Navigation und Service

Empfang aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Deutschen Schützenbundes im Schloss Bellevue

I.

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

seien Sie noch einmal herzlich willkommen. Hier im Schloss Bellevue wird eher selten von der Schusswaffe Gebrauch gemacht; aber hin und wieder fällt ein Startschuss, und heute soll es der Startschuss sein für das Jubiläumsjahr des Deutschen Schützenbundes.

Es ist in Wirklichkeit sogar ein Doppeljubiläum, das Sie feiern können: Vor 140 Jahren wurde der Deutsche Schützenbund in Gotha gegründet, und vor fünfzig Jahren hat Bundespräsident Theodor Heuss in Köln seine Wiedererrichtung proklamiert. Der Deutsche Schützenbund hat also eine gediegene Tradition, und natürlich reichen die Wurzeln des Schützenwesens noch viel tiefer in die Geschichte.

II.

Ich wollte schon seit längerem einmal Schützenschwestern und Schützenbrüder aus ganz Deutschland hierher einladen, um ihr sportliches und um ihr gesellschaftliches Engagement zu würdigen. Darum habe ich sofort ja gesagt, als der Deutsche Schützenbund und als Sie, Herr Präsident, mir den heutigen Besuch vorschlugen.

Zuallererst ist der Deutsche Schützenbund natürlich ein Sportverband - und zwar einer der größten und erfolgreichsten in ganz Deutschland. Sein Beitrag zum Breitensport kann sich wahrlich sehen lassen: Mehr als eine Million Aktive üben und zeigen im Deutschen Schützenbund, wie man mit sicherem Auge und ruhiger Hand Treffer erzielt. Darunter sind mehr als 280.000 Frauen - das Klischee vom Schützenverein als reiner Männerdomäne stimmt längst nicht mehr.

Übrigens sollte man auch so manches andere Klischee verabschieden. Bei vielen gelten die Schützenvereine ja immer noch als etwas altbacken, als spießig, als ebenso leicht angestaubt wie viele Trophäen im Schützenhaus. Natürlich mag es hier und da noch die gepflegte Altherrenrunde geben, die im Jahrbuch seit dreißig Jahren mit dem gleichen Foto auskommt. Aber wer auch nur einmal in der Deutschen Schützenzeitung geblättert hat, der weiß, wie modern und wie quicklebendig Schützen sein können und wie glänzend gesundes Traditionsbewusstsein und die Aufgeschlossenheit für vernünftige Neuerungen zusammenpassen.

Auch bei der Förderung der Spitzentalente unter seinen Mitgliedern ist der Deutsche Schützenbund so erfolgreich, dass seine Athletinnen und Athleten von internationalen Wettkämpfen fast immer Edelmetall mit nach Hause bringen. Im Behindertensport und in der Zusammenarbeit mit dem Deutschen Behinderten-Sportverband ist die Bilanz des DSB ebenso vorbildlich. Die Erfolge bei den Paralympics in Sydney waren dafür ein sichtbares Zeichen.

Der Deutsche Schützenbund ist aber weit mehr als ein großer und erfolgreicher Sportverband: Er steht zugleich für Heimatliebe, für Gemeinschaftsgeist und für Bürgersinn.

Aus Heimatliebe sind die Schützenbünde vor Jahrhunderten entstanden: Sie traten zusammen, um ihre Dörfer und Städte gegen Feinde zu verteidigen. Die Schützen waren immer Lokalpatrioten, keine Nationalisten! Ihre Bünde und Bruderschaften sind von der religiösen, kulturellen und landsmannschaftlichen Vielfalt unseres Landes geprägt, und die Schützenvereine haben diese Vielfalt treulich bewahrt bis heute. Ihre Fahnen, Trachten und Traditionen sind selber ein Stück Heimat geworden - selbst für Laien, die nicht einmal Kimme und Korn voneinander unterscheiden können. Die Geschichte des Schützenwesens zieht sich durch die deutsche Geschichte wie ein kräftiger grüner Faden.

Dieser kräftige grüne Faden ist mehr als nur schmückendes Beiwerk, denn er hilft, das Ganze zusammenzuhalten. In einer Gesellschaft, in der sich viele Bindungen lockern, machen die Schützenvereine ein Angebot zum Miteinander, das weit über die Reihen der eigenen Mitglieder und ihre Familien hinausreicht.

Natürlich ist dieses Angebot im Verein selber am schönsten. Wer da wirklich mitmacht, wer sich einbringt, wer Verantwortung übernimmt, der gewinnt auch dann, wenn nicht jeder Schuss ins Schwarze geht. Fairness noch im härtesten Wettkampf, Konzentration noch bei größter Anspannung, Sportsgeist noch in der unglücklichsten Niederlage - all das lässt sich in den Gemeinschaften der Schützenvereine trefflich lernen.

Die gemeinsame Freude am Sport und das gute Miteinander im Verein schaffen auch Vertrauen für andere Lebensbereiche. Da passen Eltern auf die Kinder anderer Schützen auf, da helfen Vereinskameraden beim Umzug mit, da hält man eben zusammen, wo's nötig ist.

Natürlich gibt es das so ähnlich in anderen Vereinen auch - vom Fußballclub bis zur Kantorei. Das Besondere an den Schützenvereinen ist, dass sie sogar denen ein Stück Heimat bieten, die nicht zu ihren Mitgliedern zählen. Überall in Deutschland gehören die Schützenumzüge und die Schützenfeste zum vertrauten Jahreslauf des ganzen Dorfes, der ganzen Stadt. Das sind Ereignisse, die man seit Kindesbeinen kennt und mit den eigenen Kindern besucht; es sind Nachrichtenbörsen, auf denen man Neues erfährt und alte Bekannte trifft; und es sind Tage, zu denen so manche und so mancher sogar von weither anreist - vom Studienort, vom neuen Arbeitsplatz in der fremden Stadt. All das stiftet Gemeinschaft und ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, und das sind heutzutage durchaus knappe Güter.

Dieser Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt ist ein Verdienst, aber er ist auch eine besondere Verantwortung. Wer Gemeinschaft stiftet, der kann zu ihr einladen, er kann aber auch von ihr ausschließen; er kann willkommen heißen, er kann aber auch abweisen. Darum geht es immer auch um die Frage: Soll unsere Gemeinschaft - im Dorf, in der Stadt, im ganzen Land - für andere offen sein, oder wollen wir andere von ihr ausschließen? An dieser Stelle kommt der Bürgersinn der Schützen ins Spiel.

III.

Ich sehe zwei Bereiche, in denen der Deutsche Schützenbund und seine Mitglieder kräftig dazu miktwirken können, dass in unserem Land Gemeinsamkeit und gute Nachbarschaft wachsen.

Der erste Bereich betrifft das gute Miteinander von Ost und West. Da sind wir insgesamt schon recht weit vorangekommen. Daran hat auch der Deutsche Schützenbund seinen Anteil. Die Schützenorganisationen in Ost und West sind zusammengewachsen, wie es der gemeinsamen Geschichte der Schützen entspricht. Es gibt eine Fülle von Partnerschaften und gegenseitigen Besuchen über die frühere innerdeutsche Grenze hinweg. Auch dass im kommenden Jahr der Deutsche Schützentag zum zweiten Male seit 1990 in einem der neuen Länder stattfindet, ist ein gutes und wichtiges Zeichen auf dem gemeinsamen Weg.

Aber erfolgreich abgeschlossen ist diese "Beziehungsarbeit" zwischen Ost und West noch nicht. Es gibt noch immer viel Unkenntnis, viel Gleichgültigkeit, viele falsche Vorstellungen und auch Vorurteile. Also sollten alle auch weiterhin ganz bewusst daran arbeiten, all diese Defizite durch persönliche Begegnungen und Gespräche abzubauen. Darum wünschte ich mir, dass die Schützen in Ost und West ihr Miteinander noch vertiefen und dass sie über ihre guten Erfahrungen auch möglichst vielen Dritten berichten. Besuchen Sie sich gegenseitig, messen Sie sich im Wettkampf, zeigen Sie sich auch gegenseitig Ihre Heimat und feiern Sie tüchtig zusammen - und dann erzählen Sie anderen davon, im Verein und am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft und in der Familie. Es gibt keinen wichtigeren Beitrag zur deutschen inneren Einheit.

Der andere Bereich, in dem es nach meiner Meinung auf den Bürgersinn auch der Schützen besonders ankommt, betrifft die Frage, wie unsere deutsche Einheit aussehen soll, wie sie gestaltet werden soll. Richtet sie sich gegen andere? Schließt sie andere aus? Ist es eine Einheit nur für Deutsche, nur für Einheimische, nur für Erfolgreiche? Die Antwort kann nur lauten: Nein! Das gute Zusammenleben auch mit Fremden, die Hilfe für Schwache und die Achtung und der Schutz der Menschenwürde: Das sind kategorische Imperative unserer Verfassung und unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Freilich müssen wir diese Grundsätze herunterholen aus dem Theoriehimmel auf die Erde, wir müssen sie hier verwirklichen. Das kann nicht allein der Staat leisten, sondern da kommt es entscheidend auf die Bürgerinnen und Bürger an. Sie bestimmen, welches Meinungsklima und welche Atmosphäre in unserem Land herrschen. Sie bestimmen darüber, welche Ansichten und welches Verhalten unter Demokraten akzeptabel sind und welche nicht. Darüber wird nicht nur ein für allemal entschieden, sondern jeden Tag neu, durch ungezählte Äußerungen und Taten im Alltag, durch unsere Haltung, durch unsere Gespräche am Arbeitsplatz, in der Familie, im Verein.

Gerade die Vereine sind immer auch Orte der Meinungsbildung. In manchen Dörfern und Städten sind sie die einzigen Treffpunkte, an denen Menschen regelmäßig zusammenkommen und erfahren, was andere denken. Dabei geht es längst nicht allein um Vereinspolitik, und das ist gut so. Da wird gelegentlich tüchtig Dampf abgelassen - auch dagegen ist nichts zu sagen. Gefährlich wird es, wenn Stimmung gemacht, wenn Vorurteile geschürt, wenn gegen andere gehetzt wird, denn dadurch fühlen sich nur zu leicht Extremisten oder Wirrköpfe bestätigt, und auf gemeine Sprüche folgen leicht auch gemeine Taten.

Über den Standort des Deutschen Schützenbundes zu diesen Fragen gibt es keinen Zweifel. Die Schützen stehen gegen jede Form von politischem Extremismus, sie stehen für Toleranz und für die Zuwendung zu den Schwachen. Das entspricht jahrhundertealter Schützentugend. Extremisten haben in den Reihen der Schützen keinen Platz.

Ich wünsche mir, dass die Schützenvereine diese Haltung immer wieder unmissverständlich zum Ausdruck bringen. Sprechen Sie aus, wie feige Gewalttaten sind, die gegen Fremde und Schwache begangen werden. Fahren Sie jedem über den Mund, der sich verächtlich über andere äußert, nur weil sie eine andere Hautfarbe oder eine andere Herkunft haben oder weil sie einfach die Schwächeren sind. Holen Sie die jungen Leute von der Straße, gewinnen Sie sie für das Ethos der Schützen und für das Vereinsleben. Und ziehen Sie einen tiefen Graben zwischen sich und jedem, der die Werte unseres demokratischen Zusammenlebens missachtet. So leisten Sie unserem ganzen Land einen großen Dienst und handeln als wahre Patrioten!

IV.

Gottfried Keller hat in einer Erzählung geschildert, was sich 1849 beim Freischießen zu Aarau ereignet haben soll. Seine Geschichte heißt "Das Fähnlein der sieben Aufrechten", und es gibt in ihr auch Ansprachen und am Ende sogar eine Verlobung. Auf dem Fähnlein der Sieben ist als Wahlspruch eingestickt: "Freunde in der Freiheit".

"Freunde in der Freiheit", das sind auch die Schützen im Deutschen Schützenbund. Seine Frauen und Männer machen mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz für den Sport und mit ihrer Heimatliebe, ihrem Gemeinschaftsgeist und ihrem Bürgersinn unser Land schöner und reicher.

Dafür danke ich von ganzem Herzen. Ich wünsche dem Deutschen Schützenbund allzeit viel Erfolg.

V.

Zum Schluss will ich Ihnen doch noch eine Geschichte erzählen. Sie alle kennen noch Franz Josef Strauß, den mächtigen. Franz Josef Strauß hatte einen Chef der Staatskanzlei. Das war der Urtyp des deutschen Beamten. Der war immer in der Nähe von Strauß, der beriet ihn, der korrigierte ihn. Es war herrlich, das anzusehen. Aber es gab auch Anlässe, da war der Chef der Staatskanzlei nicht beim Ministerpräsidenten. Das war, wenn in München großes Volksfest war. Dann war er nämlich bei seinen Schützen. Und da grüßte man Herrn Dr. Kessler - der eine oder andere wird ihn noch kennen - und er war viel stolzer, als jeder Chef der Staatskanzlei sein kann: auf seine Schützen, auf seine Heimatliebe, auf seine Tradition. Ich denke immer wieder an diesen Herrn Dr. Kessler, der ein Musterbeispiel bayerisch-preußischer Verlässlichkeit war. Ein guter Schütze, ein verlässlicher Freund, ein aufrechter Demokrat.

Und dass Sie heute hier sind, dafür danke ich Ihnen allen. Nehmen Sie es Herrn von Richthofen und mir nicht übel, dass wir in Zivil sind und dass wir längst nicht so viele Orden haben wie die meisten von Ihnen, die ja aussehen, als wären sie in der IG Metall. Es ist schön, dass Sie gekommen sind!