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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau zur 58. Jahrestagung des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen

Herr Bürgermeister von Beust,

verehrter Herr Campenhausen,

ich bin zu spät gekommen und muss pünktlich um 12 Uhr wieder weg und deshalb muss ich mein eigenes Grußwort ein Stück weit zu begrenzen versuchen. Dennoch geht einem natürlich viel durch den Sinn.

Zuerst möchte man Ihnen, Herrn von Campenhausen, herzlich danken für die Arbeit, die Sie als Vorsitzender des Bundesverbandes geleistet haben, man möchte das würdigen, man möchte das beschreiben, ich selbst möchte auch Erinnerungen an gemeinsame Arbeit in anderen Bereichen bei der Vorbereitung des Kölner Kirchentags in Göttingen und anderes in Erinnerung rufen. Natürlich würde man gerne dem neuen Vorsitzenden, Herrn Brickwedde, gute Wünsche mitgeben und von der Bundesstiftung Umwelt zurückblicken auf die Zeit, die er vorher beruflich zu gestalten hatte und in der wir einander schon begegnet sind.

Doch für das alles ist die Zeit nun zu knapp.. Und außerdem: Der Bundespräsident darf nach Protokoll überhaupt nicht zu einem 58. Jubiläum sprechen. Der ist nur bei runden Geburtstagen gefragt, ab 100 und bei Gemeinden erst ab 1000. Was macht der nun bei einer 58. Jahrestagung? Das ist völlig protokollwidrig, dass er da spricht und dass er dann noch spricht vor dem Festvortrag und zusagt, die Medaille zu überreichen, und gar nicht weiß, ob er da noch hier sein kann, wenn der Festvortrag zu Ende ist; man hat ja so seine Erfahrungen.

Dennoch bin ich gekommen und dennoch habe ich gedacht, es ist gut, zu erinnern auch an die Stunde, die Sie erwähnt haben, im April vor zwei Jahren, als wir das Alfried-Krupp-Haus in Berlin einweihen konnten und als ich gesagt habe: Vom Stiften geht Segen aus. Ich glaube, das dass stimmt und ich glaube, dass es deshalb richtig ist, auch unkonventionell, auch bei einer gewissermaßen nicht mathematisch aber protokollarisch ungeraden Zahl dabei zu sein und zu sagen, dass das, was diese Stifter leisten, was dieser Verbund von Stiftern leistet, zwar mit Geld aufgewogen, aber unbezahlbar ist.

Das muss sein, das brauchen wir in dieser Gesellschaft und wir brauchen auch die öffentliche Darstellung dessen, was bei einer solchen Jahrestagung in Arbeitsgruppen und Plenarveranstaltungen geschieht: Ob es die Entlastung des Vorstands ist oder die Satzungsfragen, die Formulierung von neuen Zielen oder die Versuche, die Öffentlichkeit auf die eigene Existenz und auf die Arbeit, die man tut, aufmerksam zu machen.

Mir geht es darum, diese alltägliche Arbeit auch in einer Feierstunde zu würdigen und zu sagen, die Stiftungen in Deutschland sind ein vitales und ein unverzichtbares Element unserer Gesellschaft, sie sind ein bedeutender Beitrag zum Gemeinwohl. Damit wir uns nicht missverstehen: Sie sind nicht die Ausfallbürgen des Staates, sie sind nicht dazu da, um das zu tun, was eigentlich des Staates wäre, sondern sie sind für das Zusätzliche, für das zwar Nützliche, aber dem Staat in vielen Bereichen nicht Zumutbare, nicht Auferlegte zuständig.

Wir brauchen mehr zum Gemeinwohl als einen gut funktionierenden Staat,. denn auch der Staat lebt vom Klima einer Gesellschaft, die den Gemeinsinn entdeckt. Private Initiativen und Stiftungen fördern ein solches Klima und sie brauchen es auch. Historisch, meine Damen und Herren, ist es ja so, dass der Bundesverband Deutscher Stiftungen der Bundesrepublik Deutschland vorausgegangen ist. Es gibt ihn länger als die Bundesrepublik. Schon mehr als ein Jahr vor der Gründung der Bundesrepublik im September 1949 haben sich Vertreter von Stiftungen zusammengetan, um die Zukunft des deutschen Stiftungswesens zu beraten; das war am 20. September 1948. Der Name war anders, die Sache war identisch.

Wenn der Bundesverband historisch dem Staat vorausgeht, dann kann man darin vielleicht auch etwas Symbolisches sehen. Es ist Ausdruck dessen, dass Rechtsstaat und Demokratie von Voraussetzungen leben, die sie nicht selbst schaffen können, und eine dieser wesentlichen Voraussetzungen ist das engagierte Interesse am Gemeinwohl, wie es sich in Stiftungen ausdrückt.

Wir haben in Deutschland, Sie haben davon gesprochen und viele von Ihnen wissen es und manche von Ihnen haben dazu beigetragen, eine große, sehr vielfältige Stiftungslandschaft. Inzwischen spricht man, ohne dass man die genaue Zahl kennt, von etwa 11.000 Stiftungen. Darunter sind ganz kleine, ganz große und weltbekannte, uralte und ganz junge, darunter sind äußerst professionell geführte und auch Ein-Mann-Unternehmen, die aber deswegen nicht weniger wichtig sind. Der Bundesverband steht für alle Stiftungen als ein wichtiges, ein unverzichtbares Dach zur Verfügung. Ich freue mich darüber, dass hier die einen vom Fachwissen der anderen lernen, dass manche alte Stiftungen sich vom Enthusiasmus mancher neuen Stiftungen anstecken lassen.

Man muss ja zum Stiften anregen und ich denke, in der Zeit der vielen Erbfälle ist das ganz besonders dringend und nötig. Ihr Verband wirbt für die Idee des Stiftens, er stellt Fachwissen zur Verfügung, damit man sehen und lernen kann, wie es geht, er berät und fördert den Austausch untereinander, nicht nur in Deutschland sondern international. Natürlich, und das hat Herr von Campenhausen angesprochen, sind Sie auch engagiert, wo es um Reformen im Stiftungswesen geht, um Stiftungsrecht, um Stiftungssteuerrecht, um Gemeinnützigkeitsrecht. Ich will auf diese Punkte jetzt hier nicht eingehen, ich weiß nur: Alle Reformen, die dazu dienen, dass es mehr Stiftungen gibt und dass es gute und effektive Stiftungen gibt, all diese Reformen sind herzlich willkommen.

Einen Vorschlag möchte ich allerdings machen und da greife ich auf, was Sie, Herr von Campenhausen, gesagt haben: Sie haben das breiteste Wissen über das Stiftungswesen im Bundesverband und ich weiß, dass diese Datenquelle von vielen einzelnen, von vielen Institutionen genutzt wird. Stiftungen fragen nach möglichen Kooperationspartnern, Zustifter suchen passende Stiftungen, die in die gleiche Richtung arbeiten, Menschen, die das soziale Netz nicht mehr zu halten scheint, die in große Not geraten sind, bitten um Adressen von Stiftungen, die ihnen vielleicht helfen können.

Auch ich bekomme immer wieder Briefe mit der Bitte um solche Hilfe und das Bundespräsidialamt leitet dann solche Anfragen auch manchmal an den Bundesverband weiter. Ich weiß deshalb von dem Problem, dass der Bundesverband viele tausend Anfragen bald nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen kann. Andererseits meine ich, sie dürften ihr Wissen nicht für sich behalten, sie müssten es an die Öffentlichkeit weitergeben und deshalb habe ich die Frage, ob sie nicht eine Art Informationsbörse einrichten können, damit Förderungsgebende und Förderungssuchende leichter zueinander finden, dass sie gezielter einander suchen können. Der Staat soll sich da nicht einmischen, auch nicht helfend, und darum bitte ich die Vertreter der großen Stiftungen, die großen sind manchmal auch reiche Stifter, könnten Sie nicht mithelfen, eine solche Clearingstelle im Bundesverband aufzubauen, damit alle Menschen, die das brauchen in unserem Land, Zugang zu möglicher Hilfe haben. Ich glaube, das wäre ein guter und ein nützlicher Weg, den sie dort gehen oder gingen, wenn sie das täten, und ich glaube, eine solche Clearingstelle wäre sehr schnell aus dem Alltag des Bundesverbandes nicht mehr wegzudenken.

Darum hinterlasse ich gewissermaßen diese Bitte und sage: Privates Mäzenatentum tut unserem Land gut. Wir brauchen günstige Rahmenbedingungen, da sind die Veränderungen im Stiftungssteuerrecht gewiss ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Ich hoffe auf ein gutes Ergebnis der weitergehenden Debatte um die Modernisierung des Stiftungsrechtes. Wo so viel Sachverstand und Engagement zusammenkommt wie auf dieser 58. Jahrestagung, da gibt es sicher wichtige Hinweise.

Manchmal stehen Stifter unter dem Verdacht, sie seien vor allem davon beseelt, ihren Namen der Nachwelt zu erhalten. Ich finde, man sollte aus dem Verdacht keine Verdächtigungen machen, sondern man sollte wissen: In den allermeisten Fällen gibt es Menschen, die gerne geben, nicht nur weil das im Neuen Testament steht. Es gibt Menschen, die gerne sehen, wenn mit ihrem Geld etwas Vernünftiges und Sinnvolles geschieht, wenn es für Dinge eingesetzt wird, die nötig zu tun sind, und wir sollten dem nicht mit Unterstellungen begegnen, sondern mit Dankbarkeit. Auch das gehört zu dem gesellschaftlichen Klima, in dem Gemeinsinn und Einsatz für das Gemeinwohl gedeihen können. In diesem Sinne sage ich noch einmal: Von Stiftungen geht Segen aus - und damit der Segen da ankommt, wo er gebraucht wird, da wo er sinnvoll und hilfreich ist, darum ist die Arbeit Ihres Verbandes so wichtig.

Ich grüße Sie alle herzlich, haben Sie Dank für das, was Sie tun, und lassen Sie sich mit dem biblischen Wort sagen: "Tut Eure Hände nicht ab, denn Euer Werk hat seinen Lohn".