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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Eröffnung der ständigen Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin

Das Museum, das wir heute eröffnen und das ab übermorgen allen offen steht, ist ein besonderes Museum.

Das Jüdische Museum Berlin soll uns vertraut machen mit "Zwei Jahrtausenden deutsch-jüdischer Geschichte". Das ist ein ehrgeiziges, ein eigentlich unerreichbares Ziel.

"Zwei Jahrtausende deutsch-jüdischer Geschichte" zu zeigen und anschaulich zu machen, das ist nicht nur ehrgeizig, das ist auch dringend notwendig. Wie viele wissen denn, dass es schon seit fast zweitausend Jahren jüdisches Leben im Gebiet des heutigen Deutschland gibt?

Die erste Urkunde, die jüdisches Leben auf deutschem Boden bezeugt, stammt aus dem Jahre 321. Damals bestimmte der römische Kaiser Konstantin der Große, dass Juden in die Kurie, heute würden wir sagen: in den Stadtrat von Colonia Agrippina, dem heutigen Köln, gewählt werden können. Sie hatten also schon seit Jahrzehnten dort gelebt.

Die meisten Juden, die sich später auch in anderen Zentren am Rhein und an der Mosel angesiedelt haben, lebten zunächst von der Landwirtschaft. Später gab es unter ihnen Weinbergbesitzer, Kaufleute, Handwerker oder Ärzte.

Wir wissen bis heute wenig über den Alltag der Juden in Städten wie Speyer, Worms, Mainz und Trier in den ersten Jahrhunderten. Sie haben in eigenen Gemeinschaften gelebt. Im frühen Mittelalter waren sie den meisten ihrer christlichen Nachbarn fremd, aber sie haben am Alltagsleben teilgenommen.

Mit den Kreuzzügen hat sich das Verhältnis zwischen Christen und Juden dramatisch geändert. Schon während des ersten Kreuzzugs (1096) haben Kreuzfahrer fünftausend Juden umgebracht. Damit begann eine neue, eine verhängnisvolle Phase der Geschichte der Juden in Deutschland und in Europa, die - mit Unterbrechungen - bis ins 18. Jahrhundert, bis zur Aufklärung, gedauert hat.

Das waren Jahrhunderte der Aussonderung, der Abgrenzung und der Verfolgung: Juden mussten einen gelben Fleck auf ihrer Kleidung tragen. Schritt für Schritt sind sie aus der Landwirtschaft, aus dem Fernhandel und aus vielen Berufen vertrieben und in andere Berufe hineingedrängt worden.

Sie wurden Opfer absurder Beschuldigungen und Phantasien. "Ritualmord" und "Brunnenvergiftung" wurden ihnen vorgeworfen. Auch für die Pest sollten sie verantwortlich sein. Solche Anschuldigungen provozierten in Zeiten religiöser, wirtschaftlicher und politischer Konflikte überall in Europa Verfolgung und schreckliche Pogrome und dienten zugleich deren Rechtfertigung.

II.

Ungeachtet aller Verfolgung, ungeachtet aller Ausgrenzung und Benachteiligung hatten die jüdischen Gemeinden in Deutschland und in Europa ein intensives religiöses, soziales und kulturelles Gemeindeleben. Dazu gehörte eine reichhaltige jiddische Literatur.

Jiddisch und Deutsch haben sich gegenseitig befruchtet. Im Jiddischen hat sich eine frühe Form des Deutschen erhalten, und viele jiddische Lehnwörter und Redewendungen finden sich noch heute im Deutschen.

Juden haben nicht abgeschottet gelebt, sondern in regem Austausch mit ihrer Umwelt. Sie wirkten über die eigene Gemeinschaft hinaus in die ganze Gesellschaft hinein. Lassen Sie mich nur zwei Beispiele nennen:

Die Schriften von Aristoteles waren Jahrhunderte lang in Westeuropa unbekannt. Jüdische Gelehrte waren es, die sie aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt und im 12. Jahrhundert wieder nach Westeuropa gebracht haben.

Juden haben zur höfischen Kultur Europas beigetragen. Ich erinnere an Süßkind von Trimberg, den Minnesänger.

Juden haben also nicht erst seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der deutschen und der europäischen Kultur geleistet. Sie waren daran von Anfang an beteiligt. Die Wurzeln Europas liegen nicht allein im Christentum. Zu den Wurzeln Europas gehört auch die jüdische Kultur - übrigens auch die islamische.

III.

Der Beitrag von Juden zur Wissenschaft, zu Kunst und Kultur in Deutschland und Europa ist außerordentlich, wenn wir nur an die letzten drei Jahrhunderte denken. Stellvertretend für viele andere nenne ich Moses Mendelssohn, Rahel Varnhagen, Heinrich Heine, Max Liebermann, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler, Albert Einstein, Theodor W. Adorno und den kürzlich gestorbenen Hans Mayer.

So unverwechselbar jede und jeder von ihnen war, so unverwechselbar gehören sie zu der über Jahrhunderte gewachsenen deutsch-jüdischen Kultur.

Das Museum, das wir heute eröffnen, möchte uns diese Kultur in all ihren Facetten nahbringen. Das Jüdische Museum Berlin will und soll kein Holocaust-Museum sein.

Das ist eine wichtige und richtige Entscheidung. Heute wissen ja nicht nur viele junge Leute von der Geschichte der Juden in Deutschland und in Europa nur eines:

dass die Nationalsozialisten den Massenmord an den europäischen Juden geplant und exekutiert haben.

Wir müssen die Erinnerung an diese Katastrophe wach halten. Das tut auch dieses Gebäude, das tut auch die Ausstellung, die wir heute eröffnen. Das darf aber nicht zu dem Fehlschluss führen, dass der Holocaust die Summe der deutsch-jüdischen Geschichte sei.

Dem müssen wir entgegen treten. Da leistet dieses Museum einen ganz wichtigen Beitrag. Die Nationalsozialisten wollten die europäischen Juden ja nicht nur physisch vernichten, sondern auf immer auch darüber bestimmen, wie jüdische Kultur und wie die deutsch-jüdischen Beziehungen dargestellt werden.

Darum ist es so wichtig, dass wir in diesem Museum Zeichen und Zeugnisse der deutsch-jüdischen Beziehungen aus fast zweitausend Jahren finden.

Wenn wir uns mit dieser Geschichte in ihrer Gesamtheit vertraut machen, dann wird uns noch stärker bewusst werden, wie schwer der Verlust wiegt, den wir uns auch selber durch den Holocaust zugefügt haben.

IV.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte sich wohl niemand in Deutschland das unsäglich Schreckliche vorstellen können, das zwischen 1933 und 1945 geschehen ist.

Die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden hatte sich langsam und schrittweise durchgesetzt. Mit der Verfassung des Deutschen Reichs von 1871 hatten Juden erstmals gleiche Rechte und Pflichten wie alle anderen deutschen Staatsbürger. Erst recht galt das für die Verfassung der ersten deutschen Republik 1919.

Gewiss stellten sich seit dem Deutschen Kaiserreich antisemitische Parteien zur Wahl. Weder im Kaiserreich noch in der Weimarer Republik bis kurz vor 1933 konnten sie aber bestimmenden Einfluss gewinnen.

Wir wissen natürlich, dass Juden in vielen gesellschaftlichen Bereichen diskriminiert wurden. Ein besonders abschreckendes Beispiel war der Historiker Heinrich von Treitschke mit seinen antisemitischen Ausfällen. Zur deutschen Geschichte gehört aber auch, dass ein anderer Historiker, Theodor Mommsen, Treitschke klar und unmissverständlich entgegengetreten ist und die deutschen Juden gegen Verleumdung und Infamie verteidigt hat.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien vielen der Antisemitismus ein Relikt aus unaufgeklärten Zeiten, das die moderne Gesellschaft zum Verschwinden bringen werde.

Für viele Juden war Deutschland ganz selbstverständlich ihr Vaterland. Sie waren geachtete Staatsbürger und fest in der Gesellschaft integriert.

V.

Gerade deshalb stellen so viele seit einem halben Jahrhundert die Frage, wie es zu Auschwitz kommen konnte. Auch ich kenne keine schlüssige Antwort.

Gewiss: Ohne den religiösen, ohne den ökonomischen und ohne den rassistischen Antisemitismus wäre der Holocaust nicht möglich gewesen; einen Automatismus aber hat es nicht gegeben.

Bis heute hört man die Behauptung, die deutschen Juden hätten ihre Situation in der deutschen Gesellschaft völlig verkannt. Hätten sie die antisemitischen Tendenzen ernst genommen, dann wäre ihnen klar geworden, wohin das führen wird.

Ich kann dieses Argument verstehen, weil es der Versuch ist, etwas Unfassbares zu erklären. Verständlich ist dieses Argument, richtig ist es nicht.

Es stimmt: In der Geschichte gibt es wenig, was wirkungsmächtiger ist als Traditionen, die über Jahrhunderte gewachsen sind.

Es stimmt aber auch, dass es in der Geschichte Brüche gibt, die man nicht voraussehen kann und die man auch im Rückblick nur schwer verstehen kann, wenn sie überhaupt zu verstehen sind.

Der Holocaust war ein solcher Bruch. Er war ein Zivilisationsbruch und eben nicht das von Anfang an absehbare böse Ende jüdischen Lebens in Deutschland. Der Holocaust war weder im deutschen Wesen noch in der deutschen Geschichte angelegt. Die Schuld für das, was den deutschen und europäischen Juden angetan worden ist, tragen die, die den Massenmord geplant, angeordnet und begangen haben.

VI.

Zur Geschichte der deutsch-jüdischen Beziehungen gehören auch Frauen und Männer in Deutschland, die Juden in der Zeit schlimmster Verfolgung geschützt, versteckt und gerettet haben.

Einer dieser Männer ist der Besen- und Bürstenbinder Otto Weidt, der bis 1945 in seiner Blindenwerkstatt in der Rosenthaler Straße hier in Berlin Juden beschäftigt, andere versteckt und ihnen so das Leben gerettet hat.

Otto Weidt gehört zu den "Stillen Helden", von denen es viel weniger gegeben hat, als wir uns das heute wünschen. Es waren aber doch viel mehr, als wir lange gewusst haben.

Darum ist es ein ganz wichtiges Zeichen, dass die Räume der Blindenwerkstatt Otto Weidt, die fast unverändert erhalten sind, heute als Dependance zum Jüdischen Museum Berlin gehören.

Ich finde es großartig, dass auf diese Weise an Männer und Frauen erinnert wird, die gezeigt haben, dass es selbst im Dritten Reich Entscheidungsspielräume und Handlungsmöglichkeiten gegeben hat. Das oft gehörte Argument, man habe eben nichts tun können, hält vor dem Beispiel dieser Menschen nicht stand.

Auch das gehört zur Geschichte der deutsch-jüdischen Beziehungen. Auch das sollten wir gerade an die jungen Menschen weitergeben, die wir für die Geschichte interessieren wollen. Engagement für Humanität und Menschenwürde entsteht ja nicht nur in der Auseinandersetzung mit den Schrecken der Vergangenheit. Solches Engagement entsteht auch dann, wenn wir die Lebensgeschichte von Menschen kennenlernen, die unter schwierigsten Bedingungen Humanität gelebt haben.

Zivilcourage braucht positive Beispiele.

VII.

Das Jüdische Museum Berlin möchte bewusst kein Ausstellungsort sein, an dem Geschichte in Vitrinen eingeschlossen und aufbewahrt wird. Dies Museum will ein Lehr- und Lernort sein. Es soll ein Ort der Begegnung werden für Jung und Alt, für Juden und Nicht-Juden, für Menschen unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen Kulturen.

Das ist schon dem leeren Gebäude gelungen: Seit seiner Eröffnung vor zwei Jahren haben fast eine halbe Million Menschen diesen faszinierenden Bau besucht. Daniel Libeskind hat damit einen unverwechselbaren Akzent gesetzt für die Architektur des neuen Berlin.

Dies Museum wird das Bewusstsein für den großen Beitrag wecken, den viele jüdische Deutsche und deutsche Juden zu unserer Kultur geleistet haben.

Das Jüdische Museum Berlin zeigt uns, dass jüdische und deutsche Geschichte mehr sind als Holocaust und Drittes Reich.

Ich wünsche mir, dass das Museum den Blick dafür schärft, wohin Vorurteile und Ressentiments führen können und dafür, dass es zu Toleranz und friedlichem Zusammenleben keine humane Alternative gibt. Intoleranz und Missachtung fangen übrigens bei der Sprache an.

VIII.

Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, wäre ohne die vielen Leihgeberinnen und Leihgeber aus aller Welt nicht denkbar, die bereit waren, dem Museum auch ganz persönliche Erinnerungsstücke zu überlassen.

Das ist vielen gewiss nicht leicht gefallen angesichts der Geschichte ihrer Familien. Ich möchte ihnen allen, ob sie hier sein können oder nicht, meinen Dank und meinen Respekt sagen.

Der Zeitpunkt der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin ist gut gewählt. Am 18. September beginnt nach dem jüdischen Kalender der siebte, der heilige Monat mit dem Fest Rosh Hashana. Ihm folgen Jom Kippur und das Laubhüttenfest. Mit diesen Festen beginnt das jüdische Jahr. Damit stehen sie im Zeichen von Erinnerung und der Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Dass wir die Erinnerung wach halten und so zu einer guten Zukunft beitragen, darin sehe ich das Geschenk dieses Tages.