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Weihnachtsansprache 2001 von Bundespräsident Johannes Rau an die Deutschen im Ausland

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

aus dem Schloss Bellevue, hier in Berlin, grüße ich Sie alle ganz herzlich, meine Landsleute in aller Welt. Meine Frau und ich wünschen Ihnen von Herzen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Sie alle vereint heute wohl die Erinnerung an die Heimat, an Eltern, an Freunde und Verwandte, vielleicht an Jugend und Kindheit. Viele von Ihnen werden sich dort, wo sie leben, gut eingewöhnt haben und sich dort auch zuhause fühlen. Manch anderen packt gerade heute vielleicht das Heimweh.

Was uns an Weihnachten ebenfalls alle verbindet, das ist die Erinnerung an die zentrale Botschaft von Weihnachten: den Frieden.

Gerade für uns Deutsche ist das Weihnachtsfest bestimmt von friedlichen, ja idyllischen Bildern. Wir denken an den Weihnachtsbaum und an die Kerzen, die friedliches Licht verbreiten. Diese Bilder werden viele auch in ihre neue Heimat mitgenommen haben.

Die Wirklichkeit unserer Welt steht diesem weihnachtlichen Frieden oft entgegen. Das haben wir gerade in diesem Jahr, wo immer in der Welt wir leben, besonders erfahren.

Die ganze Welt war entsetzt über die furchtbaren Terroranschläge in Amerika.

Sie haben mitbekommen, dass die Bundesregierung und der Bundestag die schwere Entscheidung getroffen haben, dass Deutschland sich an militärischen Aktionen gegen den Terrorismus beteiligt. Niemand hat sich diese Entscheidung leicht gemacht. Das halte ich für fast genauso wichtig wie die Entscheidung selber.

Eines haben die letzten Monate aller Welt deutlich gezeigt: Auch wenn wir Deutschen uns entschließen, Freiheit und Sicherheit militärisch zu verteidigen, ändert das nichts daran, dass in unserem Volk die Liebe zum Frieden und die Abscheu vor dem Krieg tief verankert sind.

Ich danke den deutschen Soldatinnen und Soldaten in Mazedonien, die mitgeholfen haben, einen weiteren Bürgerkrieg zu verhindern. Ich danke den Soldaten, die im Kosovo, in Bosnien-Herzegowina und an anderen Orten Frieden und Freiheit schützen.

Natürlich gehen meine Gedanken heute auch zu den Soldaten, die sich auf ihren Einsatz vorbereiten, und zu ihren Frauen und Familien.

Genauso danke ich den vielen tausend zivilen Helfern die in Afghanistan, im früheren Jugoslawien und in vielen anderen Teilen der Welt arbeiten.

Sie sind friedliche und tatkräftige Botschafter unseres Landes, sie sorgen mit dafür, dass Deutschland in der Welt einen guten Ruf hat. Ohne Ihre Arbeit gibt es die Chance auf wirklichen Frieden nicht.

In den letzten Wochen ist oft davon gesprochen worden, dass wir bereit sein müssen, die Zivilisation, die Freiheit, die Demokratie – man kann sagen: unsere Art zu leben – gegen Angriffe zu schützen. Das ist richtig.

Verteidigen können wir aber nur, was uns wirklich etwas wert ist. Wir müssen wissen, was wir schützen und bewahren wollen, woran uns liegt.

Wir möchten die gute Nachbarschaft in Europa pflegen. Die lange Zeit des Friedens hat uns Wohlstand und die Chance gegeben, unser Leben nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Nur wenn wir das bewahren, kann diese gute Nachbarschaft der europäischen Nationen zu einem Beispiel für andere Teile der Welt werden.

Wir möchten den Frieden im Innern unseres Landes bewahren. Er wird mehr denn je abhängen vom friedlichen Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Sie selber, die Sie zum Teil schon lange im Ausland leben, wissen, was es bedeutet, wenn unterschiedliche Traditionen, Gewohnheiten und Lebensweisen aufeinandertreffen. Sie selber werden wissen, wie schwierig es ist, aber auch wie bereichernd es sein kann, wenn man voneinander lernt. Sie werden auch wissen, wie verletzend und möglicherweise gefährlich Ausgrenzung und Isolation sind.

Integration ist eine Aufgabe, zu der in allen Gesellschaften alle beitragen müssen – Einheimische und Zuwanderer. Ich glaube, dass das gelingen kann.

Ich weiß, dass jetzt auch viele Menschen zusehen, die nicht aus Deutschland stammen, die aber aus beruflichen oder familiären Gründen eine besondere Beziehung zu unserem Land haben. Sie sprechen deutsch und sie informieren sich über die Deutsche Welle über das, was in Deutschland geschieht. Auch Sie möchte ich ganz herzlich grüßen. Helfen auch Sie mit, dass in der Welt ein zutreffendes Deutschland-Bild entsteht. Erzählen Sie von den kritischen Seiten unseres Landes, aber auch von den Guten.

Zu den unbestritten guten Seiten unseres Landes gehört das große Engagement der einen für die anderen.

Man spricht von der typisch deutschen Vereinskultur, die manche belächeln, aber auch bewundern. Sie wird von den Deutschen auch im Ausland gepflegt. Damit entsteht immer ein Stück Heimat, ein Stück Geborgenheit. Die überschaubare Gemeinschaft im Verein schafft Raum für Begegnung und Freundschaft, sie ist auch ein Mittel gegen Einsamkeit.

An Weihnachten möchten wir gerne mit unseren Familien und Freunden zusammen sein. Die erwachsenen Söhne und Töchter mit den Eltern, die Großeltern mit den Enkeln, die wieder ein Stück größer geworden sind. Viele von Ihnen, die Sie im Ausland leben, werden das nicht schaffen. Darum werden in diesen Tagen viele Briefe geschrieben und gelesen, es werden E-Mails verschickt und vor allem wird viel telefoniert. Gerade Weihnachten verbindet oft Vergangenheit und Zukunft. So gibt es viel zu erzählen, hoffentlich auch viel miteinander zu lachen.

Auch an Weihnachten sind aber viele allein, manche sind einsam. Manch einer bekommt keinen Gruß und nicht den Brief, auf den er lange gewartet hat. Viele machen sich Sorgen, weil sie krank sind oder nicht wissen, wie ihr Leben oder das Leben ihrer Lieben weitergehen soll. Ihnen allen gilt mein ganz besonders herzlicher Gruß.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

die weihnachtlichen Tage können uns allen Freude, Zuversicht und Trost geben. Der Friede, den wir für alle erhoffen und für den jeder etwas tun kann, kommt nicht über Nacht. Wenn wir aber – alle Jahre wieder – Weihnachten feiern, dürfen wir darauf vertrauen, dass über all unseren Wegen ein Stern leuchtet.

Es ist der Stern der Hoffnung.