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Rede anlässlich eines Abendessens, gegeben von der Deutsch-Australischen Handelskammer, in Sydney

Herr Vorsitzender,
meine Damen und Herren,

ich danke Ihnen herzlich für Ihre Einladung, heute Abend zu Ihnen zu sprechen.

Es ist kaum acht Monate her, dass ich mir - wie die meisten Menschen in Deutschland - ganze Nächte um die Ohren schlug, um im Fernsehen die neuesten Bilder aus Sydney zu sehen. Schon heute sind die Olympischen Spiele in Ihrer Stadt legendär geworden. Mir sind - neben den sportlichen Spitzenleistungen von Sportlern aus allen Kontinenten - besonders nachdrücklich im Gedächtnis geblieben die Offenheit, die Vielfalt, die Freundlichkeit, die Großzügigkeit, mit der diese Stadt und dieses Land uns gezeigt haben, wie die Welt sein könnte, wenn alle nur ihren Beitrag dazu leisteten.

Viele Deutsche und Europäer haben sich damals gefragt: Wie machen die Australier das nur, mit solcher Unaufdringlichkeit die ganze Welt zu beeindrucken, mit solcher Bescheidenheit so viel Glanz zu erzeugen, mit solcher Natürlichkeit die Herzen zu gewinnen?

Manche bringen das mit der besonderen Kultur eines Einwanderungslandes in Zusammenhang: mit dem gewohnten Umgang mit Menschen verschiedener Herkunft, mit dem Gebot der Freundlichkeit gegenüber Fremden. Das ist gewiss nicht die einzige Erklärung für den Erfolg der Olympischen Spiele; das würde schon der besonderen Kreativität der australischen Organisatoren nicht gerecht. Aber etwas ist vielleicht doch an dieser Erklärung dran, und jedenfalls ist sie für uns Deutsche Stoff zum Nachdenken.

Um den Begriff der Einwanderung wird in Deutschland immer noch viel gestritten, so, wie man das von uns erwartet. Dabei sind wir im Laufe der vergangenen Jahrzehnte zu einem Einwanderungsland geworden, ohne uns dessen ausreichend bewusst zu werden. Darum ist es gut, hier in Australien Anschauungsunterricht zu bekommen. Die Ausgangsbedingungen in unseren Ländern sind freilich sehr verschieden. Australien ist ein "klassisches" Einwanderungsland. Deutschland dagegen muss sich in vielen Feldern erst noch darauf einstellen, dass es ein Einwanderungsland geworden ist.

Und doch verbindet uns auf diesem Gebiet mehr, als uns vielleicht bewusst ist:

  • Wir haben Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften, den wir dauerhaft nicht aus dem eigenen Land decken können;
  • wir könnten neue Ideen und die Kreativität, die aus dem Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund erwächst, sehr gut gebrauchen;
  • und "last but not least": Wir haben uns verpflichtet, Menschen Schutz zu gewähren, denen in ihren Heimatländern Gefahr für Leib und Leben droht.

In Deutschland ist in den vergangenen Jahren die Einsicht gewachsen, dass wir größere Anstrengungen darauf verwenden müssen, diejenigen, die nach Deutschland gekommen sind, zu integrieren. Das ist eine Aufgabe, die beiden Seiten etwas abverlangt.

Ich bewundere den Pragmatismus und den Elan, mit dem die Australier an die Integration ihrer neuen Landsleute herangehen. Wie gut das hier gelingt, ist mir gestern bei einem Gespräch mit deutschstämmigen Australiern in Melbourne bewusst geworden. Ich habe von dort den Eindruck mitgenommen, dass sich das Selbstverständnis als australischer Staatsbürger sehr gut mit einem starken Bewusstsein der kulturellen Wurzeln des Herkunftslandes vereinbaren lässt.

Dahinter verbirgt sich offenbar das Geheimnis einer erfolgreichen Integrationspolitik: ein Gefühl der nachbarschaftlichen Zusammengehörigkeit und der Werte einer freiheitlichen Gesellschaft zu vermitteln, ohne zu erwarten, dass die neu Hinzugekommenen ihre kulturelle Eigenart verleugnen oder verdecken. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass wir das in Deutschland auch schon so gut beherrschten.

Lernen vom heutigen Australien: Vielleicht sollten wir damit den Dank abstatten für die Aufnahme, die Deutsche immer wieder bei Ihnen gefunden haben.

Als Kolonialmacht ist Deutschland glücklicherweise nie besonders erfolgreich gewesen - umso mehr haben Entdeckungsreisende, Wissenschaftler und Kaufleute Deutschland geholfen, unser Land mit der Welt zu verbinden. Und so finden sich hier in Australien auch deutsche Spuren, die älter sind als der australische Staat selbst. Lassen Sie mich ein Beispiel aus der Wissenschaftsgeschichte anführen, weil der deutsch-australische Wissenschaftsaustausch ja ein Hauptthema meines Besuches ist.

Im Jahr 1847 traf der Rostocker Apotheker und Botaniker Heinrich von Müller in Adelaide ein - auf der Suche nach einem Klima, das seiner Gesundheit zuträglich sein sollte. Aus der Kur wurde eine Leidenschaft, aus dem geplanten Aufenthalt von ein paar Monaten einer für ein ganzes Leben. Seine erste Sammlung australischer Pflanzen, von der wir wissen, hatte Müller übrigens schon angelegt, bevor er australischen Boden betrat: Vom Boot aus, das ihn an Land bringen sollte, fischte er Algen aus dem Wasser - und katalogisierte sie. Im Laufe seines umtriebigen Gelehrtenlebens kamen insgesamt gut 2000 Arten zusammen. Einen Teil dieser Sammlung habe ich gestern im Botanischen Garten von Melbourne besichtigt. Ich war überwältigt vom Fleiß, von der Sorgfalt und der Begeisterung ihres Gründers, die noch heute zu spüren sind.

Auch im Zeitalter der Industrialisierung gab es besondere Verbindungen zwischen Deutschland und Australien. Der erste Telegraph, der Australien mit dem Rest der Welt verband, wurde 1872 von Siemens installiert. Und der erste Mercedes soll schon 1899 an einen Autonarren in Victoria ausgeliefert worden sein. Ihnen als Mitgliedern der deutsch-australischen Wirtschaftsvereinigungen brauche ich ja nicht zu erklären, wie fruchtbar wirtschaftliche Zusammenarbeit dieser Art sein und dass es davon eigentlich nie genug geben kann.

Australien gehört heute neben Japan und China zu den drei wichtigsten Zielländern für deutsche Investitionen im gesamten Asien-Pazifik-Raum. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Australien hat die ostasiatische Wirtschafts- und Finanzkrise der neunziger Jahre fast unbeschadet überstanden. Und es ist politisch ein ruhender Pol in einer Region voller Konflikte. Dazu kommt, dass es Ihnen gelungen ist, mit Erfindungsgeist und Flexibilität den Strukturwandel zu gestalten, den die rasante Entwicklung neuer Technologien und die Beschleunigung der Kommunikation mit sich bringt.

Ähnliche Argumente kommen übrigens zur Geltung, wenn australische Investoren sich für ein Engagement in Deutschland entscheiden. Deutschland bietet nicht nur die Standortvorteile eins kaufkräftigen Marktes, einer hochqualifizierten Arbeitnehmerschaft, eines hochentwickelten und vergleichsweise billigen Rechtssystems und einer europäischen Währung. Hinzu kommt unsere zentrale Lage in Europa als vorzügliche Ausgangsposition für den Vertrieb in andere Länder der Europäischen Union und Mittel- und Osteuropas. Ich möchte die australischen Unternehmer einladen, diese Qualitäten noch stärker als bisher zu nutzen. Besonders die neuen deutschen Länder haben in den vergangenen Jahren in der Infrastrukturausstattung vielfach ein Niveau erreicht, das weltweit seinesgleichen sucht. Sie bieten hervorragende Möglichkeiten für unternehmerische Initiative.

Nicht nur australische Unternehmer sähe ich gerne in größerer Zahl in Deutschland. Unser Land hat auch im Bereich der Bildung und der Wissenschaften mehr zu bieten, als das vielleicht in Australien bekannt ist. Die deutschen Hochschulen haben in den vergangenen Jahren - zusammen mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst - beträchtliche Anstrengungen unternommen, ausländischen Studierenden und Forschenden optimale Arbeitsbedingungen zu bieten - und das bei sehr niedrigen Kosten für die Studierenden.

Lange haben die Australier besser über Deutschland Bescheid gewusst als umgekehrt. In der Vorstellung der Deutschen dominierte das Bild von weiten, menschenleeren Landschaften und ursprünglicher Naturschönheit. Dabei hat man zu oft übersehen, dass das moderne Australien auf eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Geschichte zurückblickt, die in allen ihren Höhen und Tiefen stets eng mit der europäischen und nordamerikanischen verbunden war.

Als ich vorgestern in Canberra an den langen Steinwänden entlangging, in die in endlosen Reihen die Namen der im Ausland gefallenen australischen Soldaten eingemeißelt sind, da wurde mir auf eindringliche Weise noch einmal vor Augen geführt: Australien hat sich auch politisch nie vom Rest der Welt abgekapselt.

Australien hat immer auf der Seite der Demokratien gekämpft. Es hat Verantwortung übernommen und war bereit, einen hohen Preis dafür zu bezahlen. Die gleiche Verantwortung zeigt Australien heute, wenn es sich an Missionen der Vereinten Nationen beteiligt. Auch hier kann Deutschland von australischen Erfahrungen lernen.

Dies Verantwortungsbewusstsein brauchen wir auch, wenn wir den Herausforderungen begegnen wollen, die sich heute mit der Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen stellen. Auch das sind ja Herausforderungen, die die Grundlagen von Demokratie und Gerechtigkeit betreffen: innerhalb unserer Länder, zwischen den Staaten und Kontinenten, zwischen Arm und Reich in dieser Welt.

Vorausschauende Umweltpolitik schont nicht nur Ressourcen, sondern dient letztlich auch den langfristigen wirtschaftlichen Interessen. Investitionen, die Unternehmen heute in den Umweltschutz machen, zahlen sich aus - so schmerzhaft sie kurzfristig manchmal sein mögen: Morgen wird alles teurer und womöglich auch irreparabel.

Gute Umweltpolitik bringt auch Wettbewerbsvorteile. Ein fast schon vergessenes Beispiel aus Japan: Schon in den siebziger Jahren hat Japan wegen der bedrohlichen Luftverschmutzung in den Großstädten den Katalysator für Autos zur Pflicht gemacht. Die japanische Automobilindustrie musste danach Katalysatoren serienmäßig in alle Autos einbauen. Als der Katalysator später in den USA und in Europa gesetzlich vorgeschrieben wurde, hatten die japanischen Autohersteller einen deutlichen Vorsprung und eroberten weltweit große Marktanteile.

Die Diskussionen um das Kyoto-Protokoll haben gezeigt: Die ökologischen Probleme, die wir heute beklagen, hängen eng mit der Geschichte der Industrialisierung zusammen, der wir vieles verdanken. Wir brauchen nicht den Ausstieg aus der industriellen Produktion, sondern die ökologische Erneuerung der Industrie. Dazu bedarf es der Zusammenarbeit aller Länder, der hochindustrialisierten ebenso wie der weniger entwickelten. Der Ausstoß von Schadstoffen muss begrenzt werden. Voraussetzung dafür sind neue Produkte und Verfahren, die man als Öko-Hightech bezeichnen kann. Wir brauchen den Wettbewerb um modernste Technik, um Energie und Rohstoffe so sparsam wie möglich einzusetzen.

Die klimaverändernden Wirkungen des Kohlendioxidausstoßes sind noch nicht hundertprozentig nachgewiesen. Ich frage mich jedoch, ob das jemals möglich sein wird. Ich kenne jene scheinbar wissenschaftliche Position, die sagt: Solange nicht bewiesen ist, dass der CO²-Ausstoss zu Klimaveränderungen führt, sollte man nichts dagegen tun, jedenfalls nichts, was Unternehmen kurzfristig belastet.

Ich hielte es für nicht verantwortbar, wenn fehlende wissenschaftliche Gewissheit zur Begründung für unterlassenes Handeln würde. Hier muss das Vorsorgeprinzip gelten, weil es zu spät wäre, erst dann zu handeln, wenn die Folgen der durch menschliches Handeln verursachten Klimaveränderungen bereits eingetreten sind. Vorsorglich zu handeln sollte uns in diesem Fall besonders leicht fallen, weil die Verringerung des Ausstoßes von Kohlendioxid und anderen klimarelevanten Emissionen auch ein wirtschaftlich wünschenswerter Beitrag zu einer höheren Energie- und Ressourcenproduktivität ist. Neue Technologien für mehr Energieeffizienz und für die Nutzung von Sonne, Wind und Wasserkraft haben in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weltweit ein außerordentlich großes Marktpotential.

Wir sollten in der Klimapolitik wie ein guter Arzt handeln, der einen Patienten mit Fieber vor sich hat, aber im Blutbild keinen der bekannten Erreger feststellen kann. Er darf nicht warten, bis der Tod des Patienten den Beweis der Ernsthaftigkeit der Krankheit erbringt.

Ich will damit nicht sagen, dass die Erforschung der Ursachen des Treibhauseffektes vernachlässigt werden dürfte. Ich plädiere dafür, mit der Therapie nicht auf die Klimakatastrophe zu warten. Könnte das nicht ein Thema sein, an dem deutsche und australische Wissenschaftler gemeinsam arbeiten?

Ein Land allein kann globale Probleme nicht lösen. Wir sind aufeinander angewiesen. Das gilt in der Umweltpolitik ganz besonders, das gilt aber auch in der Wirtschafts-, Entwicklungs- oder Sicherheitspolitik. Australien und Deutschland sind gute Partner, und das soll so bleiben. Gute Partnerschaft ist aber kein Automatismus; sie muss immer wieder neu erarbeitet, manchmal auch erstritten sein.

Ich wünsche mir, dass die ausgezeichneten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Australien und Deutschland auch durch möglichst viele Begegnungen zwischen Menschen unserer beiden Länder gestärkt werden. Ich freue mich über die wachsende Zahl von Deutschen, die Australien besuchen, und von Australiern, die sich einen eigenen Eindruck von Deutschland verschaffen. Die Begegnung von Menschen ist immer noch das wichtigste Ferment in den Beziehungen zwischen Staaten.

Australien und Deutschland sind einander seit langer Zeit freundschaftlich verbunden. Wir pflegen eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit und stimmen in den wesentlichen außenpolitischen Fragen überein - mehr als diese Kurzformel ist gar nicht nötig, um die deutsch-australischen Beziehungen zu charakterisieren. Ich hoffe, dass mein Besuch Anstoß für weiteres gemeinsames Handeln sein wird.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

- Es gilt das gesprochene Wort. -