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Ansprache anlässlich des Empfangs der Teilnehmer der 3. Potsdamer Begegnungen

"Die Revolution der Zeit"

Herr Ministerpräsident,

Herr Meyer-Landrut,

meine Damen und Herren,

I.

ich freue mich darüber, dass ich auch in diesem Jahr Gelegenheit habe, mit den Teilnehmern der Potsdamer Begegnungen zusammen zu treffen. Die Begegnungen sind inzwischen schon zu einer festen Größe im deutsch-russischen Kulturdialog geworden und ich gratuliere den Organisatoren zu ihrem Erfolg.

Das Thema Ihrer diesjährigen Begegnung "Die Revolution der Zeit" könnte nicht "zeitgemäßer" gewählt sein: Die umfassende Beschleunigung wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Entwicklungen, die unsere Zeit prägt, betrifft schließlich jeden von uns.

Heute sind es vor allem wirtschaftliche und technologische Prozesse, die sich immer stärker beschleunigen. Unter dem Stichwort "Globalisierung" erleben wir eine Revolution der Zeit. In immer kürzerer Zeit verändern sich wichtige Parameter, die unser Leben bestimmen. Gleichzeitig verändert sich das Verhältnis von Zeit und Raum. Moderne Kommunikationsmethoden schaffen den Begriff der "Jetzt-Zeit". 0hne Zeitverlust kann man von Berlin aus in New York an der Börse handeln, in Moskau mit einem Freund "chatten" oder in Paris einkaufen.

Die Zeit ist damit nicht mehr nur Maßstab einer sich beschleunigenden historischen Entwicklung, die wir Revolution nennen, sondern sie wird selber revolutioniert.

Mir scheint es an der Zeit, einen Begriff in Erinnerung zu rufen, der ein Alternativprogramm zu den Aufgeregtheiten, zu den schnellen Schlagzeilen, die uns tagtäglich die Welt und ihre Ereignisse präsentieren, sein könnte, der Begriff der "Bedächtigkeit". Ich meine damit Sorgfalt und Umsicht, Ruhe und Unaufgeregtheit, Selbstbewusstsein und Reflektion, Distanz und Klarheit.

Was nun bedeutet die "Revolution der Zeit" für die Kultur, vor allem für die Kunst, die immer Ausdruck ihrer Zeit ist, aber auch zeitlos sein kann? Auch Kultur wird von der Revolution der Zeit beeinflusst. Neue Kunstformen entstehen und der Zugang zur Kultur über das Internet bringt auch hier globale Präsenz. Ebenso wenig wie die Wissenschaft kann Kultur allein durch den Einsatz moderner Techniken und Kommunikationsmöglichkeiten expandieren. Ebenso wenig wie ein bedeutender Durchbruch wissenschaftlicher Erkenntnis kann ein bedeutendes literarisches Kunstwerk von einem Datenverarbeitungsprogramm geschaffen werden, noch kann sein Autor das Drama des Ringens um seine Erkenntnis oder seine Kreation schon dadurch verkürzen, dass er auf einem Computer schreibt.

Die Beschleunigung der Zeit scheint einherzugehen mit einer Verkürzung der Halbwertzeit wirtschaftlicher Entscheidungen. Eine wissenschaftliche Erkenntnis wie die Relativitätstheorie oder ein Kunstwerk wie die Romane Dostojewskis sind dagegen in ihrer zeitlosen Bedeutung nicht schon morgen überholt. Das gilt selbst dann, wenn lange gültige wissenschaftliche Theorien durch neue Erkenntnisse widerlegt oder Kunststile durch neue Stile verdrängt werden. Sie bleiben dennoch Meilensteine der Wissenschaftsgeschichte oder der Kunstgeschichte und damit des Weges der Zivilisation. Sie werden zu einem Refugium der Vergewisserung unserer Herkunft, des Weges, den wir zurückgelegt haben und dessen, was für uns in der Zukunft auf dem Spiel steht. Ich sage nur ein Beispiel: Selbst Andy Warhols Goethekopf ist immer noch von Tischbeins Goethe in der Campagna inspiriert.

II.

Beschleunigung und Verlangsamung der Zeit spielen in der geistesgeschichtlichen Tradition Deutschlands und Russlands eine wichtige Rolle. Es gab Phasen, in denen schien es so, als stünden sich dabei Deutsche und Russen antagonistisch gegenüber. Oder haben sie sich stets eher ergänzt?

Der Gegensatz findet sich zum Beispiel bei unseren großen Dichtern Goethe und Puschkin. Sie sind sich nie begegnet, wir wissen aber, wie sehr Puschkin Goethe geschätzt hat. Dem Goetheschen Faust, dem Protagonisten der Beschleunigung, der rastlos überall sein und alles gleichzeitig tun möchte, setzt Puschkin in seinem Faust-Gedicht die Entschleunigung des Mephistopheles entgegen:

"Zufrieden sei
Mit dem, was dir Verstand bewiesen
Schreib in dein Album - hör gut zu!
Fastidium est quies[1]- ehre
Die Langeweil als Seelenruh."

In seinem berühmten Roman "Oblomow" stellt der russische Dichter Gontscharow dem russischen Titelhelden, dem Bewegung und Aktivität verdächtig und zuwider sind, sicher nicht zufällig den rastlosen deutschen Kaufmann Stolz gegenüber.

Aber vergessen wir nicht: Peter der Große schuf eine aufgeklärte Großmacht über ein Jahrhundert bevor das Deutschland des Biedermeier und der Restauration sich in Spitzweg wiedererkannte. Es lohnt sich, in Lew Kopelews Buch über die Aufklärung in Russland nachzuschlagen. Und vergessen wir andererseits nicht Hans Scholl, der als deutscher Soldat im Sog des Hitlerschen Blitzkriegs in Russland Dostojewski in den Nächten las und so seinen Weg in den Widerstand begonnen hat.

III.

Im gerade zu Ende gegangenen zwanzigsten Jahrhundert hat sich die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen dreimal dramatisch beschleunigt: In der Oktoberrevolution und ihren Folgen, im Zweiten Weltkrieg und in den friedlichen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa nach 1989. Wir sind dabei im Bösen wie im Guten an die extremen Pole unseres jahrhundertelangen Miteinanders gelangt und alle drei Ereignisse wirken bis auf den heutigen Tag fort.

In drei Tagen, am 22. Juni jährt sich zum sechzigsten Mal das Ereignis, das eine tiefe Zäsur in der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen und in der europäischen Geschichte darstellt. Mit dem Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion wurde aus einem grausamen Eroberungskrieg endgültig ein Vernichtungskrieg. Die ungeheuren Opfer, die dieser Krieg den Völkern der Sowjetunion abverlangt hat, weit mehr als zwanzig Millionen Tote, siebzigtausend zerstörte Dörfer und siebzehnhundert zerstörte Städte sind beispiellos in der Geschichte.

In einzelnen Teilen der Sowjetunion, in Russland, vor allem aber auch in der Ukraine und in Weißrussland kam mehr als ein Drittel der Bevölkerung ums Leben. Jedes Dorf, jede Familie war betroffen. Für die Völker und die Familien sind die Schrecken des Krieges auch heute noch vielfach lebendig.

Die dramatische Bedeutung des Krieges für die Sowjetunion hat Andréj Sacharow in seinen Erinnerungen beschrieben: "Der Krieg war für das Volk das schrecklichste Erlebnis, die Wunden, die er schlug, sind immer noch nicht verheilt. Die Kinder, die damals aufwuchsen, erinnern sich an die Todesnachrichten und die Tränen ihrer Mütter. Es gibt wohl keinen Gedanken, der die Menschen so beherrschte wie der Wunsch nach Frieden."

Mit dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion ist auch systematisch in die Tat umgesetzt worden, was die nationalsozialistische Ideologie schon seit langem geplant hatte: Die Vernichtung der europäischen Juden. Bis zur Wannsee-Konferenz waren es nur noch wenige Monate.

Der gegen die Sowjetunion entfesselte Krieg wandte sich am Ende gegen Deutschland selbst. Nicht nur die deutschen Soldaten, sondern auch Frauen, Kinder, alte Menschen, ja ganze Familien haben einen hohen Preis für die Verbrechen Hitlers bezahlt.

Ich gedenke aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Wir werden sie niemals vergessen.

Bis heute sind sehr viele Menschen in Russland und in seinen Nachbarstaaten von dieser singulären Tragödie in unseren Beziehungen und von ihren Nachwirkungen noch sehr persönlich betroffen. Dennoch sehen sechzig Prozent der russischen Bevölkerung Deutschland als Partner, dem sie besonders vertrauen und von dem sie besonders viel erwarten. Für das Vertrauen der Menschen in Russland, das auch ein Zeichen der Versöhnung ist, sind wir Deutschen dankbar.

IV.

Eine erneute Beschleunigung hat die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen vor gut zehn Jahren, Ende der 80er Jahre erfahren. Nach einer langen Phase der Stagnation, des gegenseitigen Misstrauens und der nur allmählichen Annäherung haben wir gemeinsam die Überwindung der deutschen und der europäischen Teilung erlebt. Dass dabei Russland und seine politische Führung eine wichtige Rolle spielten, ist uns in Deutschland mit Dankbarkeit bewusst.

Auch Russland hat seither tiefreichende Veränderungen erlebt. Als die Sowjetunion auseinander fiel, schien sich die Entwicklung in Russland auf dramatische Weise zu beschleunigen. Mit einem "Big Bang" sollte der Transformationsprozess Politik und Wirtschaft voranbringen. Es hat sich aber gezeigt, dass sich die Strukturen und die Verhaltensweisen der ökonomischen Entscheidungsträger, die sich über viele Jahrzehnte verfestigt hatten, nicht über Nacht verändern lassen.

Russland weiß uns auf seinem Weg der Reformen an seiner Seite, dennRussland ist auch und vor allem ein Teil Europas. Willy Brandt hat das 1970 anlässlich der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Vertrags nachdrücklich so unterstrichen: "Europa," so Brandt, "endet weder an der Elbe noch an der polnischen Ostgrenze. Russland ist unlösbar in die europäische Geschichte verflochten, nicht nur als Gegner und Gefahr, sondern auch als Partner - historisch, politisch, kulturell und ökonomisch. Nur wenn wir in Westeuropa diese Partnerschaft ins Auge fassen und nur wenn die Völker Osteuropas das auch sehen, können wir zu einem Ausgleich der Interessen kommen."

Russland ist Teil Europas und wird, wenn es diesen Weg gehen will, auch teilnehmen an der Einigung Europas. Nicht als ein zukünftiges Mitglied der Europäischen Union, wohl aber als deren wichtigster Partner in Europa.

Deutschland und die Europäische Union wollen Russland auf seinem Weg unterstützen. Wir brauchen ein stabiles und prosperierendes Russland, in dem die Grundsätze von Demokratie und Rechtsstaat gelten. Wir wollen dabei nicht mahnen, sondern ermutigen. Wir wollen die Menschen in Russland von unseren Werten überzeugen, statt sie zu überreden.

Deutschland und Russland sind föderale Staaten und die Teilstaaten tragen auf beiden Seiten in erheblichem Maße zum Ausbau der Beziehungen bei. Fünfzehn Subjekte der russischen Föderation haben mit insgesamt vierzehn deutschen Ländern Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen. Ich selber habe mich als Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalens für die Kooperation meines Landes mit den Regionen Nishnij-Novgorod und Kostroma eingesetzt.

V.

Die deutsch-russischen Beziehungen sind heute gut und intensiv, gerade auch im Bereich der Kultur. In den vergangenen Jahren sind allein zweiundzwanzig deutsche Ausstellungen in Russland gezeigt worden. Für die Jahre 2003/2004 ist eine Fortsetzung der erfolgreichen Ausstellung "Berlin-Moskau" vorgesehen.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst hat im Jahre 2000 in Russland und Deutschland weit mehr als 4000 deutsche und russische Akademiker gefördert. Russland liegt damit weltweit damit hinsichtlich der Zahl der geförderten Ausländer an erster Stelle in der Programmarbeit des DAAD.

Neue Projekte, über die zur Zeit verhandelt wird, klingen vielversprechend. Ich denke an die Ausrichtung einer Spracholympiade für deutsche und russische Schüler, ich denke an die Gründung einer russischen Akademie in Berlin. Im Jahre 2003 wird der Jahrestag der Gründung St. Petersburgs auch im deutsch-russischen Verhältnis eine herausragende Rolle spielen, zumal Deutsche in der Geschichte St. Petersburgs eine große Rolle gespielt haben.

Natürlich, meine Damen und Herren, gibt es auch noch ungelöste Probleme in den Beziehungen, etwa die Rückführung kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter. Ich bin aber zuversichtlich, dass die deutsch-russischen Kulturbeziehungen immer mehr, immer stärker ein tragender Pfeiler des deutsch-russischen Verhältnisses sein werden. Ich möchte Sie, die Teilnehmer an den Potsdamer Begegnungen, ermutigen, dazu nach Kräften beizutragen.Boris Pasternak hat geschrieben: "Was wir heute tun, entscheidet, wie die Welt morgen aussieht."In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für Ihre Begegnungen viel Erfolg.

[1]Wörtliche Übersetzung: Überdruss ist Ruhe.