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Tischrede anlässlich eines Abendessens für den algerischen Staatspräsidenten Abdelaziz Bouteflika im Schloss Bellevue

Herr Präsident,meine Damen und Herren,

ich heiße Sie, Herr Präsident, und Ihre Delegation herzlich willkommen. Ihr Besuch hat so etwas wie die Aura des Außergewöhnlichen, denn es ist der erste offizielle Besuch eines algerischen Staatsoberhaupts in Deutschland. Aber lassen Sie mich auch das sagen: Wir haben Algerien nie vergessen. Als Beweis dafür nenne ich symbolisch und stellvertretend Hans-Jürgen Wischnewski, der das Schicksal Ihres Landes aus der Zeit vor der Unabhängigkeit bis heute begleitet hat.

Herr Präsident, wir haben versucht, an Ihrer Seite zu sein in den letzten Jahren, die vielleicht die schwierigsten Ihres Landes seit den Unabhängigkeitskriegen waren. Wir haben trotz der Bedrohungen des Lebens unserer eigenen Diplomaten unsere Botschaft in Algier offengehalten. Einige hier im Raum wissen, wie schwierig das war. Das war unsere Antwort auf die Frage, ob Terrorismus in der Lage ist, den Staaten den Gang der Dinge vorzuschreiben. Wir hatten dazu immer eine eindeutige Position:

  • Mord ist kein Instrument der politischen Auseinandersetzung.

  • Wer Menschen mit Terror und Mord auf den Weg seiner Religion bringen will, der versündigt sich an Gott und an seiner Religion.

  • Eine Minderheit, die mit Terror und Mord der Mehrheit ihren Willen aufzwingen will, handelt gegen menschliches und göttliches Recht.

Für Christen wie für Muslime und Angehörige aller anderen Religionen gibt es ein gemeinsames ethisches Minimum. Es ist die berühmte Goldene Regel. Im Matthäus-Evangelium heißt sie: "Alles was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut ihr ihnen auch". Im dreizehnten Hadith von An-Nawawi heißt es: "Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht".

Der Missbrauch der Religionen zu politischen Zwecken, zum Erwerb der Macht kann nicht allein mit militärischen Mitteln bekämpft werden. Man muss durch Rückgewinnung des Vertrauens der Menschen, durch Rechtsstaatlichkeit, durch Menschenrechte diesem Missbrauch der Religion entgegentreten. Wenn der Einsatz militärischer Mittel als ultima ratio unvermeidlich ist, dann muss er durch strikteste Disziplin der Streitkräfte und durch ihre Bindung an Recht und Gesetz begleitet sein.

Fundamentalistischer Gewalt entzieht man den Boden aber am besten durch wirtschaftliche Entwicklung. Deutschland war deshalb auch in den schwierigen vergangenen zehn Jahren bemüht, nicht nur den politischen Kontakt zu Ihrem Land aufrechtzuerhalten, sondern auch zum wirtschaftlichen Aufbau beizutragen.

In fast vierzig Jahren ist in Algerien eine eigenständige Zivilgesellschaft entstanden, die die überlieferten Werte des Islam achtet und zugleich gegenüber modernen gesellschaftlichen und geistigen Entwicklungen aufgeschlossen ist. Heute geht es um nicht weniger als um den Erfolg einer Gesellschaft, die sich immer schon der allzu einfachen Typisierung als "europäisch" oder "arabisch", entzogen hat. Einer Gesellschaft, die ihre Identität seit der Unabhängigkeit auf einem eigenen, unverwechselbaren Weg gefunden hat.

Ihr Land, Herr Präsident, durchläuft eine Zeit des Wandels und des Aufbruchs. Der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt ist hoffentlich dauerhaft durchbrochen. Den Menschen eine Perspektive für Wohlstand und Sicherheit zu geben, das ist eine der großen Aufgaben, denen Sie, Herr Präsident, sich verschrieben haben. Die junge Generation für den Wiederaufbau zu motivieren, ihre schöpferische Kraft für die Entstehung einer demokratischen und rechtsstaatlich orientierten Gesellschaft einzusetzen und sie in das traditionsreiche Geflecht von Kultur und Wohlstand zwischen Europa und dem Mittelmeerraum zurückzuführen: Das ist die Aufgabe, vor der Sie, Herr Präsident, heute stehen.

Sie werden auf die Hilfe der Staatengemeinschaft angewiesen sein. Aufeinander angewiesen zu sein ist aber in der Welt des 21. Jahrhunderts für die Staaten kein Nachteil mehr: Enge Zusammenarbeit, ja Verflechtung der Interessen fördern Wohlstand und Frieden. Das ist eine wichtige europäische Erfahrung.

Wenige Kilometer östlich von Berlin beginnt der Teil Europas, der in den letzten zehn Jahren einen atemberaubenden Transformationsprozess durchlaufen hat und der uns von Geografie und Geschichte her besonders nahe liegt. Nicht selten wird deshalb aus unserem Einsatz für Osteuropa der voreilige Schluss gezogen, die weiter weg gelegenen Partner des Mittelmeers lägen Deutschland auch innerlich fern. Darauf kann man nur mit einem klaren "Nein" antworten. Es wäre töricht für uns Deutsche, die wichtigen Partner am südlichen Ufer des Mittelmeers zu vernachlässigen. Wir brauchen einander. Ein stabiler und prosperierender Mittelmeerraum ist eins der wichtigsten Ziele deutscher und europäischer Politik.

In der Antike wurde das Mittelmeer nicht als ein trennendes Meer empfunden, sondern als eins, das zwei Kontinente miteinander verbindet. Die Regionen um dieses Meer waren eine wirtschaftliche und kulturelle Einheit. So soll es auch wieder werden. Ziel der europäischen Mittelmeerpolitik muss es sein, die Entfremdung zwischen den Anrainern unseres gemeinsamen Meeres zu überwinden, um die Region zu dem zu machen, was sie in der Geschichte gewesen ist: eine Region geistiger und wirtschaftlicher Blüte, eine Quelle gemeinsamer Zivilisation. Die Schaffung eines gemeinsamen Kultur- und Wirtschaftsraums um das Mittelmeer ist friedenssichernd. Die Aufrichtung kultureller Barrieren wäre es nicht.

Die Geschichte, meine Damen und Herren, gibt denen Recht, die verbinden wollen und nicht denen, die trennen wollen. Moderne Kommunikation bringt Menschen und Regionen heute intensiver und enger zueinander als je zuvor. Dass durch die Nähe unterschiedlicher Kulturen und Religionen auch Reibungen entstehen, das ist nur natürlich. Selbst innerhalb unserer Länder ist die Bereitschaft zur Toleranz ja schon eine zentrale gesellschaftliche Frage. Eine Aufgabe der Politik und der Religionen muss es sein, diese Toleranzfähigkeit zu fördern.

Einer der größten Söhne Algeriens - das wissen leider viel zu wenige - war ja zugleich einer der größten Lehrer der christlichen Kirche: Ich spreche vom heiligen Augustinus, dem Bischof von Hippo.

Augustinus spricht in seinen "Bekenntnissen” vom Gesetz Gottes,
"nach welchem die Sitten der Länder und Zeiten sich eben nach jenen Ländern und Zeiten formen - während es selbst überall stets unverändert ist. Nach diesem Gesetz, so sagt Augustinus, sind Abraham und Isaak, Jakob, Moses und David und alle die gerecht, die der Mund Gottes gerecht nennt”.

Damit hat Augustinus schon über das Zusammenleben heutiger Kulturen und Religionen gesprochen, das uns heute so sehr beschäftigt.

Meine Damen und Herren, ich heiße den Präsidenten Algeriens noch einmal herzlich willkommen und bitte Sie, mit mir das Glas zu erheben - auf das Wohl von Präsident Bouteflika, auf die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern und auf eine Zukunft in Frieden und Wohlergehen für das algerische und das deutsche Volk.