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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Festveranstaltung "50 Jahre Bundesgartenschauen"

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

Meine Damen und Herren,

ich weiß gar nicht, bei wie vielen Gartenschauen ich schon dabei gewesen bin. Das sagt etwas über mein Alter, sagt aber auch etwas über die Freude, die ich an der Arbeit der Bundesgartenschauen immer wieder gehabt habe - an den Vorarbeiten und an der Bundesgartenschau selber; vor allem aber daran, und wir haben es soeben von Herrn Zwermann gehört, wie sich Städte dadurch verändern, dass sie eine Bundesgartenschau gehabt haben.

Ich könnte jetzt noch über die fünfzig Jahre hinaus gehen und von der Zeit vor und nach Weimar sprechen. Was wäre Dortmund ohne Westfalenpark? Was wäre Essen ohne die GRUGA? Was wären viele Städte, wenn es nicht die Anlagen gäbe, die Bürger errichtet haben ohne staatliches Geld, ohne Zuschuss? Dann sind da die fünfzig Jahre Bundesgartenschau seit Hannover 1951. Wir können das nicht in Metern oder in Litern messen, was da an Arbeit, an Schweiß, an Mühe nötig gewesen ist. Aber der Erfolg rechtfertigt alle diese Mühen.

Nun ist Potsdam, Herr Oberbürgermeister, ja mit seiner Geschichte und mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten immer schon ein Magnet für Menschen aus aller Welt seit Jahrhunderten. Da will ich als persönliche Bemerkung hinzufügen: Ich bin ja jetzt seit gut zwei Jahren Bundespräsident. Fünf Jahre vorher war ich schon einmal Kandidat und bin es nicht geworden. Was habe ich da gemacht? Da bin ich einfach nach Potsdam gefahren und habe im Park von Sanssouci die Sorge oder den Ärger über die nicht gewonnene Wahl liegen lassen. "Sanssouci" - ohne Sorge. So muss man das machen.

Die Blütenpracht dieser Bundesgartenschau ist wieder ein Höhepunkt für die Stadt und für die Region. Bundesgartenschauen, vielleicht wissen das nicht einmal die Junggärtner, hießen früher Olympische Spiele der Gärtner. Ich finde das ein schönes Bild. Da kann man gewinnen. Ich bin immer wieder über die Meisterleistungen erstaunt, die es da zu sehen gibt. Es gibt ja nicht nur die Meisterschauen der Profis, sondern es gibt die Tipps und die Anregungen, die jeder für den eigenen Garten mitnehmen kann. Das macht seit fünfzig Jahren den besonderen Reiz und die Anziehungskraft der Bundesgartenschauen für viele Millionen Besucher aus.

"Der gehetzte Mensch entdeckt den Garten" das war das Motto der Bundesgartenschau in Stuttgart 1961. Das gilt noch heute, und da gibt es immer Neues zu entdecken.

Es geht hier um mehr, als um die vorübergehende Darstellung moderner Gartenkunst und modernen Gartenbaus. Es gibt ein Gedicht von Eichendorff, das ist 160 Jahre alt, das heißt "Fortgespült ist nun der Garten und die Blumen all verschwunden, und die Gegend, wo sie standen hab ich nimmermehr gefunden". Das ist das Gegenteil dessen, was die Bundesgartenschau will. Man soll sie wieder finden. Die Blumen sollen nicht verschwinden. Die Gegend soll erkennbar bleiben, weil unsere Städte sich verändert haben. Darum sind das wichtige Impulse für Stadtentwicklung und Strukturpolitik: Mehr als Schmuck, mehr als Dekoration, sondern Veränderung des Gesichtes einer Stadt, Eröffnung neuer Möglichkeiten wirtschaftlich und kulturell. Da können vernachlässigte Kleinodien einer Stadt wieder Glanz gewinnen und neue Attraktion. Dafür ist Potsdam ein gelungenes Beispiel.

Inzwischen gibt es siebzehn Städte, in denen in den letzten fünfzig Jahren Bundesgartenschauen waren. Hannover ist schon genannt. Zweimal war Kassel dabei. Einmal war das der Impuls für das Wiederaufblühen der im Krieg zerstörten Stadt, das andere mal 1981 für den Wiederaufbau der berühmten Orangerie. 1955 stand in den Hessischen Nachrichten: "Das von Bombentrichtern zerwühlte, von Ruinen umsäumte Gelände der Karlsaue ist in einen prachtvollen Garten verwandelt worden". Das war typisch für die ersten Bundesgartenschauen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Älteren denken noch mit an die Seilbahn quer über den Rhein in Köln 1957 und an den Westfalenpark, den ich schon genannt habe, an den Schlosspark in Karlsruhe von der BUGA 1967 oder an den Rheinauenpark in Bonn - Bonn ist Partnerstadt von Potsdam. Das war 1979, da war ich ein junger, hoffnungsvoller Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen.

Ich könnte noch viele andere Projekte nennen: In Stuttgart, in Mannheim, in Hamburg, in München, in Bonn, in Berlin, in Frankfurt oder in Gelsenkirchen; aber stattdessen begrüße ich einfach den Ministerpräsidenten von Brandenburg. Dass der jetzt erst kommt, das hängst zusammen mit dem Mangel an Allgegenwart. Er war nämlich bei zehn Jahre ORB. Zwischendurch hat er ein Interview gegeben über den Flughafen Schönefeld, und jetzt ist er hier und denkt darüber nach, wo der nächste Termin soeben gewesen sein könnte.

Es soll etwas bleiben von den Bundesgartenschauen, das ist das wichtigste. 1971 hat Gustav Heinmann, der Großvater meiner Frau, die Bundesgartenschau in Karlsruhe eröffnet. Er hat die Themen Umweltschutz und Lebensqualität ganz oben auf die Tagesordnung der Stadtplaner und des Zweckverbandes Gartenbau gestellt. Das ist eine andere Haltung, eine andere Stimmung als etwa bei der Weltausstellung 1933 in Chicago. Da stand im Katalog ein Kernsatz, der hieß: "Die Wissenschaft findet, die Industrie wendet an, der Mensch passt sich an." Das ist ein Satz, der ist wie aus Beton gegossen. Viele Städte sind dann auch so geworden. Heute wundert man sich nur noch über solche Vorstellungen. Heute geht es darum, menschengerechte Städte zu schaffen, in denen Jung und Alt wohnen, in denen sie arbeiten und sich erholen können. Städte zum Leben und nicht zur Anpassung. Potsdam ist auch dafür ein gutes Beispiel. Denken Sie an die "Orte am Fluss." Denken Sie an die historische Innenstadt, an den Park im Bornstedter Feld, an die Bornstedter Feldflur. Das sind die vier Kulissen, die die Potsdamer gewählt haben. Damit ist erstmals ein umfassendes, dezentrales Konzept für eine Bundesgartenschau umgesetzt worden, das die Innenstadt und die Randflächen gemeinsam in die Planung einbezieht. Wer wie ich Potsdam vor zehn Jahren gesehen hat, der kann kaum glauben, was inzwischen alles geschaffen worden ist und dafür möchte ich allen danken, die an dieser Aufgabe beteiligt gewesen sind. Die haben etwas vollbracht, für das werden ihnen noch viele Generationen dankbar sein.

Die Bundesgartenschau in Cottbus 1995 war auch eine besondere. Stellen Sie sich das vor: Im fünften Jahr der deutschen Einheit die erste Bundesgartenschau in den neuen Ländern. Zweieinhalb Millionen Besucher, die etwas von der Lausitzer Kultur und Tradition haben lernen können. Diese Chance haben die Cottbuser gut genutzt, sowie nach ihnen die Magdeburger und heute die Potsdamer.

Bundesgartenschauen bauen Brücken zwischen Menschen auch in den alten und den neuen Ländern. Ich halte das für eine ganz wichtige Aufgabe. Wer die drei besucht hat, Cottbus, Magdeburg und Potsdam, der muss Abschied nehmen von vielen Vorurteilen. Wer hierher kommt, der findet gastfreundliche, aufgeschlossene Menschen, die ihre Städte und Landschaften liebevoll gestalten und gerne zeigen, was sie alles geschafft haben. Wir haben schon die Namen gehört: Rostock und München und Gera. Da müssen wir allerdings Ronneburg dazu nennen. Ich bin gespannt auf das, was da geboten wird.

Wir haben jetzt gleich Gelegenheit uns das noch ein bisschen anzusehen. Zum Glück gibt es hier keine Fahrstühle. Als Theodor Heuss vor fast fünfzig Jahren den Philippsturm auf der BUGA eröffnete, da sollte er mit dem Fahrstuhl fahren, und Heuss wollte nicht so recht und sagte: "Wenn ich drin bin, fahren die Dinger nie." Er stieg ein und hatte Recht. Die zwei Besucher, die nach Heuss in den Fahrstuhl gingen, so schreibt die Hamburger Morgenpost, brachte der Fahrstuhl anstandslos nach oben. Das war den Stadtvätern peinlich, dass Heuss vom Fahrstuhl nicht angenommen wurde. Ich hoffe, Sie nehmen mich an.

Deshalb bin ich gerne gekommen. Als eben die Frage gestellt worden ist, ob Gott Gärtner gewesen sei, habe ich gedacht, wie kann er so was Ahnungsloses fragen. Das steht doch auf den ersten Seiten vom Garten Eden. Da war doch vorher Tohuwabohu, öde und leer. Da musste ein Garten sein - auch wegen der Gelegenheit zur Sünde. Aber es hat mit dem Garten angefangen, und es soll mit dem Garten nie aufhören. Alles Gute den Gärtnern.