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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des 250. Jahrestages der Gründung der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

I.

Manche haben mir abgeraten, diesen Termin wahrzunehmen: Gestern Morgen Rückkehr aus New York, den ganzen Tag über Termine, abends Bundespresseball mit einer Berichterstattung, die sagt, ich hätte gewirkt wie ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft "Betreutes Tanzen" - und dann das jetzt. Nun ist dieser Vormittag auf besondere Weise auch noch ein Tag der Familienzusammenführung, denn meine Frau, die nicht mitgekommen ist, ist eine direkte Nachfahrin Albrecht von Hallers, so dass ich in Genf Verwandte der Familie finde!

Theodor Heuss ist schon erwähnt worden. Der hat vor fünfzig Jahren seine Rede in Göttingen mit der Aufforderung beschlossen, sie sollten "halt so weiter machen". Das Material, das Herr Smend mir über die Akademie hat zukommen lassen, zeigt, dass sie und wie sie "weiter gemacht" haben. So könnte ich es mir leicht machen und einfach Theodor Heuss wiederholen. Ich will aber doch einige Gedanken hinzufügen, was ich beim "so weitermachen" für bedenkenswert erachte, und da möchte ich gern mit einer kleinen Geschichte beginnen.

Als ich mich vor einigen Wochen auf einen Termin im Wissenschaftskolleg in Berlin vorbereitet habe, fiel mir eine Publikation von Wolf Lepenies in die Hände, so wie ich jetzt vieles von Rudolf Smend gelesen habe. Sein Aufsatz hat den schönen Titel "Die klagende Klasse und die Entstehung des guten Gewissens". Ich fand da eine historische Reminiszenz, die mir - und vielleicht auch Ihnen - zu denken gibt. Lepenies berichtet von einer Sitzung, die die Mitglieder der französischen Akademie der Wissenschaften am Tag nach dem Sturm auf die Bastille abgehalten haben. Es waren immerhin 23 Mitglieder anwesend. Die Themen hießen 'Kornfäule', 'Gradierung von Senkwaagen' und 'Neue Möglichkeiten der Trinkwasserversorgung von Schiffen' - einen Tag nach der Revolution!

Das muss man auf sich wirken lassen: Um die Ecke wird eine Revolution gemacht, die nicht nur Frankreich, sondern die ganze Welt verändert, und die gelehrten Mitglieder der Akademie finden Zeit zu Diskussionen über solche Themen, über Kornfäule, über Wasserversorgung von Schiffen!

Das erste, was wir denken, wenn wir das hören - vor allem wir, die wir nicht Wissenschaftler sind - ist wohl der Verdacht, dass die Mitglieder der Akademie weltfremd sind und blind dafür, was in ihrer unmittelbaren Umgebung vor sich geht. Nachdem schon hannoversche und englische Herzöge und Könige zitiert worden sind, darf ich auch Ludwig XIV. zitieren: Er hat vielleicht doch recht, wenn er von den Mitgliedern der Akademie als von "meinen Narren" sprach. Manche glauben ja bis heute an eine tiefe Verwandtschaft zwischen den Intellektuellen und den Narren der Vergangenheit. Das zu vertiefen, wäre interessant. Interessant wäre aber auch, der Frage nachzugehen, ob nicht die Weltfremdheit manchmal in Gestalt der Anwendungsorientierung einhergeht, die wir alle von der Wissenschaft fordern. Schließlich kann man ja nicht sagen, dass die Mitglieder der Akademie über unpraktische Fragen diskutiert hätten. Nein, das war schon alles sehr handfest, nur eben ein wenig weltfern.

Ich will das alles hier nicht tun, sondern ich möchte auf einen Aspekt hinweisen, der in unserer Geschichte eben auch steckt. Jenseits aller komischen Aspekte scheint auch etwas von dem auf, was ich den Eigensinn der Wissenschaft nennen möchte. Das ist durchaus nicht dasselbe wie Eigenbrötelei, wie Weltferne oder Fachidiotentum, aber es ist heute noch wichtig.

II.

Wissenschaft, das ist uns allen geläufig, ist heute keine Nebensache mehr. Wirtschaftliches und politisches Handeln kommen ohne die Ergebnisse der Wissenschaften nicht aus und das wird in Zukunft gewiss noch stärker der Fall sein als heute. Damit das so sein kann, müssen viele Voraussetzungen erfüllt werden. Geld spielt zum Beispiel eine Rolle, ganz gewiss. Vor allem aber wird es darauf ankommen, die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft enger und vielfältiger zu gestalten, als das heute schon der Fall ist. Darauf hat ja auch der Wissenschaftsrat vor einiger Zeit wieder hingewiesen.

Die Verstärkung der Beziehungen von Wissenschaft und Gesellschaft hat Folgen. Dass die Menschen in allen Lebensbereichen abhängiger von der Wissenschaft und von ihren Erkenntnissen werden, bedeutet ja auch, dass sie mitreden möchten, dass sie verstehen möchten, was die Wissenschaftler da tun und was möglicherweise gravierende Auswirkungen auf ihr eigenes Leben hat. Manchmal bedeutet das auch, dass es Konflikte gibt, wie das gerade am Beispiel der Stammzellenforschung zu erfahren ist.

Vertiefung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft - das ist ein starkes Schlagwort, das in diesem Zusammenhang früher oder später immer wieder fällt. Der Ruf nach Interdisziplinarität ist dann natürlich auch gleich zur Stelle, auch bei mir. Nehmen Sie den ironischen Unterton dieser Bemerkung bitte nicht als Kritik, sondern als den Ausdruck eines leisen Unbehagens, das mich manchmal beschleicht angesichts der Oberflächlichkeit, mit der Dialog und Interdisziplinarität eingefordert werden, so als wenn das elektrische Geräte wären, die man im Katalog aussucht, bestellt und dann in Betrieb nimmt.

Ich bin sehr davon überzeugt, dass wir beides brauchen - Dialog und Interdisziplinarität - entschieden mehr jedenfalls als bisher. Die Frage ist nur: Wie soll dieser Dialog geführt werden? Als Versuch, die andere Seite in die Ecke zu drängen? Als Versuch, sie mit mehr oder minder sanftem rhetorischen Dauerbeschuss zu dem zu überreden, was man selber für richtig und wichtig hält, oder als ein Gespräch, das auf Argument und Überzeugung setzt? Als Dialog auf vielen Ebenen, bei dem Wissenschaft und Gesellschaft, Forscher und Bürger ihre je eigenen Herangehensweisen an gemeinsam interessierende Sachverhalte einbringen und zugleich offen dafür sind, wie andere an die Sache herangehen?

Sie merken an meinen Formulierungen schon, dass ich von der ersten Variante, von der Dauerberieselung, wenig halte. Es gibt trotzdem immer wieder Versuche dieser Art, von beiden Seiten. Das sind Versuche, die unaufhebbare Komplexität der Welt, in der wir heute leben, mit untauglichen Mitteln zu beseitigen. Weder wird es gelingen, zum Beispiel Proteste der Bevölkerung gegen die grüne Gentechnologie mit einem bloßen Verweis auf die Autorität der Wissenschaft und die Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums zum Verstummen zu bringen, noch wird es möglich sein, die dynamische Entwicklung der Wissenschaft mit Allerweltsfloskeln so zu steuern, dass sie möglichst vielen Menschen Nutzen bringt.

Die Art von Dialog, die ich im Sinn habe, ist anstrengend. Ein solcher Dialog kostet die Anstrengung, den Eigensinn der Anderen anzuerkennen. Dass die Wissenschaft auf die Gesellschaft zugehen muss, dass sie deren Eigensinn in Rechnung stellen und mehr als bisher darauf eingehen muss, das gehört heute schon fast zum kleinen Kanon wissenschaftspolitischer Korrektheit. Diese Tendenz zur Ritualisierung der wissenschaftspolitischen Rhetorik bringt aber dann Gefahren mit sich, wenn verbales Handeln an die Stelle von wirklichem Handeln tritt.

Sie ist auch deshalb gefährlich, weil die ständige Wiederholung der Forderung, die Wissenschaft müsse auf die Gesellschaft zugehen, das Bewusstsein dafür schwächen könnte, dass die Intensivierung von Wechselwirkung und Dialog auch bedeutet, dass die Gesellschaft den Eigensinn der Wissenschaft respektiert, dass sie versuchen muss, ihn besser zu verstehen, ja von ihm zu lernen, so wie auch die Wissenschaftler aus der Begegnung mit den wissenschaftlichen Laien etwas lernen können und müssen.

Das Wohnen im Elfenbeinturm steht heutzutage nicht hoch im Kurs. Es ist eng und einsam da oben, die engen Wendeltreppen machen dem Besucher Mühe und wenn sich die Bewohner solcher Türme erst einmal häuslich eingerichtet haben, dann neigen sie leider häufig auch dazu, nur noch selten auf die Straße zu gehen. Begegnungen mit der Wirklichkeit des Straßenverkehrs führen dann leicht zu Unfällen. Das ändert aber nichts daran, dass man von Türmen aus einen guten Blick über die Landschaft hat und dass Türme Landschaftsmarken sind, dass sie denen Orientierung geben können, die ihren eigenen Weg suchen und festlegen müssen.

Wissenschaft, die etwas auf sich hält, die ihren Eigensinn kennt, das meine ich damit, wird auch in Zukunft ihre angestammte Wohnung im Elfenbeinturm nicht ganz aufgeben können; und Wissenschaftspolitik, die ihr Handwerk versteht, wird sich nicht darauf beschränken dürfen, Elfenbeintürme abzureißen und stattdessen Reihenhaussiedlungen zu errichten, auch wenn das so eingängig und wirklichkeitsnah erscheint. Man muss versuchen, die Bewohner des Elfenbeinturms gesellig zu machen, ohne ihnen die Lust an Einsamkeit und Freiheit auszutreiben und man muss zugleich dafür sorgen, dass die, die bisher nur ihre Autos an den Füßen der Elfenbeintürme geparkt haben, sich gelegentlich doch auch einmal auf den Weg zur Aussichtsplattform machen können und auch machen.


III.

Diese Forderung, meine Damen und Herren, ist ein wenig paradox und deshalb, wie alle Paradoxie, ein Problem für die Politik, die gewiss auch ihren Eigensinn hat, den sie aber leider viel zu häufig mit Eigensinnigkeit verwechselt. Zur Wirklichkeit verhelfen kann die Politik dieser Forderung nur, wenn ihr die Wissenschaft dabei hilft. Die Pflege des Eigensinns der Wissenschaft ist zunächst einmal die Aufgabe der Wissenschaft selber. Die Politik muss sich das Bewusstsein dafür erhalten, dass dieser Eigensinn notwendig ist, wenn man die Früchte der Wissenschaft für alle ernten will, und sie muss nach dieser Einsicht handeln.

Man sagt immer, dass in Deutschland die Autonomie der Wissenschaftseinrichtungen einen ganz besonders hohen Stellenwert besitze, und es gehört ja auch zum guten Ton, dass den Universitäten und der universitären Grundlagenforschung in diesem Zusammenhang immer besonderer Tribut gezollt wird. Ich will dem nicht widersprechen, aber ich möchte doch ein paar zusätzliche Akzente setzen.

Natürlich müssen die Universitäten der institutionelle Mittelpunkt unseres Wissenschaftssystems bleiben oder besser: wieder werden. Diese Rolle können sie aber nur spielen, wenn sie mehr als andere Institutionen der Wissenschaft zur Integration fähig sind, wenn sie Brücken schlagen können in die Gesellschaft, in die Wirtschaft, zwischen den Fächern, zwischen den Generationen und zwischen verschiedenen Gruppen in der Bevölkerung. Institutionen, die eine Integrationsrolle spielen, produzieren aber keinen Eigensinn. Sie verbrauchen ihn vielmehr. Sie verbrauchen Substanz, die an anderer Stelle wieder aufgebaut werden muss. Das gilt für Institutionen genauso wie für einzelne Menschen.

Hier liegt jenseits aller Streitereien über die Unterschiede bei der Ausstattungsqualität und den Finanzierungsmodalitäten die Bedeutung der immer wieder und zu Recht erhobenen Forderung nach einer engeren Abstimmung von universitärer und außeruniversitärer Forschung. Hier liegt auch die Bedeutung, die Akademien heute für die Wissenschaft haben. Akademien sind die Orte in unserem Wissenschaftssystem, an denen die Wissenschaft bei sich ist, an denen sie zu sich selbst kommt, an denen sie sich selber ins Gespräch verwickelt.

Es stimmt, dass es auch andere Orte in der Wissenschaft gibt, wo das geschieht. Hier kann man viele Forschungsinstitute nennen, kleinere Tagungen, eine ganze Reihe von interdisziplinären "Centers of Excellence", und auch universitäre Einrichtungen und Gremien müssen ja nicht notwendig so funktionieren, wie Schwanitz sie geschildert hat.

Nirgendwo steht das wissenschaftliche Gespräch aber so im Mittelpunkt wie in den Akademien. Nirgendwo sind auch die Wurzeln in die Tradition der Wissenschaft so stark wie hier. Beides, das Gespräch als zentrale Aktivität und das Festhalten an Traditionen, halte ich durchaus nicht für überholt. In dem Maße, in dem sich die Beziehungen der Wissenschaft mit der Gesellschaft und vor allem mit der Wirtschaft verstärken, wird der Druck immer stärker werden, sich flexibel zu zeigen, ja sich anzupassen. Diesen Druck kann die Wissenschaft nur aushalten und produktiv verwerten, wenn sie die Orte pflegt, an denen sie frei von diesem Druck ist, und die Distanz zum Alltag haben. Das ist die Voraussetzung jeder weiterreichenden Erkenntnis.

Eigensinniges Festhalten an der Tradition, meine Damen und Herren, ist durchaus nicht dasselbe wie sturer Traditionalismus, den wohl diejenigen meinen, die behaupten, Akademien seien bloß Orte, an denen alte Männer anderen alten Männer Vorträge über langweilige Themen halten. Wohlverstandenes Festhalten an Traditionen und die Behauptung eines eigenen Ortes in der Gesellschaft, an dem man unter sich ist, das schafft Konturen, das ermöglicht Identität. Konturen und Identität aber sind Voraussetzungen eines sinnvollen und fruchtbaren Gesprächs von Wissenschaft und Gesellschaft.

Ich weiß natürlich, dass gegenwärtig viele Diskussionen über die weitere Entwicklung der deutschen Akademien geführt werden. Wir haben das auch getan, Herr Zintzen, über das Akademienprogramm, das gerade für die Grundlagenforschung in den Geisteswissenschaften von großer Bedeutung ist, aber auch über die künftige Rolle der Akademien bei der Organisation des Dialogs mit der Öffentlichkeit und der Beratung der Politik. Dazu will ich mich heute nicht äußern. Gewiss scheint mir aber, dass jede Veränderung und jede Weiterentwicklung nur dann erfolgreich sein wird, wenn sie die historisch gewachsene besondere Rolle der Akademien im deutschen Wissenschaftssystem in Rechnung stellt und wenn sie behutsam mit ihr umgeht. Das ist keine Aufforderung zu sterilem Strukturkonservatismus, aber es ist eine Ermunterung zur Bedächtigkeit.

IV.

Wie ich mir habe sagen lassen, kursiert in Göttingen bis heute das Gerücht, dass die Universität zunächst der Residenz Celle angeboten worden sei, dass man sich dort aber lieber für ein Zuchthaus entschieden habe. Zur Unparteilichkeit verpflichtet, möchte ich die Celler Entscheidung natürlich nicht kommentieren, aber dass die Göttinger Wahl eine glückliche war, das ist mit Händen zu greifen. Welche deutsche Stadt kann schon von sich sagen, dass sie in ihren Mauern eine Universität beherbergt, von der Napoleon schon wenige Jahrzehnte nach ihrer Gründung sagte, dass sie "der ganzen Welt gehört".

Zum Erfolg der Universität hat ganz sicherlich eine Besonderheit beigetragen, die mit Ihnen, mit der Akademie, zusammenhängt. Hartmut Boockmann schreibt in seiner "Geschichte der Universitäten", dass die Gründung der Göttinger Akademie im Jahre 1751 der erfolgreiche Versuch gewesen sei, das den Universitäten bedrohlich gewordene neue Organisationsmodell der Akademien mit einer Universität zu verknüpfen. Es mag sein, dass am Anfang ein Gefühl der Bedrohung gestanden hat, aber ganz unabhängig davon, ob das so war oder nicht, finde ich, dass die von Anfang an bestehende enge Verbindung der Göttinger Akademie mit der Universität heute noch vorbildlich ist.

Ideen, wie sie 200 Jahre später wieder auftauchen, dass nämlich die Universität eng verbunden sein muss mit einer Einrichtung, in der nicht die Lehre, sondern die Forschung und der gelehrte Austausch im Vordergrund stehen, solche Überlegungen tauchen schon in der Planung von Münchhausens auf. Mitte des 18. Jahrhunderts war das der Versuch, der Forschung und der wissenschaftlichen Diskussion einen Freiraum zu schaffen, den sie an den damaligen Universitäten wohl kaum hatten. Lichtenberg spricht ja an einer Stelle von den Professoren, die an die "Universitätsgaleere angeschmiedet" seien. Heute ist die Zusammenarbeit von Akademie und Universität in Göttingen ein Beispiel dafür, wie man die Einheit von Forschung und Lehre auch unter den Bedingungen von Disziplinenvielfalt und Pluralismus sichern und den Aufgaben der Universität gerecht werden kann.

Was soll ich, meine Damen und Herren, am Ende dieses kurzen Ausflugs sagen? 'Fecundat et ornat', oder: 'Machen Sie so weiter', wie Theodor Heuss gesagt hat? Ich will darüber nicht lange philosophieren, denn ich weiß von dem Redner, der nie aufhörte, und als er immer weiter sprach, verließen erst Einzelne und dann größere Gruppen den Saal. Danach war nur noch ein Einziger da, worauf der Redner sagte: ,Ich danke ihnen, dass wenigstens Sie alle meine Gedanken hören wollten', worauf der Einzelne sagte: 'Ich bin der nächste Redner'.