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2. Europäisch-Israelischer Dialog

Liebe Frau Springer,
meine Damen und Herren,

Ich gestehe, dass ich im Augenblick - auch als jemand, der Israel lange kennt und gut zu kennen glaubt - mehr Fragen als Antworten habe. Aber die Tatsache, dass es so viele Fragen gibt, ist kein Grund, sich zu verschweigen. Und so will ich von diesem Friedensprozess reden und daran erinnern, dass wir alle, in allen politischen Lagern, in Europa, in den Vereinigten Staaten, in Israel, auch auf der palästinensischen Seite, ein paar Jahre lang den Begriff Friedensprozess mit einer Erläuterung versehen haben. Wir haben immer gesagt, er ist unumkehrbar. Ich frage mich heute: Ist dieses Wort, das so mit dem Begriff Friedensprozess verbunden ist, eine Täuschung gewesen? Und wenn ja, wer hat wen getäuscht?

Ich war vor wenigen Wochen in Israel. Ich hatte Gelegenheit, mit dem Staatspräsidenten Katsav zu sprechen, mit seinem Vorgänger, mit Barak, mit Peres, mit Vertretern aus dem Friedenslager und aus dem Militär, und ich habe große Unsicherheit verspürt über die Frage, ob und wie es weitergehe. Ich bin der Meinung, dass wir Europäer gefragt und gefordert sind. Allerdings nicht als die, welche die amerikanische Position wegzudrängen versuchen, sondern klärend, erklärend, assistierend helfend; und wenn wir Ratschläge geben, dann sollten wir es behutsam tun. Vielleicht aber geben wir den besten Rat, wenn wir Fragen stellen, die zum Weiterdenken anregen.

  • Woher kommt es, dass die Höhepunkte des Friedensprozesses allem Anschein nach stets mit wachsender Gewalt verbunden sind? So war es 1994, so ist es heute wieder. Wer profitiert davon? Hat sich hier ein falsches Muster durchgesetzt nach der Devise: Ergebnisse erhält man nur, wenn sie als eine Erlösung aus gesteigerter Gewalt empfunden werden? Ist diese Gewalt inszeniert?

  • Sind wir uns, sind sich die Beteiligten bewusst, dass zwischen einer militärisch überlegenen Macht und einer Guerilla keine Seite den Sieg auf Dauer für sich reklamieren kann?

  • Sind wir uns bewusst, dass es im politischen Sinn sehr wohl eine Zeit gibt, in der ein Ende der Gewalt kommen muss, wenn man die Chance des Friedens nicht auf lange Zeit wieder verspielen will?

  • Und wenn man diese beiden Fragen bejaht, heißt das nicht, dass man auf eine Kompromisslösung hinaus muss?

  • Haben wir genug verinnerlicht, dass wir es mit drei Religionen zu tun haben, die sich alle drei auf Abraham berufen? Und haben wir das Wort Abrahams im Sinn: "Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein, und durch dich sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden"? Ist uns bewusst, dass das jeden Ausschließlichkeitsanspruch verbietet?

  • Ich frage mich zum Beispiel, ob eine ausschließende Souveränität über die Heiligen Stätten wirklich die einzige Lösung ist. Ist sie realistisch? Gibt es nicht Varianten, die eher zum Frieden beitragen?

  • Lernen wir miteinander, dass Nachbarschaft nüchterne Partnerschaft werden muss, dass es nicht Liebe sein muss, aber Achtung. Und lernen wir, dass die Sorge für das Wohlergehen des Nachbarn ein Beitrag zur eigenen Sicherheit ist.

  • Sind Friedenskonzepte denkbar, ohne den Blick auf die Interessen des Nachbarn zu werfen?

  • Ich habe mich bei meinem letzten Besuch in Israel zum Begräbnis von Lea Rabin gefragt, wie wohl alle die, die um sie trauern, ihre Friedensbotschaft weitergeben können. Ich habe Präsident Katsav meine Sorgen sehr deutlich erklärt.

  • Ist es im Interesse Israels, dass solche arabische Staaten, die eine gemäßigte Position vertreten, gegen ihren Willen in das Lager der Radikalen gedrängt werden? Wem würde es nützen, wenn im Nahen Osten neue Bruchlinien entstehen, nachdem wir die alten in Europa und in der Welt endlich überwunden haben?

  • Was ich hier zum Verhältnis zwischen Israel und Palästina sage, das gilt auch für das Verhältnis Europas zum Nahen Osten insgesamt. Die Entstehung eines großen Wirtschaftsraums mit weniger Barrieren ist friedensichernd. Die Entstehung neuer Blöcke ist es nicht.

  • Was konkret zu geschehen hat, wissen nur die Verhandlungspartner. Da halte ich mich zurück. Aber ich habe eine Vorstellung davon, auf welcher - sozusagen philosophischen - Grundlage eine Lösung angestrebt werden sollte, wenn sie Bestand haben soll und wenn sie den Radikalen beider Seiten, die jede Einigung torpedieren wollen, das Wasser abgraben soll.

  • Es scheint ja letztlich, beim Scheitern von Camp David und dem neuen Ausbruch der sogenannten Al-Aksa-Intifada, um den Tempelberg zu gehen, den Ort, der drei Religionen heilig ist, von denen zwei wiederum - in der Rechtsform eines Staates bzw. eines Staates im Werden - Souveränitätsansprüche an dieses so kleine, aber so heilige "Grundstück" stellen.

  • Für mich folgt aus den gemeinsamen Quellen der drei abrahamitischen Religionen, dass die dem Ort geschuldete Achtung nur dann vollkommen ist, wenn mit ihr die Achtung der Religionen untereinander einhergeht.

  • Und darum muss eine Lösung so gestaltet sein, dass Israelis und Palästinenser in Selbstachtung daraus hervorgehen können. Nur so wird sie weitere Konflikte vermeiden, nur so wird weiterer Hass vermieden.

  • Achtung und Vergebung: darauf wird es ankommen. Und sie muss die ganze schwere und schmerzhafte historische Last, die auf diesem Ort liegt, einbeziehen.

  • Und vielleicht das noch: Diese Lösung muss in einem Zeitraum gefunden werden, in der die Chancen für die Wiederbelebung gegenseitiger Achtung noch nicht verspielt sind. Damit meine ich: jetzt.

  • Mir scheint - und nur hier will ich mich in konkrete Tagesfragen einmischen - dass der Wettbewerb der Souveränitäten um den Tempelberg im Grunde ein ohnmächtiges Bemühen ist. Eine Souveränität, die die andere gänzlich ausschließt, wird kein versöhnlichen Ergebnis finden.

Und wenn ich die Presse verfolge, dann gewinne ich den Eindruck, dass auch die Protagonisten der Verhandlungen das wissen.

  • Es gibt eine Fülle von biblischen Zeugnissen dafür, dass die Friedensstifter das Land gewinnen werden, das die Sanftmütigen das Erdreich besitzen. Wenn's stimmt, dann muss auch das Bild von denen stimmen, die, wie das einmal in der Bibel heißt, durch das Jammertal gehen und daselbst Brunnen bauen.