Navigation und Service

Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau vor den Delegierten Deutschlands für den Weltkindergipfel

I.

Wenn ich meiner Tochter Laura vorschlage, mit nach Spiekeroog zu fahren oder nach Bayern oder nach Brandenburg, dann sagt sie: Ich will nach New York, und dann sage ich: Aber es ist doch schön in Bayern, und dann sagt sie: Ich will aber nach New York. Irgendwie hat sie diesen Traum von New York. Ich hoffe, dass sie ihn erfüllt bekommt, aber bei euch bin ich sicher, dass es klappt. Ich finde das ziemlich aufregend, dass ihr dahin fahren könnt. Ich hoffe, ihr auch.

Ich habe mich natürlich vorbereitet. Ich habe ein Lied gelernt, aber ich singe es nicht - wegen der Lärmschutzverordnung: "Gebt den Kindern das Kommando. Sie berechnen nicht, was sie tun. Die Welt gehört in Kinderhände. Dem Trübsinn ein Ende". Ihr wisst ja, von wem das ist. Das ist von Herbert Grönemeyer. Das ist die "Kinderhymne", und ganz gewiss denkt man gelegentlich so. Wenn Kinder mehr zu sagen hätten, wäre es nicht nur friedlicher, sondern auch lustiger in einer Welt, in der sonst kühle Berechnung die Regel ist und in der die Kinderanarchie, von der Grönemeyer singt, nur die Ausnahme ist. Aber wir wissen ja auch bei diesem Lied: Das ist nur ein Klischee, denn die Kinderzeit ist nicht immer lustig und Kinderarmeen sind meist nicht nur aus Gummibärchen. Das zeigt ein Blick nach Afrika und in andere Regionen der Welt. Meine Frau ist allein im letzten Jahr dreimal auf Reisen gewesen in Südafrika, in Sierra Leone, in Brasilien und hat sich mit Kinderarmut, mit Kindersoldaten, mit lauter Problemen beschäftigt.

II.

Auch bei uns ist nicht alles in Ordnung. Hier in Berlin leben wahrscheinlich etwa fünftausend Kinder auf der Straße, und meine Frau und ich waren schon ein bisschen stolz darauf, als wir beim letzten Benefiz-Konzert zu Gunsten der Straßenkinder in Berlin mit den Berliner Philharmonikern dreihundertfünfzigtausend Mark zusammenmusiziert haben. Wenn Kinder nicht die Umgebung finden, nicht die Entwicklung, die sie brauchen, dann fehlt etwas in der Erwachsenenwelt.

Deutschland hat jetzt anlässlich der Sondergeneralversammlung einen Bericht vorgelegt, den Bericht über ein Land, in dem es vielen Kindern gut geht, aber nur dem größten Teil. Es gibt auch Obdachlosigkeit und es gibt Verwahrlosung. Sechs Prozent der Kinder unter achtzehn Jahren sind auf Sozialhilfe angewiesen. Das ist immer noch ein Skandal in einem Land, das zu Recht viel auf seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit hält. Mir macht das Sorge.

Inzwischen haben aber fast alle verstanden: Unsere Wirtschaft, unsere Sozialsysteme können nur dann funktionieren, wenn wir etwas tun, wenn wir der demografischen Entwicklung entgegen wirken. Da reden wir von mehr Zuwanderung, aber auch von mehr Kindern. Ich unterstütze das, aber das reicht nicht, denn wir dürfen Kinder nicht in erster Linie als potentielle Beitragszahler sehen, sondern als Menschen: Wie wir Erwachsenen mit eigenen Rechten, mit dem Anspruch ernst genommen zu werden und - da wo sie das brauchen - auch geschützt und behütet zu werden.

Mir kommt das Wort "Kinderpolitik" noch schwer von den Lippen, denn ich gehöre noch zu denen, die Kinder als etwas Selbstverständliches, als etwas Privates erlebt haben. Nun komme ich auch aus einer kinderreichen Familie und ganz gewiss muss man heute in manchem umdenken und sich umstellen. Die Familie soll ein privater Raum bleiben, aber wir müssen zur Kenntnis nehmen: Kinder haben oder ein Kind sein, ist eben nicht mehr selbstverständlich.

Der Anteil der Menschen unter fünfzehn Jahren in Deutschland liegt unter zwanzig Prozent, und er sinkt weiter. Dafür gibt es viele Gründe, aber die Politik ist dann auch gefordert. Sie muss ihre Rolle spielen, sie muss mithelfen, dass die Entscheidung für Kinder leicht fällt und dass Kinder es leicht haben, und darum finde ich es gut, dass der Bundestag - dessen Vizepräsidentin Frau Fuchs ich hier besonders herzlich begrüße - schon 1988, also lange vor dem ersten Weltkindergipfel, eine eigene Kinderkommission eingesetzt hat, und dass viele in Deutschland mithelfen, dass die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen mit Leben erfüllt wird.

Wir leben in Deutschland nicht auf einer Insel der Seligen. Das habe ich angedeutet. Verglichen mit vielen anderen geht es uns aber gut. Das darf nur kein Grund sein, die Arme zu verschränken und sich zurück zu lehnen. Wir leben ja alle in einer Welt, und dass es vielen Kindern nicht gut geht und den meisten schlechter als bei uns, das ist nicht nur deren Problem oder das Problem der Erwachsenen dort, sondern auch unser Problem.

Darum wünsche ich ihnen und mir, dass sie bei der Sondergeneralversammlung wichtige Beiträge leisten können zur internationalen Kinderpolitik. Wir werden in Deutschland davon profitieren, in einem der reichsten Länder der Welt, wenn wir uns auch für die Kinder in anderen Ländern einsetzen.

III.

Ich freue mich darüber, dass Dominique und Elena, Agnes und Konstantin, dass ihr alle da seid. Ihr seid zwar hier in der Minderheit, das kennt ihr ja schon, aber ihr seid die Hauptpersonen hier und in New York auch. Ich wünsche euch, dass ihr viele neue Freunde findet. Ich wünsche euch, dass ihr nicht nur ernste Dinge tut, sondern auch viel Freude habt. Ich wünsche den Erwachsenen, die euch begleiten, das natürlich auch. Ich hoffe, Frau Bundesministerin, Sie sind auch mit von der Partie.

Ich finde, gemeinsam mit Kindern Politik zu machen, macht viel mehr Spaß, als das nur mit Erwachsenen zu tun. Da herrscht zu viel Trübsinn. Wer viele Jahre in Parteisitzungen gesessen hat, der wünscht sich mehr Kinderpolitik. Herzlich willkommen und alles Gute für New York! Sollten sie meine Tochter da treffen - sie heißt Laura und wird natürlich danach suchen, ob sie jemanden vom Kindergipfel findet - dann grüßt sie herzlich von mir. Sie soll bald zurück kommen. Alles Gute!