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Rede von Bundespräsident Johannes Rau bei der Verleihung des Lew Kopelew Preises

I.

Es ist bewegend, hier zu sein und an Lew Kopelew erinnern zu können. An einen Mann, nach dem ein Preis benannt ist, und an einen Mann, der uns dadurch in Erinnerung bleibt, dass Reden und Tun identisch waren. Dass Glaubwürdigkeit für ihn ein Gütemerkmal der Demokratie war und der Freiheit. Wir sind einander oft begegnet, seit er in Deutschland lebte. Er rief auch nachts an, wenn Not am Mann war. Er war ein begnadeter Bettler, als es in Russland Hunger gab, und er war streitbar und friedfertig. Und darum ist es gut, dass es einen Preis gibt, der nach ihm benannt ist und der uns daran erinnert, dass keiner von uns werden kann, wie er war, aber dass wir die Tugenden einüben können, die ihn ausgezeichnet haben. Sein Leben hat uns alle auf ganz einzigartige Weise bereichert. Ohne sein Wirken sähe unsere Welt anders aus. Welche Bilder und welche Erinnerungen tauchen auf, wenn wir an ihn zurückdenken, diesen liebenswürdigen Menschen und diesen großen Humanisten? Ich habe soeben gesagt: "Ich bin nur wenigen begegnet, bei denen Überzeugung und praktisches Handeln so übereingestimmt haben wie bei ihm: einem Menschen aus einem Guss, aber kein Mensch aus Stahl und Eisen, sondern einer aus Fleisch und Blut. Das ist der Grund für seine Glaubwürdigkeit und dafür, dass diese Glaubwürdigkeit auch heute noch Anziehungskraft auf uns alle ausübt. Titel seiner Bücher lesen sich wie Stationen seines Lebens. "Verbietet die Verbote", "Warum haben wir aufeinander geschossen?", "Im Willen zur Wahrheit", "Worte werden Brücken", "Und dennoch hoffen", "Wir lebten in Köln".


II.

Lew Kopelew wurde vor bald neunzig Jahren in Kiew in eine weltoffene Familie hineingeboren: Zu Hause wurde Ukrainisch und Russisch gesprochen, Polnisch - und eben auch Deutsch. "Mit der deutschen Kultur bin ich verwachsen", sagt er. "Seit meiner Kindheit ist Deutschland das Land meiner Träume gewesen", so 1980 - kurz nachdem er hier in Köln angekommen war.

Was war das vorher für ein Lebensweg, welche Extreme, welche Tiefen menschlicher Existenz hatte er durchmessen! Die Jahreszahlen leuchten oder brennen:

1941 promoviert der junge Germanist über Schillers Dramen. 1941, da haben wir als deutsche Kriegsgeschichte anderes im Sinn als Schillers Dramen. Und im gleichen Jahr, in dem Lew Kopelew über Schillers Dramen promoviert, werden seine Großeltern von der SS erschossen.

Im Zweiten Weltkrieg ist Lew Kopelew Freiwilliger. Anfang 1945, als hier die Städte brannten, widersetzt er sich den Schreckenstaten, die die Soldaten der Roten Armee nach der Besetzung in Ostpreußen verüben, und er wird daraufhin wegen "bürgerlich-humanistischer Propaganda und des Mitleids mit dem Feind" angeklagt und verurteilt. Er verbringt fast zehn Jahre in Gefängnis- und Lagerhaft. Aber die zehn Jahre zerbrechen ihn nicht. Er setzt sich in der Sowjetunion für Andersdenkende ein: für Solschenizyn und für Grigorenko, für die Schriftsteller Sinjawski und Daniel, von dem wir eben von Wolf Biermann ein Lied gehört haben, für die Protagonisten des Prager Frühlings und schließlich für Andrej Sacharow. Und ich füge hinzu: Ich erinnere mich, als er von einem Moskaubesuch erfuhr, den ich machte, rief er an, wieder nachts: "Sie müssen Sacharow besuchen". Dann das Abenteuer, zu Sacharow zu kommen und bei ihm Stunden zu sitzen und zuzuhören und mitzuerleben, wie oft das Telefon klingelte und wie selten Sacharow wusste, ob der, der anruft, der ist, der er zu sein vorgibt, oder der, der prüft, wer bei Sacharow ist. Es konnte nicht ausbleiben, dass Kopelew schnell in scharfen Konflikt mit der sowjetischen Staats- und Parteimacht geriet.

Er stellt mehrfach den Antrag, zu einem Studienaufenthalt in die Bundesrepublik Deutschland reisen zu dürfen. Der Antrag wird immer wieder abgelehnt und dann wird er im November 1980 genehmigt. Kopelew reist aus, sucht Heinrich Böll, zwei Monate später wird er ausgebürgert, während er bei uns in Deutschland ist. Wer erinnert sich dann nicht an einem Tag wie heute, da Wolf Biermann singt, an seine Ausreise, an seinen Besuch in Köln, an seine Ausbürgerung und das, was uns damals miteinander bewegt und hoffentlich auch in auch Bewegung gebracht hat. Lew Kopelew wird deutscher Staatsbürger und lebt fortan bei uns. Ein Jahr später bekommt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er gründet mit Heinrich Böll zusammen die Gesellschaft "Orient-Occident", die Übersetzungen, die die Veröffentlichung von Büchern fördert, deren Autoren in Mittelost- und Osteuropa unterdrückt werden.

Deutschland ist für Lew Kopelew nicht wirklich Exil, sondern eine neue, eine zweite Heimat. Aber es geht ihm wie vielen, die ihre alte Heimat aus der Ferne betrachten: Sie beschäftigt sie immer mehr und nicht immer weniger. Nichts verblasst, alles wird schärfer und farbiger. Kraftvoll und mit großer moralischer Autorität setzt sich Lew Kopelew mit der Situation in der Sowjetunion auseinander. Er zeichnet die Vision eines freien Russlands. Die Perestroika Gorbatschows wird ein erster Hoffnungsschimmer für Russland, für die Länder Ostmitteleuropas, auch für eine Überwindung der deutschen Teilung. In dieser Zeit liegen viele Begegnungen und in dieser Zeit war ich ihm besonders dankbar, dass er auf meine Bitte hin 1992 die Leitung des "Wuppertaler Projekts" übernahm. Dieses Projekt ging der Frage nach, was Russen und Deutsche über die Jahrhunderte hinweg voneinander wussten und dachten. Wir haben es in einer Buchreihe darzustellen versucht und ich erinnere mich eines Gespräches, in dem ich ihm erzählte von einem Aufsatz, den ich als junger Freischaffender geschrieben hatte, über den deutschen Doktor von Moskau, den ja keiner kannte, und Lew Kopelew sagte ich: "Ich bin gerade an einem Buch über ihn und fahre nächste Woche nach Münstereifel, wo er geboren ist." Das war eine besonders schöne Aufgabe, die alten und die neuen Verbindungen, die Wahlverwandtschaften aufzuzeigen, die Kriege und Vorurteile überdauert hatten. Immer wieder setzt sich Lew Kopelew für andere ein. Westliche Journalisten - ich könnte mir denken, dass einer der Zeugen dafür Fritz Pleitgen sein könnte - waren "Brieftauben", brachten Medikamente für Gefangene mit in sibirische Gefängnisse und Lager. Sie haben, Herr Pleitgen, Anfang der 90er Jahre eine Reportage über den medizinischen Notstand in Perm gemacht. Diese Bilder haben Lew Kopelew so bewegt, dass er den Spendenaufruf des WDR und von CARE-Deutschland unterstützte. Er warb um die Hilfe der Menschen. Allein in Nordhein-Westfalen kamen damals vier Millionen DM zusammen.


III.

Was wäre aus anderen geworden, mit dieser Last und mit diesem Blick und mit diesem Auftrag? Sie wären an dem, was Lew Kopelew erfahren und erlitten hat, zerbrochen, oder sie wären bitter geworden, sie hätten resigniert. Lew Kopelew aber blieb den Träumen seiner Jugend treu und er tat das mit beeindruckender und manchmal bedrückender Hartnäckigkeit. Er hat sich in seiner Liebe zu Russland und zu Deutschland nie beirren lassen.

Die Erfahrungen wurden zum Antrieb, zum Kraftquell einer unbeugsamen Haltung, geprägt von Humanismus und Toleranz, von Zivilcourage und von der Pflicht, sich einzumischen, wo Unmenschliches geschah. Auch gegen Widerstand für eine bessere und gerechte Welt zu kämpfen - das war Verpflichtung, Auftrag, Mission.

Lew Kopelew wusste: Nichts ist besser, wenn wir eine bessere Welt bauen, als das Gespräch zwischen den Menschen, als der Dialog zwischen den Völkern und Kulturen. Er hat es so formuliert: "Unser Ziel ist schlicht: Verständnis zu wecken von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk. Jeder Generation ist die Mühsal aufgetragen, das Ziel der Verständigung immer aufs Neue zu erstreben und dauerhaft zu verwirklichen." Soweit Kopelew.

Verständigung ist also keine Aufgabe, die vorbeigeht, die irgendwann erreicht ist, sie ist eine ständige Aufgabe, aber nicht irgendwann "erledigt". Das ist der Kern seiner Botschaft und das ist ihre ungeheuere Aktualität: Verständigung, das heißt zunächst einmal Verstehen - das heißt, den anderen in seinen Nöten und Befürchtungen ernst nehmen, in seinen Wünschen und Hoffnungen, in seinen Ängsten und seiner Bedrängnis. Verständigung, das heißt, den Anderen gelten lassen - Respekt zu haben vor seiner Verschiedenheit, vor seiner Würde. Das verlangt die Achtung seiner elementaren Rechte.

Darum geht es damals wie heute: Den Menschenrechten weltweit Geltung zu verschaffen und denen zu helfen, die sie unter oft schwierigen Bedingungen verteidigen.

Aber, meine Damen und Herren, Menschenrechte - das ist kein abstrakter Begriff. In den Ländern, in denen sie garantiert sind, ist uns manchmal nicht mehr recht bewusst, wie sehr unser Leben davon abhängt, dass Menschenrechte geachtet und eingehalten werden und dass es einen demokratischen und sozialen Rechtsstaat gibt, der sie garantiert. Es ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass die Menschenrechte gewahrt sind, es ist keine Selbstverständlichkeit, dass wir ein menschenwürdiges Leben führen können. Immer wieder haben Menschen darum kämpfen müssen. Das wird auch in Zukunft so sein.

Lew Kopelew hat uns gemahnt, dass wir die Bedrängten nicht allein lassen dürfen: "Heute schon kann jeder ein Helfer sein für die Hilfsbedürftigen", hat er gesagt, "gleich ob nah oder fern. Jeder kann helfen, den Notleidenden, den zu Unrecht Verfolgten, den von Willkür Bedrohten....", so sagt Lew Kopelew.

Das muss der Kern jeder Politik sein: eine menschenwürdige Welt zu bauen. Immer wieder müssen wir uns dabei an unseren eigenen Maßstäben messen lassen: Halten wir an unseren Standards für Grund- und Menschenrechte - wenn wir sie von anderen einfordern - auch dann fest, wenn Nachgiebigkeit politischen Vorteil verspricht?


IV.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat Russland im vergangenen Jahrzehnt wichtige Schritte unternommen, damit die Menschenrechte besser geschützt sind:

In der Verfassung von 1993 werden die Menschen- und Bürgerrechte garantiert;

1996 ist Russland dem Europarat beigetreten und hat sich damit den strengen Standards unterworfen, die in der Europäischen Menschenrechtskonvention festgeschrieben sind.

Die Prozesse des Umbruchs, die Russland durchläuft, sind schwierig, sie brauchen Zeit. Das wissen wir. Nach Jahrhunderten zaristischer Autokratie und nach siebzig Jahren sowjetischem Totalitarismus lässt sich dieses große Land nicht innerhalb einer Dekade vom Kopf auf die Füße stellen. Da braucht man konsequentes Handeln, einen langen Atem und viel Geduld. Ich bin davon überzeugt, dass Russland diesen Weg gehen will und gehen wird.

Demokratie, Rechtsstaat und Schutz der Menschenrechte - das sind auch Kernelemente der Werteordnung, auf die die immer engere Partnerschaft zwischen Russland und der Europäischen Union gründet. Und im Sinne dieser Partnerschaft möchte ich heute zwei Punkte ansprechen:

  • Die Situation in Tschetschenien bereitet uns nach wie vor Sorge. Selbst - ja gerade - bei einem Kampf gegen Terrorismus und gegen gewaltsamen Separatismus müssen die Menschenrechte geachtet werden, und es darf kein Krieg gegen die Zivilbevölkerung geführt werden. Der Einsatz der Mittel muss verhältnismäßig sein, es muss ernsthaft nach einer politischen Lösung gesucht werden.

  • Und lassen Sie mich auch die Lage der russischen Medien ansprechen. Kritische Stimmen im landesweiten Fernsehen werden leiser oder verstummen ganz. Medien sind häufig starkem politischem Druck ausgesetzt.

Eine freie Presse aber gehört zu den Grundpfeilern eines demokratischen Gemeinwesens. Wo kritische Stimmen ausgegrenzt oder unterdrückt werden, da werden die Bürger entmündigt. Wenn die Bürger am politischen Geschehen aber nicht mehr mitwirken können oder wollen, wenn sie sich mit ihrem Gemeinwesen nicht mehr identifizieren, dann verliert die Demokratie ihre entscheidende Kraftquelle.

Die vierte Gewalt braucht staatlichen Schutz, sie braucht verlässliche Perspektiven und Garantien.


V.

Eine lebendige Demokratie braucht das Engagement freier, aktiver Bürgerinnen und Bürger. "Memorial", der diesjährige Träger des Lew Kopelew-Preises, war und ist einer der wichtigsten Pioniere der demokratischen Entwicklung Russlands.

Mit relativ geringen Mitteln sorgt "Memorial" dafür, dass die Verbrechen der Sowjet-Herrschaft, vor allem des Stalinismus, dokumentiert und öffentlich gemacht werden. Das ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass Opfer rehabilitiert werden können.

Wir wissen in Deutschland aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, die Augen nicht vor der Vergangenheit zu verschließen, wenn ein demokratischer Neuanfang gelingen soll. Was Freiheit und innerer Friede, was Demokratie und Rechtsstaat wirklich bedeuten, das kann eine Gesellschaft ermessen, die sich der Abgründe der Diktatur bewusst ist. Die Arbeit, die "Memorial" in Russland unter politisch und gesellschaftlich schwierigen Umständen leistet, können wir daher gar nicht hoch genug schätzen.

Mit großem Mut treten die Mitglieder von "Memorial" dafür ein, dass die Menschenrechte in Tschetschenien geachtet werden. Sie geben den unbekannten und namenlosen Opfern Gesicht und Stimme und sie schärfen in Russland die Aufmerksamkeit für das, was in Tschetschenien geschieht. Und darum meine ich, das "Lew Kopelew-Forum" hat sich einen würdigen Preisträger ausgewählt.


VI.

Im vergangen Jahrzehnt haben die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sich grundlegend gewandelt. Unsere Zusammenarbeit ist enger, vertrauensvoller, auch freundschaftlicher geworden. Wir wollen gemeinsam eine friedliche und sichere Zukunft bauen.

Präsident Putin hat in seiner bedeutenden Rede vor dem Deutschen Bundestag im vergangenen September davon gesprochen, dass in unseren Beziehungen eine neue Epoche begonnen hat. Grundlage dafür ist ein Klima gegenseitigen Vertrauens. Vor zwanzig Jahren hätte es niemand für möglich gehalten, wie nah wir uns heute schon sind. Wir wollen gemeinsam daran arbeiten, dass dieses Vertrauen weiter wächst. Ich will noch in diesem Jahr die Russische Föderation besuchen und ich freue mich schon jetzt auf viele interessante Begegnungen und Gespräche.

Übermorgen, meine Damen und Herren, hätte Lew Kopelew Geburtstag und er würde neunzig. Ein Schriftsteller und Wissenschaftler, Bürgerrechtler, ein Dissident, ein Freund, ein Kenner der Deutschen. Und vor allem jemand, der sich Zeit seines Lebens dafür eingesetzt hat, dass Hass nicht beantwortet wird mit neuem Hass, Feindschaft nicht mit neuer Feindschaft, sondern dass Menschen aufeinander zugehen, sich die Hände reichen und sich im Anderen selber erkennen.

Das Lew-Kopelew-Forum steht dafür und muss dafür stehen, dass dieser Gedanke des Dialoges zwischen Menschen aus unterschiedlichen Völkern und Kulturen weiterwirkt. Und wo ich dazu helfen kann, will ich es gerne tun.