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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Jubiläumsfeier 200 Jahre Herder Verlag in Freiburg im Breisgau

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

I.

Ein Verlag, noch dazu ein christlicher Verlag, wird in diesen Tagen 200 Jahre alt. Das ist ein Grund zum Feiern, und dafür bin ich gern in den Südwesten Deutschlands gekommen. Bartolomä Herder, der Ur-, Ur-, Urgroßvater des jetzigen Verlegers Manuel Herder, hat vor zweihundert Jahren im Alter von siebenundzwanzig Jahren eine Bestallungsurkunde des Fürstbischofs von Meersburg bekommen. Darin stand, dass er eine Buchdruckerei anlegen und Buchhandel treiben könne.

Fast genau hundertfünfzig Jahre später habe ich mit meiner Ausbildung zum Verlagsbuchhändler begonnen. Das war nicht am Bodensee, sondern beim Verlag Emil Müller in Wuppertal. Ich hätte damals mit achtzehn Jahren nicht gesagt, ich wolle "vermittels des Buchhandels durch Verbreitung guter Schriften in das Leben eingreifen", wie es Bartolomä Herder zugeschrieben wird. Etwas Ähnliches hat mir damals aber durchaus auch vorgeschwebt, und ich habe viele Jahre mit Freude im Verlagswesen gearbeitet.

Mich hat es dort dann auf Dauer nicht gehalten, aber ich denke, dass ich heute noch davon geprägt bin. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter merken das immer wieder.

II.

Was war das für ein Deutschland, in dem Bartolomä Herder 1801 seinen Verlag gründete?

Von Deutschland kann man im Grunde in dieser Zeit gar nicht sprechen. Ich nenne nur Stichworte und rufe Bekanntes in Erinnerung: Das Heilige Römische Reich deutscher Nation bestand aus Territorialstaaten, deren Grenzen nicht mit dem Gebiet des heutigen Deutschland identisch waren. 1801 stand das Heilige Römische Reich deutscher Nation kurz vor der Auflösung. Die Französische Revolution hatte es nicht verschont. Die französischen Armee hatte Teile der deutschen Territorien besetzt. Einige Teilstaaten schlossen sich sogar freiwillig an das französische Empire an. Der zweite Koalitionskrieg zwischen Frankreich und Österreich war gerade zuende gegangen, der dritte Koalitionskrieg stand vor der Tür.

Das waren Umbruchzeiten. Das waren aber auch Zeiten voller Chancen für neue Anfänge. Viele Staaten reformierten ihre Verwaltung, ihr Steuersystem und ihr Militär. Vielerorts wurde die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben. Auch die Emanzipation der Juden machte Fortschritte.

Im Gefolge der Französischen Revolution kam es in Europa auch zu tiefgreifenden Veränderungen im Verhältnis von Staat und Kirche: Die Säkularisation, die Trennung von Staat und Kirche, begann. 1801 - das war zwei Jahre vor dem sogenannten Reichsdeputationshauptschluss, dem eigentlichen Datum der Säkularisierung.

In dieser Zeit - die Gründung eines christlichen Verlages? Das war mutig, und das konnte gewiss nur jemand durchsetzen, der genau wusste, was er wollte. Nach allem, was ich über Ihren Herrn Ur-, Urgroßvater, verehrter Herr Dr. Hermann Herder, gehört habe, scheint es Bartolomä Herder an Willensstärke nicht gemangelt zu haben.

III.

Wenn man 1801 jemanden in Meersburg im Bistum Konstanz am Bodensee gefragt hätte, ob er Deutscher sei, hätte er die Frage vermutlich nicht verstanden. Die Menschen fühlten sich damals eher einer Region zugehörig. Wenn man von den Bürgern der freien Reichsstädte einmal absieht, fühlten sich die meisten Menschen als Untertanen von Landesherren und nicht als freie Bürger einer Nation.

Die Idee der Nation war ein Kind der Französischen Revolution. Für viele ihrer damaligen Befürworter war die Nation, war der Nationalstaat verbunden mit der Vorstellung von Volkssouveränität, mit der Idee der Demokratie. Die Geschichte der folgenden zweihundert Jahre zeigte allerdings, dass Nationalstaat und Demokratie nicht identisch sein müssen.

Was für ein Deutschland haben wir 2001? Wir feiern das zweihundertjährige Jubiläum des Herder Verlags wenige Monate vor der Einführung des Euro in den meisten der Länder der Europäischen Union. Das ist ein weiterer Schritt auf dem Weg, die bisherige Ordnung der Nationalstaaten in eine neue europäische Ordnung einzufügen. Solche Entwicklungen lösen Ängste aus, aber sie setzen auch Kräfte frei.

Hier in Freiburg, im Dreiländer-Eck aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich liegen solche Gedanken besonders nahe. Auch der Bodenseeraum, an dem Bartolomä Herder sein erstes Verlagshaus eröffnete, war immer schon von ganz unterschiedlichen Einflüssen bestimmt.

IV.

Die Geschichte der katholischen Kirche war von Beginn an von Universalismus geprägt. Das war im Zeitalter der Nationalstaaten besonders anstößig. Das sogenannte landesherrliche Kirchenregiment - auch das brauche ich hier nur anzudeuten - war eine stärker protestantische Eigenheit. Die katholische Kirche wurde an vielen Orten und in unterschiedlichen Regierungsverhältnissen misstrauisch beäugt, weil sie unter dem Verdacht stand, nationale Autorität geringer zu achten als die Autorität des Bischofs von Rom.

Für Herder hat es nie nur den nationalstaatlichen Bezug gegeben. Der Herder Verlag hat bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil lateinische Messbücher gedruckt, die auf der ganzen Welt, man möchte sagen: in der ganzen katholischen Welt, verteilt wurden. Wenn ich mir die Adressen anschaue, unter denen verlegerisch tätige Mitglieder der Familie zu erreichen sind, - New York, Barcelona, Rom, Wien, Basel - , spricht auch das die Sprache der Weltkirche.

V.

Es gibt wenige mittelständische Betriebe, die auf eine ununterbrochene Familiengeschichte zurückblicken können. Der Herder Verlag kann das mit Stolz tun. In der Geschichte einer Familie spiegelt sich immer auch die Zeitgeschichte. In den vergangenen zweihundert Jahren hat der Herder Verlag an der wechselhaften Geschichte Deutschlands teilgenommen, in den Zeiten des sogenannten Kulturkampfs ebenso wie zur Zeit des Nationalsozialismus - um nur zwei besonders schwierige Epochen anzusprechen.

Kurz vor dem Ende des vergangenen Jahrhunderts ist im Herder Verlag wieder ein Generationswechsel gelungen. Dr. Hermann Herder hat in Freiburg den Stab an seinen Sohn Manuel Gregor Herder übergeben. Wie die lange ununterbrochene Familiengeschichte ist auch der geglückte Wechsel kein Regelfall. Ich möchte Ihnen dazu besonders herzlich gratulieren.

VI.

Die wechselnden Generationen und die wechselnde Geschichte spiegeln sich auch im Verlagsprogramm, das von Beginn an christlich geprägt war. Die Vielfalt der Meinungen und Weltanschauungen der modernen Welt kommt darin seit langem zum Ausdruck.

Wollte ich die verschiedenen Sparten und Programmbestandteile aufzählen, dann bliebe ich schon aus Zeitgründen unvollständig. Neben ungezählten Bibeln, Konkordanzen, Mess- und Gesangbüchern ist als "theologischer Klassiker" das "Lexikon für Theologie und Kirche" zu nennen oder in jüngster Zeit besonders die Gesamtausgabe der Werke von Edith Stein. Es ist ein besonderes Verdienst des Verlages, dass uns die Werke dieser bedeutenden jüdisch-katholischen Philosophin der Öffentlichkeit neu zugänglich sind.

Die Reihe "Herder Spektrum" wird in diesem Jahr zehn Jahre alt. So lange ich mich erinnern kann, liegt die "Herder Korrespondenz", diese wichtige Zeitschrift, am Beginn jeden Monats auf meinem Schreibtisch - wo immer der auch steht.

Ich erinnere mich auch an viele Monographien - und wenn ich mich hier umsehe, dann erkenne ich so manchen Autor und so manche Autorin wieder. Ich breche die Aufzählung hier ab. All die genannten Bereiche eint das Motto "Der Geist schafft Leben", das Sie sich zum 150. Verlagsjubiläum über die Haustür haben schreiben lassen.

Der Geist ist es, der lebendig macht, so kann man diesen Teilvers aus dem sechsten Kapitel des Johannesevangeliums, Vers 63, auch übersetzen. Das ist ein anspruchsvolles und ein vielversprechendes Wort.

Wenn Menschen heutzutage vom Geist sprechen, dann meinen viele seinen kleinen Bruder, den Zeitgeist. Um den ging es Ihnen gerade nicht, auch wenn Sie ihn von Beginn an nicht übersehen haben.

Zu diesem besonderen Tag wünsche ich Ihnen, dass Sie im Chor der Wahrheitssuchenden auch weiterhin auswählen und auch die Unterscheidung der Geister nicht aus dem Blick verlieren. Ich wünsche Ihnen, dass Sie der Tradition der christlichen Kirchen verbunden bleiben, so eigenständig und unabhängig wie sie das schon seit zweihundert Jahren sind. Der Geist Gottes sollte dabei als Beistand und Lehrer dienen - wie es im Johannesevangelium heißt.

VII.

Nicht zuletzt bin ich gerne zu Ihrem Jubiläum gekommen, weil ich ein Freund des Lesens bin. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat im letzten Jahr eine Untersuchung über das Leseverhalten der Deutschen vorgelegt. Diese Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Menschen in diesem Land immer weniger lesen und statt dessen immer mehr Zeit vor dem Fernseher oder vor dem Computer verbringen. Das gilt für Kinder und Jugendliche genauso wie für Erwachsene. Das heißt nicht, dass der allgemeine Wissensstand der Menschen zurückgeht. Wir lernen heute andere Dinge als früher und anders als früher.

Ich halte das dennoch für eine bedauerliche und für eine gefährliche Entwicklung. Wir hören immer mehr Stimmen aus der Wirtschaft, die uns darauf hinweisen, dass manche Lehrstellenbewerber nicht angenommen werden können, weil sie nicht gut genug lesen und schreiben können. Wir hören auch, dass Lesefähigkeit die Grundvoraussetzung dafür ist, mit dem Computer sinnvoll umzugehen. Dazu braucht man ja mehr, als ein paar Tasten bedienen zu können. Ich freue mich deshalb darüber, dass mit Ihrem blühenden Verlag ein Unternehmen in die Zukunft blickt, das nicht nur Bücher produziert, sondern auch immer neu die Freude am Lesen weckt. Ihr Verlag trägt dazu bei, dass das Buch in der Gesellschaft seinen entscheidenden Stellenwert hat und weiter behält.

Ich wünsche Ihnen zu diesem Tag alles Gute. Ad multos annos!