Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Eröffnung des Rundgesprächs zum Thema "Religion, Kultur, Nation und Verfassung: Multiple Identitäten in modernen Gesellschaften" am 11. April 2002 im Schloss Bellevue

Die Kulturen der Welt kommen sich näher und müssen versuchen, miteinander zu leben und miteinander zu reden. Das nennt man nun schon seit geraumer Zeit Dialog der Kulturen.

Nun: Kulturen können streng genommen keine Dialoge führen. Das können nur Menschen. Je besser diese Menschen in der Lage sind, nicht nur über ihre eigene Kultur Auskunft zu geben, sondern sich auch in andere hineinzudenken, um so besser sind sie in der Lage, einen solchen Dialog zu führen.

Ich freue mich darüber, dass heute hier sehr viele Menschen, die das können, zusammengekommen sind - und so freue ich mich auf spannende und lehrreiche Stunden.

"Dialog der Kulturen" - Dieser Begriff hat sich inzwischen eingespielt, ja nicht nur das: er erscheint selber wie ein kategorischer Imperativ. Was immer an Schlimmem und Katastrophalem in der Welt geschieht, wo immer Hass, Krieg und Terrorismus ihr schreckliches Haupt erheben, da wird der Dialog der Kulturen eingefordert. Die Forderung danach ist selbstverständlich geworden.

Zunächst kann man auch einmal schlicht feststellen: Zahlreiche Veranstaltungen, so wie diese, die heute hier beginnt, zeigen, dass der Dialog der Kulturen aus seinem Anfangsstadium bereits herausgetreten ist.

Es geht nicht mehr nur um das Kennenlernen anderer Kulturen, es geht bereits darum, vorhandene Gemeinsamkeiten herauszufinden oder auch neue Gemeinsamkeiten zu entwickeln, sich auf einen Wertekanon zu verständigen, Lösungsmöglichkeiten für Konflikte und Modelle für ein gedeihliches Miteinander zu entwickeln.

Der Dialog der Kulturen ist zu einer selbstverständlichen Forderung geworden. Doch gerade bei scheinbaren Selbstverständlichkeiten, gerade dann, wenn etwas allen plausibel erscheint, ist es oft wichtig, noch einmal nachzufragen.

Dialog der Kulturen - was kann man darunter eigentlich verstehen?

Zunächst: Einen wirklichen Dialog kann man nur führen, wenn die beteiligten Partner sich gegenseitig wirklich ernst nehmen. Er kann nur beginnen, wenn das Bewusstsein und das Gefühl gleichen Wertes und gleicher Würde vorhanden ist.

Der Starke führt mit dem Schwachen in der Regel keinen Dialog, sondern versucht ihn zu verdrängen oder ihm seine Weltsicht aufzudrängen.

Der Schwache wiederum führt mit dem Starken keinen Dialog, sondern igelt sich ein und versucht alles festzuhalten, was er irgendwie festhalten kann.

Das sind psychologische und soziologische Gesetze, die kein Appell an guten Willen außer Kraft setzten kann.

Das bedeutet auch, ich sage es einmal holzschnittartig: Arm und reich führen keinen Dialog der Kulturen, sondern müssen um konkreten politischen und wirtschaftlichen Ausgleich ringen. Ein Dialog der Kulturen setzt Gerechtigkeit oder gerechte Verhältnisse voraus, zumindest den Willen und die Fähigkeit, sie anzustreben.

Ein zweiter Gedanke: Wer sich auf einen Dialog einlässt - und das gilt nicht nur für den Dialog der Kulturen -, der hat bereits eine fundamentale Grundentscheidung getroffen, darüber muss man sich klar sein. Er hat allein durch die Tatsache, einen Dialog zu führen, anerkannt, dass er allein nicht im Vollbesitz der ganzen Wahrheit ist. Wer im Besitz der ganzen Wahrheit ist, der betreibt Mission - und führt keinen Dialog, wenn das Wort noch sinnvoll sein soll.

Um es mit den Worten des gerade gestorbenen Hans Georg Gadamer zu sagen: Wer in einen Dialog eintritt, der lässt sich darauf ein, dass der andere vielleicht recht haben könnte.

Anders gesagt: mit Fundamentalisten kann man keinen Dialog führen. Der Eintritt in den Dialog ist bereits das Ende des Fundamentalismus.

Ein drittes: Dialog setzt friedliche Absichten und Motive voraus. Wer sich auf einen Dialog einlässt, der signalisiert damit, wenn er es ernst meint, dass er den anderen nicht bei der nächsten Gelegenheit umbringen will. Ein Dialog der Kulturen setzt also im Grunde Frieden voraus, zumindest friedliche Absichten und Friedensfähigkeit. Er ist kein Ersatz für Friedensverhandlungen, für Friedensschlüsse oder für befriedende politische Kompromisse.

Das bedeutet meiner Ansicht nach dann auch, dass der Dialog der Kulturen nicht in erster Linie eine Sache der Politik und der Diplomatie ist. Sie können ihn vielleicht initiieren, sie werden auch von ihm profitieren. Wir dürfen aber aus lauter gutem Willen nicht die Sphären vermischen. Auch deswegen nicht, damit "Dialog der Kulturen" nicht zu einem bloßen Etikett wird, das eine interessengeleitete Außenpolitik fromm bemäntelt oder kaschiert.

In einem Dialog schließlich muss jeder wissen, wer er selber ist, für wen er spricht, in wessen Namen, mit welcher Geschichte. Er muss wissen, wer er selber ist - und wie ihn die anderen sehen.

Hier scheinen mir bei manchen Projekten einige Schwierigkeiten zu liegen, auf die wir im Laufe der Gespräche vielleicht noch zu sprechen kommen.

Ich nenne einmal ein Beispiel. Wir reden etwa vom Dialog "Westen - Islam". Das ist eine Initiative von Staatsoberhäuptern, die mein Vorgänger begonnen hat und die ich fortgesetzt habe. Jeder weiß aber, dass das eigentlich eine schiefe oder zumindest eine ungenaue Bezeichnung der Partner ist.

Wer ist "der Westen"? Ist damit das "Christentum" gemeint? Aber dann wäre es ein Religionsdialog und davon sollten Staatsoberhäupter vielleicht besser lassen.

Ist gemeint: "Abendland plus Amerika"? Aber das ist ja dann eine so pluralistische Entität, dass wohl niemand für sie repräsentativ wäre.

Oder meint "Westen" Aufklärung, Rationalität, vernunftgeleiteter Diskurs? Aber will man das anderen Kulturen absprechen? Und gab und gibt es nicht auch im "Westen" Irrationalität, Barbarei, Genozid?

Ich will jetzt gar nicht auch noch auflösen, was auf der anderen Seite alles unter "Islam" verstanden werden kann, da ist auch viel Raum für Interpretation.

Tatsache ist also, dass der Versuch, dass das Projekt oder gar der Imperativ eines Dialogs der Kulturen nicht selbstverständlich ist, sondern auch scheinbar Selbstverständliches in Frage stellt.

Zunächst einmal ist jeder Teilnehmer selber in Frage gestellt. Er muss vor sich selber und für sich Auskunft darüber geben, wer er selber ist. SeineIdentitätsteht zur Debatte. Wir merken dabei, wie Ernst Meister einmal formuliert hat, "wie sehr wir Gemischte sind."

Kofi Annan, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, hat eine Arbeit in Auftrag gegeben, die vor wenigen Monaten unter dem Titel "Brücken in die Zukunft" als Buch erschienen ist. In seiner Einleitung hebt der Generalsekretär hervor, dass die Menschen immer mehr verstünden, dass sie durch viele Kulturen und Einflüsse geformt sind und dass ein Kombinieren von Vertrautem und Fremdem eine Quelle wichtiger Erfahrungen und Einsichten sein könne.

Und dann wörtlich: "Die Menschen können und sollen auf ihren Glauben und ihr kulturelles Erbe stolz sein. Aber wir können in Ehren halten, was wir sind, ohne zu hassen, was wir nicht sind".

Auf den Glauben und das kulturelle Erbe stolz sein? In Ehren halten, was wir sind?

Bei vielen Deutschen, zumal den älteren, ruft das immer noch zwiespältige Gefühle hervor.

Kann man im Angesicht unserer Geschichte, ich sage einmal kurz: "nach Auschwitz" auf ein deutsches kulturelles Erbe stolz sein? Auf seine Identität als Deutsche oder Deutscher stolz sein?

Andererseits: Wir verlangen von den Migranten die Bereitschaft zur Integration und wir haben den Migranten Integrationsleistungen, Integrationsmöglichkeiten versprochen. Können wir diese Leistungen überhaupt erbringen, wenn wir unserer Identität nicht sicher sind? Wenn wir nicht definieren können, worauf sich die Migranten einlassen sollen?

Der Potsdamer Politologe Jürgen Dittberner hat auf die "banale Tatsache" hingewiesen, "dass die Berücksichtigung der herrschenden Kultur die Orientierung erleichtert".

Wolf Biermann hat es so ausgedrückt: "Wer nicht bei sich selbst ist, kann auch nicht bei anderen sein".

Identität hat mit eigener Überzeugung, mit Echtheit, mit Glaubwürdigkeit zu tun. Identität heißt, sich einer Gruppe, einer Nation, einem Land zugehörig zu fühlen und sich gleichzeitig seiner Individualität bewusst zu sein. Identität ist nichts Glattes und unveränderbar Ganzes, sondern etwas Zusammengesetztes und Zerbrechliches, etwas, das gepflegt und genährt, aber auch immer wieder überprüft werden muss. Ohne das Bewusstwerden der eigenen Identität kann man - da hat Wolf Biermann wohl Recht - auch die Identität Anderer nicht wahrnehmen und deshalb auch nicht akzeptieren.

Heute und morgen wird hier über "Religion", "Kultur", "Nation" und "Verfassung" geredet werden, also über jene komplexen Lebenswelten, aus denen sich Identitäten bilden - individuelle und kollektive.

Im Thema unserer Veranstaltung taucht ein Begriffnichtausdrücklich auf, der dazu gehört und der gewissermaßen über allem steht: die Toleranz.

Wenn wir uns darauf einigen können, dass "Identität" und "Identifikation" bedeuten, auch die Identität der "Anderen" wahrzunehmen und zu akzeptieren, dann kommen wir in der Diskussion nicht ohne den Begriff der "Toleranz" aus.

Toleranz in unserer modernen Gesellschaft, in einer globalen Gemeinschaft, in der Menschen mit ganz unterschiedlicher ethnischer, kultureller, religiöser und politischer Herkunft aufeinander treffen und miteinander leben müssen und wollen - Toleranz kann in einer solchen Gesellschaft nicht nur "Ignorieren" und nicht nur "Duldung" heißen oder einfach mit "Gewähren-lassen" übersetzt werden.

Was mir gleichgültig ist, was mich nichts angeht, was mein Dasein nicht tangiert, verlangt von mir keine Toleranz. Toleranz ist dort gefordert, wo es um etwas Fremdes geht, das mein Denken und mein Gefühl berührt, wo die eigenen Traditionen und Orientierungen auf fremde Tradition und Orientierung treffen. Toleranz bezeichnet also wohl etwas Aktives. Toleranz setzt Kenntnis und Verstehen voraus, aber auch - und hier schließt sich der Kreis - das Bewusstsein von der eigenen Identität.

Toleranz kann nicht ein für allemal errungen werden, sie stößt immer wieder an Grenzen, wird immer wieder vor neue Fragen und neue Aufgaben gestellt: Wie viel Fremdes können wir in unser persönliches und unser gesellschaftliches Leben aufnehmen, ohne unsere eigene Identität zu gefährden?

Wie viel Anpassung können wir von den zu uns kommenden Fremden verlangen, ohne dass sie ihre Identität verlieren? Das sind Fragen, die sich täglich neu stellen und die täglich beantwortet werden müssen.

Toleranz ist Anerkennung auf der Basis unterschiedlicher Identitäten - es kann sie aber wohl nicht geben ohne ein gewisses Maß von Gemeinsamkeiten. Sie kann ihre konfliktlösende, ihre friedenstiftende Wirkung nur dann entfalten, wenn alle Beteiligten sich auf bestimmte Grundwerte verständigen können.

Die in den Vereinten Nationen zusammengeschlossenen Staaten dieser Welt haben sich 1948 zur Wahrung der Menschenrechte verpflichtet: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen", heißt es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948.

Ich möchte besonders darauf hinweisen, dass bei der Abfassung dieser Erklärung Menschen aus den unterschiedlichen Kulturkreisen und Angehörige verschiedener Religionen gemeinsam dieses Modell des menschlichen Zusammenlebens ausgearbeitet haben.

Stimmt das, was 1948 formuliert wurde, auch heute noch? Kann das reichen? Können Werte und können erst recht gemeinsame Werte an runden Tischen und bei Konferenzen oder gar in einem "Parlament der Weltreligionen" festgeschrieben werden?

Auch hier stellt sich die Frage: Wer spricht? Wer spricht für wen? Wer ist legitimiert, verbindlich zu sprechen? Und wer fühlt sich repräsentiert?

Sie sehen: ich habe vor allen Dingen Fragen mitgebracht.

Ich erwarte nicht, dass alle Fragen beantwortet werden. Ich hoffe aber, dass wir gemeinsam ein Stück weiter kommen.