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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau im Apartheid-Museum von Johannesburg am 23. Januar 2002

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Premier Shilowa,

Sehr geehrter Herr Dr. Kani, (Vorsitzender des Museums "Boards")
meine Damen und Herren,

I.

als wir vor wenigen Minuten durch den Eingang des Museums gingen, getrennt nach der Hautfarbe, hat uns noch einmal der kalte Hauch jener Jahre angeweht, in denen versucht wurde, Staat und Gesellschaft dauerhaft auf der Grundlage der Rassentrennung zu gestalten. Diese Politik stand in eklatantem Widerspruch zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Mit vielen von Ihnen füge ich hinzu: Sie verletzte göttliches Recht und menschlichen Anstand.

Die Zeit der Apartheid und der Kampf gegen dieses menschenverachtende System haben viele Opfer gefordert. Noch heute mutet es deshalb wie ein Wunder an, dass die Menschen Ihres Landes quer durch alle Schichten und Gruppen den Mut und die Weisheit fanden, die Apartheid friedlich zu beenden und eine neue Gesellschaft zu bauen. Das ist nur möglich, wenn der feste Wille zu Aussöhnung und Vergebung besteht. Dazu braucht man aber auch die entschlossene Bereitschaft, sich der Vergangenheit zu stellen.

II.

Mit der "Truth and Reconciliation Commission" ist Südafrika einen eigenen Weg gegangen, für den es nirgendwo in der Welt ein Vorbild gab. Die Kommission hat sich in beispielhafter Weise über viele Jahre um Versöhnung und Ausgleich bemüht. Sie hat in eindrucksvoller Weise bewiesen, dass auch eine noch so schreckliche Vergangenheit dann wirksam aufgearbeitet werden kann, wenn Täter Verantwortung für ihre Taten übernehmen und wenn Unterdrückte und Opfer der Apartheid ihren Peinigern vergeben.

Es war wichtig und richtig, dass die Kommission die historische Wahrheit über die schrecklichen Verbrechen der Apartheidzeit aufgedeckt und der gesamten Nation in öffentlichen Anhörungen vor Augen geführt hat. Die Kommission und ihre Arbeit sind ein treffendes Beispiel für das Sprichwort der Xhosa: "Der Mensch wird Mensch durch andere Menschen."

Niemand hatte erwartet, dass die große Aufgabe, eine gespaltene Nation zu versöhnen, allein durch eine Kommission gelöst werden könnte. Es ging ja nicht darum, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Bischof Tutu hat kürzlich gesagt, dass es "um die Förderung und nicht um die Erreichung der Versöhnung ging. Nationale Einheit und Versöhnung sind ein nationales Projekt. Von jedem Südafrikaner wird ein Beitrag zu diesem Prozess erwartet".

Sie werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass vieles noch zu tun bleibt. Bischof Tutu hat auch gesagt: "Weil die Nation so tief verletzt wurde, muss auch der Heilungsprozess sehr tief gehen.

Ich bin überzeugt davon, dass der Weg, den Sie gewählt haben, auf Dauer zu einem friedlichen Zusammenleben führen kann. Ich bin überzeugt davon, dass Südafrika dieses Ziel erreichen wird.

Das politische Leben in Südafrika ruht auf dem festen Fundament einer modernen Verfassung. Ich freue mich darüber, dass auch deutsche Experten daran mitgearbeitet haben. Nur dem Realitätssinn und der Kompromissbereitschaft derer, die unterdrückt waren, ist es zu danken, dass diese Verfassung verabschiedet werden konnte. Das hat dem Land den Start in eine gute Zukunft möglich gemacht.

Wir alle wissen, dass der südafrikanischen Regierung und der Gesellschaft noch manches abverlangt wird, damit die Folgen der Apartheid überwunden werden können. Dafür müssen sie die ganze Kraft mobilisieren, die in Ihrem Land steckt. Deutschland wird sie dabei unterstützen. Ich sehe darin nicht nur eine Aufgabe der Regierung. Auch Unternehmen, Gewerkschaften, Kirchen und nichtstaatliche Organisationen müssen sich beteiligen, damit die große Idee der Regenbogennation gelingt.

III.

Deutschland und die Deutschen sind Südafrika seit langem eng verbunden. Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Südafrika deutsche Wurzeln haben. Viele hunderttausend Südafrikaner stammen von jenen Deutschen ab, die seit der Gründung der Kap-Kolonie nach Südafrika ausgewandert sind.

Sie haben auch in ihrer neuen Heimat die deutsche Sprache und Kultur gepflegt und Verbindungen lebendig gehalten. Viele Ortsnamen zeugen davon: Heidelberg, Frankfurt oder Heilbronn. Mit den Ortsnamen Hermannsburg, Genadendal und Wupperthal verbinden sich die ersten Niederlassungen deutscher Missionsgesellschaften. Ich denke an die Hermannsburger, die Herrnhuter Mission und an die Rheinische Mission, die ihren Sitz in meiner Heimatstadt Wuppertal hat.

Die Missionare waren in den Süden Afrikas gekommen, um den christlichen Glauben zu verkünden und praktische Nächstenliebe zu üben. Sie gehörten aber auch zu den ersten, die einheimische Sprachen aufgezeichnet haben und sich um den Erhalt der Kulturen der ursprünglichen Einwohner kümmerten.

Präsident Mandela hat die Arbeit der Missionare dadurch geehrt, dass er nach einem Besuch in Genadendal seiner Kapstädter Residenz den Namen dieser Missionsstation gegeben hat.

Ich habe mich besonders darüber gefreut, dass ich Präsident Mbeki vorgestern einige Dokumente aus den Archiven des Berliner Missionswerks übergeben konnte, die für die Geschichte Südafrikas große Bedeutung haben. Die Aufzeichnungen und Bücher deutscher Missionsgesellschaften sollen in absehbarer Zeit vollständig in Südafrika vorliegen.

IV.

Südafrika hat in den vergangenen Jahrzehnten in der politischen Debatte in Deutschland eine besondere Rolle gespielt. Die rassistische Apartheidpolitik hat viele Menschen in meinem Lande empört.

Schon in den sechziger Jahren, besonders aber seit den brutal niedergeschlagenen Schülerprotesten in Soweto im Jahr 1976 haben sich vor allem junge Menschen in meinem Land für die Überwindung dieses unmenschlichen Systems engagiert. Sie haben an den Universitäten und auf Kirchentagen, in den politischen Parteien und in den Gewerkschaften für ein besseres Verständnis der Situation in Südafrika geworben und politischen und wirtschaftlichen Druck eine kritische Haltung der Bundesregierung und großer deutscher Unternehmen gegenüber dem Apartheidregime gefordert. Viele Südafrikaner haben uns in dieser Zeit in Deutschland von ihrem Leid berichtet oder sie haben wie Miriam Makeba mit ihrer künstlerischen Kraft für die gerechte Sache geworben.

Als Südafrika aufbrach, die Apartheid hinter sich zu lassen, haben wir diese Entwicklung mit angehaltenem Atem verfolgt. Wir haben uns über die Rede von Präsident De Klerk vor dem südafrikanischen Parlament am 2. Februar 1990 gefreut, über die Aufhebung der Apartheidgesetze, über das Ende des Verbots nichtweißer Oppositionsparteien und über die Freilassung vieler politischer Gefangener, darunter Nelson Mandela.

Er wird das an der Begeisterung gespürt haben, mit der die Deutschen ihn 1990 bei seinem ersten Deutschland-Besuch begrüßt haben. Sein Lebensbericht "Der lange Weg zur Freiheit" war auch bei uns ein großer Erfolg. Wir haben die Weisheit, Weitsicht und den Großmut Mandelas bewundert, mit der er Südafrika vom ersten Tag als Staatsoberhaupt und Regierungschef geführt hat.

V.

Ich habe auch großen Respekt davor, mit welcher Energie Präsident Mbeki das Ziel einer afrikanischen Renaissance verfolgt. Er hat mit seiner "Neuen Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas" deutlich gemacht, dass ein Reformprozess ohne mehr afrikanische Eigenverantwortung nicht möglich ist.

Ich wünsche mir, dass diese Initiative auf dem ganzen Kontinent Kräfte freisetzt, damit sich Afrika mit der Unterstützung von Partnern und Freunden schnell und nachhaltig entwickelt. Mit Recht bezeichnet die Initiative Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als entscheidende Voraussetzungen. Ich bin zuversichtlich, dass diese Initiative, die auf die eigene Kraft baut, Erfolg haben wird.

Afrika braucht für diesen neuen Aufbruch starke Antriebskräfte. Auch Europa wäre ohne den Schwung und die Beharrlichkeit seiner Gründungsmitglieder nicht da, wo es ist. Gerade auf Südafrika kommt eine besondere Verantwortung zu. Sie sind ein großes und einflussreiches Land mit großen wirtschaftlichen Möglichkeiten. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind hier fest verankert. Wir sichern Ihnen unsere Unterstützung bei dem Bemühen zu, ein Motor der Entwicklung Afrikas zu werden.

VI.

Die Beziehungen unserer beiden Länder haben eine stabile wirtschaftliche Grundlage. Deutschland war auch im Jahr 2000 wichtigster Handelspartner Südafrikas mit einem Volumen von 7 Milliarden Euro. Das entspricht einer Steigerung von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Südafrika ist das wichtigste Land für deutsche Investitionen in Afrika. Mit Gesamtinvestitionen von mehr als zwei Milliarden Euro sind Unternehmen aus Deutschland zweitgrößter Direktinvestor in Südafrika. Mehr als vierhundert deutsche Firmen sind hier tätig. In ihren Niederlassungen und Tochterunternehmen erwirtschaften sie einen Jahresumsatz von fast sieben Milliarden Euro und beschäftigen 60.000 Arbeitnehmer. Die deutschen Unternehmen leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Industrieproduktion des Landes, zur Beschäftigung, zur technologischen Entwicklung und zur beruflichen Ausbildung und Qualifizierung südafrikanischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Viele deutsche Unternehmen engagieren sich in beispielhafter Weise sozial. Sie fördern Schulen in den townships, unterstützen die Ausbildung von Arbeitslosen, um sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren, und manche beteiligen sich am Kampf gegen Aids. Dafür möchte ich ihnen an dieser Stelle ganz besonders danken.

Als Präsident Mandela 1996 Deutschland besuchte, haben der Bundesverband der Deutschen Industrie, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und der Afrikaverein die Initiative zur Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen mit dem südlichen Afrika ins Leben gerufen. Das zeigt, wie groß das Interesse der deutschen Wirtschaft an der Zusammenarbeit mit den Ländern im südlichen Afrika ist. Ich wünsche mir, dass dieses Interesse weiter wächst und Früchte trägt.

Südafrika hat eine solide Basis für die weitere Entwicklung gelegt: Durch eine Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Investitionen aus dem Ausland anzieht. Diese Politik hat dazu geführt, dass die die südafrikanische Wirtschaft in den Welthandel einbezogen ist. Jetzt gehen Sie daran, die Infrastruktur auch außerhalb der großen Wirtschaftszentren zu verbessern. Dabei geht es um Grund- und Berufsausbildung, um Stadtentwicklung und Wohnungsbau; es geht darum, Schulen und Krankenhäuser auf dem flachen Land zu errichten oder auszubauen, aber es geht auch darum, den privaten Sektor zu fördern.

Ich weiß, welche Anstrengungen Sie unternehmen, damit sich die Lebensverhältnisse in den townships verbessern. Davon hängt für die Zukunft des Landes viel ab. Ein besonders interessantes Projekt, das "Builders' Training Center", das Deutschland fördert, habe ich heute morgen besuchen können.

VII.

Mit großer Sorge verfolgen wir alle, wie sich auf dem afrikanischen Kontinent Tod bringende Krankheiten ausbreiten. Aids ist zu einer neuen Geißel der Menschheit geworden. Aids bringt nicht nur unendliches Leid über viele Menschen, sondern kann ganze Länder um die Früchte ihrer wirtschaftlichen und politischen Anstrengungen bringen. Wir alle stehen vor einer riesigen Aufgabe. Ich bin fest davon überzeugt, dass nur uneingeschränkte Aufklärung und wirksame präventive Maßnahmen eine weitere Ausbreitung dieser Seuche verhindern können.

Mittlerweile stehen preisgünstige Medikamente bereit. Ein deutsches Unternehmen hat sogar angeboten, sein Präparat kostenlos abzugeben. Das finde ich gut. Ich weiß aber, dass das allein nicht reicht, um der Pandemie und ihren Folgen wirksam zu begegnen. Darum freue ich mich darüber, dass nichtstaatliche Institutionen aus unseren beiden Ländern in diesem Bereich besonders eng zusammenarbeiten.

VIII.

Der 11. September 2001 hat uns allen gezeigt, dass wir neuen, bislang unbekannten Bedrohungen ausgesetzt sind und dass wir Sicherheit nur gemeinsam herstellen und bewahren können. Präsident Mbeki hat in seiner Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen darauf hingewiesen, dass es für Terror keinerlei Rechtfertigung gibt.

Die Ereignisse des 11. September und die Entwicklung seither haben uns auch schmerzlich vor Augen geführt, wie dringlich der Dialog der Kulturen und der Religionen ist.

Glaubhaft werden wir dabei nur sein, wenn wir stärker als bisher bereit sind, auch die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Identitäten anderer Nationen und Völker und ihre gesellschaftlichen Gestaltungsideen zu respektieren. Die Zusammenarbeit wird uns nur gelingen, wenn wir uns unserer eigenen Werte und Überzeugungen bewusst sind, wenn wir Respekt vor der Verschiedenheit haben.

Südafrika kann mit seinem Reichtum an Kulturen und der Vielfalt innerhalb der Gesellschaft einen wichtigen Beitrag zu diesem Dialog leisten und für andere ein Beispiel geben.

IX.

Südafrika hat einen guten Ruf als Friedensstifter in Afrika. Nelson Mandela ist es gelungen, die unterschiedlichen Konfliktparteien in Burundi an einen Tisch zu bringen, und so die Voraussetzung für eine Friedenslösung zu schaffen. Das verdient großen Respekt.

Mit wachsender Sorge verfolgen wir in Deutschland und unsere Partner in der Europäischen Union die Entwicklung in Simbabwe. Die Bürgerinnen und Bürger dort müssen die Chance erhalten, in freien und demokratischen Wahlen über die Zukunft ihres Landes selber zu entscheiden. Darin wissen wir uns mit den Menschen in den Ländern des südlichen Afrika einig. Für die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika liegt eine große Aufgabe darin sicherzustellen, dass dieses demokratische Grundrecht ausgeübt werden kann.

X.

Südafrika kann mit Stolz auf die Erfolge der letzten Jahre zurückblicken. Die Leistungen Ihres Landes verbreiten Hoffnung und machen Mut. Das kommt aber nicht von allein.

Dank der mutigen Politik und kühner Initiativen, wie der von Präsident Mbeki, können Afrika und Europa eine Partnerschaft aufbauen, in der sich afrikanische Eigenverantwortung und europäische Solidarität fruchtbar ergänzen. Die Völker Afrikas sind fest entschlossen, mit der "Neuen Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas" ihr politisches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Diese neue Chance müssen wir nutzen. Ich freue mich darüber, dass die G 8 Staaten konstruktiv auf die afrikanische Initiative geantwortet haben und im Juni in Kanada ihren Aktionsplan für Afrika verabschieden wollen.

Ich bin zuversichtlich, dass es gelingen wird, die Probleme Afrikas zu lösen - durch gemeinsame Anstrengungen, in fairer Partnerschaft. Afrika ist ein Kontinent mit einem großen Reichtum an wertvollen Rohstoffen und an fruchtbarem Land. Sein größter Reichtum sind der Fleiß, der Mut und die Zuversicht seiner Menschen. Hunger, Armut und Elend sind kein Naturgesetz.

Präsident Mandela hat bei seiner Antrittsrede 1994 erklärt: "Wir haben unsere Befreiung erreicht. Wir verpflichten uns, unsere Völker von den fortbestehenden Fesseln der Armut, der Entbehrung, des Leidens und der Diskriminierung zu befreien".

Das ist ein Ziel, für das zu arbeiten sich wahrlich lohnt. Sie finden uns dabei an Ihrer Seite.