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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Festveranstaltung "50 Jahre Bundesgartenschauen"

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort

I.

Es ist eine helle Freude, Potsdam so blühen zu sehen, wie das die Bundesgartenschau möglich macht. Ich weiß, wie viel Arbeit, Schweiß und Mühe dafür nötig gewesen sind. Der Erfolg rechtfertigt all diese Mühen. Potsdam ist mit seiner langen Geschichte und seinen vielen Sehenswürdigkeiten schon von jeher ein Magnet für Menschen aus aller Welt gewesen. Die Blütenpracht der Bundesgartenschau 2001 ist ein weiterer Höhepunkt für die Stadt und für die Region.

Bundesgartenschauen werden häufig die olympischen Spiele der Gärtner genannt. Das stimmt gewiss, und ich bin immer wieder über die Meisterleistungen erstaunt, die es da zu sehen gibt. Aber es gibt nicht nur die Meisterleistungen zu bestaunen, die Profis zustande bringen. Es gibt auch immer die ganz praktischen Tipps und Anregungen, die jeder für den eigenen Garten mit nach Hause nehmen kann. Das macht seit fünfzig Jahren den besonderen Reiz und die Anziehungskraft der Bundesgartenschauen für Millionen Besucherinnen und Besucher aus. "Der gehetzte Mensch entdeckt den Garten", hieß es schon 1961 auf der BUGA in Stuttgart. Das ist auch heute noch so, und da gibt es immer Neues zu entdecken.

II.

Bundesgartenschauen sind aber mehr als die vorübergehende Darstellung moderner Gartenkunst und modernen Gartenbaus. Eichendorff schrieb 1841 in der "Zauberin":

"Fortgespült ist nun der Garten
Und die Blumen all' verschwunden,
Und die Gegend, wo sie standen,
Hab ich nimmermehr gefunden."

Das darf so nicht sein, haben sich die Veranstalter der Bundesgartenschauen gedacht und erkannt, dass diese Ausstellungen auch wichtige Impulse für die Stadtentwicklung und für die Strukturpolitik geben können und sollen:

  • Sie können mehr sein als der Schmuck, als die Dekoration einer Stadt und einer Region.
  • Sie können das Gesicht einer Stadt nachhaltig verändern,
  • sie können die kulturellen und die wirtschaftlichen Möglichkeiten besser zur Geltung bringen und
  • sie können vernachlässigten Kleinodien einer Stadt wieder zum verdienten Glanz verhelfen und neue Attraktionen schaffen.

Dafür ist die Bundesgartenschau hier in Potsdam ein gelungenes Beispiel.

Dafür gibt es auch viele Beispiele in den anderen 17 Städten, in denen in den letzten fünfzig Jahre Bundesgartenschauen stattgefunden haben.

  • Ich denke an den Stadtpark in Hannover (BUGA 1951) und
  • an die beiden Bundesgartenschauen in Kassel. Die eine gab im Jahr 1955 den Impuls für das Wiederaufblühen der im Krieg zerstörten Stadt, die andere im Jahr 1981 für den Wiederaufbau der Orangerie.
    1955 stand in den "Hessischen Nachrichten": "Das von Bombentrichtern zerwühlte, von Ruinen umsäumte Gelände der Karlsaue ist in einen prachtvollen Garten verwandelt worden." Das war typisch für die ersten Bundesgartenschauen nach dem 2. Weltkrieg.
  • Ich denke aber auch an die Seilbahn quer über den Rhein in Köln, ein Projekt der Bundesgartenschau 1957,
  • an den Westfalenpark in Dortmund (BUGA 1959),
  • an den Schlosspark in Karlsruhe (BUGA 1967) und
  • an den Rheinauenpark in Bonn, der Partnerstadt von Potsdam.

Ich könnte noch viele andere Projekte in Stuttgart, Mannheim, Hamburg, München, Bonn, Berlin, Frankfurt oder Gelsenkirchen nennen. Sie alle haben die Städte und Landschaften nachhaltig verändert und die Lebensqualität erhöht.

Bundesgartenschauen wirken also weit über den Tag hinaus. Etwas Wertvolles ist immer geblieben, auch wenn viele Menschen in diesen Städten schon gar nicht mehr wissen, welche dauerhaften Verbesserungen sie einer Bundesgartenschau verdanken. Spätestens seit der Bundesgartenschau 1971 in Karlsruhe, die damals Bundespräsident Gustav Heinemann eröffnete, stehen die Themen Umweltschutz und Lebensqualität ganz oben auf der Agenda der Stadtplaner und des Zweckverbands Gartenbau.

Im offiziellen Katalog der Weltausstellung in Chicago im Jahr 1933 konnte man die Philosophie der damaligen Zeit in einem Satz nachlesen: "Die Wissenschaft findet, die Industrie wendet an, der Mensch paßt sich an". Das ist ein Satz wie aus Beton gegossen. So sind viele Städte dann ja auch geworden. Heute kann man sich über solche Vorstellungen nur noch wundern. Unsere Aufgabe besteht darin, menschengerechte Städte zu schaffen, in denen Jung und Alt wohnen, arbeiten und sich erholen können, Städte zum Leben also.

Potsdam 2001 ist auch dafür ein gutes Beispiel.

  • "Orte am Fluss",
  • "Historische Innenstadt",
  • "Park im Bornstedter Feld" und
  • "Bornstedter Feldflur"

sind die vier Kulissen, die die Potsdamer gewählt haben.

Damit haben sie erstmals ein umfassendes, dezentrales Konzept für eine BUGA umgesetzt, das Innenstadt und Randflächen gemeinsam in die Planung einbezieht.

Wer Potsdam und die Umgebung vor zehn Jahren gesehen hat, der mag kaum glauben, was inzwischen schon alles geschaffen worden ist. Dafür danke ich allen, die an dieser Aufgabe beteiligt waren und sind. Sie haben hier etwas vollbracht, für das ihnen noch viele Generationen dankbar sein werden.

Eine besondere Bundesgartenschau fand 1995 in Cottbus statt. Im fünften Jahr der deutschen Einheit gab es dort die erste Bundesgartenschau in den neuen Ländern. Zweieinhalb Millionen Besucher haben in Cottbus auch etwas von Lausitzer Kultur und Tradition kennen lernen können. Diese Chance, eine Region bundesweit zu präsentieren, haben die Cottbuser gut genutzt, genau wie nach ihnen auch die Magdeburger und heute die Potsdamer. Die Bundesgartenschauen bauen so auch Brücken zwischen Menschen in den alten und neuen Ländern. Das halte ich auch zehn Jahre nach der deutschen Einheit für eine ganz wichtige Aufgabe.

Wer die Bundesgartenschauen in Cottbus, Magdeburg oder Potsdam besucht hat, der wird von vielen Vorurteilen Abschied nehmen. Wer hierher kommt, der wird gastfreundliche und aufgeschlossene Menschen erleben, die ihre Städte und Landschaften liebevoll gestalten und gerne zeigen, was sie in den letzten Jahren alles geschafft haben. Nach Potsdam werden Rostock, München und Gera, gemeinsam mit Ronneburg, folgen. Ich bin gespannt auf das, was diese Bundesgartenschauen bringen werden.

Nun will ich mir ein wenig genauer ansehen, was die Gärtner und Landschaftsarchitekten, die Städtebauer und Planer hier in Potsdam zustande gebracht haben. Fahrstühle gibt es hier ja glücklicherweise nicht. Sonst könnte uns das passieren, was Theodor Heuss vor fast fünfzig Jahren in Hamburg widerfahren ist. Damals wollten die Stadtväter dem Bundespräsidenten voll Stolz die Sicht vom Philips-Turm auf das BUGA-Gelände eröffnen. Hinauf gehen sollte es mit dem Fahrstuhl. Heuss wollte nicht so recht. "Wenn ich drin bin, fahren die Dinger nie" meinte er - und der Versuch gab ihm Recht. Mit den zwei Besuchern, die nach Heuss den Fahrstuhl betraten, so wußte die Hamburger Morgenpost damals zu berichten, sauste der Fahrstuhl anstandslos nach oben. Für die Stadtväter war das ein wenig peinlich.

Ich werde die komplizierte Technik heute nicht versuchen - das ist besser für alle Beteiligten - und mich lieber auf meine Füße und meine Schuhe und ein Velo-Taxi verlassen.

Darauf freue ich mich.