten Widerspruch zwischen den Lebensbedingungen in den Industrieländern und den Ländern des Südens;
  • an die verheerende Ausbreitung von AIDS und anderen Krankheiten.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass in diesem Jahr die Jury ausgerechnet beidemMedium keinen Preisträger gefunden hat, dem der größte Einfluss nachgesagt wird: dem Fernsehen. Vermutlich könnten unsere Preisträger ein trauriges Lied davon singen, wie schwer es ist, in den Redaktionen ein offenes Ohr für ihre Themen zu finden.

Dem wachsenden Desinteresse müssen wir entgegenwirken. Hier sind die Chefredakteure und die Herausgeber aufgerufen: Öffnen Sie sich für Reportagen aus Afrika, für Augenzeugenberichte aus den Anden, für Beobachtungen aus Afghanistan oder Burma! Wir brauchen Platz und Zeit für die Darstellung von Hintergründen, und nicht nur die Sekundenfilme zum Abarbeiten von Katastrophen!

Ich wünschte mir - in der Sprache der Programmformate -, es gäbe mehr "Weltspiegel" als "Brennpunkte".

Wir alle kennen den Grundsatz, dass nur eine schlechte Nachricht eine gute Nachricht ist. Bei Ländern, über die wir ausführlich und stetig informiert werden, mag dieser Grundsatz vielleicht keinen großen Schaden anrichten: Da lassen sich Einzelereignisse in ein Gesamtbild einordnen.

Wer aber über einen Kontinent wie Afrika wenig oder gar nichts weiß, der wird über kurz oder lang die Katastrophenbilder für die ganze Wahrheit nehmen. An die Stelle der vielfältigen Wirklichkeit tritt ein Zerrbild, das Vorurteile fördert und Vorurteile bestätigt.

Immer wieder werden die französischen und britischen Medien dafür gelobt, dass ihre Berichterstattung über Afrika, Asien und Lateinamerika ausführlicher, gründlicher und interessanter sei als bei uns. Wer ab und zu den BBC World Service hört, wird das wahrscheinlich bestätigen.

Ich frage: Kann es wirklich sein, dass gute Berichte nur aus den Ländern kommen, die einmal Kolonialmacht gewesen sind? Sollte es nicht - ganz im Gegenteil -unsleichter fallen, unbelastet von kolonialer Vergangenheit mit Neugier und Offenheit auf Länder zuzugehen, von denen wir viel zu wenig wissen?

Es gibt auch in Deutschland vorzügliche Journalisten, die sich mit Entwicklungspolitik beschäftigen. Unsere Preisträger sind der beste Beweis dafür.

Von den Hürden, die sie in den eigenen Redaktionen überwinden müssen, habe ich schon gesprochen. Oft gibt es aber auch Hürden in den Ländern, aus denen sie berichten. Manchmal gehen Sie für Ihre Reportagen ein hohes persönliches Risiko ein. Viele sind bei ihrer Arbeit sogar in Lebensgefahr. Immer wieder werden Journalisten Opfer bewaffneter Konflikte. Zeugen für Misswirtschaft, für Gewalt und Korruption sind nirgendwo gern gesehen.

Die Pressefreiheit ist aber eine Grundvoraussetzung für Demokratie und Fortschritt. Sie ist kein liberaler Luxus, sondern lebenswichtig für Menschen, die von Hunger und Elend bedroht sind, weil Hilfe nach aller Erfahrung dort am wirksamsten ist, wo die Verwendung der Mittel demokratisch kontrolliert wird, auch von einer freien Presse.

Um Interesse zu wecken und Redaktionen zu ermutigen, die scheinbar unpopulären Themen aus Afrika, Asien und Lateinamerika öfter aufzugreifen, ist vor 25 Jahren der "Medienpreis Entwicklungspolitik" ins Leben gerufen worden.

Das mag sich für "Medienmanager" spröde anhören. Mancher Chefredakteur wird einwenden, Entwicklungspolitik tauge eben nicht für spektakuläre Schlagzeilen. Und es stimmt ja: Wer Nachrichten nur als Ware ansieht, die verkauft werden muss, kann aus Entwicklungspolitik kaum Kapital schlagen. Wer über Fragen der Entwicklungspolitik so schreibt, dass auch Laien etwas verstehen, der braucht langen Atem, sorgfältige Recherche und Talent zum Erzählen.

Zuschauer und Leser sind nicht ohne weiteres für Regionen zu interessieren, mit denen sie scheinbar wenig verbindet. Vielfach müssen sich Journalisten ihr Publikum erst schaffen. Aber die Anstrengung lohnt. Ohne Wissen über die Vielfalt der Kulturen, der Lebensweisen und des Alltags in der Welt kommen wir heute nicht mehr aus. In unserereinenWelt sind wir stärker von einander abhängig als jemals zuvor. Wir begegnen anderen Kulturen und Lebensformen immer häufiger schon im Nachbarhaus.

Jeder, der weiß, wie sein Nachbar in seinem Herkunftsland gelebt hat, welche Wertvorstellungen er mitbringt, was ihn bewegt hat, seine Heimat zu verlassen, der wird ihm offener begegnen.Berichterstattung über die Länder des Südens trägt also auch zum Zusammenleben in Deutschland bei. Sie kann Vorurteile abbauen, sie kann Toleranz und Offenheit gegenüber dem Fremden schaffen.

Nur wenige Menschen können sich selbst ein Bild davon machen, was es für einen Großteil der Menschheit bedeutet, täglich in Armut, Diskriminierung und Ungerechtigkeit leben zu müssen. Abstrakte Berichte und Statistiken erreichen nicht die Herzen der Menschen. Wir brauchen farbige Berichte über persönliche Schicksale, über Rückschläge und Erfolge, über Resignation und Mut.

Darum ist die Arbeit der Journalisten, die sich den Themen der Entwicklungszusammenarbeit verschrieben haben, so unersetzlich. Meine Bitte: Erzählen Sie weiter die Geschichten von denen, deren Leben anders aussieht als unseres. Schildern Sie den Alltag in den Dörfern und Metropolen des Südens und das Leid der Menschen, die mit einem Bruchteil dessen auskommen müssen, was wir haben. Aber vergessen Sie auch nicht die Erfolge und Fortschritte, die es ja auch gibt.

Wir müssen lernen, dass es uns nicht gleichgültig sein darf, was in Afrika, Asien und Lateinamerika passiert. Auch das ist ein Teil der vielzitierten Globalisierung. Es ist in unserem eigenen Interesse, wenn wir Hilfe zur Selbsthilfe geben. Jeder interessante Hintergrundbericht, jede gute Reportage und jedes farbige Portrait hilft mit, dass die Bereitschaft zur Hilfe gestärkt wird.

In diesem Sinn tragen die heute Geehrten mit ihrer Arbeit dazu bei, dass Solidarität im Weltmaßstab zu einer Frage des politischen und praktischen Handelns wird. Und dafür danke ich von Herzen.