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Rede von Bundespräsident Johannes Rau vor den Teilnehmern des Gesprächsforums "Die Republik und ihre Journalisten" am 23. Oktober 2001 im Schloss Bellevue

I.

Demokratie und Medien haben immer schon zusammen gehört. In den Tagen der Französischen Revolution sind in Paris Hunderte von Tages- und Wochenzeitungen gegründet worden. Sie haben die Ereignisse schließlich auch im ganzen Land bekannt gemacht - und über die Grenzen des Landes hinaus.

Diktatur und Totalitarismus dagegen bedeuten immer Zensur, Gleichschaltung der Medien und Unterdrückung.

Man muss diese bekannten Zusammenhänge ab und zu ins Gedächtnis rufen, da es manchmal eine Art von fundamentaler Kritik an "den Medien" gibt, in deren Konsequenz man denken müsste, dass die Welt ganz ohne Medien eigentlich besser sei. Das will aber wohl niemand behaupten. Es geht bei aller Kritik also nicht um einob,sondern um einwie.


II.

Wir wollen uns heute über Journalismus unterhalten - nicht über all das andere, was in den Medien geschieht und über das natürlich auch eine Menge zu sagen wäre. Man kann aber, glaube ich, den politischen Journalismus nicht als sozusagen "reines Phänomen" betrachten, ohne zu bedenken, in welcher medialen und ökonomischen Umgebung er stattfindet.

Wir erleben gerade eine zunehmende Vermischung von Boulevard und politischem Journalismus. Die Unterhaltungspublizistik verzeichnet deutliche Zuwächse und nimmt sich "politischer" Inhalte an. Auch die sogenannten seriösen Zeitungen leben in Konkurrenz und in Auseinandersetzung mit dem Fernsehen und mit den fernsehartigen Formaten der anderen Blätter und also mit dem Boulevard.

Dieses Umfeld, diese Umgebung prägen den Journalismus mit - ich denke, dass wir das deutlicher als in der Vergangenheit wahrnehmen müssen und sehen müssen, welche Chancen, aber auch welche Gefährdungen damit verbunden sind.


III.

Ich komme noch einmal kurz auf die Anfänge des Journalismus zurück. Dort gab es selbstverständlich nicht nur Berichterstattung, sondern in ganz großem Stil Meinungsmache, Propaganda, Polemik, Satire. Allerdings fand all das zum weit überwiegenden Teil imWortstatt. Es warenTexte, mit denen sich das Publikum auseinandersetzen musste. Die Karikatur gab es zwar auch schon und sie konnte auch damals schon die Verhältnisse oft besonders genau auf den Punkt bringen.

In der Hauptsache aber waren es Texte. Die Vorherrschaft des Textes im politischen Journalismus hat sich sehr lange gehalten. Wer sich heute diese Zeitungen ansieht, der wird wie von selber auf den Ausdruck "Bleiwüste" kommen. - ein ja noch heute gern verwendetes Schimpfwort für zuviel Text.


IV.

Der politische Journalismus, der sich fast ausschließlich auf den Text stützen musste, war eher an den Verstandund die Vernunft als an die Emotiongerichtet. Auch wenn es sich um Polemiken oder um Propaganda handelt: ein Text geht immer nur über den Umweg des Verstandes auch in das Gefühl. Bei einem Text kann man sich distanzieren, man kann die Stelle noch einmal lesen, man kann die Argumente wägen. Texte, selbst wenn sie in manipulativer Absicht geschrieben sind, erfordern eine - wenn auch manchmal kleine - intellektuelle und rationale Auseinandersetzung. Der politische Journalismus in dieser textbestimmten Umgebung richtete sich - ob er es wollte oder nicht - an den Verstand.

Das ist in der bilderbestimmten Welt von heute radikal anders geworden. Nachrichten erreichen uns heute meist zuerst in Form von Bildern. Wenn ich 'uns' sage, meine ich das Publikum, nicht die kleine Gruppe der journalistischen oder politischen Tickerkunden. Wenn uns aber Nachrichten zuerst als Bilder erreichen, dann gehen sie zuerst an die Emotion und erst dann an den Verstand.

Bilder lösen immer zuerst Gefühle aus. Sie wirken auf uns authentisch und suggerieren unmittelbares Dabeisein. Der politische Journalismus in einer bilderbestimmten Umgebung muss sich also nicht nur zu den Ereignissen oder Geschichten verhalten, er muss sich auch zu den Bildern verhalten, die allen vor Augen sind.

Wie geht er damit um? Lässt er sich selber von den Bildern überwältigen? Gibt er sich zugunsten der Bilder auf und lässt sie für sich sprechen? Einerseits sagen wir "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Andererseits wissen wir auch, dass Bilder lügen können.

Gerade in den bildbestimmten Zeiten kommt auf die Journalisten eine neue Herausforderung zu. Es geht darum, Distanz zu gewinnen zu der vermeintlichen Unmittelbarkeit der Bilder. Die dramatischen Bilder von den Flugzeug-Anschlägen in Amerika brauchen keine verbale Verstärkung. Genau das ist aber immer wieder geschehen.

Am Tag des 11. September, aber auch Tagen danach, wurden die Bilder immer wieder mit Sätzen kommentiert wie: "Wir sehen entsetzliche Bilder" oder "Wir stehen fassungslos vor diesen Bildern." Wo es bei solcher Kommentierung bleibt, da kann sich kein Begreifen einstellen. Dann wird vielmehr die Fassungslosigkeit des Augenblicks, die selbstverständlich ist, über den Tag hinaus verlängert.

Die Aufgabe von Journalisten ist es aber nicht, angesichts solcher Bilder dauerhaft Fassungslosigkeit zu dokumentieren oder gar zu verstärken, sondern, so schwer es gerade in diesem Fall gewesen ist, Fassung zu bewahren und dem Publikum die Möglichkeit zu geben, die "unfassbaren" Ereignisse fassen zu können.

Es ist sehr schwer, gegen die Macht der Bilder differenzierte Hintergrundberichte, Analysen und Einschätzungen der Folgen zu setzen. Genau das muss aber geschehen - esistin vielen Fällen ja auch geschehen - , damit die Menschen nicht allein auf der emotionalen Ebene angesprochen oder sogar in Panik versetzt werden. Natürlich verkauft sich Emotion besser als Verstand. Aber muss man sich davon verführen lassen? Wären die Sendungen in den genannten Tagen nicht auch ohne manche zusätzliche Dramatisierung gesehen worden?

Ängste dürfen nicht geschürt werden in einer Zeit, die sowieso Ängste hervorruft. Dazu gehört auch, nicht jede Bombendrohung eines Trittbrettfahrers, nicht jeden - vielleicht unbegründeten - Verdacht aufzubauschen. Ich rufe nicht zur Verharmlosung auf. Dazu besteht gar kein Anlass. Auch der große Schrecken darf in diesen Tagen aber nicht die Nüchternheit und die vernünftige Reflexion ersetzen, auf die die Menschen Anspruch haben.

Journalisten wollen - zu Recht - keine Komplizen der Macht oder der Mächtigen sein. Sie dürfen aber auch nicht zu Komplizen der Angst werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich ein Wort des Dankes sagen. So weit ich das sehe, hat niemand Stimmung gegen den Islam oder gegen die bei uns lebenden Muslime gemacht. Ja, vielfach ist das Gegenteil geschehen. Eine Zeitung hat zum Beispiel in den ersten Tagen nach den Anschlägen eine ganze Seite mit vielen Fotos dem Thema gewidmet: "Warum Muslime in Deutschland die Terrorakte verurteilen." Das ist sehr wichtig, das trägt zum inneren Frieden in unserem Land bei.

Viele Radio- und Fernsehsendungen, viele Zeitungen und Magazine haben sich um ein differenziertes Bild bemüht. Dazu gehört, dass die großen Feuilletons große erklärende Beiträge auch aus der Sicht islamischer Kultur gebracht haben - und dazu gehört auch die kritische Selbstreflexion über die Bedingungen, unter denen Berichterstattung in Zeiten militärischer Geheimhaltung, gezielter Information und Desinformation stattfindet.

Ein solcher Journalismus kommt im Übrigen einem tiefen Bedürfnis der Menschen entgegen. Das zeigt sich daran, dass Bücher über den Islam, über die islamische Welt und über den Koran in den Buchhandlungen zu Bestsellern wurden. Auch in Zeiten des Schreckens und der Angst suchen die Menschen also nach Aufklärung, nach verständlicher Darstellung und nach Hintergrundinformationen.

Gerade in diesen Tagen merken wir, wie wichtig eine kompetente Auslandsberichterstattung ist. Außenpolitik darf nicht in einem Nachrichtenvakuum stattfinden. Die globalisierte Welt rückt immer stärker zusammen, aber unsere Medien helfen nicht immer genug, diese Welt zu verstehen. Nicht aus bösem Willen: Manche Entwicklung scheint sie auch selber zu überfordern.

Schon lange wird beklagt, dass die Auslandsberichterstattung zunehmend von "Instant-Experten" wahrgenommen wird - von mehr oder weniger prominenten Kriegsberichterstattern, die bei einer Krise schnell ins Flugzeug steigen, während des Fluges ein paar Agenturmeldungen lesen und bei der Ankunft gleich die erste Live-Schaltung nach Hause haben. Seriös und kompetent berichten, Hintergründe ausleuchten und Phänomene fremder Kulturen verständlich machen - das können aber doch nur wohlvorbereitete Korrespondenten oder Experten, die den Ort des Geschehens und die Hintergründe des Geschehenen gut kennen.


V.

Früher hatten die Leser von Zeitungen offenbar die Zeit, die Bildung und die Geduld, sich mit langen Argumenten und intensiven Beschreibungen und Berichten zu befassen. Das kann aber doch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung gewesen sein. Die von den Zeitungen erreichte "Öffentlichkeit" war ein wichtiger, informierter, aber eben ein kleiner Teil der Allgemeinheit.

Im Zeitalter der elektronischen Medien hat sich die Öffentlichkeit radikal verändert. Fernsehen, Rundfunk und heute auch das Internet haben dazu geführt, dass die verbreiteten Informationen immer mehr Menschen erreichen.

Eine Allensbach-Umfrage kurz nach den Ereignissen in New York und Washington hat ergeben, dass von den Befragten 100 Prozent wussten, was geschehen war - ein Wert, der nie zuvor bei einem Ereignis erreicht worden war.

Ganz unterschiedliche Öffentlichkeiten fanden sich zusammen, unterschiedlich, was den Grad der Bildung, der Vorinformation und des politischen Interesses angeht.

Vor Monaten hatte Thomas Leif noch beklagt, unsere demokratische Öffentlichkeit teile sich in eine "Info-Elite" und in ein "Unterhaltungs-Proletariat". Andere stellten fest, viele Medien stellten keine Öffentlichkeit mehr her, sondern verstärkten lediglich den Rückzug ins Private.

Nun aber, am 11. September und danach, gab es mit einem Mal wieder so etwas wieeineÖffentlichkeit.

Wahrscheinlich ist das nur von kurzer Dauer. Wahrscheinlich wird so etwas wieeineÖffentlichkeit nur von ganz dramatischen Ereignissen hergestellt und nur von wenigen eindringlichen Bildern. Die Geschichten, die dazu geführt haben, dass es zu solchen Bildern kommen konnte, und die Geschichten, die nach den Bildern zu erzählen sind, werden bereits wieder auf unterschiedliche Öffentlichkeiten treffen.

Die letzten Tage und Wochen haben eben auch gezeigt, dass selbst so tiefgreifende Ereignisse wie die, die wir erlebt haben, dieverschiedenenÖffentlichkeiten, die Meinungsmilieus, die sozialen und kulturellen Milieus nur punktuell zueinerÖffentlichkeit vereinen können. Die Segmentierung und Parzellierung der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ist offenbar sehr stabil.

Das kann unter Umständen eine Gefahr für unsere Demokratie sein. Nur sehr wenige sind über das informiert, was doch eigentlich alle angeht. Eine größere Zahl ist so halb und halb auf dem Laufenden und eine Menge von Wahlberechtigten kümmert sich um kaum etwas aus dem politischen Leben und weiß auch kaum etwas von dem, was vorgeht. Schlechte Information oder Unkenntnis sind aber Einfallstore für Populismus und Rattenfängerei.


VI.

Neben der stärkeren Bildhaftigkeit und der größeren und vielfältigen Öffentlichkeit prägen dieBeschleunigungund dieMasseder Informationen, die tagtäglich auf uns einwirken, unsere Gegenwart.

"Wir sind der Tyrannei der Aktualität unterworfen" - schreibt Sonia Mikich. "Wir haben keine Zeit mehr zu zweifeln. Der Satellit wartet. Ambivalenzen, Grautöne, Widersprüche - sie werden in den Schlagzeilen und Sondersendungen weggeballert."

Schnelligkeit ist der Maßstab aller Dinge geworden: Die Blitze der Aktualität nehmen zu, und die Regel lautet: Einen Augenblick lang wird ein Ereignis grell erleuchtet, danach ist für den Zuschauer alles wieder zappenduster.

Je mehr und je schneller Informationen auf dem Markt sind, desto wichtiger wird aber der Service des Einordnens, des Erklärens und der fachlichen Aufbereitung.

Der - kann man ihn so nennen ? - "Medienkunde" verliert sonst immer mehr die Fähigkeit, Unwesentliches vom Wesentlichen zu unterscheiden, Behauptetes vom Tatsächlichen, Meinungen über die Wirklichkeit von der Wirklichkeit selbst. Er erfährt im Grunde Einzelheiten, deren Zusammenhang ihm zunehmend entgleitet. Eine Information, wie wir sie um der Demokratie willen brauchten, wäre aber gerade diejenige, die Zusammenhänge deutlicher macht. Die Sensationsnachricht ist letztlich Desinformation, weil sie den Zusammenhang der Dinge sprengt oder leugnet.


VII.

Bislang habe ich von veränderten Wirklichkeiten in den Medien gesprochen - von stärkerer Bildhaftigkeit, einer größeren medialen Öffentlichkeit und der massiven Beschleunigung. Ich möchte noch einige Anmerkungen zu dem machen, was die Politik mit zu den veränderten Wirklichkeiten beiträgt.

Viele Politiker glauben, dass nicht die oft mühselige parlamentarische Kleinarbeit zu der gewünschten demokratischen Öffentlichkeit beiträgt, sondern allein ihre mediale Präsenz.

Die Sache tritt dabei in den Hintergrund, die Show,das Bildwird zentral. Die Show-Regie verdrängt die langfristige Arbeit an Ideen und Konzepten.

Die Konsequenz: Inszenierungs-Politik verdrängt Sach-Politik. Man denkt weniger an die Sache selbst als an das Bild der Sache in der Öffentlichkeit. Das Bild von der Sache tritt schließlich an die Stelle der Sache selbst.

Inszenierung braucht Personalisierung. Die gehörte natürlich schon immer zur Politik: Sie half und hilft, komplexen Sachverhalten ein Gesicht zu geben und Parteien- und Staatsrepräsentanten persönlich in Haftung zu nehmen.

Es ist aber in höchstem Maße unpolitisch, wenn nun beinahe jedes Sachproblem als Personalproblem buchstabiert wird.

Und schließlich: Der Prozess derBeschleunigunghat die Politiker genauso erreicht wie die Medien. Jeder hat zu jedem Problem schnell eine Stellungnahme parat. Ein Politiker, der einen fundierten Vorschlag gemacht hat, hat vielleicht ein halbes oder ein ganzes Jahr daran gearbeitet. Die anderen aber, die dazu Stellung nehmen, haben innerhalb von fünf Minuten alle mit dem Vorschlag zusammenhängenden Probleme durchschaut und erklären auch gern schnell, wieso dieser Vorschlag barer Unsinn sei. Das Publikum hat recht, wenn es diese Art von Reaktionen schon längst nicht mehr ernst nimmt.


VIII.

Meine Damen und Herren,

es führt kein Weg zurück zur Bleiwüste. Den will auch niemand. Ich bin gespannt, wie in dem Gespräch, das wir nun versuchen wollen, die Probleme gesehen werden, die ich skizziert habe. Meine Fragen sind:

  • Wie kommen wir in der Flut der Bilder zur Distanz des Reflektierens?
  • Wie kommen wir in den unterschiedlichen Öffentlichkeiten zu einer für die Demokratie fruchtbaren Meinungsbildung?
  • Wie kommen wir im Beschleunigungsprozess zum Nachdenken, zum kritischen Hinterfragen und zum Verstehen der Dinge und Zusammenhänge?

Die Politik in der Demokratie muss in der Lage sein - und sie muss es wollen - einer großen Öffentlichkeit auch komplexe Sachverhalte zu vermitteln. Dazu braucht sie kluge und faire Partner in den Medien.

Medien und Aufklärung gehören von Anfang an zusammen - genauso wie Medien und Propaganda oder Medien und Desinformation.

Wie in diesen Zeiten die Medien zur Aufklärung beitragen können, das sollte unsere gemeinsame Frage sein.