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Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Matinee zu Ehren von Claudio Abbado

Herzlich willkommen im Schloss Bellevue!

Ganz besonders begrüßen möchte ich Claudio Abbado: Wir freuen uns darüber, dass Sie heute Morgen bei uns sind. Wir haben es uns sehr gewünscht, Sie mit dieser Matinee zu ehren.

I.

Verehrter Maestro, Sie haben am Freitag Abend in der Philharmonie Ihr letztes Konzert als Chefdirigent und als künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker gegeben, mit denen Sie noch heute auf Reisen gehen werden. Wir wollten gern dazu kommen, aber der Staatsbesuch in Dänemark hat das unmöglich gemacht.

Jetzt reisen Sie nach Italien und Österreich und werden noch mehrfach am Pult Ihres Orchesters stehen - zum letzten Mal sinnigerweise im Goldenen Musikvereinssaal in Wien - , aber das war das letzte Konzert in Scharouns Meisterbau, der während der vergangenen zwölf Jahre Ihr musikalisches Zuhause war.

II.

Sie haben eine ganz außergewöhnliche musikalische Laufbahn zurück gelegt. Das ist - vor allem in den letzten Tagen und Wochen - vielfach betrachtet und gewürdigt worden. Es scheint bei solchen Ehrungen unvermeidbar zu sein, dass man dem zu Ehrenden all das vorhält, was er selber am besten weiß, nämlich wie sein Leben und Werdegang war - und das Auditorium, zumal ein so fachkundiges wie das heutige, weiß es in der Regel auch. Deshalb hoffe ich sehr auf Ihr Einverständnis, verehrter Herr Abbado, wenn ich mich in diesem Punkt radikal beschränke:

Geboren in Mailand, haben Sie Ihre musikalische Ausbildung am heimatlichen Konservato-rium Giuseppe Verdi, später bei Hans Swarowsky in Wien erfahren; 1960 das Debüt als Dirigent an der Mailänder Scala; 1965 wohl der internationale Durchbruch bei den Salzburger Festspielen mit einer Aufführung der "Auferstehungs"-Symphonie von Gustav Mahler.

Die weiteren Markpunkte Ihrer Karriere nenne ich nur in Stichworten: von 1968 bis 1986 "Teatro alla Scala" in Mailand; parallel dazu die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Spitzenorchestern; vor allem mit dem London Symphony Orchestra, den Wiener Philharmonikern und dann - erstmals 1966 - mit den Berliner Philharmonikern; von 1986 bis 1991 Musikdirektor der Wiener Staatsoper.

III.

Ein wenig ausführlicher möchte ich auf die "Ära Abbado" in Berlin eingehen - und ich wähle diese Worte bewusst.

Am 8. Oktober 1989 wählten die Berliner Philharmoniker Sie als Nachfolger von Herbert von Karajan zu ihrem neuen Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter. Das war eine glückliche Wahl! In diesen zwölf Jahren, von 1990 bis jetzt zum Sommer 2002, haben Sie Ihr Orchester auf der ihm zukommenden Spitzenposition unter den Klangkörpern der Welt weiter zu neuen Höhen geführt.

Vielleicht haben Sie so etwas wie die Quadratur des Kreises geschafft: Einerseits galt es, die große Tradition dieses Orchesters zu bewahren, aber gleichzeitig stand eine personelle Verjüngung in bislang nicht gekanntem Umfang an; einerseits galt es, die großen Standardwerke der Musikliteratur zeitgemäß neu zu interpretieren, gleichzeitig betrieben Sie beharrlich und erfolgreich eine Ausweitung des Repertoires zur Moderne hin.

Mit großem Erfolg haben Sie die Konzerte einer Saison unter einen programmatischen Schwerpunkt gestellt. Ich denke an Ihre Zyklen zu so ganz verschiedenen Themen wie den Faust-Zyklus, den Antiken-Zyklus, den "Mythos von Liebe und Tod" und zu guter Letzt den Parsifal-Zyklus unter dem Motto "Zum Raum wird hier die Zeit."

Hinzu kamen die Leitung der Salzburger Osterfestspiele, aber auch Ihr musikpädagogisches Engagement: Ich denke nur an die verschiedenen Jugendorchester, die Sie aufgebaut haben und denen Sie nach wie vor verbunden sind.

Wenn ich Einzelnes aus diesen zwölf Berliner Jahren besonders erwähnen wollte, wie sollte ich auswählen? Wenn ich versuchen wollte, aus dem Hervorragenden noch einmal die Höhepunkte herauszuheben, würde ich da nicht Wichtiges auszulassen? Es können also nur Schlaglichter sein, wenn ich erwähne; wie Sie Ihrem Publikum die Musik von Alban Berg oder die von Luigi Nono auf so einsichtige Weise näher gebracht haben; wie Sie uns mit Ihrer Interpretation der Sinfonien von Gustav Mahler angerührt haben; wie Sie im musikalischen Einverständnis mit den namhaftesten Solisten zusammengearbeitet haben, ich nenne beispielhaft nur Ihre Freunde und Wegbegleiter Maurizio Pollini und Alfred Brendel; wie Ihre alljährliche konzertante Opern-Aufführung mit den Berliner Philharmonikern in den Augen vieler zum Höhepunkt der Opernsaison wurde, von Rossinis "Reise nach Reims" bis hin zu Wagners "Tristan und Isolde".

Wir haben uns darüber gefreut, dass Sie nach schwerer Krankheit mit neuer Kraft, die Sie aus Ihrer Liebe zur Musik gewinnen, wieder an das Dirigentenpult zurückgekehrt sind. Sie haben mit dem Zyklus aller Sinfonien und Klavierkonzerte von Beethoven im Jahr 2001 erneut Triumphe gefeiert, im Auditorio Santa Cecilia in Rom und im Wiener Musikvereinssaal.

Als Ihr Abschlusskonzert in Berlin haben Sie keine Sinfonie gewählt, mit der Sie sich als Dirigent in den Mittelpunkt hätten stellen können. Nein, Hauptwerk Ihrer letzten Konzerte war die Musik von Schostakowitsch zu dem Film "King Lear" von Grigori Kosinzew. Sie sind also das Wagnis eingegangen, Bilder zuzulassen, die die Sinne zusätzlich gefangen nehmen. Auch das ist ein Beleg dafür, dass es Ihnen nicht um Selbstdarstellung geht, sondern um Inhalt und Programmatik - das Konzert soll phänomenal gewesen sein.

So sind wir denn gespannt, was Ihre weiteren Pläne betrifft: Ihr neues "Festival Orchestra" in Luzern und manches mehr - im Januar 2004 dann wieder in Berlin.

IV.

Soviel zu Daten und Geschehnissen einer außergewöhnlichen Karriere. Doch wie steht es um den Menschen Claudio Abbado? Was ist das Geheimnis seines Künstlertums?

In der Schluss-Szene von Elektra von Richard Strauss antwortet die Titelheldin, befragt von ihrer Schwester und getragen von der sich aufschwingenden Musik: "Ob ich nicht höre? Ob ich die Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir!"

Ähnlich heißt es in den Aufzeichnungen von Gerhart Hauptmann: "Alle Musik ist eigentlich innere Musik und muss wieder zu innerer Musik werden." Mir scheinen diese Worte eine geeignete Umschreibung dessen zu sein, was Ihr Künstlertum auszeichnet.

Worum geht es bei der Musik? Es geht um das Hörbarmachen von inneren Zuständen, von Seelenzuständen. Der Komponist hat sie in Notenzeichen gefasst. Der Dirigent und die Orchestermusiker wollen - über das handwerkliche Lesen dieser Chiffren hinaus - auch diese Binnenzustände offen legen.

Wie das geschieht, was da abläuft, das ist schwer zu erklären. Es gibt Dirigenten, die das - typ- und wesensbedingt - auf eine deutlich extrovertierte Art und wortreich kundtun und die dabei in den Mittelpunkt des Ganzen geraten.

Zu denen gehören Sie gewiss nicht. Der Öffentlichkeit gegenüber sind Sie stets zurückhaltend gewesen, Sie suchen nicht das Scheinwerferlicht. Interviews mit Ihnen sind außerordentlich knapp gesät und es gibt nur zwei schmale Büchlein von Bramani und von Hager, in denen Sie mehr über sich und Ihre Kunst preisgeben - das eine trägt übrigens den passenden Titel: "Die Anderen in der Stille hören".

Die Presse, das Feuilleton, sucht daher nach Attributen, die diese Haltung bezeichnen sollen - das liest sich dann so: Sie seien "der Stille", "der Schweiger", "der Introvertierte", nicht im Sinne von abweisend - nein, durchaus in Respekt vor dieser Haltung.

V.

Da stößt natürlich auch ein Bundespräsident an seine Grenzen, wenn er diese Seite von Ihnen würdigen möchte. Deshalb freue ich mich darüber, dass Klaus Wallendorf, der Hornist, sich bereit erklärt hat, nachher zu sprechen und ein wenig von Ihnen zu erzählen. Vielleicht kann er uns zumindest ansatzweise aus der reizvollen Binnensicht eines Orchestermitglieds einen näheren Blick auf den Menschen und Künstler Claudio Abbado eröffnen.

Herzlichen Dank, Herr Wallendorf, im Voraus.

Ebenfalls herzlich danken möchte ich den Mitgliedern der Berliner Philharmoniker, dem Bläserquintett und dem Scharoun-Ensemble: Sie haben es dankenswerter Weise übernommen,

diese Matinee musikalisch zu gestalten.

VI.

Was mögen Sie, Herr Abbado, im Stillen wohl denken, wenn in diesen Tagen, wenn hier und heute so viel Ehrendes über Sie gesagt wird? Vielleicht würden Sie vieles davon lächelnd als "zu viel des Lobes" abtun wollen.

Ganz anders und sehr viel fordernder ist da zum Beispiel Siegfried, der Held in Richard Wagners "Ring"-Zyklus. Der mag sich die Erzählungen seines Ziehvaters Mime nicht mehr länger anhören und drängt ihn: "Dir glaub' ich nicht mit dem Ohr, Dir glaub' ich nur mit dem Aug'. (...) Soll ich der Kunde glauben, so lass mich Zeichen sehn!"Als Zeichen und Beleg dafür, dass alles wahr sei, was er Siegfried sagte, präsentiert der Mime ein in Stücke zerhauenes Schwert mit Namen Nothung.

Der Bundespräsident hat keine Schwerter. Er hat andere Zeichen, hat Ordenszeichen, damit Sie seinen Worten glauben mögen. Denn das ist, meine Damen und Herren, wie Sie dem Programm entnommen haben, ein maßgeblicher Grund für diese Matinee:

Ich freue mich darüber, dass ich hier und jetzt Ihnen, Claudio Abbado, das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verleihen kann. Ich bitte Sie zu mir.