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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Verleihung des Robert-Koch-Preises am 5. November 2001 in Bonn

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

I.

Die Anwesenheit bei der Verleihung des Robert-Koch-Preises gehört schon seit langem zu den Standardterminen des Bundespräsidenten. Standard - das klingt nach Pflicht, nach Routine, vielleicht sogar ein bisschen nach Langeweile: Man tut etwas, weil es eben getan werden muss. Standard - das kann aber auch heißen, dass es bei einer Sache um etwas besonders Wichtiges geht, um etwas, das Maßstäbe setzt, Standards eben. Sowohl meine beiden Amtsvorgänger als auch ich selber haben bei der Verleihung des Robert-Koch-Preises bisher teilgenommen. Heute möchte ich einige Worte sagen.

Daraus mögen Sie schon ersehen, dass ich die Teilnahme an der diesjährigen Preisverleihung nicht für eine lästige Pflichtübung halte. Ich komme gern hierher, an diese Universität, und natürlich auch an den Ort, an dem in diesem Jahr der Robert-Koch-Preis verliehen wird, der zu den bedeutendsten deutschen Wissenschaftspreisen zählt und damit Standards setzt, die nicht nur national, sondern auch international beachtet werden. Trotzdem möchte ich keine lange Rede halten. Ich möchte nur zwei Bemerkungen machen, die mir wichtig sind und für die mir ein Ort gut geeignet scheint, an dem Standards gesetzt und verdeutlicht werden.

II.

Die erste Bemerkung betrifft die Forschung und diesen Preis: Es gibt in Deutschland mehrere hundert Preise, mit denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausgezeichnet werden, die an Hochschulen, staatlichen Forschungsinstituten und industriellen Laboratorien arbeiten. Die meisten von Ihnen wissen, dass ich auch selber einen Preis vergebe - den Deutschen Zukunftspreis - den Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation. Am 29. November wird es wieder so weit sein.

Preisverleihungen haben häufig etwas mit Geld zu tun. Wissenschaftler erhalten eine bestimmte Summe Geld, mit der sie ihre eigenen Forschungen vorantreiben können. Wenn man genauer hinsieht, stellt man aber häufig fest, dass es gar nicht um so viel Geld geht. Es gibt Preise wie zum Beispiel den, der heute hier verliehen wird, bei denen es in der Tat um eine stattliche Summe geht. Es gibt aber auch viele Preise, gewiss die Mehrzahl, bei denen das Preisgeld eher bescheiden bleibt. Das ist nicht unwichtig oder nur die Folge eines bedauernswerten Mangels an Großzügigkeit bei den staatlichen und privaten Mäzenen, sondern ein Hinweis darauf, was Preisverleihungen auch sind, vielleicht sogar in erster Linie sind.

Preisverleihungen sind symbolische Handlungen. Sie sind ein Versuch, dem Alltag ein Licht aufzusetzen, das erhellt und orientiert. Das Licht, das wir heute dem Alltag aufsetzen wollen, ist eins, das schon lange strahlt und dessen Glanz auch in Zukunft nicht verblassen wird. Das Stichwort Milzbrand führt uns allen in diesen Tagen vor Augen, dass es Gefahren für unsere Gesundheit gibt, die wir ohne die Hilfe der Wissenschaft nicht abwenden können. Der Kampf gegen Infektionskrankheiten und andere "Volksseuchen" ist das Ziel der Stiftung, die heute ihren Preis vergibt. Der Name des Mannes, den sie trägt, erinnert an eine Sternstunde der medizinischen Forschung, als Robert Koch 1882 das Tuberkel-Bakterium entdeckte und damit ein neues Zeitalter der Seuchenbekämpfung einleitete. Dieser Name steht zugleich für ein Programm: Für Spitzenforschung, die dem Menschen dient.

Diese Forschung, das ist die erste Bemerkung, die ich machen möchte, verdient die nachdrückliche Unterstützung von uns allen. Ich ergreife daher gerne die Gelegenheit, diese Unterstützung hier auszusprechen.

III.

Forschung - das ist häufig gesagt worden - bedeutet, in unbekanntes Land vorzustoßen und Grenzen zu überwinden. Für Grenzen der Erkenntnis trifft das sicher und ohne Einschränkung zu. Neben den Grenzen der Erkenntnis gibt es aber noch andere Grenzen. Forschung, das ist Konsens in unserem Land, darf nicht alles, was sie tun könnte. Vivisektion zum Beispiel oder auch bestimmte Versuche mit Menschen sind verboten, und ich kann auch niemanden unter den Wissenschaftlern erkennen, der solchen Praktiken das Wort redet.

Ethische Grenzen der Forschung sind kein lästiges Hindernis. Sie sind ein selbstverständlicher Bestandteil jeder Form menschlichen Zusammenlebens und damit auch integraler Bestandteil einer Wissenschaft, die dem Menschen dient. Unsere elementaren ethischen Grenzen selbst ändern sich nicht. Da ist die eingängige Formel von den Grenzen, die es zu überwinden gelte, irreführend. Was sich aber ändert, sind die Situationen, in denen wir solchen Grenzen begegnen, in denen wir sie erkennen und die wir uns bewusst machen müssen.

Forschung, die auf sich hält und tatsächlich in Neuland vordringt, erschließt neues Wissen, aber sie bereichert manchmal auch unser ethisches Wissen, weil sie uns in Situationen führt, in denen wir uns darauf besinnen müssen, welche Normen für unser Zusammenleben grundlegend sind. Gegenwärtig sind wir in einer solchen Situation. Sie alle wissen, dass die Fragen der Stammzellforschung in unserer Gesellschaft intensiv diskutiert werden. Es gibt kontroverse Positionen, die zum Teil mit großer Leidenschaft vertreten werden. Ich selber habe mich im Mai zu den Fragen geäußert, um die es geht. Diese Diskussion wird noch lange dauern, denn es geht um viel. Dass wir die Folgen einer Entscheidung in die eine oder die andere Richtung möglicherweise erst später spüren werden, heißt nicht, dass wir diese Diskussion nicht jetzt intensiv führen müssen.

Ich weiß, dass es dem einen oder anderen Forscher unter den Nägeln brennt, weil die Konkurrenten um wissenschaftliche Lorbeeren nicht schlafen. Ich wische das nicht einfach beiseite, aber ich sage trotzdem - das ist meine zweite Bemerkung: Wir brauchen Zeit, und wir müssen sie uns nehmen. Gehetztes Denken ist schlechtes Denken, ganz besonders dort, wo es um ethische Fragen geht.