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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Wiedereröffnung der Villa Esche

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrte Damen und Herren,

als ich vor zwei Jahren die Munch-Ausstellung besucht habe, ist der Name Esche schon oft gefallen. Als ich vor einem halben Jahr mit Ihnen, Herr Ministerpräsident, hier in Chemnitz war, da habe ich versprochen, dass ich die Villa Esche miteröffne. Ich freue mich, heute hier bei Ihnen zu sein.

Wir haben uns die Villa soeben ansehen können: Ein architektonisches und künstlerisches Kleinod ist gerettet und erstrahlt in neuem Glanz. Schon das ist Grund genug zu feiern. Als die Villa Esche erbaut wurde, da haben nicht wenige Zeitgenossen sie als revolutionär empfunden, ja als Provokation. Heute empfinden wir ihre großzügige Harmonie eher als einen wohltuenden Beweis dafür, dass wahres Bauen für Menschen zeitlos ist.

Was wissen wir über die Menschen, für die Henry van de Velde das Haus entworfen hat?

Die Esches: echte sächsische Innovatoren schon Mitte des 18. Jahrhunderts, eine erfolgreiche Fabrikantenfamilie, ab 1870 mit Sitz in Chemnitz.

Der Bauherr Herbert Esche: kunstsinnig, unternehmerisch erfolgreich, sozial verantwortungsbewusst - er sorgte durch private Stiftungen für seine pensionierten Arbeiter, auch für die Aussteuer der in seinem Betrieb beschäftigten Frauen. Ein Mann, der sich ein ganzes Haus samt Einrichtung und Park von einem führenden Künstler der Zeit entwerfen lässt, bis hin zum Brieföffner auf dem Schreibtisch und der eigenen Tabakspfeife.

Dieser Herbert Esche muss eine ganz außerordentliche Persönlichkeit gewesen sein, in der sich Gestaltungswille und Formsinn auf glückliche Weise verbunden haben. An ihn zu erinnern und der Stadt Chemnitz für die Zukunft viele Unternehmerpersönlichkeiten wie ihn zu wünschen, auch dafür ist heute Anlass.

Mit der wiedererstandenen Villa Esche erhalten Deutschland und Europa ein Kunstwerk ersten Ranges zurück. Fast jedes Detail des Baus spricht von der universalen Begabung und von der gestalterischen Kraft Henry van de Veldes. Sie haben soeben, Herr Oberbürgermeister, die Stadt Hagen erwähnt. Da war ich viele Jahre zuständig und habe in dem von Henry van de Velde erbauten Haus viele Veranstaltungen erlebt und zu leiten gehabt. Er war ein Meister des Jugendstils nicht zuletzt dadurch, dass er dessen schwungvolle Linien auch zu bändigen wusste. Hier in Chemnitz wurde damals augenfällig, was dann Schüler von Henry van de Velde wie Walter Gropius aufgegriffen und auf ihre Weise fortentwickelt haben: Architektur als Entwurf ganzer Lebensräume zu verstehen und auch Gebrauchsgegenständen künstlerische Form zu geben.

Der Gebrauch schließt freilich die Möglichkeit des Fehlgebrauchs und des Missbrauchs ein. Auch das hat die Villa Esche erfahren - von der Militärkommandantur bis zum Kinosaal der Stasi. Das waren wahrlich wenig glückliche Kapitel, für das Haus und für die Stadt, aber auch die gehören dazu. Sie und ihre Ursachen wollen wir darum nicht etwa verdrängen, sondern im Gedächtnis behalten. Auch dieser Teil der Geschichte von Stadt und Land bleibt in der Villa Esche aufgehoben.

Es gibt eine Studie über die Villa Esche, in der steht: Es lasse sich nicht mehr klären, wie Herbert Esche es eigentlich geschafft habe, so viele der damaligen Bauvorschriften zu umgehen. Die Restaurierung der Villa dagegen entspricht nicht allein dem Buchstaben des Denkmalschutzrechts, sondern auch dem Anliegen, Baudenkmale nicht nur museal zu bewahren, sondern auch für neuen Gebrauch zu öffnen. Ich finde es gut, dass Sie bewahren und für Neues öffnen - das sage ich, weil es darüber ja Streit gegeben hat und weil man darüber Kritisches lesen konnte. Das Ergebnis kann sich wahrlich sehen lassen. Zugleich ist die wiedererstandene Villa Esche Zeugnis bester sächsischer Handwerkstradition - auch da schließt sich ein Kreis zwischen damals und heute.

Chemnitz gewinnt mit der Villa Esche einen neuen Ort städtischen Lebens und bürgerschaftlichen Miteinanders. Ich wünsche Ihnen allen, dass es ein Ort der Begegnung wird und ein Ort der guten Gespräche. Ich glaube, auch Herbert Esche und Henry van de Velde hätten das so gewollt und sich heute mit uns gefreut. Herzlichen Dank