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Grußwort aus Anlass der fünfzigsten Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden

"Fünfzig Jahre Hörspielpreis der Kriegsblinden" - das ist ein bedeutendes Jubiläum. Die Liste der Preisträger gleicht einem Streifzug durch die deutschsprachige Literaturgeschichte der Nachkriegszeit: Ich denke an Ingeborg Bachmann und ihren "Guten Gott von Manhattan".

Ich denke an Friedrich Dürenmatts Stück "Die Panne". Ich denke an Heiner Müllers "Befreiung des Prometheus", das dem Hörstück von Heiner Goebbels zugrunde lag. Das war knapp fünf Jahre, bevor die Mauer fiel. Ich denke aber auch an Zeiten, als sich Familien noch vor dem Rundfunkgerät versammelten, um gemeinsam Sendungen zu hören. Das Radio war damals für viele die Brücke zur Welt - auch für die Kriegsblinden.

Die Liste der Preisträger bürgt für die herausragende Qualität des Hörspielpreises der Kriegsblinden. Sie bietet auch Gewähr dafür, dass seine Wirkung in die Gesellschaft hinein anhält. Darüber freue ich mich, und ich möchte Ihnen gern erzählen, warum. Dafür muss ich einen kleinen Umweg über die Schweiz machen, genauer: über Montagnola.

Vor gut einem Jahr war ich dort in dem sehr schön gelegenen kleinen Museum, das Hermann Hesse gewidmet ist. Eine seiner dort ausgestellten Notizen ist mir besonders in Erinnerung geblieben: "Die Gewalt ist das Böse und Gewaltlosigkeit der einzige Weg für die, die wachgeworden sind." Und weiter heißt es: "Es wird nie der Weg aller sein und nie der Weg derer, die die Weltgeschichte machen möchten. Wenn man weiß, auf welcher Seite man steht, lebt man freier und ruhiger."

Wer kriegsblind geworden ist, hat in furchtbarer Weise Gewalt erlitten. Diese Grenzerfahrung lebt in den Betroffenen fort. Sie müssen immer wieder und immer neu damit fertig werden. Kameradschaft und die Fürsorge vor allem ihrer Familien haben vielen geholfen, mit ihrem Schicksal zu leben. Wichtig bleibt aber, nie zu vergessen, welche Verheerungen Kriege anrichten. Wir dürfen die Schrecken des Krieges, die Millionen von Opfern nicht verdrängen. Darum möchte ich heute auch daran erinnern, dass übermorgen vor sechzig Jahren der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion stattgefunden hat. Die junge Generation, die diese Opfer und dieses Leid nicht erfahren hat, müssen wir dafür gewinnen, für eine Zukunft zu arbeiten, in der sich ähnliches Leid nicht wiederholt.

Gewalt kann viele Formen annehmen, und sie begegnet uns leider alltäglich. Oft wird ihr widersprochen und widerstanden. Das macht Mut. Es muss uns aber beunruhigen, dass sie viel zu oft auch hingenommen wird. Das gilt besonders für Gewaltdarstellungen in den Medien. Mich erreichen zu diesem Thema viele Briefe. Manche sind darunter, aus denen tiefe Resignation spricht. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Haltung zur Mehrheitsmeinung wird. Wo Gewalt verherrlicht wird, dürfen wir uns auch nicht mit dem falschen Hinweis auf künstlerische Freiheit abspeisen lassen. Niemand darf sich darauf berufen und Toleranz einfordern, wenn menschliches Leid in den Dienst von Quote oder Gewinn gestellt wird. Wie leicht kann es sonst dazu kommen, dass die verächtliche und entwürdigende Behandlung von Menschen gerade Jugendlichen selbstverständlich erscheint! Wenn wir von gewaltfreier Erziehung sprechen, dürfen wir die ständige öffentliche Darstellung von Gewalt dabei nicht ausklammern.

Politik und Gesellschaft insgesamt müssen also diejenigen ermutigen, die sich in den Medien der Seriosität und der Qualität verschrieben haben. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden hat das von Anfang an auf vorbildliche Weise getan. Er leistet bis heute dreierlei: Er zeigt uns, wie die Kriegsblinden erfolgreich mit ihrer Behinderung umgehen. Sie haben sich vor fünfzig Jahren dazu entschlossen, die bundesdeutsche Nachkriegskultur selbstbewusst und nicht nur als Sozialverband mitzugestalten. Er ermutigt die Verantwortlichen in den Rundfunkanstalten, die Sparte des Hörspiels nicht zu vernachlässigen. Er zeigt auch, dass das gesprochene Wort, dass Geräusche, dass Musik genauso intensiv wahrgenommen werden können wie die wuchtigsten Bilder.

Der erste Preisträger, Dr. Erwin Wickert, hat Maßstäbe gesetzt. Er hat der Gesellschaft, die mit dem wirtschaftlichen Wiederaufbau und - soweit es den Westen Deutschlands betraf - mit dem Aufbau demokratischer Verhältnisse beschäftigt war, die Frage gestellt: "Darfst Du die Stunde rufen?" In diesem Hörspiel ging es um Sterbehilfe, ein Thema, über das in jüngster Zeit wieder viel diskutiert wird. Ich habe mich am 18. Mai in meiner Berliner Rede damit auseinandergesetzt. In Erwin Wickerts Hörspiel geht es um die Angst eines lebensbejahenden jungen Menschen vor dem Sterben und vor den Qualen seiner unheilbaren Krankheit. Ein Kritiker hat darüber in der Zeitschrift "Der Kriegsblinde" geschrieben: "Nicht der Paragraph des Gesetzbuches hält den Klinikarzt zurück, auch nicht das ärztliche Ethos, das ihn bis zur allerletzten Minute gegen den Tod ankämpfen lässt, sondern die tiefe religiöse Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Todes, an das er mit Menschenhand nicht zu rühren wagt." Diese Fragen haben an Aktualität nichts verloren.

Als Erwin Wickert sein Hörspiel schrieb, gab es noch den NWDR. Seither ist in der Medienlandschaft viel passiert. Hörspielsendeplätze sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Der heutige Preisträger, Walter Filz, lässt seinen Synchron-Sprecher in seinem Akustik-Thriller "Pitcher" sagen: "Wenn Dir erst einmal Hörspiel angeboten wird, bekommst Du bald gar nichts mehr!" Ich kann und will der vorgesehenen Laudatio nicht vorgreifen, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass der Sprecher unrecht hat. Ich beobachte eher eine Renaissance des "Hörens", die nicht auf das Hörspiel beschränkt bleibt, sondern auch andere Bereiche betrifft, wie Hörbücher auf CD eindrucksvoll belegen. Auf ihnen sind prominente Sprecher und Schauspieler zu finden, deren Stimmen vielen wohl vertraut sind. Ich freue mich auch darüber, dass die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen den Hörspielpreis der Kriegsblinden nach Kräften unterstützt und dadurch mithilft, die Anliegen von Blinden in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Sie, Herr Johanning, haben die Geschicke des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands über viele Jahre entscheidend geprägt. Sichtbarer Ausdruck Ihrer Verdienste ist die Auszeichnung mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1996 stehen Sie an der Spitze des Bundes der Kriegsblinden. Sie sind ein Netzwerker im besten Sinne; denn Sie vertreten die Interessen Ihrer Mitglieder nicht nur in unserem Lande, sondern auch auf internationaler Ebene: in der Europäischen Blindenunion, in der Weltblindenunion und im Internationalen Kriegsblindenkongress. Ihr Verband engagiert sich vielfältig in ganz praktischen Fragen, im sozialpolitischen Bereich, er hat aber auch die große Aufgabe im Blick, nach dem Fall der Mauer den Betroffenen in den neuen Ländern besonders zu helfen, weil es dort Nachholbedarf gab und gibt.

Der "Bund der Kriegsblinden" wäre in seiner Arbeit nicht so erfolgreich, könnte er nicht auf den engagierten Einsatz vieler ehrenamtlicher Helfer bauen. Ihnen möchte ich an dieser Stelle einmal ausdrücklich danken. Unsere Gesellschaft wäre ärmer ohne den selbstlosen und unermüdlichen Einsatz jener vielen Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, die vielen kleinen Räder im großen Getriebe des Hilfsgeschehens in Schwung zu bringen und in Schwung zu halten. Vielen "Ehrenamtlichen" ist ihr Engagement zur Lebensaufgabe geworden. Sie sind damit Pfeiler einer Gesellschaft, in der Solidarität nicht nur gefordert, sondern auch gelebt wird.

Wir alle haben die Pflicht, Blinden eine gleichberechtigte Teilhabe an unserer Gesellschaft zu sichern. Viele nehmen diese Verpflichtung bereits wahr. Es gibt Hörfilme für Blinde und Sehbehinderte bei ARD und ZDF. Ich will nicht darüber urteilen, ob Sie damit schon in der ersten Reihe sitzen, aber ein erfreuliches Zeichen ist das schon. Ich will auch von den Chancen sprechen, die sich mit der Entwicklung entsprechender Software im Internet ergeben. Das Ziel ist es, dass Blinde von der Arbeit mit modernen EDV-Systemen nicht ausgeschlossen sind und dass die Barrieren überwunden werden, die einem problemlosen Zugang immer noch im Wege stehen.

Wenn der Satz richtig ist, dass sich die kulturelle Stufe einer Gesellschaft nicht zuletzt an ihrem Umgang mit Behinderten zeigt, dann muss unser ganzer Ehrgeiz darauf gerichtet sein, deutlich werden zu lassen, dass wir nicht über Randgruppen reden, sondern über Menschen, die in unserer Mitte leben. Die Vergabe des Hörspielpreises hier in einem Gebäude mit langer Geschichte und einer neuen Aufgabe, symbolisiert diese Mitte auf besonders schöne Weise.

Ich gratuliere dem von der Jury ausgewählten Preisträger Walter Filz. Ich gratuliere dem Bund der Kriegsblinden zu 50 interessanten Hörspieljahren, die sich in der Geschichte dieses Preises widerspiegeln. Ich tue das besonders gern, weil ich ein Freund des gesprochenen und gehörten Wortes bin und bleibe.