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Eröffnung des Jahres der Lebenswissenschaften

Grußwortvon Bundespräsident Johannes Rauanlässlich der Eröffnung des Jahres der Lebenswissenschaften

I.

Ich freue mich darüber, dass Sie hier sind und dass ich mit Ihnen das Jahr der Lebenswissenschaften eröffnen kann.

Die Idee, in jedem Jahr ein Feld der Wissenschaften besonders herauszustellen, halte ich nicht nur für richtig, sondern auch für notwendig. Wir brauchen mehr Transparenz, wir brauchen mehr Bemühen um öffentliches Verstehen, um "public understanding", wie man sagt. Wir brauchen öffentliche Debatten und zwar nicht erst dann, wenn es Probleme gibt, wenn es um aktuelle Konflikte geht.

Wir brauchen das vor allem aus zwei Gründen:

Einerseits werden die Wissenschaften immer komplexer, immer spezialisierter. Selbst bei sogenannten Fachkollegen kommt es immer häufiger vor, dass der eine nicht mehr versteht, woran der andere forscht. Kein Plädoyer für mehr interdisziplinären Austausch wird an dieser weiter voranschreitenden Differenzierung etwas ändern.

Andererseits bestimmt wissenschaftliche Forschung, vor allem aber die Anwendung der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung immer mehr unser Leben.

Beides zusammengenommen: Wachsende Komplexität und wachsende praktische Bedeutung schaffen ein gesellschaftliches und politisches Problem, besser: eine Aufgabe. Sie ist beileibe nicht neu, aber ich finde, dass sie von Tag zu Tag drängender wird.

II.

Ich will das ganz kurz skizzieren: Die Gesellschaft, in der wir leben, hat sich einen demokratischen Staat geschaffen und will diesen demokratischen Staat erhalten. Das wollen wir, weil dieser Staat nach aller bisherigen historischen Erfahrung für die Menschen die beste und angemessenste Form der Selbstorganisation ist.

Grundsatz der Demokratie ist jedoch ein Satz, der schon im Altertum formuliert worden ist: Was alle angeht, soll auch von allen entschieden werden.

Es kann kein Zweifel sein, dass die Fortschritte in den Lebenswissenschaften - und die Möglichkeiten der Anwendung, - uns alle angehen. Aber wie werden wir fähig, darüber zu entscheiden, welchen Fortschritt, welche Anwendung wir wirklich wollen?

Weite Teile der sogenannten "scientific community" bilden, wie noch nie zuvor, auch eine Verheißungsgemeinschaft, die uns eine immer bessere Welt und eine optimierte Natur verspricht. Wie können wir beurteilen, was davon tatsächlich möglich sein wird - und vor allem: Was davon wirklich gut sein wird und was wir wollen?

Wir wissen nicht, welche Folgen diese und jene Erkenntnis oder Entwicklung hat oder haben kann. Wo auf der einen Seite das Wissen immer größer und detailgenauer, immer mächtiger und grenzenloser wird, da wird relativ dazu auch unser Unwissen immer größer.

Gerade in den Lebenswissenschaften werden Dinge behandelt, die uns alle angehen, die wir aber kaum verstehen oder von denen viele wenig oder gar nichts wissen. So wird aus der viel beschworenen Wissensgesellschaft in dieser Weise oft eine Unwissensgesellschaft.

III.

Das Grundgesetz will eine demokratische Gesellschaft, eine Gesellschaft, deren Bürgerinnen und Bürger an dem entscheidenden Wissen teilhaben können und teilhaben. Nur dann kann man urteilen, entscheiden und abstimmen.

Bevor die Frage diskutiert werden kann, nach welchen Kriterien wir forschen und weiter wissenschaftlich arbeiten wollen, müssten wir in der Lage sein zu wissen, was vorgeht.

Darum brauchen wir mehr Transparenz, Platz für guten Wissenschaftsjournalismus, mehr Zusammenarbeit zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, Enquete-Kommissionen in den Parlamenten, wir brauchen Technikfolgenabschätzung und vieles mehr. Wo immer das geht, muss Transparenz herrschen.

Ich bin mir sicher: Eine sogenannte Wissensgesellschaft, die aus einem kleinen, aber mächtigen Teil wirklich Wissender und einem großen Teil Unwissender, aber Betroffener besteht, kann nicht die Gesellschaft sein, die wir wollen. Eine solche Art "Wissensgesellschaft", die den größten Teil von wirklicher Teilhabe ausschließt und sich damit letztlich demokratischer Kontrolle entzieht, entspräche nicht dem Menschenbild unseres Grundgesetzes.

Darum müssen wir prüfen, wie wissenschaftliche Kontrolle und Selbstkontrolle auch unter veränderten Bedingungen funktionieren können. Wie immer das organisiert werden wird: Entscheidend wird es darauf ankommen, dass alle begründetes Vertrauen darin haben können, dass Wissenschaft und Forschung nicht nur leistungsfähig sind, sondern mit ihren Möglichkeiten verantwortlich umgehen.

Dieses Vertrauen ist eine unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche Forschung und für die erfolgreiche wirtschaftliche Verwertung ihrer Ergebnisse. Damit Vertrauen wächst, darf nichts unausgesprochen bleiben, weder die Hoffnungen noch die Befürchtungen, die mit den Möglichkeiten der Lebenswissenschaften verbunden sind.

Die öffentliche Diskussion muss der Aufklärung im besten Sinn des Wortes dienen. Aufklärung richtet sich gleichermaßen gegen irrationale Ängste und apokalyptische Vorstellungen wie gegen pure technische Allmachtsphantasien.

IV.

Am vergangenen Freitag habe ich vor dem Bundestag auf einen Aspekt aufmerksam gemacht, der mir besonders wichtig ist:

Angesichts der technischen Möglichkeiten, die wir heute haben oder für die nahe Zukunft erwarten können, ist es wichtiger denn je, dass wir uns darauf verständigen, was wir unter Fortschritt verstehen und welche Richtung wir dem Fortschritt geben wollen. Das sind politische Entscheidungen. Es gibt ja nicht nur eine mögliche Zukunft. Die Zukunft ist kein Sachzwang und kein Schicksal. Wir können sie gestalten mit dem, was wir tun und mit dem, was wir nicht tun. Wir brauchen einen Fortschritt nach menschlichem Maß.

Wir können soviel wie noch nie. Damit wächst auch die Gefahr, den Respekt zu verlieren: vor dem Leben, vor der Würde eines jeden Menschen, so wie er ist. Die neuen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten stellen uns auf vielen Feldern vor schwierige Entscheidungen. Richtig entscheiden können wir nur dann, wenn die Unantastbarkeit der Menschenwürde über allem anderen steht.

Kein ökonomisches und kein forschungspolitisches Argument darf höher gewertet werden. Nützlichkeit und wirtschaftliche Erfolgsaussichten dürfen ethische Grundsätze nicht außer Kraft setzen. Nützlichkeit und wirtschaftliche Erfolgsaussichten sind freilich umgekehrt noch lange kein Hinweis auf fehlende Moral oder mangelndes Verantwortungsbewusstsein.

V.

Wir brauchen den gesellschaftlichen Dialog über die Zukunft von Wissenschaft und Forschung und über ihren Beitrag zu einer guten Zukunft für alle. Ich hoffe, dass das Jahr der Lebenswissenschaften mithilft, diesen Dialog zu stärken. Im Dialog und bei den nötigen Entscheidungen müssen auch die Rollen klar sein:

Wer die Entscheidungen über das Wünschenswerte und über das, was gemacht werden soll, allein der Wissenschaft selber überlassen will, der verwechselt die Aufgaben von Wissenschaft und Politik.

Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung ist gebunden an die grundlegenden Werte unserer Verfassung, die uns als ganze Gesellschaft verpflichten. Das ist Auftrag für Politik und Wissenschaft.

Was alle angeht, muss von allen entschieden werden. Das bedeutet aber vor allem, dass es auch von allen verstanden werden kann. Diesem Ziel sollten wir im Jahr der Lebenswissenschaften ein Stück näher zu kommen versuchen.