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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Festakt zum sechshundertsten Jahrestag der Gründung der Universität Würzburg

Herr Rektor Berchem,

hochansehnliche Festversammlung,

des Hinweises auf das rheinische Idiom des Rektors hätte es so wenig bedurft wie der Erinne­rung an die westfälische Herkunft des Festredners, um ein unterfränkisches Evakuierungskind, das jetzt Bundespräsident ist, zur Teilnahme an Ihrem Festakt zu bewegen. Ich bin sehr gern gekommen, um zu diesem 600. Jahrestag herzliche Grüße zu sagen und ein paar vielleicht nachdenkliche Worte.

Ein Spötter hat einmal gesagt: "Erfahrung ist der Name, den wir unseren Fehlschlägen geben." Die Gründung der Universität zu Würzburg im Jahr des Herrn 1402 war, vom Ergebnis her betrachtet, zunächst ein Fehlschlag, aber auch eine Erfahrung, aus der sich bis zum heutigen Tag manche Lehre ziehen lässt.

Geplant war die Universität als handfestes Stück Regionalpolitik: Würzburg sollte wieder blü­hen und gedeihen, und eine Hohe Schule versprach kräftig dazu beizutragen. Sie würde von überallher Talente anziehen und das geistige Klima beleben, und sie würde der Stadt Arbeit und Einkommen bringen. Wie richtig das gedacht war, das beweist die Bayerische Julius-Ma­ximilians-Universität seit langem schon jeden Tag aufs Neue, vor sechshundert Jahren aber ist das noch nicht gelungen.

Das hatte vor allem finanzielle Gründe. Schon damals war es falsch, ausgerechnet an der Bil­dung zu sparen. Diese Lehre hat man in Würzburg seither beherzigt - vom imposanten Inves­titionsprogramm am Ende des sechzehnten Jahrhunderts bis zu den enormen Investitionen der vergangenen Jahrzehnte in die Leistungsfähigkeit dieser Universität. Würzburg ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig "Nachhaltigkeit" auch in der Hochschulpolitik und in der Hoch­schulfinanzierung ist. Es gibt auch künftig für unser Land kein wichtigeres Feld für Investitio­nen als eine möglichst breite und gute Förderung kluger Köpfe und Talente, denn von ihnen hängt die Zukunft unseres Landes ab. Darum darf hierzulande an der Bildung nicht gespart werden!

Die Finanzierung der hiesigen Alma Mater zeigt übrigens auch, wie wertvoll und wie dauer­haft Stiftungen zum Kapitalstock einer Universität beitragen können. Gottlob nimmt seit eini­gen Jahren die Zahl der privaten Stiftungen in Deutschland deutlich zu. Ich hoffe, das kommt auch den Universitäten gehörig zugute. Ich will dazu jedenfalls gern anstiften.

Die Gründung von 1402 ist nicht allein am Geld gescheitert. Es fehlte auch am rechten Mit­einander von Stadt und Universität. Die Bürgerschaft misstraute den Motiven des Fürst­bischofs, sah die Privilegien der Hohen Schule mit Unmut und leistete nicht selten passiven Widerstand. Die Universitätsangehörigen ihrerseits taten nach allen Berichten wenig, um in der Stadt beliebter zu werden - man liest so einiges über nächtliche Ruhestörung und über alle Arten von Raufhändeln zwischen den Studiosi und den Einheimischen.

Solche Gegensätze zwischen Stadt und Universität wird man heute vergebens suchen. Die beiden wissen längst, was sie aneinander haben, und beide tragen ihren Teil zu dem welt­offenen, internationalen und kreativen geistigen Klima bei, das jede Universitätsstadt so drin­gend braucht wie die Luft zum Atmen. Natürlich gilt das nicht nur für Universitätsstädte al­lein: Internationale Vielfalt und Lebendigkeit bereichern ganz Deutschland.

Das weiß niemand besser als Sie, Herr Professor Berchem, der Sie sich als Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes genauso wie als Präsident dieser Universität mit großem Erfolg dafür einsetzen, dass möglichst viele Deutsche Studienerfahrung im Ausland sammeln und dass möglichst viele ausländische Studierende unsere Hochschulen bereichern, also zum Beispiel noch lieber nach Würzburg gehen als nach Cambridge.

Die Geschichte Ihrer Universität hält auch manche Lehre zum Thema Profilbildung bereit. Besonders ausgeprägt war ihr Profil in den Zeiten der Zweitgründung: Da wurde Würzburg zum Vorposten des Katholizismus gegen theologische und politische Einflüsse gewisser Nordlichter von Wittenberg und Halle bis nach Rostock und Greifswald, ja bis nach Marburg und Gießen. Das war das Zeitalter der "Universitas militans", aber auch die bleibt "semper reformanda", und das hat man in Würzburg gut verstanden und beherzigt. Gerade deshalb zählt die hiesige Katholisch-theologische Fakultät auch heute zu den anerkanntesten und ein­flussreichsten in ganz Deutschland.

Es ist kein Zufall, dass Herman Schell, ein moderner Theologe, am Eingang der neuen Uni­versität das Motto "Veritati" anbringen ließ, als Selbstverpflichtung aller Wissenschaft auf die Wahrheit. Das war nicht zuletzt ein Zeichen dafür, dass die Universität sich längst auch den modernen Naturwissenschaften geöffnet hatte. Sie bestimmen heute mehr denn je das Profil ihrer Hochschule.

Ich brauche Ihnen nicht den Registerauszug all dessen zu verlesen, was es hier an Forschungs­einrichtungen und Sonderforschungsbereichen der Spitzenklasse gibt. Ich will aber zwei Dinge nennen, die mich bei der Vorbereitung auf meinen Besuch besonders beeindruckt ha­ben, und ich will eine Erwartung aussprechen:

  • Beeindruckt haben mich die Qualität der interdisziplinären Zusammenarbeit und die hoch­produktive Verflechtung zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung auf der einen Seite und der regionalen Wirtschaft auf der anderen. Das sind zwei Trumpfkarten für die intellektuelle, für die technologische und für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähig­keit, die man überall in Deutschland auszuspielen versucht und die überall ausgespielt werden müssen, damit unser Land sich erfolgreich behaupten kann. Hier in Würzburg ha­ben diese Trumpfkarten schon gestochen.
  • Meine Erwartung an Sie lautet, dass Sie bei Ihrem wissenschaftlichen Streben und bei allem technologischen Fortschritt die alte Mahnung beachten: "et respice finem". Man könnte auch von "Technikfolgenabschätzung" sprechen oder von "ethischen Grenzen wissenschaftlichen Handelns". Fortschritt muss menschliches Maß wahren. Mit der Ver­vielfachung des Wissens und des technisch Machbaren haben sich große Chancen erge­ben, aber es haben sich auch die Gefahren vermehrt, Falsches zu tun und sich schuldig zu machen. Die Universitäten können und müssen dazu beitragen, solche Gefahren zu erkennen und zu bannen. Dafür ist der Dialog der Fakultäten genau so unverzichtbar wie der Dialog mit der Öffentlichkeit. Beides sollten gerade Universitäten leisten, die wie Würzburg große theologisch-ethische und naturwissenschaftliche Traditionen vereinen, und darum erhoffe ich mir einen solchen Beitrag auch von Ihnen.
  • Sechshundert Jahre, meine Damen und Herren, das ist eine Zeitspanne, die unser aller Lebens­zeit, aber auch unser aller Fassungskraft weit übertrifft. Im Jahre 2602 wird man vom Hoch­schulrahmengesetz wohl nichts mehr wissen, und erst recht wird man nicht mehr darüber diskutieren. Meinetwegen könnte man das auch, aber wichtiger wäre mir, dass man auch bei allen kommenden Jahrhundertfeiern der Julius-Maximilians-Universität im Bewusstsein eigener Verantwortung auf das Geleistete dankbar und auf das Kommende mit Zuversicht blicken kann. Das wünsche ich Ihrer Universität von Herzen.