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Rede auf der Ausstellung "Grüne Woche" am 22. Januar 2001 in Berlin

"Ich bin heute gerne zur Grünen Woche gekommen und ich habe mir mehr Zeit genommen, als ich ursprünglich vorgehabt habe.

Viele Menschen fragen sich heute, was sie denn überhaupt noch bedenkenlos essen können und wie es weitergehen soll mit unserer Landwirtschaft. Das gab es vor dreizehn Jahren schon einmal. Ich erinnere mich gut an die Diskussionen nach den Hormonskandal von 1988. Als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hatte ich damals viel damit zu tun. Auch damals gab es Schuldzuweisungen an viele Seiten. Auch damals gab es Widerstände gegen Verbote und Kontrollen, die leider nötig waren. Schuldzuweisungen helfen aber nicht weiter. Wir brauchen heute wie damals Sachaufklärung und noch konsequenteres Handeln.

Auch 1988 ging es um neue Wege in der Landwirtschaft, um eine grundlegende Umorientierung unserer Agrarindustrie. Schon damals konnte jeder, der das wollte, sehen, daß es die landwirtschaftliche Idylle aus unseren Schulbüchern nicht mehr gibt. Manche Landwirte haben damals die Wende zum ökologischen Landbau gewagt und geschafft. Das freut mich. Ich weiß, daß das nicht alle tun wollen und können. Das müssen wir respektieren. Ich erwarte aber, daß auch die konventionelle Landwirtschaft zu einer standortgerechten und angepaßten Bewirtschaftung findet.

Ich weiß, daß viele Landwirte das gerne tun würden. Dazu möchte ich Ihnen aus einem der vielen Briefe vorlesen, die mich jeden Tag zum Thema BSE erreichen. Da schreibt mir ein Landwirt aus dem Lipperland- ich zitiere:

"Es ist eine Sünde, wie das tägliche Brot zu einer Ramschware geworden ist"
Es ist eine verkehrte Welt, "in der eine Tonne Müll zu entsorgen teurer ist als eine Tonne besten Brotgetreides kostet... Möge der Wahnsinn ein Ende haben und wir wieder zu einer nachhaltigen, ökologischen Landwirtschaft kommen. Ohne Massentierhaltung. Eine Landwirtschaft, in der der Landwirt wieder als freier Unternehmer zum Wohle aller wirtschaften kann."

Viele Bäuerinnen und Bauern wollen mit einer angepaßten Tierhaltung, mit einer standortgerechten Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienen. Das wäre auch den Bäuerinnen und Bauern lieber als Massentierhaltung und "chemische Keulen". Dazu müssen wir ihnen auch die Möglichkeit geben. Appelle, Verbote und bessere Kontrollen für bessere Nahrungsmittel und eine naturnähere Landwirtschaft sind nötig, auf Dauer reichen sie aber nicht.

Auch die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen mitziehen: Qualität hat ihren Preis. Wir brauchen ein neues Bewußtsein für die Qualität und für den Wert von Lebensmitteln. Mit der Devise: Immer höhere Erträge zu immer niedrigeren Kosten sind wir ganz offensichtlich am Ende einer Sackgasse angekommen.

Ich kann mich noch gut erinnern, daß ein Hühnerei vor zwanzig oder dreißig Jahren 25 Pfennig gekostet hat. Heute bekommt man dafür immer noch ein Ei. Das kann nur in Agrarfabriken funktionieren. Das kann nur funktionieren, wenn die Hühner auf engstem Raum gehalten und mit Medikamenten am Leben erhalten werden. Daraus sollten auch die Verbraucher ihre Konsequenzen ziehen.

Aus den BSE-Fällen in Deutschland müssen wir aber noch weitere Konsequenzen ziehen:

· Die geltenden und verschärften Gesetze müssen eingehalten werden und die Kontrolle muß verstärkt werden.

· Die wissenschaftliche Forschung muß so schnell es geht die Ursachen der BSE-Erkrankung klären und uns sagen, welche Tierarten noch gefährdet sind. Darüber wissen wir leider noch viel zu wenig.

· Solange aber keine Klarheit besteht, muß die Politik dafür sorgen, daß BSE-verseuchtes Fleisch nicht in den Handel kommen kann. Der Schutz von Leben und Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Staates.

· Die Bürgerinnen und Bürger haben darüber hinaus ein Recht darauf, über die Inhaltsstoffe unserer Nahrungsmittel vollständig informiert zu werden. Wir brauchen also eine detaillierte Kennzeichnungspflicht für alle Inhaltsstoffe.

Die politisch Verantwortlichen müssen dafür sorgen, daß die deutschen Bauern auch unter diesen Bedingungen in einem fairen internationalen Wettbewerb bestehen können. Fair bedeutet auch, daß importierte Nahrungsmittel den gleichen Kontrollen und Vorschriften unterliegen müssen wie unsere heimischen Produkte.

Wir haben Anlaß zur Sorge. Was wir nicht brauchen können, sind Hysterie oder Schönfärberei. Wir brauchen entschlossenes politisches Handeln für gesunde Lebensmittel. Dafür müssen die politisch Verantwortlichen in den Ländern, im Bund und auf europäischer Ebene einen neuen Rahmen schaffen. Innerhalb dieses Rahmens brauchen wir die an der Sache orientierte Kooperation von Politik, Bäuerinnen und Bauern und Verbrauchern.

Dann können wir die bitter nötige Wende zum Besseren in der Agrarpolitik schaffen."