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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Festakt aus Anlass des 50. Jahrestages der Freigabe der Insel Helgoland zur Wiederbesiedelung

Meine Damen und Herren,

man erzählt sich, dass es, als Helgoland wieder zu Deutschland gehörte, ein großes verfas­sungsrechtliches Problem gegeben habe. Wie sollte man rechtlich festschreiben, zu welchem Land der Bundesrepublik Helgoland gehört? Schleswig-Holstein? Niedersachsen? Hamburg? Bremen? Die Bayern meldeten kaum Ansprüche an. Als klar war: Schleswig-Holstein, Kreis Pinneberg, da stand die Frage an, wie bringt man das in Rechtsform? Im Grundgesetz steht ja nirgendwo, dass Wuppertal zu Nordrhein-Westfalen oder Spiekeroog zu Niedersachsen gehört. Die Berichterstatter sagen, man habe einen Trick gefunden: Man habe nämlich bei der Beratung der Straßenverkehrsordnung im Bundesrat dieser Verkehrsordnung einen Artikel hinzugefügt, der hieß: Auf der Insel Helgoland ist absolutes Halteverbot für alle Kraftfahrzeuge, eine nahe liegende Feststellung angesichts der Zahl der Kraftfahrzeuge auf Helgoland. Dann sei dieser Antrag angenommen worden bei Stimmenthaltung aller Länder mit Ausnahme von Schleswig-Holstein, die haben zugestimmt. Damit sei verfassungsrechtlich Helgoland eine Gemeinde im Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein geworden. Ob das stimmt... ich weiß es nicht, aber selbst wenn nicht, dann, finde ich, habe ich einen wichtigen Beitrag zur Heimatgeschichte geleistet!

Ich bin sehr gern gekommen, denn ich habe die beiden gekannt, die damals, Anfang der fünfziger Jahre, begleitet von zwei Journalisten, mit dem Boot nach Helgoland gekommen sind. Einer von ihnen war René Leudesdorff, den ich gern noch so vieles fragen würde. Ich weiß, dass der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann ein wenig mitzuhelfen versucht hat, da­mit ihr Tun öffentliche Wirkung fand und bekam. So ist der 1. März 1952 ein Tag der Ver­söhnung und der Dankbarkeit geworden, und wenn ich mir ansehe, was wir im Kalender frü­her alles für Gedenktage hatten, da gab es immer Gedenktage, an denen man erinnert wurde, wann das Schießen anfing - ob das der Sedantag war oder der 1. September. Dass man einen Tag feiert, an dem das Schießen aufhört, an dem keine Bomben mehr fallen, nach den leid­vollen Jahren bis 1952, dafür ist jemand besonders dankbar, der auch nach fast sechzig Jahren noch den Geruch von Brandbomben und das Feuer über den Städten des Ruhrgebietes so in Erinnerung hat, wie viele in England die Zerstörung von Coventry und anderen Städten. Deshalb ist dieser knappe Quadratkilometer Helgoland ein schönes Symbol dafür, dass man auch im Meer Standorte braucht, die Brückenfunktion haben. Darum gratuliere ich zu diesem Tag ganz herzlich.

Natürlich denke ich an Hoffmann von Fallersleben, zumal ich vor einiger Zeit in Fallersleben war. Natürlich denke ich ans Deutschlandlied. Aber ich denke, wir tun Hoffmann von Fal­lersleben auch nicht Unrecht, wenn wir in Helgoland an all die anderen schönen Lieder erin­nern, vor allem an die Kinderlieder, die er geschrieben hat und die viel zu wenig mit seinem Namen verbunden sind.

Natürlich denken wir an James Krüss. Für meine Frau und mich war es eben schön, als zwei Mädchen uns auf dem Weg hierher das James Krüss-Gedicht von den 18 Tanten aufgesagt haben, als sei das ihr Abendgebet, so gut war das eingeübt.

Ich wünsche Helgoland viele Besucher, nüchterne und andere. Aber ich wünsche vor allen Dingen Helgoland eine Entwicklung, die dazu führt, dass die Insulaner bleiben und dass andere Insulaner werden, und dass es neben den Insulanern und denen, die hierher als Gäste kommen, viele, viele internationale Freunde dieser wunderschönen Insel gibt.

Ich bin heute gern hier, und dafür habe ich sogar Flugangst in Kauf genommen, denn schön ist es da oben im Augenblick nicht. Die Dame da oben heißt Anna, habe ich mir sagen lassen, die uns den Wirbel bringt.

Alles Gute und Gottes Segen für Helgoland.