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Eröffnung der Konferenz "Ethik und Journalismus in westlichen und islamischen Kulturen"

Meine Damen und Herren,

seien Sie ganz herzlich willkommen im Schloss Bellevue! Ich freue mich sehr darüber, dass mein Amtssitz mit Ihrer Konferenz über "Ethik und Journalismus" zu einem Ort des Dialogs zwischen dem Westen und dem Islam wird.

Dass mir dieser Dialog besonders am Herzen liegt, das wissen Sie.

Als ich dieses Amt übernahm, habe ich die Dialog-Initiative, die mein Vorgänger auf diesem Gebiet begonnen hatte, besonders gern aufgenommen und weitergeführt. Ich dachte zunächst, dass ich über den Dialog der Kulturen nichts wesentlich Neues erfahren könnte. Dann habe ich das Protokoll der Berliner Konferenz gelesen, die im April 1999 hier im Schloss Bellevue stattgefunden hat. Und ich kann ohne jede Übertreibung sagen, dass es das Interessanteste war, was ich seit langem gelesen hatte.

Inzwischen teilen sich dreizehn Staatsoberhäupter die Schirmherrschaft über das Projekt, und das Netz der Forschungsinstitute ist eng geknüpft. Sie haben sich einen Lenkungsausschuss gegeben, der in Helsinki ein konkretes Arbeitsprogramm aufgestellt hat.

Eines der ganz wichtigen Themen dieses Arbeitsprogramms ist die Frage, was und wie die Medien zum Dialog zwischen westlichen und islamischen Kulturen beitragen können und sollten.

Diese Konferenz über Ethik und Journalismus ist das erste Projekt aus diesem Arbeitsprogramm, das verwirklicht wird. Dass Sie, alle ausgewiesene Fachleute, sich mit der Rolle der Medien im Dialog zwischen islamischen und westlichen Gesellschaften beschäftigen, zeigt mir, dass wir mit diesem Projekt auf der richtigen Fährte sind. Ich bin davon überzeugt, dass wir auf diese Weise auch einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben leisten: Wenn wir in unserer einen Welt, die nicht zuletzt durch die Medien immer enger zusammenrückt, Konflikte entschärfen oder abbauen wollen, dann geht das nicht ohne Dialog, und dieser Dialog ist auf die Medien angewiesen.

Medien sind in unserer Welt ja die wichtigsten Mittler von Information. Darum ist es auch so wichtig, welche Informationen die Medien über die jeweils anderen Kulturen vermitteln.

Nun gibt esdieMedien aber genau so wenig wiedieJournalisten. Wir haben eine Fülle von Informationsquellen und Informationsangeboten. Fast alle stehen immer stärker unter dem Druck, schnell und knapp zu berichten. Das führt oft dazu, dass vieles einfacher dargestellt wird als es ist.

Auch deshalb sind es häufig "Vor" - Urteile, die unser Bild voneinander bestimmen. Das beginnt ja schon damit, dass wir grob vereinfachend von "demIslam" oder "demWesten" sprechen. Man braucht aber weder Theologe noch Religionssoziologe zu sein, um zu wissen, dass es im Islam ganz unterschiedliche Richtungen und Strömungen gibt: Sunniten oder Schiiten, Dogmatismus oder Aufklärung, Fundamentalismus oder Pragmatismus, arabisches "Zentrum” oder die sogenannte südostasiatische "Peripherie".

Wer zu Recht Menschenrechtsverletzungen in islamischen Ländern beklagt, der sollte sich vor Pauschalurteilen hüten. Allzu oft und leichtfertig wird "der Islam" pauschal als Hort von Fundamentalismus und Despotismus verdammt.

"Der Westen" - in Anführungszeichen - ist genauso ein Klischee. Als gäbe es nicht die Unterschiede zwischen angelsächsischen, romanischen oder deutschsprachigen Kulturen, als gäbe es nicht die Unterschiede der christlichen Konfessionen mit ihren jeweiligen Denkmustern und Verhaltenstraditionen. Aus islamisch-fundamentalistischer Sicht wird oft westliche Wissenschaft mit Gottlosigkeit und westliche Lebensweise mit McDonald gleichgesetzt. Man könnte die Liste der Vorurteile endlos fortsetzen.

Zu den größten Fehlern gehört es übrigens, so zu tun, als sei Fundamentalismus auf den Islam beschränkt. Wir kennen doch genauso christlichen und jüdischen Fundamentalismus. Für mich ist jede Form von Fundamentalismus der größte Feind des Glaubens.

Ich habe von Vorurteilen gesprochen, die unser Bild von der Welt oft prägen, und wir wissen: ganz werden sie sich nie vermeiden lassen. Der einzelne erfährt "die Welt" doch nur mittelbar. Niemand kann sich heute über jedes Thema eine umfassend informierte Meinung bilden. Unmittelbare Erfahrungen mit anderen Kulturen sind meist auf einen kleinen Ausschnitt der gesamten Wirklichkeit und auf wenige Menschen beschränkt.

In den vergangenen Jahren ist aber Vieles geschehen, was mithilft, den Horizont unmittelbarer Erfahrungen auszudehnen. Ich denke an die vielen Schüler und Studenten, die heute einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland absolvieren und dabei ebenso Botschafter Deutschlands im Gastland sind wie anschließend Botschafter ihres Gastlandes in Deutschland. Leider gibt es solche Austauschprogramme viel zu selten zwischen westlichen und islamischen Gesellschaften. Dafür gibt es gewiss auch ganz praktische Gründe.

Die Zahl der Deutschen, die ihren Urlaub weit weg vom eigenen Land und von Europa genießen, ist so hoch wie nie zuvor. Und ich kenne viele, die von Land und Leuten ihrer fernen Reiseziele mehr kennen lernen wollen als feinkörnige Sandstrände und Ferienanlagen.

Was kann man tun, damit noch mehr Menschen sich ein besseres Bild vom Leben in allen Teilen der Welt machen?

Die Beschäftigung und die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen wird nur dann fruchtbar sein, wenn wir uns darüber klar werden, dass unser Wissen und unsere Fähigkeit, andere wahrzunehmen, beschränkt sind.
Wir wissen zu wenig, und wir stützen uns nur selten auf eigene Erfahrungen, sondern wir sind auf "vermittelte Meinungen", auf das "vermittelte Erleben" angewiesen. Neben Büchern, Zeitschriften und Fachzeitschriften sind heute die elektronischen Medien und die Zeitungen die wichtigsten Übermittler solcher "Erlebnisse aus zweiter Hand".

Wie dort Menschen und Dinge dargestellt werden, kann das auf der einen Seite dazu beitragen, dass sich die verschiedenen Kulturen besser kennen und besser verstehen lernen. Das kann aber auf der anderen Seite auch Spannungen zwischen westlichen und islamischen Gesellschaften verstärken.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass der berüchtigte Slogan "good news is bad news" für die Auslandsberichterstattung in ganz besonderem Maße gilt. Für viele Fernsehzuschauer in den westlichen Ländern muss der Islam fast gleichbedeutend sein mit den fundamentalistischen Einstellungen oder dem Terror einer kleinen Minderheit. Kulturelle Vielfalt und religiöse Toleranz, die es ja auch im Islam und in islamisch geprägten Ländern gibt, kommen viel zu wenig vor.

Die Medien können nicht nur Konflikte zwischen Gesellschaften verschärfen oder mildern. Das "Was" und das "Wie" der Berichterstattung prägen auch das gesellschaftliche Klima, in dem zum Beispiel bei uns in Deutschland die Diskussion über Zuwanderung und Integration der Menschen stattfindet, die in den vergangenen Jahrzehnten zum Beispiel aus der Türkei und aus arabischen Ländern nach Deutschland gekommen sind.

Sie werden in den kommenden Tagen darüber sprechen, wie man die Informationsvermittlung, wie man den Journalismus besser und informativer machen kann. Kann man sich auf gemeinsame Normen verständigen? Gibt es ein gemeinsames und gleiches Selbstverständnis journalistischer Arbeit?

Ich bin auf die Ergebnisse Ihrer Diskussionen gespannt, und ich werde mich hüten, Ihnen heute Antworten auf die Fragen vorzuschlagen, auf die Sie doch selber eine Antwort finden wollen.

Darum beschränke ich mich auf drei Bemerkungen, die für Ihre Diskussion vielleicht nützlich sein können:

Mein erster Rat zur Konfliktvorbeugung durch die Medien ist die "goldene Regel" - "was du nicht willst, das man dir tu', das füg auch keinem anderen zu". Das ist gemeinsamer Bestand der westlichen und islamischen Kulturen. Das kann Grundlage sein für das beiderseitig wünschbare Verhalten. Das könnte mithelfen, Konflikten vorzubeugen oder sie zivilisiert auszutragen. Ich würde mich freuen, wenn die Medien stärker auch auf Gemeinsamkeiten zwischen westlichen und islamischen Zivilisationen hinwiesen und nicht nur die Unterschiede herausstellten.

Ich wünschte mir zweitens einen Journalismus, der interessierten, neugierigen Menschen hilft, sich selber eine Meinung zu bilden. Das setzt voraus, dass alle Menschen ungehinderten Zugang zu Informationen haben und dass die Berichterstattung selber nicht behindert wird. Nur unter diesen Voraussetzungen kann Journalismus aufklärerisch wirken:

Aufklärerisch dadurch, dass er uns Kenntnisse über andere Kulturen vermittelt. Das hilft, Missverständnisse zu vermeiden und Vorurteile zu korrigieren. Und beides zusammen ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Konflikte friedlich ausgetragen werden - innerhalb einer Gesellschaft und zwischen den Staaten.

Mein drittes Stichwort heißt "Freiheit". Ich meine Freiheit in zwei Richtungen:

  • einerseits Freiheit für die Medien und Freiheit in den Medien, Freiheit der Berichterstattung von staatlicher Kontrolle und Zensur,

  • andererseits, dass die Freiheit der Berichterstattung Vorrang haben muss vor wirtschaftlichen Interessen. Ein unverzichtbarer Beitrag dazu ist hier in Deutschland der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der in seinem Programmangebot nicht in erster Linie auf Werbeeinnahmen und Einschaltquoten schielen muss.

Meine Damen und Herren,

ein deutsches Staatsoberhaupt bezieht sich ja früher oder später, wenn irgend möglich, auf Goethe. Dieses Vorurteil möchte ich heute bestätigen. Was hat nun Goethe mit dem Dialog Westen - Islam zu tun? Zunächst einmal etwas hoch Literarisches: den west-östlichen Diwan. In diesem großartigen Werk hat Goethe gezeigt, wie man durch die Lektüre uralter Texte aus fremden Kulturen auch die eigene Vorstellungswelt fruchtbar erweitern kann. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Methode in zeitgemäßer Form uns allen und in besonderer Weise denen die in den Medien tätig sind, einen Gewinn an Einsichten und an Verständnis bringen könnte.

Darum denke ich darüber nach, ob nicht ein Journalistenpreis für junge deutsche Journalisten, die sich besonders für die Aufklärung der deutschen Öffentlichkeit über das Leben in islamisch geprägten Gesellschaften einsetzen, ein gutes Signal wäre. Dieser Preis könnte ein Stipendium sein für Journalisten, die in einem islamisch geprägten Land arbeiten möchten und die bereit sind, im Goethe-Institut vor Ort von Deutschland zu erzählen, Seminare zu leiten und allen Interessierten als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.

Das Projekt eines solchen "Goethe-Hafiz-Stipendiums" scheint mir nach meinen Erfahrungen mit Teilen der Berichterstattung über die jüngsten Entwicklungen in Indonesien, die ich während meines Staatsbesuchs dort aus der Nähe habe beobachten können, besonders dringlich. Darum darf es nicht die einzige Initiative bleiben. Ich wäre froh, wenn als eine praktische Folge dieser Konferenz mehr junge Journalisten die Chance bekämen, auf ganz unterschiedlichen Wegen unmittelbare Erfahrungen im anderen Kulturkreis zu machen.

Wenn ich den Kreis der Teilnehmer an dieser Konferenz betrachte, dann sehe ich mit Freude, dass hier schon ein Schritt zu besserem gegenseitigen Verständnis und zur Prävention künftiger Konflikte getan ist. Netzwerke wie dieses, die im Dialog erprobt sind, brauchen wir in Zeiten der Globalisierung mehr denn je.

Bei der Einweihung des Goethe-Hafiz-Denkmals in Weimar hat der iranische Präsident Chatami mit einem Gedicht des großen Hafiz an die Notwendigkeit erinnert, im Dialog zusammenzufinden. Und weil es für einen Bundespräsidenten ungewöhnlich ist, Gedichte vorzutragen, will ich daraus nur den Anfang und den Schluss zitieren:

Komm, auf dass wir Rosen streuen,
Wein in uns're Becher gießen
Und, das Dach des Himmels spaltend,
Einen neuen Bau beschließen!
( . . . )

Dieserprahlt mit dem Verstande,
Jenerspricht von frommen Dingen:
Komm, und lass uns diese Streite
Vor der Streite Schlichter bringen!

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne eine gute Konferenz als Auftakt und als Impulsgeber für einen breiten und nachhaltigen Dialog, bei dem wir voneinander lernen, weil wir uns kennen lernen.