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Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Fachveranstaltung von "Pro Qualifizierung" und "KAUSA" "Integration durch Qualifikation"

Meine Damen und Herren!


I.

Manchmal habe ich den Eindruck, es besteht noch eine zu große Differenz zwischen unserem wirklichen Leben und dem, wie sich in unserem Leben die Welt verändert hat. Ich sag es an einem Beispiel:

Wir haben über sieben Millionen Menschen, die aus anderen Ländern kommen, unter den 82 Millionen Einwohnern Deutschlands - über sieben Millionen! Damals, als Anfang der 60er Jahre die ersten Gastarbeiter kamen, hat Max Frisch diesen Satz gesagt: "Wir haben Arbeitskräfte gerufen und Menschen sind gekommen". Mit dieser Tatsache sind wir offenbar nicht richtig fertig geworden, wir wissen nicht genug, wie das unsere Gesellschaft verändert hat.

Was ist Bereicherung daran, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Kultur, Religion und Tradition miteinander leben, zusammenleben? Welche Probleme bringt es? Wie lösen wir diese Probleme? Wie lösen wir sie kooperativ und konstruktiv, wie das in einer offenen und toleranten Gesellschaft sein muss?

Ich selber habe vor etwa anderthalb Jahren in der ersten sogenannten Berliner Rede über das Zusammenleben von Deutschen und Nichtdeutschen über die Herausforderung der Integration gesprochen und greife das Thema immer wieder auf und an.

Integration findet im Alltag statt, im Geschäft, in der Schule, im Kindergarten, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, aber nicht bei Akademietagungen. Da wird viel darüber gesprochen, aber der Ernstfall ist der Alltag. Darum sind erfolgreiche Beispiele die besten Orientierungspunkte, und darum hab ich mit großer Spannung hier zugehört, bei denen, die erzählt haben. Darum habe ich auch mit großem Interesse einzelne der Projekte heute Vormittag besucht. Es gibt gelungene Beispiele und Ansätze, und von denen müssen wir erzählen.

All dem liegt ein gemeinsamer Gedanke zugrunde: Dass Bildung ein wichtiger Schlüssel ist, wenn nicht d e r Schlüssel für erfolgreiche Integration und damit auch für gutes Miteinander.

Das habe ich versucht beim Forum Bildung deutlich zu machen, und darüber wird im Januar nochmal zu sprechen sein. Beim Forum Bildung habe ich damals Herrn Fehl kennengelernt. Der hat mir dann geschrieben gemeinsam mit Frau Kanschat und mich eingeladen, heute hierher zu kommen.

Ich bin nicht nur wegen dieses freundlichen Briefes gekommen, sondern weil ProQualifizierung und KAUSA so erfolgreiche Initiativen sind, weil ich das Engagement, die Kreativität, die Fantasie, die zähe Ausdauer für die Integration der Migranten in Deutschland schätze und fördern möchte. Darum möchte ich Ihnen, Herr Fehl, und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herzlich danken.

Nun doch noch ein paar Zahlen und Fakten, und doch noch ein paar Dinge, die zum Teil schon gesagt oder wenigstens angedeutet worden sind und die man doch noch mal nennen muss.


II.

1980, also vor gut 20 Jahren, war die Arbeitslosenquote in Deutschland 3,8 Prozent. Die Quote der arbeitslosen Ausländer 1980 war fünf Prozent. 1999 lag die Arbeitslosenquote in Deutschland bei 8,8 Prozent, die der arbeitslosen Ausländer bei 18,4 Prozent. Das heißt, die Schere hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich geöffnet. Wenn man den Prognosen glaubt, dann werden ja in den nächsten Jahren 2,5 Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Das werden im wesentlichen Arbeitsplätze von Angelernten und Ungelernten sein. Weil das so ist, wird die Schere sich nochmal ganz weit auftun, es sei denn, wir tun was.

Man braucht also keine prophetischen Gaben, um zu sagen, auf wessen Kosten, zu wessen Lasten die Arbeitslosigkeit der nächsten Jahre gehen wird, wenn wir nicht das Richtige tun. Wenn wir aber versäumen, dass Richtige zu tun, dann sind soziale und gesellschaftliche Verwerfungen nicht auszuschließen. Und darum noch einmal: Abgeschlossene schulische Bildung, berufsqualifizierende Ausbildung - das sind notwendige Bedingungen, damit man auf dem Arbeitsmarkt auf Dauer eine realistische Chance hat. Das ist die nüchterne Realität.

Daran gemessen, an diesem Sachverhalt gemessen, ist die Situation der Migranten in Deutschland nicht sehr ermutigend.

  • Im Vergleich zu deutschen Jugendlichen ist der Anteil der Jugendlichen aus Einwanderer-Familien, die ohne Abschluss die Schule verlassen, doppelt so hoch. 17 Prozent gegenüber 9 Prozent.
  • Weit weniger junge Menschen mit Migrationshintergrund, wie man das inzwischen nennt, erreichen mittlere oder höhere Schulabschlüsse, das sind 46 Prozent gegenüber 67 Prozent bei den Einheimischen. Wenn aber die Anforderungen der Ausbildungsbetriebe an die Schulabgänger ständig steigen, dann wissen wir, wohin das führt.
  • Schon jetzt wissen wir, dass Jugendliche aus Einwanderer-Familien seltener am System der dualen Ausbildung teilnehmen, das sind 38 Prozent gegenüber 66 Prozent bei den Einheimischen. Nach Jahren steigender Ausbildungsbeteiligung, die wir gehabt haben, sinkt sogar dieser Anteil in den letzten Jahren wieder.
  • Wenn viele Ausbildungsabbrecher dabei sind, dann führt das dazu, dass diese jungen Menschen mit Migrationshintergrund viermal so häufig keinen Berufsabschluss erreichen. Das sind 33 Prozent gegenüber 8 Prozent bei den Einheimischen. Am schwierigsten ist die Situation in türkischen Familien. Von ihnen haben nur 60 Prozent einen anerkannten Berufsschulabschluss.

An dieser schwierigen Situation sind weder allein die gesellschaftlichen Verhältnisse schuld noch allein die Jugendlichen, noch ist es nur die konjunkturelle Situation. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen: Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Leistung, und darum tragen wir alle Verantwortung für das Gelingen. Darum ist es auch gut, dass im "Bündnis für Arbeit" die Ausbildung ausländischer Jugendlicher ein eigenes Forum hat.


III.

Den jungen Menschen aus den Einwanderer-Familien muss stärker bewusst werden, dass sie auf dem Ausbildungsmarkt, auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen haben, wenn sie gut ausgebildet sind. Unzureichende schulische und berufliche Qualifikation grenzt aus.

Inzwischen haben 81 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund einen qualifizierten Schulabschluss. Sie sind aber trotzdem häufig und überdurchschnittlich arbeitslos. Wo das mit Vorurteilen oder mit Diskriminierung zu tun hat, da muss sich etwas ändern. Sonst fragen diese jungen Leute uns, warum sie sich in der Schule und in der Ausbildung anstrengen sollen, wenn es doch nichts bringt.

Es bringt was. Die Statistik belegt eindeutig: Je höher die Qualifikation ist, desto größer sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Häufig reicht der Hauptschulabschluss nicht mehr. Heute erreichen 29 Prozent der jungen Migranten den Realschulabschluss und zehn Prozent das Abitur. Da gibt es also erheblichen Nachholbedarf. Da fehlt es an Beratung oder Aufklärung, an Hilfe und an Vorbildern. Darum ist ein Tag wie der heutige so wichtig.

Es gibt ja diese Vorbilder. Wir haben einen Unternehmer gehört aus Bergisch Gladbach, der chemische, chemisch-technische Produkte herstellt. Inzwischen gibt es in Deutschland 281.000 Unternehmer ausländischer Herkunft - 281.000! Die gehören zu den Vorbildern, die machen neugierig, die können Ehrgeiz anspornen. Darum appelliere ich an die ausländischen Unternehmer: Laden Sie die Schüler in Ihre Betriebe ein, sprechen sie mit ihnen! Ich appelliere an die Lehrer: Laden Sie solche Unternehmer, laden Sie solche erfolgreichen Arbeitnehmer, wie wir sie erlebt haben, in die Schulen ein. Sprechen Sie mit ihnen in den Klassen über Erfahrungen und Voraussetzungen für beruflichen Erfolg.

Den jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz haben, sage ich: Geben Sie nicht zu schnell auf, wenn es schwierig wird. Ich weiß, die fachlichen Voraussetzungen sind schwerer zu erfüllen, wenn Schwierigkeiten mit der Sprache dazukommen. Das ist doch ein weiterer wichtiger Grund dafür, gut deutsch zu sprechen. Nehmen Sie deshalb die Angebote an, die es in der Schule gibt, auch neben Ausbildung und Beruf. Hier kann Ihnen "Pro Qualifizierung" gute Tipps geben. Ich höre mit großer Sorge, dass die Deutschkenntnisse Jugendlicher in der dritten und vierten Migrantengeneration nicht besser werden, sondern schlechter. Das ist eine ganz falsche Entwicklung.

Nun hört das Lernen - das wissen wir alle - mit der ersten Ausbildung nicht auf. Das weiß inzwischen wohl jeder. Darum ist es gut, dass sich der Anteil der weiterbildungswilligen ausländischen Arbeitnehmer in den letzten zehn Jahren vervierfacht hat. Das ist ein Fortschritt, aber das ist immer noch zu wenig.

Derzeit nehmen 30 Prozent der deutschen Arbeitnehmer an beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen teil, aber nur 15 Prozent der ausländischen Arbeitnehmer. Das lässt sich also noch kräftig steigern.


IV.

Wenn wir den sozialen Frieden und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit auf Dauer erhalten wollen, dann dürfen wir uns in Deutschland kein Bildungsproletariat leisten, keine Schicht, die aus Mangel an Bildung den sozialen Anschluss verliert. Es muss also in unser aller Interesse sein, dass es eine bunte Vielfalt von Integrationsprojekten gibt: in den Schulen, in den Städten, in der Arbeitswelt. Das ist nicht zum Nulltarif zu haben. Dafür müssen finanzielle Mittel bereitgestellt werden.

Meine Damen und Herren, wer glaubt, ein Zuzugsstop würde unsere Probleme lösen, der irrt. Über sieben Millionen Menschen aus anderen Ländern leben in Deutschland, die Mehrzahl wird dauerhaft hier bleiben. Die haben Familien oder werden Familien gründen, die werden Kinder haben, die hier in die Schule gehen und hier später arbeiten. Wir leben auf Dauer in diesem Land zusammen. Also können wir uns um das Thema Integration nicht herummogeln. Wenn wir mehr für die Integration tun, dann tun wir das nicht nur für die Betroffenen, für die zu Integrierenden, sondern für uns alle.


V.

Die Erfahrung aus den früheren Zuwanderungswellen zeigt uns: Die Arbeitswelt ist ein wichtiger, wenn nicht sogar der entscheidende Motor für das Gelingen von Integration. Junge Menschen müssen die Chance haben, ihre Leistungsfähigkeit, ihre Leistungsbereitschaft zu zeigen und zu beweisen. Sie müssen die Chance sehen, einen Ausbildungsplatz und einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Das ist in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation objektiv schwieriger geworden. Aber das Potential an neuen Ausbildungsplätzen ist noch lange nicht ausgereizt. Deshalb bitte ich zuerst die ausländischen Unternehmer in Deutschland: Stellen Sie bitte mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung!

Rund dreißig Prozent der deutschen Unternehmen bilden aus, aber nur sechs Prozent der ausländischen Unternehmen. Ausländische Unternehmen könnten nach ihrer Struktur weit mehr als 10.000 zusätzliche Ausbildungsplätze bereit stellen. Das brächte die Integration kräftig voran.

Dass da ein so großes Potential brach liegt, das liegt zum großen Teil natürlich daran, dass viele Unternehmer das duale Ausbildungssystem nicht kennen oder gar nicht wissen, dass sie ausbilden können. Darum meine herzliche Bitte: Informieren Sie sich über die Möglichkeiten, und tun Sie, was Ihnen möglich ist.

Da hat KAUSA mit der IHK in Köln und der Handwerkskammer sich wirklich zu einem wichtigen Ansprechpartner emporgearbeitet, mit Hilfe der Bundesregierung. Nutzen Sie dieses Angebot, es lohnt sich!

Meine Damen und Herren, Aufrufe gegen Fremdenfeindlichkeit, für friedliches Zusammenleben, die sind gut gemeint, die sind richtig, die sind auch nötig, aber das ist zu wenig. Sie ersetzen keine Taten. Das haben zum Glück viele Unternehmen und Wirtschaftsverbände inzwischen erkannt und sie merken: Integration ist nicht nur eine Aufgabe kommunaler und staatlicher Einrichtungen oder eine Aufgabe für Ehrenamtliche. Darum freue ich mich über jede praktische Hilfe und jede finanzielle Unterstützung, die von Unternehmen kommt.

Ein Punkt, den wir auch beim Rundgang schon angesprochen haben, den muss man auch hier ansprechen: Das Ausbildungsverhalten des öffentlichen Dienstes gibt wenig Grund zu Freude und Dankbarkeit. Im Handwerk haben 10 Prozent aller Lehrlinge einen sogenannten Migrationshintergrund, in Industrie und Handel sind es immerhin acht Prozent. Im öffentlichen Dienst sind es drei Prozent. Das kann man ändern, wenn man will, Schritt für Schritt.

Ähnlich sieht es bei den festen Beschäftigungsverhältnissen aus: Im öffentlichen Dienst sind 7,2 Prozent aller Arbeitnehmer beschäftigt, durchschnittlich aber nur 2,4 Prozent aller ausländischen Arbeitnehmer. Das ist weniger, das ist genau ein Drittel.

Natürlich setzt die Tätigkeit in vielen Bereichen des öffentlichen Dienstes die deutsche Staatsbürgerschaft oder eine EU-Bürgerschaft voraus. Das geht auch nicht anders, aber auch mit dieser Einschränkung gibt es mehr Möglichkeiten. Da ist in erster Linie die Politik gefordert. Hier geht es um Glaubwürdigkeit, um die Übereinstimmung von Reden und Handeln.


VI.

Ich bin sehr froh darüber, dass hier in Köln erkannt wird, von den Kammern, von den Bürgern, von der Stadt, welche Bereicherung Zuwanderer sein können, und dass praktische Integration in unser aller Interesse ist.

Wir müssen auch die Probleme offen ansprechen und nicht nur über Integration reden. Wir kommen nur zum friedlichen Zusammenleben, wenn wir auch die Probleme beschreiben. Falsche Ausländerfreundlichkeit hilft uns da überhaupt nicht, wenn sie die Probleme nicht benennt.

Was Sie jeden Tag zustande bringen, Herr Fehl, Frau Kanschat, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das geht weit über das Normalmass hinaus. Sie machen sich verdient um eine wichtige Zukunftsaufgabe: um Integration durch Qualifikation.

Damit dienen sie einem Land, das freiheitlich ist, weltoffen und demokratisch, und das soll so bleiben und - wo es Fehler gibt oder Mängel - da wollen wir unseren Ehrgeiz daran setzen, diese Fehler und Mängel zu beheben und auszugleichen durch mehr Freiheit, mehr Demokratie und mehr Weltoffenheit.

Herzlichen Dank.