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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Abendessens, gegeben vom Präsidenten der Republik Südafrika Herrn Thabo Mbeki in Pretoria am 21. Januar 2002

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

Herr Präsident,

sehr verehrte Frau Mbeki,

Exzellenzen,

verehrte Gäste,

I.

meine Frau und ich, wir haben uns sehr auf diesen Besuch bei Ihnen gefreut. Ich bin auch deshalb so gerne nach Südafrika gekommen, weil ich den persönlichen Kontakt wieder aufnehmen wollte, den wir bei Ihrem letzten Besuch in Deutschland geknüpft haben. Die Gespräche sind mir noch in guter Erinnerung.

Für mich ist es der erste Besuch in Südafrika. Meine Frau hat Ihr schönes Land bereits einmal besucht und mir viel davon erzählt. Der Auftritt eines Chors aus Stellenbosch mit seinen wunderbaren Sängerinnen und Sängern im vergangenen Dezember im Schloß Bellevue ist meine frischeste Erinnerung an Südafrika. In diesem Chor haben sich Menschen aller Hautfarben zusammengefunden - für mich gibt es kein besseres Bild für das neue Südafrika.

Ihr Land, Herr Präsident, kannte ich bislang nur durch die Menschen, mit denen ich zusammengetroffen bin. Das waren vor allem Kirchenleute, Kämpfer gegen die Apartheid, Menschen die viele Jahre in Haft saßen, Menschen, die ins Exil flüchten mussten.

Mich hat wie viele andere in Deutschland das System der Apartheid aufgewühlt und empört, und ich habe an der einen oder anderen Stelle dazu beizutragen, es zu beenden. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Südafrika sich durch versuchte falsche Politik immer mehr von der Welt isoliert hat und wie eine weltweite Bürgerrechtsbewegung entstanden ist, die den Kampf gegen die Apartheid unterstützt hat. Wenige Anlässe haben die Menschen in Deutschland so tief bewegt, selten war die Freude über eine politische Veränderung so groß wie über das Ende der Apartheid.

II.

Die Menschen in Südafrika haben es schließlich durch eigene Anstrengungen geschafft, sich von der Apartheid zu befreien. Diese Politik erforderte den Mut, die Aufrichtigkeit und die Weitsicht, die Sie, Herr Präsident Mbeki, die Nelson Mandela und Bischof Tutu mit vielen anderen in jenen entscheidenden Jahren gezeigt haben.

Kirchen, Menschenrechtsgruppen, Gewerkschaften und aufgeklärte und weitsichtige Unternehmen aus Deutschland und anderen Ländern haben das ihre dazu beigetragen, das Ende der Apartheid zu beschleunigen.

Deutschland und die Deutschen sind Südafrika seit langem verbunden. Die politischen Beziehungen zu dem neuen Südafrika haben sich eng, vertrauensvoll und freundschaftlich gestaltet. Es ist, wie Sie es genannt haben, eine strategische Partnerschaft entstanden. Ich verstehe das als eine besonders intensive Zusammenarbeit unserer Länder für Frieden, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Wohlstand und Entwicklung.

Unsere Partnerschaft ist auf Dauer angelegt. Sie, Herr Präsident, haben diese Partnerschaft durch Ihre Deutschlandbesuche gefördert. Wie dicht und wie vertrauensvoll unsere Zusammenarbeit ist, zeigt sich an der erfolgreichen Tätigkeit der "Binationalen Kommission", die das gesamte Spektrum der Beziehungen umfasst. Die Außenminister der Europäischen Union und der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika treffen sich regelmäßig im Rahmen des sogenannten Berlin-Prozess.

Die Kirchen in Deutschland haben in vielfältiger Weise südafrikanischen Partnern in ihrem Kampf gegen die Apartheid beigestanden. Diese Kontakte bestehen fort und haben sich sogar noch intensiviert. Heute geht es darum, wirtschaftliche Entwicklung mit sozialer Sicherung zu verbinden. Das wird nur dann Erfolg haben, wenn Politik, Unternehmen, Gewerkschaften und gesellschaftliche Gruppen zusammenwirken. Ich kann bereits bestehende Bemühungen mit dieser Zielrichtung nur unterstützen, und ich könnte mir vorstellen, dass deutsche Erfahrungen für Südafrika hilfreich sind. Ich würde es daher begrüßen, wenn die Überlegungen zur "kooperativen Entwicklung" von südafrikanischer Seite aufgegriffen würden. Eine Konferenz in Südafrika - nach sorgfältiger Vorbereitung mit allen Beteiligten - wäre eine gute Idee!

III.

Als Sie im Sommer 2001 mein Gast waren, haben Sie mir Ihren Plan für eine "Renaissance Afrikas" vorgestellt. Ihre Überlegungen mündeten in die Initiative der "Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung". Auch mit dieser Initiative haben Sie Mut und Aufrichtigkeit bewiesen, Herr Präsident. Sie haben deutlich gemacht, dass Afrika die Verantwortung für sein Geschick in die eigene Hand nehmen muss. Sie haben auch die Mitverantwortung Afrikas für Fehlentwicklungen in der Vergangenheit nicht verschwiegen. Sie haben davon gesprochen, dass "unfähige politische Führer und Korruption in vielen Ländern" den Aufschwung Afrikas behindert haben und behindern.

Die Menschen in Afrika wollen durch Rechtsstaatlichkeit und Demokratie Grundlagen für eine erfolgreiche Entwicklung legen. Deutschland wird sie dabei unterstützen - bilateral, im Rahmen der Vereinten Nationen und der Europäischen Union, vor allem aber auch im Rahmen der G 8.

In diesem Jahr wird, zehn Jahre nach Rio, der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg stattfinden. Wir freuen uns darüber, dass Südafrika diese Konferenz ausrichtet, die eines der wichtigsten internationalen Treffen des Jahres sein wird. Auch das ist ein Zeichen für das Ansehen, das Südafrika genießt. In dem Ziel dieser Konferenz wissen wir uns einig: Es geht um die Bekämpfung der Armut und um den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Wer Armut bekämpfen und Umwelt schützen will, muss eine globale Partnerschaft mit den Entwicklungsländern anstreben, an der auch die Privatwirtschaft teilhaben soll. Industrie- und Entwicklungsländer, multilaterale Institutionen und regionale Organisationen müssen miteinander bindende Verpflichtungen eingehen. Dabei kommen wir ohne konkrete Aktionspläne nicht aus.

IV.

Die Staaten des südlichen Afrikas haben sich seit 1992 in der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika zusammengefunden. Deutschland will diese Initiative zur regionalen Integration gern unterstützen. Denn wir haben in Europa selber die Erfahrung gemacht, dass regionale Integration zu Frieden und Wohlstand führt.

Wir haben auch gelernt, dass die wachsende wirtschaftliche Integration auch ein zunehmendes sicherheitspolitisches Verantwortungsbewusstsein schafft. Eine ähnliche Entwicklung glaube ich auch hier zu erkennen. Südafrika bemüht sich mit seinen Partnern, dass die Menschen im Nachbarstaat Simbabwe die Chance erhalten, in demokratischen Wahlen über ihre politische Zukunft selber zu entscheiden. Auch wir verfolgen die krisenhafte Entwicklung in diesem Land mit großer Sorge. Ich hoffe, dass diese Bemühungen ebenso erfolgreich sein werden wie vor kurzem in Burundi.

Eine anderes Beispiel für die Zusammenarbeit der Staaten des südlichen Afrika sind die Friedensparks. Diese grenzüberschreitenden Naturparks schützen nicht nur die Natur, sondern schaffen auch Arbeitsplätze. Ich freue mich darauf, dass ich morgen einen dieser Parks besuchen kann.

V.

Die dramatischen Veränderungen seit dem Ende der Apartheidzeit stellen Sie und Ihr Land vor große Herausforderungen. Auch die Globalisierung bringt neben vielen Vorteilen manche Härten mit sich. Dazu kommt, daß in den Ländern des Nordens noch viele Vorurteile und Klischees überwunden werden müssen, die das Bild Afrikas verzerren. Wir alle, Europäer wie Afrikaner, sind gefordert, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Wir müssen die Ursachen von Problemen kennen, damit wir die Probleme lösen können.

Sie, Herr Präsident, haben bei der Annahme der südafrikanischen Verfassung den multiethnischen und multikulturellen Charakter Südafrikas in bewegenden Worten geschildert. Sie haben von dem Stolz gesprochen, Afrikaner zu sein und einer Nation anzugehören, die dabei ist, in der Vielfalt ihre Einheit zu finden. Selbstbewusst haben Sie erklärt:

"Was immer die Rückschläge des Augenblicks sein mögen, nichts kann uns nun aufhalten! Wie groß auch die Schwierigkeiten sein mögen, Afrika wird in Frieden leben!

Wie unwahrscheinlich es für die Skeptiker klingen mag, Afrika wird gedeihen!"

Ich bin sicher: Wenn Ihr Land die manchmal atemberaubend kühne Politik der letzten Jahre fortsetzt, wenn Sie mit diesem Selbstbewusstsein und ohne Scheuklappen alle Probleme angehen, dann wird sich der Traum von der Regenbogennation erfüllen. Deutschland wird Sie als Freund und Partner dabei begleiten.

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, mit mir das Glas zu erheben - auf das Wohl von Präsident Mbeki, auf das Wohl von Frau Mbeki, auf die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern und auf eine gute Zukunft des südafrikanischen Volkes.