Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Johannes Rau zur Eröffnung der Ausstellung "Der (im)perfekte Mensch"

Meine Damen und Herren,

wenn man wie ich viele Termine wahrnehmen muss, und wenn man eine Frau hat, die viele Ehrenämter innehat und auch oft unterwegs ist, dann gibt es manchmal Wochen, da hat man sich tagelang nicht gesehen und gesprochen. Ich erinnere mich an eine solche Situation, in der ich dann meine Frau gefragt habe: 'Was war denn Aufregendes in diesen Tagen?' Dann hat sie gesagt: 'Es war eigentlich ganz normal, Du hast nix verpasst. Außer Ramba-Zamba, das ist eine Musik-Theater-Gruppe, da musst Du mal mit mir hingehen!' Wir haben das bis heute nicht geschafft. So bin ich dann heute hierher gekommen, auch um Ramba-Zamba zu erleben, die unsere Veranstaltung hier eingeleitet haben. Ich bin auch gekommen, weil ich gerne möchte, dass viele Menschen diese Ausstellung sehen, die aus Dresden nach Berlin gekommen ist, und dass viele Menschen über das Thema dieser Ausstellung nachdenken, über ihre eigene Perfektion oder Imperfektion, die uns ja nicht so bewusst wird.

Ich war ein ganz junger Abgeordneter, da war ich Berichterstatter für ein Schulpflichtgesetz. In diesem Schulpflichtgesetz gab es einen Artikel über die Beschulung Behinderter. Darüber habe ich dann sehr gute Reden gehalten, die kann man heute noch nachlesen. Nachdem ich diese Reden gehalten hatte, passierte es mir, dass ein Mädchen auf mich zukam, es war Mitte der sechziger Jahre, es reichte mir seine Hand - streckte mir seine Hand entgegen - und sagte: 'Ich habe am gleichen Tag wie Du Geburtstag, wollen wir nicht Freunde werden?' Die Hand dieses Mädchens war an der Schulter, ohne Arme.

Ich entdeckte auf einmal an mir selber, dass ich zwar gute Reden halten konnte über Behindertenpädagogik, dass ich aber angesichts der ersten intensiven, lebendigen Begegnung mit einem Contergan-Kind, wie man das nannte, völlig hilflos war. Ich wusste gar nicht, wie ich mit ihr umgehen sollte. Ich wusste gar nicht, wie man mit einem solchen Kind spricht. Es hat lange Zeit gedauert, bis ich das an dieser und an anderen Begegnungen hoffentlich gelernt habe. Das Mädchen hat am gleichen Tag wie ich Geburtstag, ist inzwischen Mutter von drei Kindern und wir schreiben uns noch regelmäßig, obwohl diese kurze Begegnung in der Sofaecke eines Ferienortes weit über dreißig Jahre her ist. So habe ich das oft erlebt, manchmal so befreiend wie bei diesem Kind. Manchmal auch so bedrückend, dass man es lange nicht unter die Füße kriegt.

Ich erinnere mich an eine Veranstaltung, bei der ein bedeutender Kommunalpolitiker auf mich zukommt und sagt: 'Ihr Freund Sowieso ist schon wieder betrunken'. Ich frage: 'Wieso?' Er sagt: 'Das ist seit Monaten bei ihm so, mit dem müssen Sie mal reden!' Ich nehme ihn mir beiseite, und ich rede mit ihm mit all der moralischen Potenz, die ich mir zurechne, und er sagt immer, er verstehe das nicht. Ich sage: 'Dann sieh Dich doch mal gehen!' Und er sagt: 'Ich verstehe das nicht.' Ein paar Monate später besucht mich seine Frau und sagt: 'Wir haben es lange nicht gewusst, Dieter hat MS.' Das, was der politische Partner für Zeichen von Trunkenheit hielt, war der Verlust von Steuerungsfähigkeit und nicht der Gewinn von Alkohol. Dann einen solchen Menschen begleiten, Jahre lang, und auch versuchen, das auszuräumen, was man da selber angerichtet hat, guten Glaubens! Das ist ein schwieriger Weg.

Ich habe Ihnen diese beiden Erfahrungen nicht erzählt, weil ich denke, ich habe so viel zu erzählen, sondern weil ich glaube, dass beide Erfahrungen sagen können, was jeder von uns Schritt für Schritt und immer wieder lernen muss: Dass man nie ausgelernt hat. Wenn ich heute einem Menschen begegne, der schwer krank ist, der seine Sinne nicht mehr beieinander halten kann, dann frage ich: Wo ist wohl an meinem Lebensende die Herrschaft über meine Sinne?

Jeder von uns ist imperfekt, und wir sind das in einer Gesellschaft, die legt alles immer auf Perfektion an, auf Gewinn, auf Nutzen, auf Rendite. Das muss im Markt auch so sein, denn Märkte leben davon, dass es Einstandspreise und Verkaufspreise und dazwischen eine Differenz gibt, die den Gewinn ausmacht. Wenn wir aber unser Leben zum Markt machen und nicht den Markt zum Teil unseres Lebens, dann verlieren wir die Maßstäbe, dann verlieren wir die Orientierung, und dann sind wir selbst mit ärztlichem Unbedenklichkeitszeugnis krank. Darum kommt es darauf an, dass wir das Miteinander lernen und üben, Maßstäbe zu haben jenseits des Marktes und ohne den Markt zu verachten.

Deshalb bin ich gern gekommen, um der Ausstellung und denen, die sie vorbereitet haben und die sie jetzt zeigen, ein wenig Rückenwind zu geben für das, was sie tun. Wir alle wissen das, dass jeder von uns seine Behinderung hat, seine sichtbare oder weniger sichtbare, seine hörbare oder weniger hörbare, dass wir alle dazu neigen, uns in die eigene Perfektion hineinzureden. Da ist es gut, wenn wir Bilder sehen, die uns unsere Welt erklären, wie sie ist und nicht, wie wir sie uns malen. Wenn wir dann die Welt so sehen, wie sie ist und nicht wie wir sie uns malen, dann können wir sie ein Stück verbessern. Dann kann sie durch uns etwas menschlicher werden, etwas barmherziger, etwas wärmer, etwas heller. Ich hoffe, dass diese Ausstellung dazu hilft und dass Ramba-Zamba uns immer wieder auf die Füße stellt und uns weckt, damit wir nicht zu langsam laufen.

Herzlichen Dank.