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Laudatio aus Anlass des Bühnenabschieds von Hanns Dieter Hüsch

Ich habe es früher schon versucht, als ich dieses Amt noch nicht inne hatte. In einer Rede auf Hanns Dieter Hüsch am 11. Januar 1998 ist mir der Versprecher meines Lebens unterlaufen: Ich hatte damals gesagt: "Freundschaft und Bewunderung schließen sich gelegentlich nicht aus. Meine Damen und Herren, ich bewundere mich".

Aber heute Abend ist es noch viel viel schwieriger. Ich werde gebeten, eine Laudatio zu halten zum dem Thema: "Sag nichts!" Wie soll das gehen? Wie kann man schweigend jemanden loben? Ich habe vorher noch einmal das Buch gelesen "Du kommst auch drin vor". Ich kam nicht vor. Ich hatte einen Umweg gemacht, ich bin über Dinslaken gekommen, ein paar Engel sind mir begegnet, aber Gott mit dem Fahrrad?

So sind wir mitten im Leben von Hanns Dieter Hüsch. Von einem Mann, der in einem Jahr Abschied nimmt, das ein ganz wichtiges Jahr ist. Jetzt und ins nächste Jahr hinein wird in Deutschland "Hundert Jahre Kabarett" gefeiert. Die Älteren von uns haben dann ganz schnell Namen im Gedächtnis. Einer der ersten Namen, die mir einfallen, ist Werner Finck. Er war einer der ganz Großen. Er ist nicht für die Pointen, sondern für die Wahrheit in der Pointe ins Gefängnis gegangen. Hanns Dieter Hüsch und ich würden sicher als weitere Namen Lore Lorentz nennen und Eckhart Hachfelds Texte. Manche von uns würden von Dieter Hildebrandt und den frühen Zeiten der Lach- und Schießgesellschaft schwärmen, andere würden sich an die Zeit erinnern, in der in Berlin die Stachelschweine gegen die Mauer anredeten, die dann später fiel. Hundert Jahre Kabarett, das ist ein Stückchen deutsche Kulturgeschichte und in dieser Kulturgeschichte ist Hanns Dieter Hüsch ein einmaliger Mann.

Er stammt aus Moers, wo er Ehrenbürger ist. Hanns Dieter Hüsch ist einer, der gar nicht in das Klischee eines Kabarettisten passt. Er ist ja kein Quotenjäger, keiner der am Schreibtisch kalkuliert, wo am meisten gelacht werden könnte. Er gehört nicht zu den neuen Comedy-Clowns.

Hanns Dieter Hüsch ist einmalig. Er ist einmalig, weil er der Poet unter den Kabarettisten ist und weil er lieber Prediger ist als Agitprop. Er bringt uns zum Nachdenken und reizt uns zum Lachen. Seine Mischung aus Nachdenklichkeit, Freude am Wort und am Spiel mit dem Wort weist immer wieder daraufhin, dass es Worte gibt, die sind wichtiger als die Wörter, die wir reden. Das steckt in dem Satz: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." Er ist ein Mann mit einer Phantasie, die bis in den Himmel reicht. Sie müssen mal nachlesen, was der Mann im Himmel alles schon erlebt hat.

Wenn ich mir das alles noch einmal in Erinnerung rufe, komme ich in Gedanken immer wieder nach Moers, stehe ich immer wieder auch mit an der Theke, wenn dann von den Weltreisen erzählt wird, die ja zum Teil sogar auf die andere Rheinseite führen.

Da spricht dann Hagenbuch von der Tiefe der Oberfläche. Oder wir hören Hanns Dieter Hüsch Psalmen singen, begleitet von seinem kleinen Instrument, das ganze Orchester ersetzen kann. Wir erinnern uns dann an 53 Jahre, vom ersten gewissermaßen nebenberuflichen kabarettistischen Engagement des Medizinstudenten Hüsch über das Unterhaus in Mainz bis zu der Phase, in der er der begehrteste, der beliebteste, der angenommenste Kabarettist war, der solo reiste.

Und nun sagt er, ich reise nicht mehr solo, ich gehe nicht mehr tingeln. Die gute Nachricht daran ist, jetzt hat er Zeit für uns, jetzt kann er schreiben. Zwanzig Bücher gibt es schon und der Bürgermeister hat eben, ich weiß nicht, ob Du es gemerkt hast, Hanns Dieter, den Versuch gemacht, Dich schon wieder zu engagieren. Herr Bürgermeister, bei aller Liebe zur 700jährigen Stadt Moers, bei aller Hochachtung auch vor den Söhnen dieser Stadt, von Gerhard Tersteegen bis Hanns Dieter Hüsch, ich habe zu Hause ein Programm für eine Veranstaltung in Berlin, da steht er schon drauf! Es ist die Veranstaltung "Hundert Jahre Kabarett" in der Akademie der Künste.

Wenn ich jetzt erzählen könnte und dürfte von Begegnungen mit Hanns Dieter Hüsch am Küchentisch auf Spiekeroog, in der Kneipe in Köln, in Moers, in Wuppertal, an vielen, vielen Orten, wo wir uns begegnet sind, von den Briefen, die wir uns gelegentlich schreiben, von den Telefongesprächen, die ich mit ihm und mit seiner Frau Chris führen darf, Sie kämen überhaupt nicht zum Programm von Hanns Dieter Hüsch, und das würden Sie nun wieder mir übel nehmen.

Also sage ich, dieser Mann mit dem Erzähltalent, der aus dem Betreten des Hotelfrühstücksraumes mit den umgedrehten Tassen und dem Honig am Finger uns hineinnimmt in die Welt des Alltags und uns gleichzeitig herausholt aus diesem Alltag, der uns die Möglichkeit gibt, über den Horizont wegzublicken - und alle wissen, was der Horizont für den Niederrheiner ist -, dieser hochbegabte und versponnene und nie spinnert spinnende Hanns Dieter Hüsch, der die Liebe zu kleinen Leuten so erkennen lässt, dass wir ihn als einen großen Menschen wahrnehmen, dieser Hanns Dieter Hüsch ist ein Geschenk an uns und für uns alle.

Von ihm nehmen wir heute Abschied nur als Bühnenfigur, nicht als Autor, nicht als Kabarettist, nicht als Texter, nicht als Prediger. Das alles wird er weiterhin sein und bleiben. Und weil Helmut Schmidt, der frühere Bundeskanzler, immer gesagt hat: "plagiare necesse est" - man dürfe auch selber plagiieren - erzähle ich eine Geschichte als Gruß an Hanns Dieter Hüsch. Ich habe sie schon oft erzählt und vielleicht hat der eine oder andere sie hier im Saal auch schon von mir gehört. Als Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, neunzig wurde, da gab ihm jemand die Hand und sagte: "Herr Bundeskanzler, ich wünsche Ihnen, dass Sie hundert Jahre alt werden." Adenauer blickte ihn grimmig an und sagte: "Warum wollen Sie der Barmherzigkeit Gottes so enge Grenzen setzen."

Also sage ich dem 75jährigen Hanns Dieter Hüsch, meinem vertrauten Freund, zu seinem Abschied in Moers, aber nicht von Moers: Lieber Hanns Dieter Hüsch, viele gute, gesunde Jahre und viel Schaffenskraft, viel Phantasie und der Barmherzigkeit Gottes kein Ende.