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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau vor dem 11. Kongress "Polen und Deutsche gemeinsam in Europa" der Deutsch-Polnischen und Polnisch-Deutschen Gesellschaften

I.

ich danke Ihnen dafür, dass Sie mich eingeladen haben, heute in der Paulskirche zu Ihnen zu sprechen.

Welch ein Ort, um über das Verhältnis von Deutschen und Polen nachzudenken! Hier in Frankfurt beschloss das Vorparlament am 31. März 1848 auf Antrag von Gustav Struve fast einhellig, »dass es die heilige Pflicht des deutschen Volkes sei, Polen wiederherzustellen, indem die Teilung Polens als ein schreiendes Unrecht erklärt werde«.

Wenige Tage vorher hatte der Anführer der polnischen Patrioten, Ludwig Mieroslawski, in Berlin die Solidarität des deutschen und des polnischen Volkes gegen die Fürsten beschworen und einen revolutionären Krieg gegen Russland, um Russisch-Polen zu befreien - und er hatte dabei eine schwarz-rot-goldene Fahne in der Hand.

Nur vier Monate später waren die Blütenträume des Völkerfrühlings zerstoben: Auf beiden Seiten war das Verhängnis Europas entflammt: der Nationalismus. Nur noch eine Minderheit der Abgeordneten - Männer wie Robert Blum - trat hier in der Paulskirche für einen unabhängigen polnischen Staat ein. Er entstand erst siebzig Jahre später - unter dem langen Schatten des Ersten Weltkrieges und der russischen Revolution. Der Neubeginn wurde zur Zwischenkriegszeit, und Deutsche und Polen durchlebten nach dem deutschen Angriff vom September 1939 den schrecklichsten Abschnitt in der Geschichte ihrer tausendjährigen Nachbarschaft.

Welchen Weg wir seither zurück gelegt haben, das wird in dem Motto deutlich, unter dem Ihr Treffen steht: "Polen und Deutsche - gemeinsam in Europa".

II.

"Polen und Deutsche - gemeinsam in Europa": Ich finde, das ist gerade in diesem Jahr ein gutes Motto, weil 2002 ein gutes Jahr für Deutschland, Polen und Europa ist.

Vor einigen Wochen war Präsident Kwasniewski zum Staatsbesuch in Deutschland. Er hat mir erzählt, dass er seit Beginn seiner Amtszeit als Präsident unser Land mehr als zwanzig Mal besucht hat. Das zeigt, wie sehr ihm die Beziehungen zum Nachbarland am Herzen liegen. Das macht auch deutlich, wie intensiv die Kontakte zwischen unseren Ländern inzwischen geworden sind.

Auch ich bin in den bald drei Jahren meiner Amtszeit schon oft in Polen gewesen. Einer meiner ersten Auslandsbesuche als Bundespräsident führte mich am 1. September 1999 auf die Westerplatte und nach Danzig. Ich habe auch Warschau und Gnesen besucht.

Das Jahr 2002 ist ein wichtiges Jahr für Europa. Im Konvent zur Zukunft der Europäischen Union wird daran gearbeitet, das Fundament zu erweitern und zu verstärken, auf dem wir die Union weiterbauen wollen. Die Europäische Union muss dringend handlungsfähiger werden - im Inneren und nach Außen. Das haben die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate wieder einmal ganz deutlich gezeigt. Wir brauchen funktionierende Organe der Europäischen Union und wir brauchen eine klare Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen der Union und den Mitgliedstaaten. Wir brauchen transparente Strukturen und wir müssen dafür sorgen, dass die Entscheidungen der Union demokratisch besser legitimiert sind und von allen Interessierten verstanden werden können.

Das Jahr 2002 ist auch ein wichtiges Jahr für Polen und Deutschland in Europa: Am Ende diesen Jahres sollen die Verhandlungen mit den meisten Beitrittsstaaten abgeschlossen sein. Ich hoffe zuversichtlich, dass Polen noch vor den Wahlen zum Europäischen Parlament im Jahr 2004 Mitglied der Europäischen Union sein wird.

Der Beitritt Polens zur EU wird in Deutschland über alle Parteigrenzen hinweg unterstützt. Wir wollen, dass Polen zu den ersten neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gehört, und wir wünschen uns daher, dass auch Polen nicht nachlässt in seinen Anstrengungen, dieses Ziel zu erreichen.

Der Beitritt Polens zur Europäischen Union wird unseren Beziehungen neue Horizonte öffnen. Europa, das ist für mich eine gemeinsame Vision, die auf einer gemeinsamen Geschichte beruht. Das deutsch-polnische Verhältnis ist ein zentrales und dramatisches Kapitel in der europäischen Geschichte - ein Kapitel, das heute eine ganz neue Zukunftsperspektive hat.

Der frühere Außenminister Skubiszewski hat die deutsch-polnischen Beziehungen einmal als eine "Interessengemeinschaft" charakterisiert. Das stimmt. Wir haben beide das Interesse, füreinander gute Nachbarn zu sein, weil das zum beiderseitigen Vorteil ist. Unser gemeinsames Interesse geht heute aber darüber hinaus. Heute blicken wir weiter: Auf der Grundlage gemeinsamer Überzeugungen und Werte wollen wir miteinander ein einiges Europa bauen.

III.

Vieles, was uns vor zehn Jahren noch wie ein Traum schien, ist heute fast schon selbstverständlich: Polen und Deutsche sind Partner in der NATO und im Europarat.

Die Zeit, in der die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen sich weitgehend auf den Austausch offizieller Delegationen beschränkt haben, liegt noch nicht lange zurück. Heute ist das Netz der Zusammenarbeit so dicht wie nie zuvor. Einige Zahlen sollen das deutlich machen:

  • Seit 1990 haben eine dreiviertel Million deutscher und polnischer Jugendlicher an den Programmen des deutsch-polnischen Jugendwerkes teilgenommen. Ich freue mich darüber, dass auch in Zeiten knapper Kassen die Mittel dafür weiter aufgestockt werden.
  • Deutschland ist heute der größte Handelspartner Polens. Und Polen ist, gleichauf mit der Tschechischen Republik, der wichtigste deutsche Handelspartner unter den Reformstaaten Mittel- und Osteuropas.
  • Deutsche Firmen gehören mit einem Anlagevolumen von mehr als sieben Milliarden Euro zu den wichtigsten Investoren in Polen.
  • Die deutsche Minderheit in Polen ist inzwischen anerkannt und rechtlich gesichert. Wie die Polonia in Deutschland bildet sie eine wichtige Brücke zwischen unseren beiden Ländern.
  • Der kulturelle und geistige Austausch zwischen den beiden Ländern nimmt zu. Seit 1990 gibt es Goethe-Institute in Warschau und Krakau, Polen unterhält Kulturinstitute in Berlin, Leipzig und Düsseldorf. Zwischen Hochschulen und akademischen Instituten in beiden Ländern bestehen mehr als 550 Partnerschaften.
  • Wie eng das Verhältnis in den letzten Jahren geworden ist, das zeigen auch die vielen Projekte praktischer Zusammenarbeit im Grenzland: Sei es zwischen einzelnen Städten wie Görlitz und Zgorzelecoder in ganzen Regionen wie der Euregio Pomerania.

Die Kenntnis voneinander kann wachsen, wenn es Orte und Gelegenheiten zum Gespräch gibt: Darum gibt es Einrichtungen wie das Deutsch-Polnische Forum, die Stiftung für die Deutsch-Polnische Zusammenarbeit oder die Gruppe Zukunft. An Orten wie Kreisau oder Neuhardenberg, wo ich in der kommenden Woche an der Eröffnung einer internationalen Tagungsstätte teilnehmen werde, wird das Gespräch über die Grenzen hinweg geführt.

IV.

Polen und Deutsche leben heute als gute Nachbarn in Frieden und Freiheit in einem zusammenwachsenden Europa. Der Weg dorthin war weit. Vieles hat das deutsch-polnische Verhältnis lange belastet und wirkliche Aussöhnung erschwert. Das offizielle Verhältnis zwischen Polen und der Bundesrepublik war über lange Jahre von weitgehender, teils auch feindseliger Sprachlosigkeit bestimmt. Es waren wenige Männern und Frauen, die sich auch in schwierigen Zeiten, unter widrigen Umständen für den Dialog zwischen unseren Völkern eingesetzt haben: Namen wie Mazowiecki und Stomma fallen mir da ein, wie Bartoszewski oder Lipski, wie Dönhoff und Beitz, Grass und Bismarck. Schon früh zum Dialog beigetragen haben auch die deutsch-polnischen und polnisch-deutschen Gesellschaften.

Polen und die DDR schlossen schon 1950 einen Freundschaftsvertrag. Doch das war ein Verhältnis aufgezwungener Freundschaft. Der Firnis dieser Freundschaft war dünn: Für Polen war es schwer zu ertragen, dass sich der neue Freund jenseits der Oder von jeder Verantwortung für das schreckliche Leid freisprach, das Deutsche Polen gerade erst zugefügt hatten. Umgekehrt versuchte die polnische Führung, anti-deutsche Ressentiments und Ängste zu schüren.

Sie hatte damit nur begrenzten Erfolg, selbst wenn sie jeden Grund haben durfte anzunehmen, dass ihre Propaganda auf fruchtbaren Boden fiel - gab es doch kaum eine polnische Familie, die nicht während des Zweiten Weltkrieges schlimmes Leid erfahren hatte.

Sie klingen uns noch im Ohr, die Stichworte aus einer Zeit, als der Nationalstolz das Denken so vieler Menschen in Europa vergiftete. Nationalismus nährt sich davon, dass er die Vaterländer anderer verachtet. Patriotismus aber ist etwas ganz anderes: Das ist die Liebe zum eigenen Land, eine Haltung, die weiß und respektiert, dass Menschen in anderen Völkern ihr Land genauso lieben und mit gleichem Recht.

Der Patriotismus hat unsere Völker eher verbunden: Die polnische Liebe zu einer freien Heimat haben die frühen Demokraten in Deutschland stets bewundert. Dafür steht das Hambacher Fest von 1832, als dem Festzug zum Schloss die weiß-rote neben der schwarz-rot-goldenen Fahne vorangetragen wurde. Dafür steht die Bewunderung der Deutschen - in beiden deutschen Staaten! - für den Mut, für die Überzeugungskraft und die Entschlossenheit der Frauen und Männer der "Solidarnosc". Die Sympathien führten zu einer großen Welle der Hilfsbereitschaft in Deutschland, als das Freiheitsstreben von Millionen Polinnen und Polen mit dem Kriegsrecht beantwortet wurde.

Diese Hilfsaktionen in den achtziger Jahren haben im Verhältnis der Menschen in unseren beiden Ländern viel Gutes bewirkt. Denn die Menschen in Polen haben gemerkt, dass viele Bürgerinnen und Bürger in der Bundesrepublik aus ganz eigenem Antrieb handelten: aus dem Wunsch zu helfen.

Als diese Welle der Hilfsbereitschaft anrollte - kleine Pakete und große Transporte - hatte sich im Verhältnis zwischen Polen und der Bundesrepublik schon so vieles geändert. Der Briefwechsel der katholischen Bischöfe im Jahre 1965, mit dem die polnischen Bischöfe die Hand zur Versöhnung ausstreckten, ist ein wichtiger Schritt gewesen, genauso wie die Ostdenkschrift der EKD oder die Charta der Heimatvertriebenen.

Der Warschauer Vertrag von 1970 hat die Beziehungen beider Staaten auf eine neue Grundlage gestellt. Für das Denken und Empfinden der Menschen in Polen ist gewiss das Bild Willy Brandts unvergessen und unvergesslich, als er im Dezember 1970 am Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos niederkniete. Willy Brandts Kniefall war eine Geste, die so ganz dem Bild widersprach, das viele Menschen in Polen - unter dem Einfluss staatlicher Propaganda - von deutschen Politikern haben mochten. Sie hat aber vielen Menschen in beiden Ländern Mut gegeben, die Vergangenheit mit offenen Augen zu sehen und auf eine gemeinsame Zukunft in Europa zu vertrauen.

V.

1970 gab es im deutsch-polnischen Verhältnis auf beiden Seiten nicht nur Vorurteile, es gab auch viel Unkenntnis. Das passt ja zusammen. Vorurteile leben von Unkenntnis und Angst. Dagegen gibt es nur ein Rezept: Umfassendes Wissen voneinander. Die deutsch-polnischen Gesellschaften haben dazu beigetragen, dass in Deutschland die Stimmen derjenigen wahrgenommen wurden, die in Polen unter großen persönlichen Opfern für eine freiere Gesellschaft kämpften. Sie haben damals Hilfen für die Opfer des Kriegsrechts in Polen organisiert.

Mit ihrer großartigen Vermittlungs- und Freundschaftsarbeit tun die deutsch-polnischen Gesellschaften etwas dafür, dass Unkenntnis und damit Ängste abgebaut werden. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, das Wissen über den Nachbarn zu mehren. Sie sorgen dafür, dass Menschen sich begegnen, miteinander reden, Erfahrungen und Kenntnisse austauschen. Dann wird vieles, was fremd war, plötzlich vertraut und wir erkennen, wie nahe sich die Menschen und wie ähnlich sich unsere Kulturen in vielem sind. Das schärft den Blick dafür, dass die deutsche und die polnische Kultur beide Teil einer größeren europäischen Kultur sind.

Die Vielfalt der Kulturen, der Sprachen, der Menschen: das ist die Stärke Europas. Diese Vielfalt wollen wir auch in einem weiter zusammenwachsenden Europa erhalten. Europa wird nur dann erfolgreich sein, wenn alle seine Mitglieder gleichberechtigt sind und niemand die Nummer Eins sein möchte.

Die rasche Annäherung unserer Länder seit 1989 wäre nicht möglich gewesen ohne jene Frauen und Männer, die sich seit vielen Jahren in den zahlreichen Deutsch-Polnischen und den Polnisch-Deutschen Gesellschaften um eine Aussöhnung und Verständigung zwischen Deutschen und Polen bemüht haben. Das war eine oft mühevolle Arbeit, für die ich Ihnen heute einmal ganz herzlich danken möchte.

Trotz großer und überzeugender Fortschritte im deutsch-polnischen Verhältnis bleibt Vieles zu tun. Wir müssen - im wörtlichen wie im übertragenen Sinn - noch viele Brücken über die Oder und über die Neiße bauen und viele Gräben zuschütten. Man sagt, das Deutschlandbild vieler Polen habe sich schneller gewandelt als das Polenbild vieler Deutscher. Das verlangt weitere Anstrengungen, und ich möchte Sie ermutigen, auch in Zukunft dafür zu arbeiten.

VI.

Das Wunder der deutsch-polnischen Aussöhnung in den zurückliegenden Jahren - ich meine, so darf man es wohl nennen - hat wohl auch damit zu tun, dass Deutsche und Polen viele Erfahrungen teilen. In beiden Ländern gibt es kaum eine Familie, die Krieg und Vertreibung nicht ganz nahe als persönliche Tragödie erlebt hätte. Wir teilen auch die Erfahrungen der Diktatur und das Streben nach Freiheit. Viele Deutsche und Polen wissen, was es bedeutet, wieder ganz von vorne anfangen zu müssen: Die eigene Existenz zu sichern, eine freie und demokratische Gesellschaft aufzubauen, mit schwierigen Erinnerungen zu leben.

Über solche Erinnerungen zu sprechen, über die Leiden einer gemeinsamen Vergangenheit und über die Wunden, ohne aufzurechnen, zu vergelten oder sich selber rein zu waschen - das gehört zum Schwersten. Gelingen kann das nur, wenn Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion nicht verwechselt oder gleichgesetzt werden. Gelingen kann das nur, wenn niemand etwas einfordert und keiner den anderen überfordert.

In Deutschland und in Polen gibt es heute gute Ansätze für ein solches Gespräch. Über seine Bedingungen hat Jan Jósef Lipski, ein Kenner und Freund der Deutschen, zu Günter Grass einmal gesagt: "Wir müssen uns alles sagen, unter der Voraussetzung, dass jeder von seiner eigenen Schuld spricht."

Das ist schwer und mühsam, vor allem für die Polen, die ersten Opfer des Zweiten Weltkrieges. Es lohnt aber, weil es unserem Verhältnis sicheren Grund gibt - auch weil dann viele mehr, die bislang am Rande standen, sich bereit finden werden, am Werk der Aussöhnung mitzubauen. Gelingt ein solcher Dialog, dann stimmt die alte jüdische Weisheit: Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.

Ich möchte Sie, die Mitglieder der deutsch-polnischen Gesellschaften, ausdrücklich ermuntern, dieses wichtige Gespräch voranzubringen. Mit Ihrer Kenntnis und Sympathie für das jeweils andere Land können Sie dabei eine wichtige Rolle spielen.

VII.

Hier in der Paulskirche und an vielen anderen Orten in Deutschland und in Polen sind 1848 jene unterlegen, die ein Europa freier Völker bauen wollten. Sie kämpften für Demokratie und Gerechtigkeit, für Freiheit und Brüderlichkeit. Hundertfünfzig Jahre später haben Polen und Deutsche sich miteinander auf den Weg gemacht, die Einheit Europas zu vollenden.

Gemeinsam am Europäischen Haus zu bauen - das ist ein gutes Motto, das ist eine gute neue Perspektive für die Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaften. Helfen Sie mit, eine gleichberechtigte Partnerschaft in einer Gemeinschaft zu bauen, die in der Welt ohne Beispiel ist. In einem vereinten Europa, das Kriege und Unfreiheiten hinter sich gelassen hat und das Polen und Deutschen auch die Chance gibt, im Verein mit den anderen europäischen Nationen Gewicht und die historischen Erfahren des alten Kontinents in der Welt zur Geltung zu bringen.