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Erklärung von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Internationalen Weltbevölkerungstages der Vereinten Nationen am 11. Juli 2001

  • In Deutschland beschäftigt uns die Frage, wie wir mit dem Rückgang der Bevölkerung in unserem Lande und mit seinen Folgen umgehen. Vor wenigen Tagen hat Frau Professor Süssmuth den Bericht der Zuwanderungskommission vorgelegt.
    Die Bundesregierung und die Parteien haben Vorschläge unterbreitet, wie die Situation der Familien und der Kinder in Deutschland verbessert werden kann.

  • Während wir uns in Deutschland Gedanken um den Erhalt unserer technologischen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen und um die Sicherung unserer Altersversorgungssysteme machen, übersehen wir zu leicht, dass in den ärmeren Regionen unserer Erde die Bevölkerung nach wie vor rasant wächst. Auch wenn die Weltbevölkerung zum Glück nicht mit einer solch dramatischen Geschwindigkeit zugenommen hat, wie in der Vergangenheit zum Teil vermutet wurde, bleiben die Herausforderungen doch gewaltig:

  • Heute leben knapp über sechs Milliarden Menschen auf der Erde. Nach den neuesten Schätzungen der Vereinten Nationen werden es in weniger als fünfzig Jahren neun Milliarden Menschen sein. Allein in Afrika werden bis 2050, trotz der verheerenden Auswirkungen der Immunschwächekrankheit AIDS, eine Milliarde mehr Menschen leben als heute. Während in den Industrieländern heute im Schnitt von jeder Frau nur noch 1,6 Kinder geboren werden, sind es in den Entwicklungsländern durchschnittlich 3,6 Kinder.

  • Wir wissen, dass dieses Bevölkerungswachstum die armen Länder und Regionen unserer Erde überfordert.
    Es überfordert die ohnehin noch nicht so leistungsfähigen Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen in diesen Ländern, es führt aber auch zu wachsenden und dauerhaften Umweltzerstörungen und zur Verknappung von Nahrungsmitteln. Es kann damit zur Ursache von gewaltsamen Konflikten werden.

  • Wir dürfen und wir können die Entwicklungsländer mit diesen Problemen nicht alleine lassen. Auch wir sind darauf angewiesen, dass die Bevölkerung weltweit nicht weiter stark zunimmt. Bevölkerungswachstum und Armut hängen eng zusammen. Die Bekämpfung von Armut weltweit ist eine der zentralen Aufgaben der Entwicklungspolitik. Armut und schlechte Bildungsvoraussetzungen sind oft die Gründe dafür, dass Paare mehr Kinder bekommen als sie wollen. Mit den Anstrengungen unserer Entwicklungshilfe können wir etwas tun: für bessere Gesundheitsversorgung und Familienplanung, für bessere Bildung, Aufklärung und Sexualerziehung in den Entwicklungsländern und dafür, dass weltweit die Rolle von Frauen in der Gesellschaft gestärkt wird.

  • Es gibt ermutigende Beispiele, die zeigen, dass entsprechende Anstrengungen sich lohnen: in Bangladesch beispielsweise hat ein umfassendes Programm der Familienplanung dazu beigetragen, dass sich die Zahl der Kinder, die eine Frau durchschnittlich bekommt, in den letzten dreißig Jahren mehr als halbiert hat.

  • Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung hat mir den neuesten Datenreport zur Entwicklung der Weltbevölkerung überreicht. Die Stiftung besteht nun seit fast zehn Jahren. Mit Ihren Projekten versucht sie vor allem Jugendliche in den Entwicklungsländern zu erreichen, um sie mit Sexualaufklärung und Verhütung vertraut zu machen.
    Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung tut ihre Arbeit mit großem Engagement. Das darf nicht dazu führen, dass wir sie damit alleine lassen. Ich wünschte mir, dass wir alle die Probleme in den ärmeren Ländern nicht aus dem Blick verlieren. Es gibt viele, ganz unterschiedliche Möglichkeiten, wie jede und jeder von uns mithelfen kann, dass alle Menschen auf unserer Erde die Chance auf ein menschenwürdiges und gerechtes Leben bekommen.