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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Empfang für die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Familienorganisationen

Seien Sie herzlich willkommen im Schloss Bellevue. Der Bundespräsident ist auch Vater, da freut er sich natürlich darüber, dass Sie heute bei mir zu Gast sind und dass wir hoffentlich ins Gespräch miteinander kommen. Die Familienverbände zu empfangen ist mir eine große Freude.

Familienfragen haben ja Hochkonjunktur und das gewiss nicht nur, weil Wahlen vor der Tür stehen. Ich finde es interessant, dass die politischen Partein die Familienpolitik jetzt als "Top-Thema" entdeckt haben. Es verschafft einem wichtigen Thema mehr Aufmerksamkeit als üblich, also endlich die Aufmerksamkeit, die die Familien verdienen.

Für Sie in den Verbänden stehen die Anliegen der Familien nicht nur in Wahlkampfzeiten, sondern kontinuierlich im Mittelpunkt. Das ist gut, denn die Familien brauchen viele Fürsprecher, die beständig sind, sachkundig und engagiert.

Das sind die Mitglieder in Ihrer Arbeitsgemeinschaft seit langem. Denn der Deutsche Familienverband ist schon achtzig Jahre alt. Das war mir, ehrlich gesagt, so nicht bewusst. Auch dieser Anlass führt uns heute zusammen, und ich gratuliere Ihnen allen, Herrn Koolmann stellvertretend, von Herzen zu dem stattlichen Jubiläum.

Es gibt Werte und Formen des Zusammenlebens, die alle hoch schätzen und die doch immer wieder um Aufmerksamkeit und Förderung kämpfen müssen. So geht es auch der Familie. Wer lobt die nicht? Sie ist der wichtigste Ort, an dem Geborgenheit und Vertrauen erlebt und erlernt werden. Sie ist eine Schule des Gesprächs zwischen den Generationen über Erfahrungen und ethische Werte. In der Familie hilft man sich gegenseitig im wörtlichen Sinne von der Wiege bis zur Bahre. Übrigens: Was in den Familien bei der Pflege alter und kranker Menschen schon heute geleistet wird und was in kommenden Jahrzehnten noch zunehmend geleistet werden muss, das haben viele hierzulande noch gar nicht erkannt und begriffen. Aus allen diesen Gründen bedeutet Familie Herkunft und Zukunft, darauf kann keiner verzichten.

Dennoch haben viele Menschen den Eindruck, dass die Familie und die Familien heutzutage immer mehr unter Druck geraten und dass dagegen mehr getan werden könnte und sollte. Die vielen, rasanten Veränderungen im Alltag, in den wirtschaftlichen Verhältnissen, im Berufsleben mit all seinen Anforderungen und auch in den Wertorientierungen gehen ja auch am Familienleben nicht spurlos vorbei.

Viele Statistiken sprechen dafür, dass es schwerer zu werden scheint, Familien zu gründen und zusammenzuhalten: Das Heiratsalter steigt - eigentlich darf das keiner sagen, der mit 53 Jahren zum ersten Mal geheiratet hat, denn ich habe dadurch den Schnitt noch verschlechtert. Die Scheidungszahlen verharren auf hohem Niveau - da bin ich nicht beteiligt! Seit Anfang der neunziger Jahre wurden deutlich weniger Kinder geboren. Die Zahl der Alleinerziehenden wächst, und immer mehr Mütter müssen die Doppelbelastung durch Beruf und Erziehung meistern: Im Jahr 2000 waren fast zwei Drittel aller Mütter mit minderjährigen Kindern erwerbstätig, und vom restlichen Drittel suchte jede fünfte Mutter einen Arbeitsplatz.

Angesichts all dieser Entwicklungen ist es um so wichtiger, dass wir die Anliegen der Familien zu Gehör zu bringen und durchsetzen.

Eine solche Lobby zu Stande zu bringen ist allerdings schwierig. Jede Familie hat genug damit zu tun, selber über die Runden zu kommen. Da fehlt es meist an Zeit und Energie, um sich auch noch für bessere Rahmenbedingungen für alle Familien einzusetzen. Außerdem wachsen die Familien viel schneller aus der einen Problemzone heraus und in die nächste hinein, als dass selbst bei größtem eigenen Einsatz allgemeine Abhilfe in Sicht wäre. Zuerst fehlen die kinderfreundliche Wohnung und der gute Kindergartenplatz, dann fehlen die Teilzeitstelle und eine vernünftige Ganztagsbetreuung, dann wiederum steht man bei der Sorge für pflegebedürftige Angehörige so ziemlich alleine da - da gibt es nicht einmal einen Anspruch auf unbezahlten Urlaub. Viele Familien erleben solche Probleme und fühlen sich ihnen ausgesetzt, ohne dass sie doch allein Abhilfe schaffen können.

Immerhin haben alle erkannt, dass für die Familien mehr getan werden muss. Das zeigen die jüngsten Parlamentsdebatten und Parteiprogramme, die - bei allem Tribut an den Wahl-
kampf - ja doch ganz offensichtlich weitverbreitete Überzeugungen und Bedürfnisse aufnehmen. Dafür spricht auch, dass in viel mehr Zusammenhängen als früher darüber nachgedacht wird, wie man den Familien das Leben ein wenig leichter machen könnte. Zum Beispiel entwickeln immer mehr Unternehmen Personalkonzepte, Arbeitsformen wie die Telearbeit und Arbeitszeitregelungen, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich machen. Das "Forum Bildung", an dem ich mitgewirkt habe, hat jüngst für den Bereich der Kindergärten und der schulischen Betreuung Vorschläge gemacht, die zu verwirklichen auch ein wirklicher Fortschritt wäre.

Dennoch brauchen wir auch künftig Institutionen, die sich ausschließlich als Anwälte der Familien verstehen und die sich entsprechend hartnäckig für sie zu Wort melden. Zu diesen Institutionen zählen seit vielen Jahren der Deutsche Familienverband, die Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen, der Familienbund der Katholiken und der Verband alleinerziehender Mütter und Väter.

Ich sehe Ihr Engagement mit Respekt und Sympathie und wünsche Ihnen, auch für Ihre weitere Arbeit viel Erfolg, im Interesse der Familien, aber auch im Interesse unseres ganzen Landes.