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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau zur Preisverleihung des Siemens Award für mathematisch und naturwissenschaftlich orientierte Schulen

I.

Wer in Deutschland über Bildung spricht, der gerät leicht in die "Nebelfelder des deutschen Idealismus", von denen Hartmut von Hentig einmal gesprochen hat. In einem Buch, das im Augenblick ziemlich weit oben auf der Bestseller-Liste steht, habe ich gelesen, naturwissenschaftliche Kenntnisse würden zwar in der Schule gelehrt, sie trügen auch einiges zum Verständnis der Natur, aber wenig zum Verständnis der Kultur bei. Doch so bedauerlich es manchmal erscheinen möge, naturwissenschaftliche Kenntnisse müssten zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehörten sie nicht. Das schreibt Schwanitz.

Das ist ein Missverständnis, für das wir teuer bezahlen, wenn wir es einfach übernehmen, denn diese Sätze haben zwar den Charme des Unangepassten, aber sie sind ein Klischee, und zwar ein ganz altes. Die skeptische Einstellung gegenüber technisch-mathematischer Bildung, ihre Abwertung - eigentlich ist sie nicht wichtig und gehört nicht zur Kultur - gehört schon seit dem neunzehnten Jahrhundert zum Standardrepertoire der deutschen Kulturkritik. Hier ist es wie bei vielen anderen alten Zöpfen. Auch wenn sie einmal abgeschnitten sind, stolpert man immer wieder über sie, solange sie nicht ganz aus der Welt sind.

Die Geschichte der mathematischen-naturwissenschaftlichen Bildung an deutschen Schulen und Hochschulen ist so eine Geschichte des Stolperns über alte Zöpfe. Jedenfalls war sie es lange Zeit. Es hat viele, viele Jahre gedauert, bis sich die sogenannten Realgymnasien, an denen neben den neueren Sprachen auch die Naturwissenschaften zu ihrem Recht kamen, durchsetzen konnten. Dass man auch an technischen Universitäten einen Doktor machen konnte, ist gerade mal hundert Jahre her. Ich weiß noch, dass den Ingenieuren in Aachen die Aufnahme in den Fakultätentag verweigert worden ist.

Die Fachhochschulen, an denen heute die meisten deutschen Ingenieure ausgebildet werden, sind erst Ende der sechziger Jahre entstanden. 1969 gab es die berühmte "Drucksache zweiundsiebzig", mit der die damaligen Ingenieurschulen höher gestuft werden sollten, und bis heute hält sich in manchen Kreisen das Vorurteil, mathematisch-naturwissenschaftlicher Analphabetismus sei ein Ausweis höherer Bildung.


II.

Das ist aus zwei Gründen falsch. Ich fange mit dem naheliegenden Grund an. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt und dieser Wohlstand beruht keineswegs nur, aber doch in großem Maße auf unseren technischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten. Die deutsche Ingenieurwissenschaft gehört zur Weltspitze, und aus den erfolgreichsten Produkten der deutschen Industrie ist der Beitrag der deutschen Ingenieurwissenschaften nicht wegzudenken.

Noch viel stärker als früher gilt aber, dass die Ingenieurwissenschaften ein naturwissenschaftliches Fundament brauchen. Wenn man Werkstoffe bis auf die Ebene der Atome auf die jeweiligen Zwecke abstimmen und ausrichten kann und muss, dann braucht man eine ganze Menge naturwissenschaftlichen Wissens, um ein guter Ingenieur zu werden. Die Schulen müssen die Grundlage für dieses Wissen legen, auf der die Hochschulen dann aufbauen können. Das ist, wie gesagt, der naheliegende Grund dafür, dass Schule und Universitäten ausreichende mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse vermitteln müssen.

Bildung zielt ja aber nicht nur darauf ab, die Wirtschaft in Schwung zu halten und den Geldbeutel zu füllen. Damit sie etwas taugt, muss sie den ganzen Menschen erfassen, und auch dafür brauchen wir naturwissenschaftlich-technisches Wissen und Urteilsfähigkeit, entgegen manchen Vorurteilen und Klischees. Wer gar keine Ahnung hat von Naturwissenschaft und Technik hat, der versteht nicht nur wenig von der Natur, er versteht auch wenig von seiner eigenen alltäglichen Umgebung. Er ist fremd im eigenen Haus. Das ist nicht nur ein Fehler, sondern auch eine Bildungslücke.

Jürgen Mittelstraß, der Konstanzer Philosoph, hat einmal gesagt, Bildung ist Verwandlung der Welt in das Ich. Das klingt gebildet und deshalb schwer, aber es ist etwas ganz einfaches gemeint: Bildung bedeutet, dass sich jeder nach seinen Kräften und nach seinen Fähigkeiten die Welt, die ihn umgibt, zu eigen macht und dass er selber dabei verändert und geformt, eben: gebildet wird.

Wie sollte man dabei auf die Naturwissenschaften und auf die Technik verzichten können, die doch einen so großen Anteil unseres Alltags ausmachen? Dabei geht es nicht um die bloße Fähigkeit, technische Apparate zu bedienen. Es geht um das Wissen warum, um das Vertrautwerden mit der naturwissenschaftlich-technischen Art des Denkens. Sie kann und soll andere Formen des Denkens nicht ersetzen, aber ohne ihre Kenntnis können wir auch die politischen, die ethischen und die philosophischen Herausforderungen kaum bewältigen, vor denen wir heute stehen.

Eine so verstandene naturwissenschaftlich-technische Bildung ist also keine entbehrliche Zutat zu Philosophie und Literatur, zu Kunst und Musik, zu dem, was man bis heute landläufig unter Bildung versteht, sondern fester Bestandteil einer umfassenden Bildung. Sie ist ein Teil des Schlüssels zu dem Haus, in dem wir alle wohnen, und wer diesen Schlüssel nicht benutzen kann oder will, der bleibt draußen vor der Tür.


III.

Ganz gewiss haben viele von ihnen von den Umfragen und den Untersuchungen gelesen, die unseren Schulen vorrechnen, dass das Leistungsniveau in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern zu niedrig sei. Viele kennen auch die Klage der Universitäten über das nachlassende Interesse an natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen. Wie viele solcher Diskussionen würde auch diese davon profitieren, wenn sie ein wenig weniger aufgeregt geführt würde. Darüber will ich jetzt nichts sagen, aber dass wir es uns nicht leisten können und auch nicht leisten sollten, die naturwissenschaftlich-technische Bildung zu vernachlässigen, das ist sicher richtig und darum bin ich dankbar dafür, dass der BDA und Siemens die Initiative ergriffen haben, Schulen mit einem Preis auszuzeichnen, die die naturwissenschaftlich-mathematische Bildung besonders fördern.

Ich freue mich auch darüber, dass es zu den Zielen des Wettbewerbs gehört, das naturwissenschaftlich-technische Interesse bei Schülerinnen zu fördern. Das kann ja nicht so wie bisher nur eine Sache der Männer bleiben. Andere Länder profitieren schon sehr viel stärker als wir von der Arbeit hervorragender Ingeneurinnen und Naturwissenschaftlerinnen. Wir haben da Nachholbedarf und auch deshalb unterstütze ich ihre Initiative gern.