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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Preisverleihung für den Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte, 10. Oktober 2001, Schloss Bellevue

Meine Damen und Herren,

seien Sie herzlich willkommen hier im Schloss Bellevue.

Voltaire hat in seinem Artikel "Geschichte" in der "Enzyklopädie" vier Arten von Geschichte unterschieden. Die Geschichte der Natur, die Geschichte der Ereignisse, die Geschichte der Künste und die Geschichte der Anschauungen.

Nun war der Begriff "Geschichte der Natur" schon zu Voltaires Zeiten fast überholt. Er meint die Erfassung und die Beschreibung der Natur. Mit Geschichte im heute gebräuchlichen Sinne, auch mit Naturgeschichte, hat dieser Voltairsche Begriff wenig zu tun.

Dass hingegen Geschichte und Ereignisgeschichte ein und dasselbe sind, glauben bis heute viele Menschen. Sie haben dabei meist die Ereignisse im Staat und in der Politik im Sinn und manch einer erinnert sich mit Grausen an die vielen Daten so genannter "weltgeschichtlicher Ereignisse", die er in der Schule hat auswendig lernen müssen. Ich habe beispielsweise noch immer das alte "Drei drei drei, bei Issos Keilerei" und die wichtigsten Jahreszahlen der Punischen Kriege und des Dreißigjährigen Krieges im Gedächtnis und viele solcher Daten, die mit dem eigenen Leben wenig zu tun haben. Diese Art von Geschichtsunterricht gibt es heute hoffentlich nur noch selten. Gerade die jüngsten Ereignisse in den Vereinigten Staaten, die gestern vier Wochen her waren, haben deutlich gemacht, dass das Gerede vom scheinbar unvermeidlichen Schwinden staatlicher Macht und vom Bedeutungsverlust der Politik höchstens eine Halbwahrheit ist. Da, wo es um den inneren und äußeren Frieden geht, also um die Voraussetzung aller Zivilisation, da bleiben der Staat und die Politik die entscheidenden Akteure. Sie sind verwundbar, das haben wir gesehen. Aber sie sind nicht ersetzbar. Das werden wir erfahren.

Das heißt freilich nicht, dass Geschichte in der Geschichte von Staat und Politik aufgeht. Gerade in der "verspäteten Nation" Deutschland hat man das zu lange geglaubt. Das neunzehnte und auch noch das zwanzigste Jahrhundert waren Zeiten, in denen die deutsche Geschichtswissenschaft wahrlich bedeutend war. Es waren aber auch Zeiten, in denen viele in Deutschland den Staat zu einem Götzen machen wollten, der über den Bürgern steht, über ihren Interessen, über ihren Wünschen und ihren Meinungen, aber auch über Recht und Moral, und dessen entscheidende Leistung der Sieg im Krieg sein sollte. Wohin das geführt hat, wissen wir alle.

Das Blatt zu wenden, staatlichen Einfluss und staatliche Macht auf das notwendige Maß zu begrenzen, aus dem Obrigkeitsstaat eine demokratische Ordnung zu machen, die dem Frieden und dem Recht verpflichtet ist, all das hat in Deutschland sehr lange gedauert und viele Kämpfe gekostet. Die Auseinandersetzung darüber, was Thema von Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung sein soll, war ein Teil dieser Kämpfe.

In der ältesten noch gültigen deutschen Landesverfassung, das ist die Hessische Verfassung, die 1946 durch Volksentscheid angenommen wurde, heißt es in Paragraf 56: "Der Geschichtsunterricht muss auf getreue, unverfälschte Darstellung der Vergangenheit gerichtet sein. Dabei sind in den Vordergrund zu stellen die großen Wohltäter der Menschheit, die Entwicklung von Staat, Wirtschaft, Zivilisation und Kultur, nicht aber Feldherren, Kriege und Schlachten. Nicht zu dulden sind Auffassungen, welche die Grundlagen des demokratischen Staates gefährden."

Das zeigt, wie klar die Väter und Mütter der hessischen Verfassung nach der moralischen und politischen Katastrophe des Naziregimes den engen Zusammenhang von demokratischer Ordnung und Geschichtsbewusstsein erkannt haben.

In einer demokratischen Gesellschaft muss die Auseinandersetzung mit der Geschichte mehr sein als die Erinnerung an die häufig nur vermeintlich "Großen" in Staat und Politik, an ihr Handeln und an ihre Taten, die leider manchmal auch Untaten sind. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte muss das gesellschaftliche Leben in seiner ganzen Breite zu erfassen versuchen. Kulturelle, wirtschaftliche Aspekte der Entwicklung gehören genauso dazu wie politische, die Geschichte der kurzfristig bedeutsamen Ereignisse genauso wie die Geschichte der langfristig tragenden Strukturen, die Geschichte der herausragenden Momente im Leben einer Gesellschaft genauso wie ihr Alltag.

Dass Geschichte die Geschichte der Entwicklung der Bürgergesellschaft ist, davon wusste schon der zu Anfang zitierte Voltaire, als er bemerkte, die "Schürfstätte" der Historiker sei erstaunlich groß geworden, und als er die Geschichte der Künste, also die Geschichte der menschlichen Zivilisation, als die vielleicht nützlichste Art der Geschichte hervorhob.

Was aber ist mit dem vierten Teil, von dem Voltaire in der Enzyklopädie spricht, mit der "Geschichte der Anschauungen"? Beflügelt vom rationalistischen Überschwang seiner Zeit hat er gemeint, die Geschichte der Anschauungen sei ich zitiere "kaum etwas anderes als die Sammlung der menschlichen Irrtümer".

Man ist versucht, dem großen Spötter zuzustimmen, aber ist damit schon gesagt, dass die wechselnden menschlichen Anschauungen unwichtig sind, dass sie nur Abraum sind, der auf die Halden der Geschichte gehört, mit dem man sich aber nicht mehr zu beschäftigen braucht? Wer wie ich aus einem Land mit einer langen Bergbautradition kommt, der weiß, es ist gefährlich, Halden einfach sich selber zu überlassen. Es können sich Gase bilden, es kann zu Explosionen kommen, Feuer können entstehen, manchmal rutscht ein Hang in die Tiefe und begräbt die unter sich, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben.

Mit der Entwicklung der menschlichen Anschauungen, mit der Entwicklung unserer Irrtümer zumal, verhält es sich ganz ähnlich. Zivilisatorischer Fortschritt, das, was wir mit unseren Künsten hervorbringen, hat nur dann Bestand, wenn wir nicht nur die Ergebnisse der Forschung und des Fortschritts kennen und genießen, sondern auch die Wege, die dahin geführt haben.

Es stimmt ja, dass uns die Geschichte nicht nur klug für einmal, sondern weise für immer machen soll, aber das kann sie nur, wenn sie uns nicht nur die Wege, sondern auch die Abwege der menschlichen Mentalität und der unterschiedlichen Anschauungen zeigt, wenn sie durchsichtig macht, wie Irrtümer entstehen und wie mühsam es häufig ist, sich von ihnen zu befreien. Erst wenn das gelingt, wird aus unreflektierter Tradition Geschichte, und erst dann wird aus äußerer innere Zivilisation. Darum ist auch die von Voltaire mit Skepsis betrachtete "Geschichte der Anschauungen" ein wichtiger, ein unverzichtbarer Teil der historischen Kultur unserer Bürgergesellschaft.

II.

Johann Gottfried Herder, der Braunschweiger in Weimar, sagt über den Menschen: Alle Mängel und Bedürfnisse als Tier waren dringende Anlässe, sich mit allen Kräften als Mensch zu zeigen.

Das ist uns gar nicht so schlecht bekommen, den Tieren allerdings schon. Wir haben sie über lange Zeit zum Inbegriff all dessen gemacht, was uns an uns selbst und was uns in der Natur Angst und Schrecken einflößt. Wildheit und Primitivität, Zügellosigkeit und Gefährlichkeit, das sind bis heute Attribute, die wir mit dem Tiersein verbinden und aus denen wir unseren Herrschaftsanspruch ableiten. Das Wildsein der Tiere ist gewissermaßen der Beleg unserer eigenen Zivilisiertheit. Die Wölfe müssen die Zähne fletschen, damit unser Lächeln lieblicher wirkt.

Sagen Sie bitte nicht, dass diese Denkungsart, oder diese Anschauungen, wie ich das nach Voltaire nenne, der Vergangenheit angehörten. Sie hat zwar ein älteres Entstehungsdatum, aber tobt nicht gerade wieder einmal der Tyrannosaurus Rex durch die Kinderzimmer und gehört nicht das pechschwarze Glibbermonster "Alien" nach wie vor zu den Megastars der Kinoleinwand?

Man soll ja nicht übertreiben. Schon in der Antike hat es Menschen gegeben, die den Tieren nicht nur Schlechtes zugetraut haben. Das Tier als der bessere Mensch, das ist ebenfalls eine sehr alte Vorstellung.

In der Neuzeit haben solche Anschauungen mehr und mehr an Boden gewonnen. In dem Maße, in dem wir unserer eigenen Zivilisiertheit sicher sein konnten, brauchten wir die Wildheit der Tiere nicht mehr als Stütze für unser eigenes Menschsein. Das Tier als Verkörperung unserer freundlichen Seiten, als Echo unserer eigenen Zivilisiertheit, als Widerschein unserer Individualität und unserer Sentimentalität ist mittlerweile wohl genauso wichtig geworden, wie das Tier als Projektionsfläche unserer dunklen Seiten, als Inbegriff von Wildheit und Ungezügeltheit.

Ist das zivilisiert? Ja, schon, und auch das, was wir im Tierschutz erreicht haben, ist ja nicht gering zu schätzen. Darauf habe ich kürzlich in Wiesbaden beim 120. Jahrestag der Gründung des Tierschutzbundes hingewiesen.

Damit wir selber vorankommen auf dem Weg unserer eigenen Zivilisation, müssen wir aber noch mehr tun: Tierschutz mit den Mitteln des Rechts ist gut und wichtig, aber mindestens ebenso wichtig scheint mir, dass wir Herr unserer eigenen Anschauungen werden, unserer kollektiven Projektionen, unserer Wünsche und Ängste, die uns den Blick auf die Tiere und den angemessenen Umgang mit ihnen erschweren. Es kommt nicht darauf an, aus dem unablässig wild um sich schlagenden King Kong einen von zarter Liebe beseelten, wenn auch etwas zu groß geratenen netten Kerl in Affengestalt zu machen, und auch der Kitschpudel ist wohl nicht die Alternative zum bösen Märchenwolf. Die Alternative ist, dass wir die Funktion erkennen, die sowohl dämonisierende Abgrenzung als auch romantisierende Identifikation in der Auseinandersetzung mit den Tieren für unsere eigene Zivilisierung gehabt haben und dass wir lernen, ohne diese Krücke auszukommen. Erst wenn das geschieht, können wir mit Recht behaupten, dass wir zivilisiert sind. Erst dann werden wir mit den Tieren in einer Gemeinschaft leben können, die liebevoll und nüchtern, frei und doch voll Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe ist.

III.

Dafür, dass wir diese Klarheit des Geistes erreichen, dafür brauchen wir die Historiker, denn wer sonst könnte uns den Spiegel vorhalten, der die Wege und Irrwege unserer Anschauungen zeigt, die hinter uns liegen, die wir aber kennen müssen, wenn wir wirklich neue Wege gehen wollen?

Ich freue mich darüber, dass die für den Wettbewerb Verantwortlichen den Mut gehabt haben, das in unserer Geschichtskultur immer noch ungewöhnliche Thema "Genutzt - Geliebt - Getötet. Tiere in unserer Geschichte" für den Wettbewerb auszuwählen.

Ich habe davon gesprochen, dass man in Deutschland Geschichte lange Zeit mit der Darstellung der großen Ereignisse der Politik gleichgesetzt hat. Die Anfänge des Wettbewerbs stehen noch durchaus im Zeichen dieser Auffassung. "Vom Kaiserreich zur Republik" und "Demokratischer Neubeginn 1945/46" - das waren die Themen der ersten Wettbewerbe in den siebziger Jahren. Sie setzten zwar neue und wichtige Akzente, aber sie verharrten auf dem klassischen Feld der politischen Geschichte. Das hat sich sehr rasch geändert. Der Alltag in seinen vielen Facetten, die Lebenswelt wurde zunehmend zum Thema der Wettbewerbe. "Arbeitswelt und Technik im Wandel", "Wohnen im Wandel", "Tempo, Tempo ... Mensch und Verkehr in der Geschichte", so lauten einige Themen der späteren Wettbewerbe, und nun also geht es um das Tier in der Geschichte.

Jetzt wird der eine oder andere vielleicht sagen: Nun ist der Wettbewerb wirklich auf den Hund gekommen. Ich finde das nicht. Zumal ich Hundebesitzer bin. Dass dieser Wettbewerb nicht erst in diesem Jahr, sondern schon seit langer Zeit Themen aus der Lebenswelt, aus dem Umfeld der Schüler aufgreift, das zeigt ganz im Gegenteil, dass die für ihn Verantwortlichen wissen, um was es geht.

Geschichte ist das, was uns alle angeht. Das können Ereignisse in Politik und Geschichte sein, aber sie müssen es nicht sein. Es kommt darauf an, historisch sehen zu lernen. Das kann man fast an allen Themen lernen, denn jedes Spezialthema führt doch wieder zurück auf Fragen, die hinter jeder historischen Frage stehen: was wir sind, und wie wir es geworden sind. Dafür, dass die für den Wettbewerb Verantwortlichen es immer wieder verstehen, jungen Menschen originelle und spannende Zugänge zu diesen Fragen zu eröffnen, dafür möchte ich Ihnen danken, den Lehrerinnen und Lehrern, die die weit über 1.500 Beiträge begleitet und betreut haben, aber auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Körber-Stiftung, die auch in diesem Jahr den Wettbewerb mit sicherer Hand zu einem guten Ende geführt hat.

Das Pferd - so heißt es bei einem bekannten Autor des neunzehnten Jahrhunderts - sei neben dem Eisen das "absolute Organ, wodurch eine gegründete Macht herbeizuführen" sei. Wir sind mit der unverdienten Besserwisserei der Spätergeborenen versucht, über diese donnernde These milde zu lächeln. Ich will das gar nicht tun. Ich möchte vielmehr darauf hinweisen, dass dieses Diktum zur historischen Rolle des Pferdes die Thematik auf jeden Fall noch nicht ganz ausschöpft: Was ist zum Beispiel mit dem "Sperling zwischen Vogelmord und Vogelliebe", mit dem "Rennpferd des Kleinen Mannes", mit den "Tieren aus Stein", mit der "Geschichte der Bonner Pferdebahn" oder mit der "Entstehung des Schäferhundes"? Um darüber etwas zu erfahren, müsste man in die spannenden Arbeiten von Alexa und Frank, von Carola, von Sebastian und Sascha hineinschauen, in all die Texte, die Sie, liebe Schülerinnen und Schüler, in den letzten Monaten recherchiert und geschrieben haben. Ich habe das schon getan, als ich mich auf meine Rede beim Deutschen Tierschutzbund vorbereitet habe. Da habe ich das alles vorweg gelesen. Ich wünschte mir aber, dass noch viel mehr Menschen in unserem Land das tun können. Sie würden etwas lernen über die Geschichte unserer Anschauungen, über manche Irrtümer und Irrwege, aber auch über manches Schöne, und das wünsche ich Ihnen allen an diesem Vormittag.

Herzlich willkommen.