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Laudatio auf Paul Spiegel bei der Verleihung des Heinrich-Albertz-Friedenspreises

Lieber Paul Spiegel,
lieber Manfred Ragati,
meine Damen und Herren,

als Paul Spiegel 1937 in Warendorf geboren wurde, wurde ich eingeschult. Der erste Lehrer war einer, dem fiel es schwer, morgens die rechte Hand zu heben und mit uns "Heil Hitler" zu sagen. Aber das war Pflicht. 1945, als Paul Spiegel noch in Belgien war, habe ich Lehrer erlebt, die kamen morgens in die Schule, hielten die Rechte hoch und sagten: "Setzen", weil sie es so geübt hatten.

Warendorf - die Stadt der Pferde - in der jetzt einer der prominentesten Wuppertaler lebt, Hans Günter Winkler, ernennt Paul Spiegel in wenigen Wochen zum Ehrenbürger, und er freut sich darüber. Warendorf, die Stadt war auch 1937 schon 100 Kilometer von Wuppertal entfernt...

In diesem Wuppertal war damals Heinrich Albertz Vikar, ein Schlesier, der jüngere Bruder eines bedeutenden Theologen, Martin Albertz, der einen Lehrstuhl für Altes Testament innehatte und der deshalb zum Thema Juden und Christen schon in den zwanziger Jahren, aber auch in den dreißiger Jahren Äußerungen getan hat, Positionen beschrieben hat, die wir jetzt wiederentdecken und die wir wiederaufnehmen, etwa morgen beim Kirchentag, wenn wir "40 Jahre Arbeitsgemeinschaft Christen und Juden" miteinander feiern.

Heinrich Albertz: Ich könnte viel von ihm erzählen und am liebsten erzähle ich, wie oft mir
Willy Brandt gesagt hat, wie gern Heinrich Albertz Innensenator war, mit welcher Freude, mit welcher Leidenschaft. Besondere Freude hatte er an den "weißen Mäusen". Er war eben doch, jedenfalls als Innensenator und in der ersten Zeit als Regierender Bürgermeister, ein ziemlich Rechter. Erst das, was hier in Berlin geschehen ist, mit dem schrecklichen Tod von Benno Ohnesorg, das hat Heinrich Albertz verwandelt, so, wie wir das im Neuen Testament erfahren, als Saulus sich zum Paulus wandelte.

Der Heinrich Albertz nach Benno Ohnesorg war ein ganz anderer, als der Heinrich Albertz vorher - so bedeutend auch der war. Hier in Berlin erinnere ich auch gern daran, dass Heinrich Albertz' politische Biographie nicht in Berlin begonnen hat, sondern dass Sie damit begann, dass er der erste Flüchtlings- und Vertriebenenminister Deutschlands war, in Niedersachsen. Friedland ist ohne Heinrich Albertz nicht zu denken. Heinrich Albertz hat schon damals vom Nachhausekommen, vom Zuhausesein gesprochen, davon, dass Menschen, die entwurzelt sind, neue Wurzeln schlagen können. Es ist auch eine Aufgabe unserer Zeit und es wird eine Aufgabe der nächsten Jahre und Jahrzehnte sein, hier bei uns den Boden so zu lockern, dass Menschen Wurzeln haben können. Da ist die Erinnerung an Heinrich Albertz wichtig und unverzichtbar.

Dass Sie nach mir Paul Spiegel mit dem Heinrich-Albertz-Friedenpreis auszeichnen, das erscheint mir konsequent, folgerichtig, schön. Es ehrt nicht nur Paul Spiegel, sondern es ehrt auch die Arbeiterwohlfahrt, dass sie diesen Mann auszeichnet, den ich schon lange gut kenne und von dem ich sage und vermute, dass auch er sagt: Wir sind einander längst zu Freunden geworden. Freunde sagen sich auch die Wahrheit und darum sage ich: Lieber Herr Spiegel, damals am

9. November, hier vor dem Brandenburger Tor, haben Sie mir ganz schön die Schau gestohlen! Mit diesen paar gehämmerten Sätzen war auf einmal nur die Rede von Paul Spiegel. Aber das, was wir da beide miteinander gesagt haben - Sie mit mehr Echo, als es mir damals zuteil wurde - das ist die Grundbotschaft dessen, was ich nach meiner Wahl zum Bundespräsidenten am 23. Mai hier in Berlin gesagt habe: "Die Würde des Menschen ist unantastbar", das steht in unserem Grundgesetz. Da steht nicht "Die Würde des deutschen Menschen", sondern "Die Würde des Menschen".

Nun ist dieser Paul Spiegel ein wunderbarer Mensch. Wieviele Sitzungen der pro Woche schafft, wo der überall herumreist, das kann man nur an Ignatz Bubis messen, an keinem anderen. Aber ich habe ihm seinerzeit geraten: Machen Sie es nicht wie Ignatz Bubis, reiben Sie sich nicht auf, seien Sie nicht die Kerze, die an beiden Seiten brennt, sondern behalten Sie Ihre berufliche Existenz, behalten Sie familiären Kontakt, bleiben Sie der Normalbürger Paul Spiegel. Immer, wenn er einmal absagt, freue ich mich - nicht, weil ich ihn nicht gerne sähe - sondern, weil ich denke: Vielleicht hat er von diesem Rat doch etwas angenommen.

Ich weiß nicht, wann wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Paul Spiegel gehört zu den Menschen, die ich schon immer zu kennen glaubte. Wir sind uns begegnet in unterschiedlichen Funktionen. Wir haben gemeinsam mit Kurt Neuwald und Simon Schlachet staatsrechtliche Verträge ausgearbeitet. Ich bin als Bettler aufgetreten in der Jüdischen Kultusgemeinde in Düsseldorf. Ich habe als erster die Josef-Neuberger-Medaille auf Ihren Vorschlag entgegennehmen dürfen.

Paul Spiegel ist gewachsen, aber er ist nicht ein anderer geworden als der, der er schon damals war. Das finde ich bemerkenswert und nachahmenswert, dass Paul Spiegel sich nicht aufschwingt zum Praeceptor Germaniae, sich nicht verhält wie jemand, der mit 80.000 jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen eine Art Sperrminorität in moralischen Fragen hat, sondern dass er als ein Deutscher jüdischen Glaubens zu uns spricht, so wie das Ignatz Bubis auf seine Art und Weise getan hat.

Darum ist das, was Paul Spiegel zum gesellschaftlichen Prozess in Deutschland beiträgt, der Beitrag eines deutschen Bürgers jüdischen Glaubens, eines wichtigen Bürgers. Aber es ist ein Beitrag, von dem er erwarten kann, dass auch wir ihn erbringen, weil das, was er postuliert, die Selbstverständlichkeiten unseres Alltags sind, ohne den wir keinen Feiertag haben könnten: Toleranz, Achtung, aufrechter Gang, Mitmenschlichkeit.

Für mich ist es bemerkenswert, dass es in der Liste der Funktionen, die Paul Spiegel wahrnimmt und wahrnahm, eine besondere Konstante innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gibt: die Zentrale Wohlfahrtstelle. Da geht es um die Menschen, die als Juden zu uns kommen, meist zu uns zurückkommen, die keinen Rentenanspruch, die keine Wiedergutmachung, die kein Vermögen und die keine Aktien und keine Grundstücke haben, die aber hier zu Hause sein wollen.

Wenn man das erlebt hat, etwa im Nelly-Sachs-Altenheim der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, wenn man da gewesen ist wie ich und hat Rose Ausländer an ihrem breiten Bett besucht, ein Bett von mindestens zwei Meter Breite, sie lag mittendrin und brauchte die übrige Bettfläche für die Lyrikbände, die da lagen, 30 oder 40 oder 45. Wenn man dann etwas erzählen wollte, dann konnte es sein, dass sie sagte: "Momentchen, hören Sie mal zu" und einen der Bände nahm - sie konnte schon seit Jahren nicht mehr aufstehen - und las ein Gedicht vor.

Ohne Paul Spiegel gäbe es das nicht, ohne Paul Spiegel existierte das nicht mehr. Darum ist das, was Paul Spiegel auszeichnet, nicht der Glanz des Besonderen, sondern die Schönheit des Alltäglichen, und darum können seine Worte gelegentlich so schroff und so scharf sein, wie am 9. November. Aber in die Gefahr des Wortspiels und des Spiels mit Worten wird er wohl nicht kommen, da ist er ein wenig anders, als sein Vorgänger Ignatz Bubis. Aber was wäre das für eine traurige Welt, in der wir Kopien oder Abziehbilder zu Nachfolgern machten und nicht Leute mit eigenem Profil und mit eigener Gestalt.

Ich habe am Anfang gesprochen vom Jahr 1937, meinem Einschulungs- und seinem Geburtsjahr. Ich würde Ihnen gern noch eine Geschichte erzählen, aus der ich dann eine Summe ziehe. Die fand statt um das Jahr 1942. Ich hatte den Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium gerade geschafft. Dieser Wechsel wurde von allen Eltern dadurch besonders geweiht, dass wir keinen Tornister mehr tragen mussten, sondern Aktentaschen bekamen. Die waren zwar wahrscheinlich aus Kunststoff, denn Leder war knapp, aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wir als Zehn- oder Elfjährige diese Aktentaschen getragen haben: wie andere heute Bundesverdienstkreuze. Wir waren so stolz. Die Arme waren so lang, an denen diese Taschen hingen, und alles war in ihnen wohlgeordnet. Wir standen vielleicht mit sechs, acht oder zehn Kindern in der Straßenbahn und zeigten uns gegenseitig unsere Aktentaschen. In der Ecke stand ein Mann, der hatte auch eine Aktentasche, aber er trug sie nicht wie wir an der rechten Hand, sondern er hatte sie vor der Brust und klammerte sich gewissermaßen an diese Aktentasche. Wir Kinder haben gedacht: Komisch macht der das. Als er ausstieg, da verlor er einen Augenblick die Konzentration und wir sahen, warum er die Aktentasche vor der Brust trug: Sie verdeckte den Judenstern. Das war das erste Mal, dass ich bewusst einen Juden gesehen habe.

Dieses Ereignis ist seit fast sechzig Jahren wie eingebrannt in meine Erinnerung. Da ist ein alter Mann, der war fast vierzig. Der muss Angst haben vor zehnjährigen Jungen und Mädchen in einer deutschen Straßenbahn. Ich habe diese Geschichte nie vergessen. Ich meine, ich sollte diese Kindheitsgeschichte noch oft wiederholen, damit uns deutlich wird, was damals geschehen ist. Damit wir nicht nur die großen Zahlen sehen, die sechs Millionen ermordeten Juden, damit wir nicht nur die Sensationsmeldungen hören, sondern dem Alltag ein Stück näherkommen, den es damals gab und von dem zum Glück hier in Berlin so oft die Rede ist; auch dann, wenn wir stille Helden ehren, denn in Berlin hat es über tausend Menschen gegeben, die haben unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden gerettet. Wir haben vor kurzem in einer Feierstunde daran erinnert.

Der Alltag ist das Entscheidende, nicht der Feiertag, nicht der Sabbat, nicht der Sonntag. Der Alltag, den wir als Deutsche miteinander leben. Eine Nation, das ist das tägliche Plebiszit, diesen Alltag miteinander zu leben. Damit wir auch die Feste miteinander feiern können.

Paul Spiegel gehört zu denen, die so alltägliche Arbeit tun, großartige Arbeit, Versöhnungsarbeit; eine Arbeit, die den Daumen des Vorurteils von der Waagschale unserer Gerechtigkeit herunternehmen will; eine Arbeit, die die Gleichwertigkeit des Menschen, nicht die Vorrangigkeit einer Gruppe, in den Mittelpunkt des Redens, Denkens und Handelns stellt. Das tut er mit einer kleinen Schar von Menschen, das sind nicht mehr als 80.000.

Die sind inzwischen so normal wie wir in der Evangelischen Kirchengemeinde, die streiten sich nämlich auch. Manchmal ist man verwirrt über die Streitformen und über die Streitgegenstände - gerade auch in Berlin.

Dass jemand den Alltag menschlicher macht, das ist im Sinne dessen, was Heinrich Albertz gewollt hat, jedenfalls in der letzten Phase seines Lebens. Dass jemand die Ordnung nicht über den Frieden stellt, sondern den Frieden über die Ordnung, das Zivile vor das Militärische, das Miteinander an die Stelle des Gegeneinanders. Darum ist die Arbeit, das Werk von Paul Spiegel so wichtig. Darum zeichnen Sie es aus, und darum gratuliere ich der Arbeiterwohlfahrt zu diesem Friedenspreisträger, und darum gratuliere ich meinem Freund, Paul Spiegel, zu dieser Ehrung durch die Arbeiterwohlfahrt und gebe ihm Dienstbefreiung vom Kirchentag.