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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau zum Empfang der Teilnehmer an der Europakonferenz der Hebräischen Universität Jerusalem am 27. April 2002 im Schloss Bellevue

Herzlich Willkommen im Schloss Bellevue.

Herr Präsident Magidor,

Herr Vorsitzender Aron,

Herr Botschafter Stein,

wenn ich jetzt die Reihen der Gäste durchginge, könnte ich viele Namen nennen von guten Freunden aus vielen Jahren und Jahrzehnten.

Sie sind hier zu Ihrer Europäischen Konferenz zusammengekommen und sprechen über ein Thema, das uns auch in Deutschland bewegt: Wie haben sich die modernen Entwicklungen im Tempo und in der Richtung verändert?

Haben wir die ethischen Maßstäbe, um diesem Tempo und diesen Veränderungen gerecht zu werden? Hier in Deutschland ist das seit etwa zwei Jahren eine lebhafte Debatte und sie ist längst nicht zu Ende.

Als ich im Sommer vergangenen Jahres gerne einer Bitte des Präsidenten der Hebräischen Universität, Professor Magidor nachgekommen bin und die Konferenzteilnehmer ins Schloss Bellevue eingeladen haben, habe ich mich auf Diskussionen über dieses Thema gefreut. Aber vielleicht geht es dem einen oder anderen von Ihnen genauso wie mir. Das alles beschäftigt einen, das alles bewegt einen, aber man hat doch heute abend auch ganz andere Gedanken im Kopf und ganz andere Überlegungen im Sinn.

Meine Frau und ich kamen gestern mittag von einem Staatsbesuch aus Dänemark zurück und wurden mit der Nachricht von dem Attentat in einer Schule in Erfurt empfangen. Wir wissen von siebzehn Toten, die einem sinnlosen Mord zum Opfer gefallen sind. Man fragt sich den ganzen Tag, was kann ich den Menschen sagen, was brauchen sie für Worte? Oder ist es besser, ich sage jetzt nichts, weil ich ja in Wirklichkeit auch ratlos bin? Dann fahren wir heute abend von unserer Wohnung in Zehlendorf hier ins Schloss, um Sie zu treffen. Während der Fahrt hören wir in den Nachrichten, dass zwei Palästinenser vier Israelis in einer Siedlung getötet haben, drei Erwachsene, ein Kind. Wieder wissen wir nicht, was wir in unserer Empörung, in unserer Wut und in unserer Hilflosigkeit sagen sollen.

Wir alle befinden uns in einem Prozess des Lebens und des Sterbens, der Auseinandersetzung um Werte, um Freiheit und um Demokratie. Es ist schwer, das jüngeren Menschen deutlich zu machen, was man selber an Lebenserfahrung mitbringt. Man möchte doch so gern vieles mitgeben, damit die junge Generation die richtige Orientierung findet. Dann hat man Bilder aus den eigenen Leben, die man nicht vergisst. Ich vergesse nicht die Geschichte, wie ich als Zehn- oder Elfjähriger von der Grundschule zum Gymnasium wechselte. Für uns war das Aufregendste dabei, dass wir keinen Tornister mehr auf den Rücken tragen mussten, sondern eine Aktentasche in der Hand. Wir haben diese Aktentasche mit großem Stolz getragen, das war wie ein Ritterschlag. Eines Tages fuhren wir mit der Straßenbahn nach Hause, stolz auf unsere Aktentaschen. Auf dem Perron der Straßenbahn stand ein Mann von etwa vierzig Jahren, der auch eine Aktentasche trug. Aber er trug sie nicht wie wir stolz an der Hand , sondern vor der Brust. Und wir haben gedacht, wie komisch. Beim Aussteigen aus der Straßenbahn haben wir gesehen, warum er die Handtasche vor der Brust trug. Er hatte Angst vor zehn- und elfjährigen Jungen, weil er ein Judenstern trug. Ich habe mir damals geschworen, alles zu tun, damit Menschen nie Angst haben müssen, Angst haben müssen wegen ihres Herkommens, wegen ihres Glaubens, wegen ihrer Überzeugungen, wegen ihrer Hautfarbe. Für mich war das ein Schlüsselerlebnis, und ich wünschte mir, es gäbe für andere, andere Schlüsselerlebnisse schönere, friedlichere.

Wer diese Jahre erlebt hat, der versteht viel besser als manche, die jetzt darüber reden, warum nicht nur die Existenz Israels, sondern seine Sicherheit, die Sicherheit der Bürger Israels und des Staates so wichtig sind für die ganze Welt. Darum hat die deutsche Politik den Auftrag, das immer wieder zu sagen und immer wieder auszusprechen: Nicht nur das Existenzrecht, sondern auch die Sicherheit Israels muss das gemeinsame Anliegen aller sein, die auf dieser Welt Verantwortung tragen. Wer das deutlich und glaubwürdig sagt, der kann und muss dann auch kritische Fragen stellen, wenn er die israelische Regierungspolitik nicht versteht oder für falsch hält.

Jetzt mache ich einen ganz weiten Sprung von dem zehn- oder elfjährigen Johannes Rau zu dem fast siebzigjährigen Johannes Rau. Es ist gut zwei Jahre her, dass ich in Israel zu einem Staatsbesuch war und dort vor der Knesset sprach. Bei diesem Besuch habe ich in Jenin mit Shimon Peres und Vertretern der Palästinensischen Autonomiebehörde einen israelischen-palästinensischen Industriepark eröffnet. Heute sehe ich Bilder, da ist von keinem Industriepark mehr die Rede. Oslo ist weit weg und Madrid ist weit weg. Man fragt sich, wo sind denn die Stätten, wo Friede neu entstehen könnte? Wann endlich werden Kinder und Jugendliche nach Werten erzogen, die es unmöglich machen, dass junge Menschen sich aus Hass selber umbringen, die es unmöglich machen, dass es Schulen gibt, in denen die Kinder angeleitet wurden, sich als Selbstmordattentäter umzubringen? Wo sind in diesem Dickicht die Wege des Friedens? Und wie kann dieser Friede erreicht werden, so dass Freiheit und Sicherheit nicht gefährdet sind?

Ich bin oft ratlos. Aber ich glaube, es gibt keine Alternative dazu, nach den Wegen des Friedens zu suchen. Ich weiß, dass es vielen Menschen in Israel, ja dass es Israel genauso geht. Darum bin ich Ihnen dankbar, dass Sie gekommen sind, und darum hoffe ich, dass wir miteinander nach den Kräften suchen, die uns voranbringen auf den Wegen, die zum Frieden führen.

Israel hat viele, viele Freunde in Deutschland. Es gibt viele, die wollen nicht aus der deutschen Geschichte aussteigen, die wollen sie nicht verleugnen, die wollen sich nicht mit Schlagworten begnügen. Sondern sie wollen Verantwortung wahrnehmen, die ihnen zu einem ganz kleinen Teil zugeordnet ist. Sie möchten zuhören und mit Ihnen nach Antworten suchen.

Unser gemeinsames Buch, die Bibel, ist voll von Bildern des Friedens. Immer wieder ist Jerusalem das Schlüsselwort für die Stätte des Friedens. Ich wünsche mir Menschen, die in diesem Sinne nach Jerusalem blicken und nach Jerusalem gehen, so wie ich es immer wieder getan habe in meinem Leben und wie ich es noch oft tun möchte.

Berlin blickt heute dankbar, ängstlich und hoffnungsvoll auf Jerusalem, die hochgebaute Stadt.