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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich eines Abendessens für die Generalgouverneurin von Kanada Adrienne Clarkson und John Ralston Saul am 24. Oktober 2001 im Schloss Bellevue

Frau Generalgouverneurin,

Herr Saul,

meine Damen und Herren,

ich freue mich darüber, Sie heute, auch im Namen meiner Frau, als Repräsentanten Ihres großen und schönen Landes zum Staatsbesuch in Deutschland willkommen heißen zu können. Kanada ist seit vielen Jahrzehnten ein verlässlicher und enger Partner Deutschlands. Gerade in schwierigen Zeiten, wie wir sie seit den Anschlägen in den USA erleben, ist es gut, einen solchen Partner an seiner Seite zu wissen.

Die Kontakte zwischen Deutschland und Kanada reichen weit in die Geschichte zurück. Schon vor etwa dreihundert Jahren begann die deutsche Einwanderung in Ihr Land. Die Deutschen waren eine der größten Gruppen von Einwanderern in Kanada und sie sind heute ein Teil der kulturellen Identität Ihres Landes.

Stellvertretend für viele andere möchte ich zwei deutsche Einwanderer nennen:

- Der 1744 in Nördlingen geborene Maler Johann Albrecht Moll hat die Stadt Toronto mitgegründet. Er hat sich sehr für die ursprüngliche Bevölkerung Kanadas interessiert und sein Gemälde des Indianerhäuptlings Joseph Bryant hängt heute in der Nationalgalerie in Ottawa.

- Der zweite, Eckehard Priebe, kam sehr viel später nach Kanada. Er wurde 1917 in Berlin als Sohn eines evangelischen Theologen geboren und als Soldat im Zweiten Weltkrieg über England abgeschossen. Nachdem er zunächst in England und in Kanada in Gefangenschaft war, wanderte er 1952 nach Kanada aus und wurde dort Herausgeber des deutschsprachigen "Kanada-Kuriers". 1983 begleitete er Ihren ebenfalls deutschstämmigen Vorgänger, Generalgouverneur Schreyer, bei dessen Staatsbesuch in Deutschland. Sein Leben hat er in einem Buch mit dem Titel "Thank you Canada" geschildert.

Ihr Land, Frau Generalgouverneurin, hat aber nicht nur viele Deutsche angelockt, die auf der anderen Seite des Atlantiks Freiheit und Glück gesucht haben, sondern es hat sich auch, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, in Deutschland und für Deutschland engagiert. Kanada hat dabei ein Ausmaß an Solidarität demonstriert, das aufgrund der beiden Weltkriege, in denen Kanada große Opfer zu beklagen hatte, wahrlich nicht selbstverständlich war:

  • Sehr bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben Sie deutschen Flüchtlingen, die ihre Heimat verloren hatten, Aufnahme gewährt.

  • Die kanadische Luftwaffe war an der Luftbrücke nach Berlin beteiligt.

  • Kanadische Bürgerinnen und Bürger haben Carepakete nach Deutschland geschickt.

  • Auf den kanadischen Militärstützpunkten in Deutschland haben über die Jahrzehnte mehr als 300.000 Angehörige Ihrer Streitkräfte Dienst getan.

  • Ihr Land hat die deutsche Einheit nachdrücklich unterstützt.

Wir Deutsche werden das nicht vergessen und sagen deshalb auch: "Thank you Canada".

Die deutsch-kanadische Zusammenarbeit ist heute eng und umfassend. Von besonderer Qualität sind die Wirtschaftsbeziehungen. Ich freue mich besonders darüber, dass kanadische Firmen, wie das Unternehmen Bombardier, auch in den neuen Ländern der Bundesrepublik Deutschland investieren.

Die gute Zusammenarbeit ist jedoch nicht einfach selbstverständlich, sondern muss weiter gefördert werden. In Politik, Wirtschaft und Kultur hat sich inzwischen ein Generationenwechsel vollzogen. Viele jüngere Entscheidungsträger wissen sehr viel weniger vom jeweils anderen Land und von den gemeinsamen Werten, für die wir in der Nachkriegszeit eingestanden sind.

Darum müssen wir zusätzliche Anstrengungen unternehmen, um unsere Beziehungen auf dem erreichten Stand zu halten und an die nächsten Generationen weiterzugeben. Die Kontakte und der Austausch vor allem zwischen jungen Menschen aus beiden Ländern sollten verstärkt werden. Ich freue mich deshalb sehr darüber, dass die Bundesregierung trotz finanzieller Engpässe dazu beigetragen hat, dass in Toronto und in Montreal Zentren für deutschlandbezogene Forschungen eingerichtet worden sind. Vielleicht kann dadurch auch das Interesse junger Kanadier an einem Studium in Deutschland und am Erlernen der deutschen Sprache gefördert werden.

Die deutsch-kanadische Zusammenarbeit ist am Beginn des neuen Jahrhunderts fest eingebettet in die transatlantischen Beziehungen. Gemeinsam mit unseren Partnern sehen wir uns in immer stärkerem Maße mit den Herausforderungen der Globalisierung konfrontiert. Kanada beschäftigt sich besonders mit der Frage: Wie können die Ziele des Freihandels einerseits und unsere Vorstellungen von Demokratie, von gerechter Wohlstandsverteilung und besserer Bildung für mehr Menschen miteinander in Einklang gebracht werden? Ich bin deshalb gespannt auf die kanadische G8-Präsidentschaft im nächsten Jahr.

Wir können viel von Kanada lernen. Ihr Land ist ein altes Einwanderungsland und der Umgang Ihrer Regierung und Ihrer Bevölkerung mit den Einwanderern und Ihre Erfolge bei der Integration können für uns in Vielem beispielhaft sein.

Die furchtbaren Anschläge in New York und Washington haben uns die gefährlichste Form der Globalisierung vor Augen geführt: die Globalisierung des Terrors. Sie haben deutlich gemacht, wie wichtig Solidarität und Beistand der Völker untereinander sind und welch entscheidende Rolle den Vereinten Nationen im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus zukommt. Die Angriffe auf die fundamentalen Werte unserer freiheitlichen Gesellschaften können wir nur gemeinsam beantworten und abwehren. Wenn wir die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus auf Dauer erfolgreich bestehen wollen, dann müssen wir uns auch fragen, was jene Menschen bewegt, die die mörderischen Anschläge planen, ausführen oder billigen. Ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingen wird, den Terrorismus zu besiegen und das friedliche Miteinander der Kulturen und Religionen zu gewährleisten.

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie jetzt mit mir das Glas zu erheben und anzustoßen auf das Wohl der kanadischen Generalgouverneurin und von Herrn Saul, auf die deutsch-kanadische Freundschaft und auf unsere gemeinsamen Werte, die sich auch in diesen dramatischen Tagen und Wochen erneut bewähren sollen.