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Grußwort zum 25-jährigen Bestehen des Wissenschaftszentrums in Bonn

Lieber Herr Dr. Oetker,lieber Herr Ministerpräsident,liebe Frau Oberbürgermeisterin,meine Damen und Herren,

ich bin vor 25 Jahren als der damals zuständige Minister für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen dabei gewesen, als dies Haus errichtet und eröffnet wurde, und ich habe das Glück gehabt, an vielen Veranstaltungen hier teilnehmen zu können. Deshalb bin ich froh darüber, dass ich nun auch einen Jubiläumsglückwunsch sagen kann zu 25 Jahren Wissenschaftszentrum und zu fünf Jahren Deutsches Museum, bei dessen Eröffnung ich auch dabei sein konnte.

Wie manche von Ihnen wissen, komme ich gerade von einem Staatsbesuch in Australien und Neuseeland zurück. Das klingt weit weg, und ehrlich gesagt: Das ist es auch - in Kilometern und in Meilen. Aber ich war die ganze Zeit in Begleitung der Wissenschaft, auch der Bonner Wissenschaft. Professor Korte, der Direktor des Forschungsinstituts für Diskrete Mathematik, und Professor Huber, der Vize-Präsident des DAAD und Beauftragter der Bundesregierung für das Internationale Hochschulmarketing, haben mich auf dieser Reise begleitet, bei der ich Gelegenheit hatte, mir einen Eindruck vom Stand der Wissenschaftszusammenarbeit zwischen Australien und Deutschland zu verschaffen.

In Deutschland ist der Ton in der Wissenschaftspolitik oft aufgeregt. Wenn nicht gerade die "Katastrophe" bevorsteht, dann ist doch zumindest häufig der "Standort" in Gefahr und Deutschland droht, hoffnungslos im internationalen Wettbewerb zurückzufallen. Aufregung hat manchmal durchaus ihren Sinn. Aber gelegentlich verstellt sie den Blick auf die Leistungen, die neben all dem, was unfertig und noch nicht gelungen ist, in den vergangenen Jahrzehnten im deutschen Wissenschaftssystems erreicht wurden.

Wissenschaft ist von einer Sache Weniger zu einer Sache von Vielen geworden. Das ist vielleicht die wichtigste und vor dem Hintergrund mancher Entwicklungen in der neueren deutschen Geschichte die bedeutsamste Leistung der vergangenen Jahrzehnte.

  • 1960 studierten an den 38 wissenschaftlichen Hochschulen des alten Bundesgebietes 200.000 Studentinnen und Studenten.

Heute sind es zwei Millionen.

  • 1960 arbeiteten in den Instituten der Max-Planck-Gesellschaft 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Heute sind es 12.000.

Man könnte solche Beispiele fast beliebig vermehren. Das will ich nicht tun, denn das würde den Blick verstellen und von der entscheidenden Botschaft ablenken, die in diesen Beispielen steckt: Wissenschaft und Gesellschaft, die sich gerade in Deutschland in der Vergangenheit häufig genug fremd, ja feindlich gegenüberstanden, sind im Lauf der letzten Jahrzehnte zu engen Partnern geworden. Und alles spricht dafür, dass diese Partnerschaft in Zukunft noch enger werden wird.

Für die Wissenschaft hat diese Entwicklung viele Vorteile gebracht. Aber sie hat auch Nachteile, zumindest hat sie neue Probleme geschaffen. Eines dieser Probleme ist, dass die Kommunikation innerhalb der Wissenschaft heute schwieriger zu sein scheint als in der Vergangenheit. Die überschaubaren Verhältnisse der alten Gelehrtenrepubliken hatten manche Nachteile, über die wir hier nicht zu sprechen brauchen. Aber sie hatten zumindest einen Vorteil: Der Dialog der Wissenschaft untereinander war auch über Fächergrenzen hinweg leichter. Auch das Gespräch mit den Geldgebern war wohl einfacher, weil die benötigten Mittel kleiner und weil nicht so viele Gesichtspunkte zu berücksichtigen waren.

Vier Aufgaben sind es, die nach meinem Eindruck zu meistern sind, damit unter heutigen Bedingungen der Gesprächsfaden innerhalb und mit der Wissenschaft nicht abreißt, sondern verstärkt wird:

  • Der Dialog zwischen den einzelnen Wissenschaften und Disziplinen muss so belebt und gestaltet werden, dass Spezialisierung und notwendige Konzentration auf wenige Fragen das sein können, was sie sein sollten: Vorbereitung auf den Austausch über größere Zusammenhänge und gesellschaftlich bedeutungsvolle Fragestellungen.

  • Das Zusammenwirken der Organisationen der Wissenschaft untereinander, aber auch mit ihren Förderern in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft muss so gestaltet werden, dass bei allem nötigen Wettbewerb immer wieder auch die Kooperation zu ihrem Recht kommt. Das gilt ganz besonders in einem föderal verfassten Staatswesen mit einer langen und vorbildlichen Tradition wissenschaftlicher Selbstverwaltung.

  • Stärker als das vielleicht in der Vergangenheit nötig war, muss sich Wissenschaft heute erklären. Die Öffentlichkeit steht staunend, fasziniert und manchmal auch geängstigt vor den Entdeckungen der Wissenschaft und nutzt viele Wunderwerke der Technik gern. Aber häufig versteht sie sie nicht. Zu erklären und zu erläutern, sich mit den Ängsten von Bürgern auseinander zu setzen, für die eigene Sache werben, aber auch aus dem Dialog mit dem Bürger zu lernen, das ist eine Aufgabe der Wissenschaft, deren Bedeutung wir nicht hoch genug schätzen können.

  • Die Zeit, in der die nationalen Wissenschaftssysteme weitgehend abgeschottet voneinander existierten, ist vorbei. Was schon immer zum idealen Kern der Wissenschaft zählte, ihre Universalität, ihre Internationalität, das wird zunehmend zur konkreten Lebenswirklichkeit für jeden Studenten, für jeden Wissenschaftler. Ohne den Kontakt und das Gespräch mit Anderen, die jenseits der eigenen Grenzen leben, sind Erfolge in der Wissenschaft heute nur schwer und in Zukunft noch weniger möglich. Darüber werden wir gleich aus berufenem Munde gewiss noch mehr hören.

Meine Damen und Herren, es wäre wohl unlautere Schmeichelei, denen, die in den sechziger Jahren an der Wiege des Wissenschaftszentrums standen, zu unterstellen, dass sie im Einzelnen vorausgesehen hätten, was uns heute naheliegend scheint, wenn wir uns mit den Fragen der Kommunikation in der und mit der Wissenschaft auseinandersetzen. Die Zukunftsoffenheit dessen, was da in der von Wilfried Schulze so genannten "Ära Risler" entstand, bleibt aber doch beeindruckend:

Das Wissenschaftszentrum hat sich in den 25 Jahren seines Bestehens zu einem bedeutenden Knotenpunkt der Kommunikation innerhalb und mit der Wissenschaft in Deutschland entwickelt.

Wir haben einige Zahlen gehört: Jährlich tausend Konferenzen, Symposien und andere Veranstaltungen mit 40.000 Teilnehmern legen Zeugnis ab von der Intensität und Vielfalt des wissenschaftlichen Dialogs, der hier geführt wird. Dass dabei auch der Kontakt zur Kultur nicht zu kurz kommt, dafür sorgen die wechselnden Ausstellungen, die den Besucher empfangen und einnehmen für das Gebäude und für seine Bewohner.

Anders als in so manchem Zentrum der Wissenschaft, in dem nur eine einzige Eule der Dämmerung entgegensieht, macht das Wissenschaftszentrum seinem Namen alle Ehre. Es ist wirklich zu einem Mittelpunkt geworden, zu einem Forum, an dem nicht alle, aber viele der Organisationen teilhaben, deren Zusammenwirken für die Entwicklung der Wissenschaft in Deutschland von großer Bedeutung sind. Ich nenne hier nur die Alexander von Humboldt-Stiftung, den DAAD und die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Die Aufgeschlossenheit für das Publikum der Bürger, das sich für Wissenschaft interessiert, war von Beginn an ein Kennzeichen des Wissenschaftszentrums. Darum lag es nahe, dass das Deutsche Museum seine einzige Dependance im Bonner Wissenschaftszentrum etabliert hat. Im Mittelpunkt des Museumskonzepts - Sie werden es kennen - stehen die zeitgenössische Technik und naturwissenschaftliche Forschung in Deutschland.

Ich freue mich darüber, Frau Oberbürgermeisterin, dass die Stadt Bonn es durch Übernahme der Personal- und Betriebskosten möglich macht, dass dieses einzigartige Museum auch in den kommenden Jahren seine Tore für die Besucher geöffnet halten kann. Die Zahl der Besucher ist ja wirklich eindrucksvoll, aber noch stärker als diese Zahl beeindruckt mich die Steigerung von 30.000 im ersten Jahr auf über 100.000 im vergangenen Jahr!

Dass auch die Internationalität zu den Fundamenten des Zentrums zählt, zeigen nicht nur die Präsenz der Humboldt-Stiftung und des DAAD. Dazu kommen eine ganze Reihe von Vertretungen ausländischer Wissenschaftsorganisationen. "Brain gain", eines der Themen, die uns in den kommenden Jahren noch intensiv beschäftigen werden, ist hier bereits sehr erfolgreich verwirklicht.

All das, meine Damen und Herren, wäre nicht möglich ohne die Initiative und ohne die finanziellen Zuwendungen des Stifterverbandes. Dieses Haus ist in den 25 Jahren zu einem Symbol des privaten Engagements für die Wissenschaft geworden. Entgegen einem manchmal geäußerten Vorurteil waren Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland selten Gegner, meistens waren sie Partner. Die Geschichte des Stifterverbandes und dieses Hauses legen davon Zeugnis ab.

So wie Politik und Wirtschaft, so hat auch die Wissenschaft in Deutschland mehr als ein Zentrum. Bonn zählt seit jeher zu den wichtigsten dieser Zentren. Das Wissenschaftszentrum nimmt vielfältige Aufgaben im System wahr. Seine Leistungen sind aber nicht nur der Wissenschaft in Deutschland insgesamt zugute gekommen, sie haben zugleich mitgeholfen, Bonn als Wissenschaftsstandort zu stärken und weiter zu entwickeln. Diese Rolle wird in den kommenden Jahren weiter wachsen.

Mehr als die Hälfte der knapp 3 Mrd. Mark, die für die Ausgleichsmaßnahmen im Rahmen des Bonn-Berlin-Gesetzes aufgewandt werden, fließen in die Förderung von Wissenschaft und Forschung. Der Wissenschaftsstandort Bonn, der ohnehin attraktiv ist, wird dadurch noch reizvoller und anziehender. Was das bedeutet, kann man an vielen Stellen hier in Bonn beobachten. Der Bau von CAESAR schreitet voran. An der Wissenschaftsmeile zwischen Kennedyallee und Ahrstraße erheben sich die fertiggestellten Erweiterungsbauten für DFG und DAAD. Die Neubauten für die Hochschulrektorenkonferenz und die Studienstiftung sind gerade in Angriff genommen worden. Der Mittelpunkt von alldem bleibt aber das Wissenschaftszentrum mit seinen vielfachen Angeboten zur Begegnung und zum Gespräch.

Die Geschichte dieses Hauses ist eine Erfolgsgeschichte, eine der Leistungen, von denen ich zu Beginn sprach, auf die ihre Schöpfer zurecht stolz sein können, und darum gratuliere ich von Herzen.