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Rede von Bundespräsident Johannes Rau bei der Eröffnung des "Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände"

I.

"Faszination und Gewalt" - so heißt die Dauerausstellung, die wir heute eröffnen. Wer denkt da nicht an die schrecklichen Bilder vor fünfundfünfzig Tagen, die sich uns allen unauslöschlich eingeprägt haben und uns eine ganz neue Aktualität auf die Schultern gelegt haben: Ein Einbruch von Gewalt in unser Leben, den wir uns bis dahin nicht vorstellen konnten.

Das Entsetzen, das sie ausgelöst haben, hat viele Gründe. Der wichtigste Grund für das ehrliche Entsetzen, das die meisten Menschen empfunden haben, scheint mir die Dimension des Grauens zu sein, die dieser Terroranschlag hatte. Ein anderer wichtiger Grund ist gewiss, dass Deutschland, dass Westeuropa und die Vereinigten Staaten von Amerika seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine lange Phase politischer und ökonomischer Stabilität erlebt haben. Der Kalte Krieg war eine waffenstarrende Zeit, aber die Blockkonfrontation explodierte nicht.

So hat diese Stabilität auch dazu geführt, dass wir uns wohl vorgestellt haben, Gewalt, Terror und Krieg fänden immer anderswo statt, nicht "bei uns", nicht in unserem Teil der Welt. Viele haben nach dem Ende des Kalten Krieges geglaubt, Terror und Kriege gebe es nur noch an der Peripherie oder allenfalls am Rande Europas. Auch diese Vorstellung ist am 11. September unter den Trümmern des World Trade Centers begraben worden. Das scheint mir einer der Gründe dafür, dass wir uns so stark mit den Opfern, mit den Angehörigen, mit der amerikanischen Gesellschaft identifiziert haben: Wir haben uns alle getroffen gefühlt.

Viele haben diese Welt in den letzten Wochen als "westlich" bezeichnet, weil sie "westlich" mit "zivilisiert" gleichsetzen. Das ist nicht richtig, aber es sagt sehr viel darüber aus, wie wenig wir trotz der viel beschworenen Globalisierung von der Welt wahrnehmen. Der Schwerpunkt unseres Wissens liegt in der Tat auf der westlichen Welt, und auch innerhalb dieser Welt sind wir sehr unterschiedlich informiert, sind wir sehr unterschiedlich "im Bilde". Das gilt für die Berichterstattung in den Medien genau wie für unsere Schulbücher; das gilt für Dokumentar- und Unterhaltungssendungen im Radio und Fernsehen genau wie für die großen Filmproduktionen.

Die Bilder, die sich uns eingeprägt haben, sind viele Tage ständig wiederholt worden. Manchen kamen sie beklemmend bekannt vor. Viele Menschen haben lange gebraucht, um zu begreifen, dass sie keinen Ausschnitt aus dem neuesten Horror-Film sahen. Es gibt bekanntlich keinen einfachen, mechanischen Zusammenhang zwischen Gewalt- und Zerstörungsphantasien, zwischen ihrer Darstellung in Film und Fernsehen und der Anwendung von Gewalt. Wir wissen aber, dass Gewalt und Gewaltdarstellungen neben Abscheu und Ablehnung auch Faszination ausüben können. Wir müssen uns mit dieser Beziehung zwischen Gewalt und Faszination neu auseinandersetzen. Wir leben ja in einer Welt, in der Bilder immer mehr Bedeutung und Einfluss auf unser Leben haben. Zu dieser Auseinandersetzung kann auch die Ausstellung, die wir heute eröffnen, einen Beitrag leisten. Darüber möchte ich zu Ihnen sprechen.

II.

Man braucht nie etwas über das Dritte Reich und seine schrecklichen Gewalttaten gehört zu haben, man muss keines der schrecklichen Fotos aus Konzentrationslagern gesehen zu haben, um zu wissen, dass man Menschen nicht diskriminiert, nicht verfolgt und nicht umbringt. Alles Wissen über den Holocaust und über die Schrecken des Zweiten Weltkriegs hat nicht verhindern können, dass es auch danach Völkermord, Krieg und Terror gegeben hat und gibt. Wir lernen: Aus Wissen allein entstehen weder persönliche Moral noch ethische Überzeugungen.

Dennoch kann uns die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus helfen, unsere Gegenwart zu verstehen und zu gestalten. Sie kann uns zeigen, was geschieht, wenn Terror von Staats wegen ausgeübt wird; wenn die Würde des Menschen außer Kraft gesetzt wird, wenn die Vernichtung der Würde des Menschen Ziel und Inhalt staatlicher Politik wird. Sie kann uns auch zeigen, was geschieht, wenn die Meinungsfreiheit in einer Gesellschaft außer Kraft gesetzt wird, wenn Zensur und Gleichschaltung das alltägliche Leben bestimmen.

Die nationalsozialistische Ideologie war der Versuch, ein rassistisches Menschenbild und eine Gesellschaftsordnung durchzusetzen, die dieser Vorstellung entsprach. Das sollte übrigens für die ganze Welt gelten. Der Nationalsozialismus strebte Weltherrschaft an, weil er das deutsche Volk als allen anderen Völkern überlegen betrachtete. Damit er seine politischen Ziele erreichte, war ihm jedes Mittel recht. Das schloss Terror nach innen und Krieg nach außen ein. Als Feinde, als Schädlinge an der deutschen "Herrenrasse" definierte Gruppen und Völker sollten versklavt oder ausgerottet werden. Das galt für die slawischen Völker in Osteuropa, das galt für die Juden. Das galt für Sinti und Roma, das galt für Behinderte und Homosexuelle. Im Kampf um die Weltherrschaft der sogenannten arischen Rasse nahm Adolf Hitler sogar den Untergang des eigenen Volkes in Kauf.

Um zu verhindern, dass solche Denkstrukturen je wieder deutsche Politik bestimmen können, haben die Mütter und die Väter unseres Grundgesetzes die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen an den Anfang unserer Verfassung gesetzt. Sie haben dafür gesorgt, dass niemand wegen seiner religiösen Überzeugungen, wegen seiner ethnischen Herkunft oder wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf. Sie haben das Recht auf Meinungsfreiheit als verbrieftes Grundrecht festgelegt.

Mit dem Nationalsozialismus sollte sich jede Generation neu auseinandersetzen - nicht wegen Schuld und Verantwortung, sondern weil wir uns in dieser Auseinandersetzung auch immer wieder unserer Grundwerte vergewissern und bekräftigen, dass wir an ihnen festhalten wollen.

Wegen dieser Grundrechte müssen wir auch den Terrorismus weltweit entschlossen bekämpfen. Aber: Auch im Kampf gegen den Terrorismus gilt: Der Zweck heiligt nicht jedes Mittel. Wir müssen immer wieder die Verhältnismäßigkeit und die Erfolgsaussichten unserer Mittel prüfen und, wenn das nötig wird, zu Korrekturen bereit sein. Wenn Terroristen uns dazu bringen könnten, unsere Grundwerte im Kampf gegen sie aufzugeben, dann erst hätten sie gewonnen. Es gibt keinen besseren Schutz einer demokratischen Gesellschaftsordnung als überzeugte Demokraten.

Auch das zeigt uns unsere Geschichte: Die erste demokratische Republik Deutschlands, die Weimarer Republik ist ja nicht am Terror von Rechts und nicht am Terror von Links gescheitert. Sie ist daran gescheitert, dass es nicht genug aufrechte Demokraten mitten in der Gesellschaft gab, dass nicht genügend Frauen und Männer mitten in der deutschen Gesellschaft bereit waren, sich für die Weimarer Demokratie zu engagieren.

III.

Freilich, dafür gibt es viele Gründe. Dazu gehört gewiss das Trauma des Ersten Weltkriegs, dazu gehören die Erfahrungen der politischen und der ökonomischen Instabilität der Anfangs- und der Endjahre der Weimarer Republik, wie die meisten von uns sie sich heute gar nicht mehr vorstellen können. Die ökonomischen Bestimmungen des Versailler Vertrags haben dazu gewiss beigetragen. Dazu gehört aber auch, dass viele Deutsche Arbeitslosigkeit und Inflation, Weltwirtschaftskrise und Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten der Demokratie selber anlasteten - dem "System", wie sie damals sagten. Darum waren viele bereit, die Freiheiten der Weimarer Republik gegen die erhoffte Sicherheit des Dritten Reiches einzutauschen.

Statt dessen fanden sie sich in einer Gesellschaft wieder, in der Terrorismus von Staats wegen institutionalisiert war. Allerdings richtete sich dieser staatliche Terror nur gegen solche Gruppen, die nicht zur sogenannten Volksgemeinschaft gehören sollten. Das galt für politische Gegner des Systems genauso wie für Gruppen, die die Nationalsozialisten als "rassisch minderwertig", als "lebensunwertes Leben" einstuften.

Auf Ausgrenzung und Terror, das lehrt uns diese Ausstellung, hat sich indes keine der Diktaturen des 20. Jahrhunderts zum Machterhalt allein verlassen. Daneben hat es überall auch ein System der "Belohnung", der Privilegierung derer gegeben, die dazu gehörten. Das konnte sich im Gewinn finanzieller Sicherheit oder im Gewinn von Einfluss für den Einzelnen ausdrücken. So gelangten durch die Ausgrenzung der einen viele Männer und Frauen im Dritten Reich in Positionen, die sie unter anderen Bedingungen nie bekommen hätten. Privilegierung konnte sich auch immateriell äußern: in der Überzeugung, "dazuzugehören" und an der Gestaltung der neuen Gesellschaft, ja sogar der neuen Weltordnung, beteiligt zu sein. Darum spielte Propaganda von Anfang an eine zentrale Rolle im NS-Staat. Genau das können wir in dieser Gedenkstätte besser studieren und erfahren als an anderen Orten.

IV.

Ich habe in Presseberichten zur heutigen Ausstellungseröffnung mehrfach gelesen, das Besondere an dieser Gedenkstätte sei, dass sie nicht an die Opfer, sondern an die Täter erinnere. Ich verstehe, was mit dieser Aussage gemeint ist. Ich verstehe auch, dass es gerade deswegen lange gedauert hat, bis die Stadt Nürnberg sich mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinandergesetzt hat.

Trotzdem halte ich diese Unterscheidung nicht für richtig. Opfer gibt es ja nicht ohne Täter, und wo wir an die Täter erinnern, da gedenken wir auch ihrer Opfer. Umgekehrt gilt: In der Gedenkstätte für den Widerstand des 20. Juli 1944 in Berlin, in der Gedenkstätte Plötzensee, in der "Topographie des Terrors" oder in vielen Gedenkstätten in Konzentrationslagern erinnern wir doch auch nicht allein an die Opfer, sondern zugleich an die Täter. Auch hier in dieser Gedenkstätte können wir uns schon deshalb nicht allein an die Täter erinnern, weil beim Bau dieser Riesenanlage auch viele Zwangsarbeiter ums Leben gekommen sind, deren Bilder wir hier sehen.

Nürnberg ist übrigens ja nicht so sehr "der Ort der Täter", als vielmehr ein Ort, an dem die Täter, die Verantwortlichen des nationalsozialistischen Regimes, sich versammelt, sich zur Schau gestellt und demonstrative Unterstützung organisiert haben. Ich finde es wichtig, dass wir an diesem Gedenkort einen Einblick in die NS-Propaganda-Maschinerie gewinnen können, den wir so an anderer Stelle nicht finden. Das gilt für die Dokumentation der Reichsparteitage in diesen Räumen. Das gilt aber auch für die Architektur des gesamten Geländes. Architektur spielte in der Propaganda der Nationalsozialisten eine zentrale Rolle.

V.

Worum ging es in dieser Propaganda? Der amerikanische Soziologe Benedict Anderson hat Nationen einmal als "imaginierte Gemeinschaften" beschrieben. Damit meint er, dass eine Nation, anders als Familien und Freundeskreise, zunächst einmal "unsichtbar" ist. Man kann sie nicht unmittelbar erleben. Identität, auch die Identität einer Nation, entsteht nicht von allein und entsteht nicht automatisch. Um sich als Mitglieder einer Nation zu verstehen und zu erkennen, brauchen Menschen eine Vorstellung von einer gemeinsamen Herkunft, von gemeinsamen Grundwerten; sie brauchen eine Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft und von dem Weg dorthin.

Zu diesem Prozess der Verständigung gehören nationale Symbole und Rituale. Ich weiß, dass viele in unserem Land gerade wegen des Missbrauchs von Symbolen und Ritualen in der nationalsozialistischen Vergangenheit auch heute noch Unbehagen gegenüber Symbolen und Ritualen empfinden. Ich kann das verstehen, wenn Rituale zur leeren Ritualisierung werden, wenn Symbole nur noch Selbstzweck sind oder missbraucht werden. Ich halte grundsätzlich indes nationale Symbole und Rituale für richtig und notwendig. Sie können in einer demokratischen Gesellschaft der Besinnung auf gemeinsame gesellschaftliche Traditionen und Grundwerte dienen. Sie können den Zusammenhalt fördern, sie dürfen aber keine Ausgrenzung betreiben. Sie können auch Ausdruck der Volkssouveränität sein, der Teilhabe aller an der Macht.

Die nationalsozialistischen Rituale und Symbole waren kein Ausdruck der Teilhabe der Massen an der Macht. Sie waren der Ersatz dafür. Die Massen waren nur scheinbar im Zentrum der propagandistischen Großveranstaltungen. In der Realität waren sie Beiwerk, Ornament für den Führerkult. Für diesen Ersatz haben die Nationalsozialisten einen gigantischen Propagandaapparat geschaffen. Allein für die Parteitage von 1933 bis 1938 hier in Nürnberg und für die geplanten Bauvorhaben wurde 1935 der "Zweckverband Reichsparteitage Nürnberg" geschaffen.

Die Parteitage dauerten jeweils eine Woche und brachten jährlich bis zu eine Million Menschen nach Nürnberg. Sie nahmen an Appellen und Aufmärschen, an Sondertagungen und Sportfesten, an Volksfesten und an vielen anderen Veranstaltungen teil. Die Aufmärsche und Veranstaltungen, besonders aber Hitlers Auftritte und der anderen wichtigen Vertreter des Nationalsozialismus, wurden sorgfältig geplant.

Genauso wichtig wie die Bilder, die auf den Parteitagen erzeugt wurden, waren die, die über die Parteitage erzeugt wurden. Leni Riefenstahls Film "Triumph des Willens" hat das öffentliche Bild von den nationalsozialistischen Parteitagen bis heute geprägt. Sie hat dabei sorgfältig darauf geachtet, den Schein von Authentizität zu erwecken. Wir wissen heute, dass sie für diesen Film viele Szenen sogar später hat nachstellen lassen.

Zur Selbstdarstellung des Regimes gerade hier in Nürnberg gehörte auch der Versuch, sich in die Tradition der deutschen Geschichte, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, zu stellen. Deshalb fanden die Reichsparteitage in Nürnberg statt: um auf die Reichstage der deutschen Kaiser zu verweisen. Zugleich wollte die nationalsozialistische Bewegung und ihr Regime modern und zukunftsgerichtet aussehen und wirken. Dazu passte, dass die Nationalsozialisten für ihre Propaganda die damals neueste Kommunikationstechnologie - von Rundfunk und Film bis hin zum Fernsehen - einsetzten.

Erst wenn wir uns daran erinnern, dass das NS-Regime seinen sogenannten Volksgenossen Wohlstand, Konsum und Mobilität versprochen und zum Teil ja auch tatsächlich möglich gemacht hat, verstehen wir etwas von der Faszination, die neben der Gewalt ein Grundpfeiler der Zustimmung war, die die Nationalsozialisten nach der Machtübernahme fanden. Erst wenn wir uns mit der Macht der damals erzeugten Bilder auseinandersetzen, können wir verstehen, welche Bedeutung das medial erzeugte Dritte Reich hatte.

Die Macht der Bilder spielt an diesem Gedenkort eine herausragende Rolle. Ich hoffe, dass alle Besucher dieser Gedenkstätte, besonders aber die jungen Menschen, die ja in einer ganz anderen Bilderwelt aufgewachsen sind als wir älteren, verstehen: Bilder brauchen kritische Distanz, Interpretation durch andere Quellen, wenn wir uns nicht den Bildern selber ausliefern wollen. Das ist wichtig, weil uns in der heutigen Welt Nachrichten zumeist in Form von Bildern erreichen. Für die meisten Bilder gilt, dass sie zuerst Gefühle auslösen und ansprechen. Sie wirken authentisch, und sie suggerieren unmittelbare Zeugenschaft bei einem Geschehen. Aber kein Bild spricht für sich. Darum brauchen wir das Handwerkszeug dafür, kritische Distanz zur vermeintlichen Unmittelbarkeit der Bilder zu gewinnen. Darum finde ich es wichtig, dass diese Gedenkstätte viel Material und viele Begleitveranstaltungen anbietet, die allen Besuchern, aber vor allem den jüngeren helfen, die Bilder, die sie hier sehen, nicht nur auf sich wirken zu lassen, sondern auch verstehen und einordnen zu lernen.

Darum, finde ich es gut, dass Schulklassen der Adam-Kraft-Realschule hier aus Nürnberg in die Konzeption der Ausstellung einbezogen worden sind. Vier von ihnen möchte ich jetzt stellvertretend für alle, die mitgeholfen haben und stellvertretend für die zahlreichen jungen Besucher, die ich diesem Museum wünsche, zu mir auf die Bühne bitten. Mit ihnen möchte ich die Ausstellung eröffnen.