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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Empfang für den Deutschen Trachtenverband im Schloss Bellevue am 15. Oktober 2001

Herzlich willkommen im Schloss Bellevue!

So bunt ist es bei uns selten. Ich finde: Schloss Bellevue ist an einem solchen Tag viel schöner als sonst. Es ist nicht nur der Rahmen würdiger Staatsbesuche - hier war in der vergangenen Woche der slowakische Präsident Schuster, vor vierzehn Tagen der russische Präsident Putin, kurz davor der ägyptische Präsident Mubarak - hier sind Menschen aus aller Herren Länder, und beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten kommen manche der Botschafter auch in ihrer Nationaltracht zu uns. Das gibt dann immer die schönsten Fotos. Aber so viele Trachten wie heute, die hat es hier im Saal bisher nicht gegeben. Damit machen wir heute aus dem Schloss Bellevue ein Schaufenster für die lebendige Vielfalt der deutschen Länder, der Landschaften und der Landsmannschaften.

Der Reichtum an regionalen Trachten, den wir heute sehen und zeigen können, der hat meine Frau und mich auf den Gedanken gebracht, einmal Trachtengruppen aus ganz Deutschland hierher einzuladen. Wir danken Ihnen dafür, dass Sie diese Einladung angenommen haben.

Wir wollen Sie aber nicht alleine sehen, sondern wir möchten auch gerne etwas von Ihnen zeigen. Darum bin ich froh darüber, dass wir das Glück haben, dass viele der Frauen der Botschafter in Deutschland aus fünf Erdteilen heute hier sind, um mit uns deutsche Trachten anzusehen. Ich begrüße die Damen des Diplomatischen Corps auch im Namen meiner Frau ganz herzlich. Bitte erzählen Sie zu Hause von uns.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht - man überlegt bei jedem Termin seit dem 11. September: Kann man das noch machen? Immer denkt man: Muss ich das absagen, gehe ich da nicht hin? Ich finde nach allem Überlegen, nachdem es nun über einen Monat her ist: Das könnte den Terroristen so passen, dass sie unseren Tagesplan bestimmen. Das wollen wir nicht zulassen. Und darum wollen wir weiter leben und weiter zusammenkommen, wie es uns gefällt.

Ich habe übrigens bei der Vorbereitung dieses Tages viel gelernt: Ich habe gelernt, dass Trachten im Grunde aus der Neuzeit stammen. Dass, bevor es die Trachten gab, einheitliche Kleiderordnungen in Deutschland herrschten. Erst als die einheitlichen Kleiderordnungen abgeschafft wurden, konnten die Männer und die Frauen Selbstbewusstsein zeigen, indem sie Trachten erfanden. In den einzelnen Regionen unseres Landes war das ganz unterschiedlich. Die Trachten sind mehr oder weniger prachtvoll. Sie zeigen nicht nur die Einkünfte, sie zeigen auch die Herkünfte. Sie sind Ausdruck des Zusammengehörigkeitsgefühls im Tal, in der Heimatstadt, im jeweiligen Fürstentum. Das gleiche Tuch, der gleiche Schnitt der Kleidung zeigten, dass man zu einer solidarischen Gemeinschaft gehörte und dass man das schätzte.

Trachten sind immer eigenwillig gewesen, aber sie sind nie zu Uniformen geworden, denn es blieb immer viel Raum für Modisches, für kleine Eitelkeiten, die dem Leben erst die richtige Würze geben.

Auch heute steht das Trachtenwesen für Selbstbewusstsein, für Heimatverbundenheit und für Lebensfreude. Die Trachtenvereine und ihre Mitglieder pflegen das historische Brauchtum, sie erforschen die Heimatgeschichte, sie halten gute Traditionen wach und sie fördern das gesellige und festliche Miteinander. Wo Trachten sind, da sind auch Musik und Tanz nicht fern. Wir werden davon gleich noch einige Kostproben bekommen.

Ich habe immer wieder erfahren, das diese Mischung von Trachten und Musik und Tanz auch für junge Leute ausgesprochen attraktiv ist. Ich finde, Trachten können richtig cool aussehen, denn so mancher flotte Dreispitz und so mancher prächtige Seidenrock können es mit dem aktuellen Modeangebot für Teenager und Twens durchaus aufnehmen.

Ich bin im nächsten Jahr im August in Wendlingen Schirmherr über den Deutschen Trachtentag. Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Freude und Erfolg bei Ihrem schönen Hobby.

Uns allen wünsche ich noch einen schönen und heiteren Nachmittag hier im Schloss Bellevue. Ich heiße Sie alle noch einmal herzlich willkommen von Bayern bis Schleswig-Holstein, von Mecklenburg-Vorpommern bis zur Eifel und bis nach Sachsen und Thüringen. Es ist schön, so viel buntes Deutschland hier zu haben an diesem 15. Oktober.