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Rede anlässlich des 125. Geburtstages von Konrad Adenauer am 5. Januar 2001

I.

Die Leistungen und Verdienste von Konrad Adenauer sind schon oft gewürdigt worden.

Über Konrad Adenauer ist schon fast alles gesagt worden. Von fast allem auch schon das Gegenteil.

Heute vor hundertfünfundzwanzig Jahren wurde er geboren.
In Köln am Rhein.

Seiner Heimat war er ein Leben lang verbunden. Von seiner Heimat war er geprägt - weit über Sprache und Sprachmelodie hinaus.

Seine Herkunft hat er nie verleugnet.

Er war kein Karnevalsjeck und auch kein Klerikaler, aber er war ein katholischer Rheinischer mit Leib und Seele.

II.

An seinem Geburtstag könnten wir an vieles erinnern:

  • An seine Zeit als Oberbürgermeister von Köln von 1917 bis 1933,
  • an seine Entlassung als Oberbürgermeister durch die Nationalsozialisten
    "wegen politischer Unzuverlässigkeit" am 27. Juli 1933,
  • an seine Ernennung zum Oberbürgermeister von Köln im Mai 1945 durch die amerikanischen Militärbehörden und an seine Entlassung am 6. Oktober 1945 durch die britische Militärregierung,
  • an seine Zeit als Mitglied und Präsident des Preußischen Staatsrats in Berlin,
  • an das Gründungsmitglied der Christlich Demokratischen Union,
  • an den Bocciaspieler von Caddenabia,
  • an den "Alten" von Rhöndorf, dem es die Jüngeren nicht Recht machen konnten.

Ich möchte all dem, was dazu schon gesagt und geschrieben worden ist, nichts hinzufügen.
Ich möchte mich auf einen Aspekt seines politischen Lebens und Wirkens beschränken, der für uns Deutsche noch heute und auch für die Zukunft herausragende Bedeutung hat.

Konrad Adenauer hat früher und besser als viele andere verstanden - und er hat gegen alle Ressentiments daran festgehalten -, wie wichtig ein freundschaftliches Verhältnis, wie wichtig gute Nachbarschaft zwischen Deutschen und Franzosen ist.

Ich zitiere:
"Der deutsch-französische Gegensatz, der Hunderte von Jahren die europäische Politik beherrscht und zu manchen Kriegen, zu Zerstörungen und Blutvergießen Anlass gegeben hat, muss endgültig aus der Welt geschafft werden."

Das hat Konrad Adenauer am 20. September 1949 in seiner ersten Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag gesagt.

Damit hat er mit einer langen und schlimmen nationalistischen Tradition gebrochen, die gerade im deutschen Bürgertum fest verankert gewesen war, und die in Völkerverständigung und guter Nachbarschaft mit Frankreich eine besonders perfide Art von Landesverrat gesehen hatte.

Zum ersten Mal waren die großen politischen Kräfte in Deutschland auf der rechten und auf der linken Seite - bei allen grundlegenden Unterschieden und Gegensätzen - darin einig, dass die Deutschen den europäischen Weg gehen sollen und müssen.

Konrad Adenauer wusste natürlich, dass Deutschland und Frankreich in manchen Fragen durchaus unterschiedliche Interessen haben. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Adenauers Ziel war es nicht, deutsche Interessen und deutsche Positionen aufzugeben, aber er wollte sie neu definieren und unter veränderten Bedingungen verwirklichen
- gemeinsam mit Freunden und Partnern und nicht im Kampf gegen sie.
Auch daran hat sich bis heute nichts geändert. Diese Aufgabe stellt sich den jeweils politisch Verantwortlichen immer wieder neu.


III.

1949 war ein geeintes Europa für eine engagierte Minderheit der Deutschen ein Ziel, das sie so schnell wie möglich erreichen wollten.
Das ging bis zum Ausreißen von Grenzpfosten.
Die Mehrheit aber hatte sich nicht vorstellen können, dass aus dem durch die Niederlage befreiten Deutschland so schnell ein geachteter Partner beim Aufbau Europas werden würde.
Ein geeintes Europa lag für sie jenseits des Horizonts.

Die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes hatten einen weiten Horizont.
Sie haben die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Bundesrepublik Deutschland einige klassische Aufgaben und Rechte des Nationalstaats auf europäische oder internationale Ebenen überträgt.

Darauf hat Konrad Adenauer schon in seiner Regierungserklärung vom 20. September 1949 aufmerksam gemacht.

"Ich weise darauf hin", so sagte er, "dass wir in unserer Bonner Verfassung in Artikel 24 für den Bund die Möglichkeit vorgesehen haben, Hoheitsrechte auf zwischenstaatliche Einrichtungen zu übertragen und sich zur Wahrung des Friedens im System gegenseitiger kollektiver Sicherheit einzurichten.

Wir sind entschlossen, alles zu tun, was in unserer Kraft steht, um den in diesem Artikel vorgezeichneten Weg zur Sicherung des Friedens in Europa und in der Welt zu gehen."

Bei allen Veränderungen seither - nicht erst seit 1989: Das war und ist eine entscheidende Grundlinie deutscher Politik in all den Jahren seit 1949.


IV.

Wir haben zuletzt vor vier Wochen, in Nizza, festgestellt, wie schwierig es sein kann, wenn man sich auf politischen Gipfeln um die Mühen der Ebene kümmert, die den Alltag bestimmen.

Gipfel, Ministerräte und Konsultationen - all das ist wichtig, aber Europa muss von unten wachsen. Nur dann wird es ein starkes Europa sein.

Der europäische Einigungsprozess, der bewusste Verzicht auf einen guten Teil von Kompetenzen, die traditionell den Nationalstaaten zustehen, kann nur gelingen, wenn die Menschen in Europa diesen Weg mitgehen - aus Einsicht und Überzeugung oder aus dem Gefühl heraus, dass jedenfalls die Richtung stimmt.

Dieses Vertrauen wächst, wenn jeder Interessierte verstehen kann, wer in Europa wofür zuständig ist - die Europäische Union, der Bund oder die Länder und Gemeinden - und wer wofür Verantwortung trägt.

Darum bin ich froh darüber, dass die nächste Regierungskonferenz die unterschiedlichen Aufgaben dieser drei Ebenen klären und festlegen soll.

Das ist nicht nur sachlich geboten, das stärkt auch das Vertrauen der Menschen in den europäischen Einigungsprozess.

Die Übertragung von Hoheitsrechten auf die europäische Ebene ist ja kein Selbstzweck, sondern geschieht mit dem Ziel, wichtige Aufgaben im Interesse aller Beteiligten besser zu lösen, als jeder einzelne allein dazu imstande wäre.

Exekutives und legislatives Handeln auf europäischer Ebene muss genauso demokratisch legitimiert, d. h. parlamentarisch kontrolliert sein wie in den Nationalstaaten.
Darum muss das Europäische Parlament so bald wie möglich zu einer Volksvertretung mit allen Rechten werden.

V.

1876, im Geburtsjahr von Konrad Adenauer, war der erste deutsche Nationalstaat noch keine fünf Jahre alt.
Konrad Adenauer hat als erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich dazu beigetragen, den europäischen Gedanken in Deutschland zu verankern.

Wir denken heute an einen großen Deutschen, der sein Vaterland auf Europa vorbereitet und nach Europa geführt hat.
Die geschichtlichen Erfahrungen, die ihn geleitet haben, gelten weiter.
Dazu kommt die Einsicht, dass wir unsere berechtigten Interessen und Positionen am besten gemeinsam in Europa und mit Europa zur Geltung bringen können.

Kluge und vorausschauende Politik hat die Aufgabe, bei den Menschen das Bewusstsein zu schaffen und zu fördern, dass wir unsere eigenen Interessen dann am besten wahrnehmen, wenn wir ein einiges und handlungsfähiges Europa schaffen.

Das ist nach meinem Verständnis das kostbarste Erbe und der wichtigste Auftrag Konrad Adenauers, dem zu Ehren wir uns heute an seinem 125. Geburtstag hier in dem Haus versammelt haben, in dem er jahrzehntelang gelebt hat.