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Grußwort anlässlich des 75. Fürsorgetages

Meine Damen und Herren,

es gibt Anlässe, zu denen muss ich als Bundespräsident gehen. Das gebietet eine Art protokollarischer Pflicht.

Es gibt aber auch Anlässe, zu denen ich ausgesprochen gern gehe, zu denen mich niemand überreden braucht. Das ist heute der Fall.

Warum ist das so? Weil mir Ihre Arbeit besonders am Herzen liegt. Weil ich heute keine große Grundsatzrede zu halten brauche. Weil ich heute nicht mahnend oder warnend auf Missstände aufmerksam machen muss.

Ich will und muss heute nur eines tun: Danke sagen. Ein ganz großes und hoffentlich gut hörbares Danke.

Ein Dank an Sie alle im Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge.

Ein Dank zunächst an die Wissenschaftler, an die Sozialpolitiker, an die Juristen, an die Pädagogen, an die Ärzte und alle anderen Fachmänner und Fachfrauen, die sich hier Gedanken um die Zukunft der sozialen Hilfe machen. Ich weiß, wie oft vom Deutschen Fürsorgetag große Impulse ausgegangen sind. Ich weiß, dass wir in der Entwicklung der sozialen Arbeit erheblich davon profitiert haben, gar nicht zu reden von der Sozialgesetzgebung.

Ihre Arbeit, Ihr Nachdenken, Ihre Diskussionen sind wichtig für die Zukunft einer Gesellschaft, die nicht nur nach Marktgesetzen gestaltet werden. Dazu ist guter Wille alleine nicht ausreichend. Dazu braucht man auch professionelle und fachliche Beratung.

Ich weiß, dass die Standpunkte hier oft sehr unterschiedlich sind, so unterschiedlich wie die politischen und weltanschaulichen Motive, die zum sozialen Engagement führen. Im Ergebnis aber geben Sie alle wichtige und fruchtbare Anstöße: für die praktische Sozialarbeit, für die Wissenschaft, für die Politik und für die Gesellschaft insgesamt. Ich jedenfalls kenne keine andere Veranstaltung, wo so intensiv und umfassend über Probleme und Perspektiven der Sozialarbeit nachgedacht und gesprochen wird wie hier, auf dem Deutschen Fürsorgetag.

Guter Wille reicht allein nicht, habe ich gesagt. Aber guter Wille steht am Anfang jedes Engagements, er ist das A und O.

Die Bereitschaft zu helfen und Geld und Zeit mit anderen und für andere zu teilen ist die Grundvoraussetzung jeder sozialen Arbeit. Ohne diesen grundlegenden guten Willen, ohne die grundlegende Motivation, im notleidenden Menschen den Ruf nach meiner Hilfe zu erkennen, wäre Sozialarbeit nicht möglich.

Woher kommt diese Motivation? Sie kommt daher, im anderen zuerst den Bruder und die Schwester zu erkennen. Nicht zuerst den Konkurrenten. Das hört sich für manche Ohren gewiss naiv an, vielleicht weltfremd, allzu fromm. Aber ohne diese Grundentscheidung, ohne diese grundsätzlich andere Sichtweise gibt es weder Sozialarbeit noch Sozialpolitik noch auf Dauer den Sozialstaat.

Das kostet natürlich etwas. Wirkliche Solidarität ist nicht aufwandsneutral. Wer hilft, gibt etwas ab, das ihm dann fehlt. Er gewinnt aber auch etwas, das man nicht kaufen kann.

Vor vier Tagen sind die Kinder in ganz Deutschland mit Laternen durch die Straßen gezogen, um den Heiligen Martin zu feiern. Seit Jahrhunderten ist er eine der populärsten Figuren Europas. Vielleicht, weil die zentrale Geste, die von ihm überliefert ist, so einfach und von jedermann zu verstehen ist: Martin teilt seinen Mantel mit dem Bettler. Das versteht jedes Kind.

Ich hoffe, dass diese Wurzel unserer sozialen Kultur auch weiterhin jedem Kind einleuchtet: dass man mit dem, der frierend in der Kälte sitzt, teilen muss. Nicht aus Zwang, nicht aus Ideologie, nicht einmal aus einer differenzierten Weltanschauung heraus, sondern einfach, weil der eine da sitzt und friert und der andere etwas hat, das er ihm abgeben kann, um die Not zu lindern.

Diese Haltung brauchen wir auch und gerade dann, wenn wir für eine Gesellschaft eintreten, die eine so krasse Ungleichheit wie zwischen Bettler und Reitersmann nicht zulässt.

Dieses ursprüngliche Motiv muss bei uns allen geweckt sein und geweckt bleiben, nur dann behält das soziale Handeln in der Gesellschaft seine Plausibilität nur dann bleiben die Menschen weiter bereit zum ehrenamtlichen Engagement.

Ich möchte meinen besonders großen Dank sagen an all die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, an die Helferinnen und Helfer, die in den Vereinen und Verbänden mittun, die hier vertreten sind. Sie sind der größte Schatz der gesamten Sozialarbeit.

Alle Analysen und Studien, alle Programme und pädagogischen Vorhaben, alle Projekte und Pläne wären vergeblich, wenn sich nicht Menschen finden, die unbezahlt und freiwillig mithelfen wollen, damit andere besser leben oder überleben können.

Ich kenne das Sprichwort: willst du jemand satt machen, schenke ihm einen Fisch; willst du ihm wirklich helfen, lehre ihn fischen.

Auf diesem Grundsatz der Hilfe zur Selbsthilfe gründen inzwischen fast alle sozialen Programme. Das ist auch richtig. Nur: es wird immer Menschen geben, die es nicht schaffen, selber fischen zu lernen. Es wird immer Menschen geben, die auf die Hilfe anderer angewiesen bleiben. Das gilt vor allem, aber nicht nur, bei Krankheit und im Alter.

Der Sozialstaat handelt nach der Idee der Gerechtigkeit. Was er tun kann und was er tut, ist schon viel. Der Sozialstaat ist eine große Errungenschaft in der Geschichte der menschlichen Gemeinwesen. Aber auch der Sozialstaat kann nicht die Wärme und Zuwendung leisten oder verordnen, von der wir alle, und die Hilfsbedürftigen erst recht, leben. Der Mensch braucht mehr als die Hilfe, die ihm im Sozialstaat per Gesetz zusteht. Er braucht die persönliche Hilfsbereitschaft, die persönliche Zuwendung. Diese Hilfe kann man nicht einfordern, sie ist immer ein Geschenk.

Die Zuwendung von Mensch zu Mensch bleibt entscheidend für eine humane Welt. Sie bleibt entscheidend für den, der Zuwendung empfängt - und sie erfüllt den, der sie gibt. Mein Gruß, mein Respekt, meine Dankbarkeit gilt allen, die sich ehrenamtlich um andere Menschen kümmern.

Ehrenamt heißt, sich wirklich in Anspruch nehmen zu lassen. Ehrenamt ist nicht einfach Freizeitgestaltung. Oft bedeutet es Anstrengung, Mühe und auch Erschöpfung. Manchmal hat man auch das Gefühl, man habe sich vergeblich bemüht.

Aber ehrenamtliches Engagement bedeutet doch auch große Erfüllung. Wer anderen hilft, hilft auch ein bisschen sich selber. Wer Kranke und Sterbende pflegt, wer mit Suchtkranken und Obdachlosen arbeitet, wer Strafgefangenen hilft, wer denen, die auf die eine oder andere Weise in Not geraten ist, hilft, der gibt nicht nur, der gewinnt auch.

Vielleicht verliert man in einem solchen Engagement auch ein Stück eigener Angst vor Krankheit und Pflegebedürftigkeit, Angst vor dem Tod, Angst davor, dass wir uns selber nicht mehr helfen können.

Das Motto Ihres diesjährigen Kongresses lautet: "Europa sozial gestalten". D

as ist in der Tat eine wichtige Herausforderung im zusammenwachsenden Europa. Zu den speziellen Fragen einer möglichen europäischen Sozialpolitik kann und möchte ich mich hier nicht äußern. Dazu werden Sie Experten hören, die das besser können. Gleich wird dazu auch Professor Zacher sprechen.

Ich möchte dazu nur einen Gedanken sagen: die soziale Verpflichtung und die soziale Selbstverpflichtung gehört zur europäischen Identität. Ohne soziale Verpflichtung ist Europa überhaupt nicht denkbar, hätte es seine Seele verloren.

Ob Martin von Tours, den ich gerade schon erwähnt habe, oder Elisabeth von Thüringen, ob Henri Dunant oder Albert Schweitzer: Das Gesicht Europas ist da, wo es menschenfreundlich ist, von denen geprägt worden, die als Vorbilder oder als Organisatoren die Sorge um den anderen zu ihrer Sache gemacht haben.

Wir stehen - neben allem schrecklichen, das wir nur allzu gut kennen - in Europa in einer großen Geschichte des Guten, der Hinwendung zu den Schwachen, der Fürsorge.

Noch einmal: Ich danke alle, die sich hingebungsvoll für andere einsetzen.

Ich wünsche den Gesprächen und Diskussionen auf diesem Fürsorgetag eine nachhaltige öffentliche Wirkung. Darum bin ich gerne zu Ihnen gekommen und so möchte ich den 75. Deutschen Fürsorgetag eröffnen.