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Rede zu Inge Deutschkron aus Anlass der Veranstaltung "Grenzdenker"

"Ein Todesurteil und vier Leben" - Ich war ein wenig verwundert, als ich das las. Ich habe mich gefragt, ob der Titel nicht zu plakativ ist, gar reißerisch, oder ob er vielleicht doch gut gewählt ist angesichts dieses Lebens, von dem wir heute hören und an dem wir ein Stück Anteil nehmen dürfen. Ich glaube, der Titel untertreibt mehr, als dass er übertreibt. Aber das können sich viele von uns kaum vorstellen. Das ist auch gut so, weil es Ausdruck demokratischer Normalität ist. Wir leben jetzt in einer Gesellschaft, in der die große Mehrheit Antisemitismus und rassistische Gewalt klar ablehnt. Inge Deutschkron hat am eigenen Leibe erlebt, was es bedeutet, wenn Menschenrechte und Menschenwürde von Staats wegen außer Kraft gesetzt werden. Sie und ihre Familie gehörten zu denen, die nach dem Willen der Nationalsozialisten ermordet, die "ausgemerzt" werden sollten.

Inge Deutschkron, ihre Mutter und ihr Vater haben überlebt, aber viele ihrer Verwandten, viele Freunde und Bekannte nicht. Welche Last es bedeuten kann, überlebt zu haben, das können sich die meisten von uns nicht vorstellen. Wir können und wir sollten aber zu verstehen suchen, dass Überleben auch eine Last sein kann. Wir wissen von Primo Levi, von Jean Améry, von Ruth Klüger und von anderen Überlebenden: Der Schritt zurück und nach vorn vom Überleben zum Weiterleben ist sehr groß, für manche zu groß. Das hat mit den traumatischen Erfahrungen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu tun. Das hat aber auch mit der Frage zu tun, wie die Opfer von Verfolgung in der Nachkriegsgesellschaft häufig behandelt worden sind. Zu lange ist verdrängt, geleugnet, verharmlost worden.

Viele von Ihnen werden das Buch von Margarete und Alexander Mitscherlich über die "Unfähigkeit zu trauern" kennen, das vor dreißig Jahren erschienen ist. Sie machen darin darauf aufmerksam, welche Folgen es hat, wenn eine Gesellschaft sich der eigenen Geschichte nicht stellt, sondern sie durch Schweigen folgenlos zu machen sucht. Die Mitscherlichs haben daran erinnert, dass für viele Deutsche das Ende des Dritten Reiches der Zusammenbruch einer Weltanschauung gewesen ist, die ihrem Leben Sinn verliehen hatte. Diese Weltanschauung war verbrecherisch. Sich der Tatsache zu stellen, daran beteiligt gewesen zu sein, ist vielen Deutschen schwergefallen. Sie glaubten, ohne Vergangenheit leben zu können und dann Zukunft zu gewinnen. Trauer über Schuld, über Verstrickung und Wegschauen schien dem im Wege zu stehen. Damit wurde die Chance einer befreienden Auseinandersetzung mit der Vergangenheit lange Zeit nicht genutzt. Trauer ist aber nötig, um sich von Vergangenem lösen zu können: Nicht in dem Sinne, das Vergangene zu vergessen oder zu verdrängen, sondern mit dem Ziel, das Vergangene als Bestandteil des eigenen Lebens anzunehmen. Erst dann kann das Vergangene unser Leben nicht mehr beherrschen, weder bewusst noch unbewusst.

Die fehlende und falsche Auseinandersetzung mit unserer Geschichte ist ein wichtiger Auslöser für die Bewegung der "1968-er" gewesen. An dieser Bewegung haben sich viele junge Männer und Frauen aus vielen unterschiedlichen Gründen beteiligt. Sie hatten auch unterschiedliche Ziele, und sie haben heftig darüber gestritten, welche Methoden zur Durchsetzung ihrer Ziele erlaubt seien. Manche sind dabei auf ihre Weise schuldig geworden und in Verstrickungen geraten. Wir sollten darüber aber eines nicht vergessen: Wir verdanken dieser Protestbewegung einen entscheidenden Anstoß dafür, dass wir uns in der Folge als Gesellschaft offener und ehrlicher mit dieser Vergangenheit auseinandergesetzt haben, als das bis dahin der Fall war. Das geschah nicht auf einmal. Das war ein langwieriger Prozess, der nicht immer geradlinig verlief. Es gab auch Rückschritte. Es ist erst etwa fünfzehn Jahre her, dass einige Historiker versucht haben, die Verbrechen der Nationalsozialisten wieder aus der deutschen Geschichte herauszuschreiben oder doch zu relativieren. Sie haben sich damit nicht durchsetzen können. Inzwischen bestreiten selbst Gegner der Wehrmachtsausstellung, die in den letzten Jahren großes Aufsehen und auch scharfe Kritik erregt hat, und zu Recht, nicht mehr, dass auch Wehrmachtsangehörige, wenn auch bei weitem nicht alle, am Völkermord beteiligt waren.

Mir scheint, dass wir so, wie wir uns früher zu wenig mit den Verbrechen des Dritten Reiches beschäftigt haben, uns heute noch zu wenig mit denen beschäftigen, die sich damals den Verbrechen entgegen gestellt haben. Inge Deutschkron gehört zu den Menschen, die erlebt haben, dass es in Deutschlands dunkelster Zeit Menschen gegeben hat, die sich Mitmenschlichkeit und Mitgefühl nicht haben nehmen lassen. Sie hat Menschen wie Otto Weidt getroffen, der in der Rosenthaler Straße eine Blindenwerkstatt betrieben hat. Er hat Inge Deutschkron und anderen jüdischen Berlinerinnen und Berlinern damals eine Chance gegeben, der Deportation zu entkommen, indem er sie in seiner Besen- und Bürstenbinderei beschäftigte, deren Produkte als kriegsnotwendig eingestuft waren. Inge Deutschkron hatte das Glück, Nachbarn, Freunde und Bekannte zu haben, die ihr und ihrer Mutter geholfen haben, die sie bei sich aufgenommen haben, sie versteckt, sie versorgt haben. Sie hat Menschen getroffen, die sich dem Diktat der Nationalsozialisten entzogen haben.

Die meisten dieser Menschen haben keiner politischen Partei und keiner oppositionellen Gruppe angehört. Sie waren nicht an organisiertem Widerstand beteiligt. Sie haben geholfen, weil sie sich das Gefühl für Anstand, für Würde und Mitmenschlichkeit bewahrt hatten oder vielmehr: weil sie sich dieses Gefühl nicht haben nehmen lassen. Sie waren mutig, sie waren einsam. Sie waren Helden, aber keine im landläufigen Sinne. Vielleicht haben wir aber ohnehin häufig ein ganz falsches Bild von Helden. Wer sich mit den Heldinnen und Helden der griechischen und der römischen Antike und des frühen Christentums, die uns besonders vertraut sind, beschäftigt, der lernt: Sie waren nicht zum Heldentum geboren. Sie haben gezweifelt, und sie haben sich geirrt. Sie hatten Angst und wollten manchmal davonlaufen. Das waren keine Comic-Helden, die vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche im Einsatz waren. Aber in bestimmten Situationen haben sie alle Ängste und Zweifel überwunden, entschlossen gehandelt und sich dadurch auch selber gefährdet.

Die Frauen und Männer, die Inge Deutschkron und anderen Verfolgten geholfen haben, haben das getan, um andere Menschen zu retten. Sie haben das aus ganz unterschiedlichen Gründen getan. Manche haben aus weltanschaulicher, aus religiöser Überzeugung gehandelt. Manche haben gehandelt, um vor sich selber bestehen zu können. Wieder andere haben ganz spontan aus der Situation heraus geholfen wie die Berlinerin, die einer ihr unbekannten schwangeren Jüdin, die sie auf der Straße traf, anbot, sie bei sich aufzunehmen. Diese Frauen und Männer haben sich heldenhaft verhalten. Die meisten von ihnen haben auch später kein Aufhebens um ihr Verhalten gemacht. Sie waren "Stille Helden". Das ist sympathisch. Wir aber sollten ihnen die Aufmerksamkeit schenken und den Respekt zollen, den sie verdienen; denn wir haben ja allen Grund, auf diese Frauen und Männer stolz zu sein.

Gewiss, es hat viel weniger von ihnen gegeben, als wir uns das im Nachhinein wünschen. Es hat aber mehr gegeben, als wir uns das lange klar gemacht haben. Darum finde ich es wichtig, uns daran zu erinnern, dass es neben dem organisierten Widerstand auch "Stille Helden" gegeben hat, die hier in Berlin nach Schätzungen etwa eintausendvierhundert Menschen das Leben gerettet haben. Auf diese Helden des Alltags aufmerksam zu machen, heißt nicht, die Verbrechen des Dritten Reiches zu relativieren oder zu beschönigen. Es geht auch nicht darum, Rechnungen aufzumachen über die Zahl der Helfer und die Zahl der Täter. Die Erinnerung an die "Unbesungenen Helden", wie sie manchmal auch genannt werden, zeigt uns, dass Frauen und Männer selbst in der nationalsozialistischen Diktatur Handlungsspielräume und Entscheidungsmöglichkeiten hatten. Ihr Beispiel zeigt, dass die Entschuldigung, man habe damals nichts tun können, keine Entschuldigung ist, sondern oft nur eine Ausrede.

Das ist wohl auch einer der Gründe dafür, warum die "Stillen Helden" bislang nicht die öffentliche Würdigung erfahren haben, die sie nach meiner Überzeugung verdienen. Gewiss, mindestens zweihundertfünfzig von ihnen sind mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden, und der Berliner Senat hat Ende der fünfziger Jahre beschlossen, Menschen, die während des Dritten Reiches Juden gerettet haben, zu ehren und materiell zu unterstützen, wenn sie in bedürftigen Verhältnissen lebten. Mir sind in Berlin Gedenktafeln an Häusern aufgefallen. Auf einer davon, nicht weit von meinem Amtssitz, ist zu lesen: "Hier lebte Helene von Schell. Sie hat hier in ihrer Wohnung während der Zeit des Nationalsozialismus eine vierköpfige jüdische Familie versteckt und unter Lebensgefahr vor Deportation und Ermordung bewahrt." Ich finde es gut, dass es diese Gedenktafeln gibt, aber das reicht nicht. Wir sollten die Erinnerung an die "Stillen Helden" weiter verbreiten: nicht unserer Vergangenheit wegen, sondern um unserer Gegenwart und Zukunft willen.

Die Erinnerung an die "Stillen Helden" ermutigt uns dazu, uns immer wieder dafür einzusetzen, dass die Menschenwürde nicht nur für unantastbar erklärt, sondern auch nicht angetastet wird. Wenn junge Menschen sich in der Schule mit der jüngeren deutschen Geschichte auseinandersetzen, dann sollten sie auch erfahren, dass es nicht nur Täter, Mitläufer und Zuschauer gegeben hat, sondern auch Helfer und Retter. Auch das gehört zur Wirklichkeit des Dritten Reiches. Erst wenn wir uns das ganze Bild von der Geschichte des Dritten Reiches vor Augen führen, sind wir imstande, diese Zeit als Teil unserer Geschichte anzunehmen.

Viele beteiligen sich gegenwärtig an der Wiederentdeckung der "Stillen Helden": Journalisten, Studentinnen und Studenten und Wissenschaftler. Ein Forschungsprojekt am Zentrum für Antisemitismusforschung hier an der Technischen Universität hat bislang über zweitausend "Stille Helden" ermittelt. Ich wünsche mir, dass dieses Projekt die Mittel erhält, die nötig sind, um seine Arbeit weiterzuführen. Wir verdanken einer Gruppe von Studentinnen und Studenten die Umgestaltung von Otto Weidts Blindenwerkstatt am Hackeschen Markt, in der Inge Deutschkron gearbeitet hat, in eine Gedenkstätte. Sie gehört seit Anfang dieses Jahres als Außenstelle zum Jüdischen Museum.

Ganz besonders verdanken wir die Wiederentdeckung der "Stillen Helden" aber Inge Deutschkron selber, die sich schon lange mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit - und da spreche ich aus Erfahrung - für die Würdigung dieser Menschen eingesetzt hat. Sie hat vielen von ihnen durch ihre Bücher ein Denkmal gesetzt. Was es bedeutet, nach all dem Leid, das sie erfahren hat, nicht allein über die Dunkelheit, sondern auch von dem Licht zu sprechen, das es auch gab, das können wir alle nur ahnen. Und darum möchte ich Inge Deutschkron dafür meinen Dank und meinen Respekt sagen. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass die "Stillen Helden" stärker ins öffentliche Bewusstsein treten, und darum plädiere ich heute dafür, den "Stillen Helden" eine zentrale Stätte hier in Berlin zu widmen. Otto Weidts Blindenwerkstatt wäre gewiss hervorragend dafür geeignet, und wo ich das unterstützen kann, bin ich dazu gerne bereit.

Die "Stillen Helden" verdienen breite öffentlich Aufmerksamkeit. Darum sollten wir uns ihrer daher auch "vor Ort" erinnern, da, wo sie gelebt haben. Das kann durch Gedenktafeln an Häusern geschehen. Das kann aber auch dadurch geschehen, dass Straßen oder Schulen nach ihnen benannt werden. Sie sollten im Schulunterricht vorkommen, und ich könnte mir auch gut einen eigenen Schülerwettbewerb zu diesem Thema vorstellen. In den nächsten Wochen werde ich eine Expertenrunde zu einem Gespräch darüber einladen, in welcher Form die Bundesrepublik Deutschland die "Stillen Helden" offiziell ehren und die Erinnerung an sie wach halten kann. Dazu will ich Inge Deutschkron schon heute einladen. Und jetzt bin ich gespannt auf das, was wir von ihr hören werden.