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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau beim Abendessen für die Mitglieder des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen hier im Schloss Bellevue!

John F. Kennedy hat einmal eine Tischrede vor großen Künstlern und Gelehrten mit den Worten begonnen, eine so außergewöhnliche Fülle von Begabung und menschlichem Wissen sei im Weißen Haus wohl niemals zuvor versammelt gewesen - außer möglicherweise wenn Thomas Jefferson allein speiste.

Ich weiß nicht, ob jemals in diesen Mauern Alexander von Humboldt oder Goethe oder Adolf von Harnack allein gespeist haben. Jedenfalls ist hier heute einmal mehr die außergewöhnliche Fülle von Begabung, Wissen und Brillanz versammelt, die im Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste vereint ist. Ich heiße Sie alle herzlich willkommen!

II.

Der Empfang des Protektors für die Mitglieder des Ordens ist längst gute Tradition, und doch hat es mit dem heutigen Treffen eine besondere Bewandtnis: Der Orden feiert den fünfzigsten Jahrestag seiner Wiederbegründung und den hundertundsechzigsten seiner Stiftung durch Friedrich Wilhelm IV. Da bietet es sich an, aus diesem Anlass eine Antwort auf die Frage zu versuchen, was eigentlich die so eindrucksvoll erwiesene Stärke und Anziehungskraft des Ordens ausmacht.

Einen ersten Fingerzeig liefert die Lektüre der Ordensstatuten: Wir haben es mit einer freien, sich durch Wahl selber ergänzenden Vereinigung von Gelehrten und Künstlern zu tun. Ihre Mitgliedschaft ist allein der Zahl, nicht aber der Herkunft nach begrenzt, auch wenn zwischen den deutschen und den ausländischen Ordensmitgliedern eine gewisse Parität herrschen soll.

Die Vereinigung verfolgt kein gemeinsames wissenschaftliches, künstlerisches oder politisches Ziel. Sie sieht ihre Aufgabe allein darin, Wissenschaftler und Künstler, "die durch weitverbreitete Anerkennung ihrer Verdienste einen ausgezeichneten Namen erworben haben", durch Aufnahme in den Orden besonders zu würdigen und zwischen ihnen einen geistigen Austausch zu stiften. Bei seinen öffentlichen Sitzungen lässt der Orden auch die Allgemeinheit an den Einsichten und Erfahrungen seiner Mitglieder teilhaben.

III.

Damit, meine Damen und Herren, ist vom Orden Pour le mérite zwar noch kaum mehr beschrieben als sein Grundriss und seine äußere Gestalt; aber ich finde, schon diese Züge sprechen uns freundlich an. Theodor Heuss hat von der "aristokratischen Sinngebung" des Ordens gesprochen und von seiner "demokratischen Ordnung der freien Selbstergänzung". Ich finde, darin klingt viel von dem Ideal "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" mit, und seien es auch die Gleichheit und Brüderlichkeit einer Adelsrepublik des Geistes.

Freilich: Die Gleichheit und Brüderlichkeit im Orden tragen noch andere und stärkere Kräfte als die geistige Exzellenz seiner Mitglieder allein. Ich will zwei nennen, die zugleich dem Orden seine innere Kontur geben:

  • Die Ordensmitglieder verbindet und vereint ihr individuelles Streben nach Wahrheit und Schönheit. Das klingt vielleicht altmodisch, denn als fraglose Einheit gelten Wahrheit und Schönheit längst nicht mehr, und das Streben nach der einen scheint oft genug von der anderen wegzuführen. Das Streben nach beiden zugleich aber verbindet dennoch Wissenschaft und Kunst bis heute, und über das Ideal ihres Einsseins lässt sich nicht nur bei Thomas von Aquin und Leon Battista Alberti manches nachlesen, sondern auch bei James Watson und Francis Crick und bei Werner Heisenberg. Auf der Suche nach der Doppel-Helix und nach der "Weltformel" haben sie mehr als einmal, und im Ergebnis zurecht, Hypothesen mit der Begründung verworfen, sie seien einfach nicht schön genug. Außerdem: Wer stiftete einen Orden für Wissenschaften und Künste - und wer nähme ihn an? - ohne von der tiefen Gemeinsamkeit ihrer Ziele und Wege überzeugt zu sein?

  • Ein zweites verbindet und vereint die Mitglieder des Ordens, und das mag angesichts des zuerst Gesagten fast ein wenig paradox wirken: Alle Mitglieder vereint die beinahe völlige Zweckfreiheit des Ordens. Der Orden hat recht eigentlich kein Programm, er dient keinem Interesse, er sucht keine Verbindlichkeiten aufzustellen, er verfolgt keine weitergehenden Absichten, er ist "Zweckmäßigkeit ohne Zweck" (Kant).

Wie ungewöhnlich das doch ist! Es ist gerade diese Anomalie, die den Ordensmitgliedern ein freies Spiel der Erkenntnis- und Vorstellungskräfte möglicht macht. Die meisten anderen Vereinigungen haben ein Programm, und wenn es in ihnen ausnahmsweise einmal nicht ums Programm geht, dann empfinden ihre Mitglieder den Dialog miteinander oft schnell als ein wenig erschöpfend.

Hier dagegen ist es umgekehrt: Der Orden Pour le mérite erschöpft sich nicht im Dialog, sondern er lebt davon, und gerade das zweckfreie Miteinander lässt die Gespräche so fruchtbringend sein. Das kann nun zuzeiten den Anschein erwecken, der Orden sei sich restlos selbst genug. So ist es aber nicht. Er ruht in sich, das ist wahr, aber er schläft nicht, und er entfaltet Wirkungen über die eigenen Reihen hinaus. Wir haben erst heute wieder bei der Öffentlichen Sitzung eine Probe davon erhalten, wie rege die Öffentlichkeit am Leben des Ordens Anteil nimmt und mit wie großem geistigen Gewinn sie das tun kann. Und, lieber Fritz Stern, wir haben mit Ihrem Vortrag auch eine Probe davon bekommen, wie vortrefflich Wahrheit und Schönheit zusammengehen können.

IV.

So viel ich den Orden Pour le mérite auch beschreiben mag - ihn wirklich verstehen wird nur, wer ihn erlebt. Seine Formen lassen sich schildern und nacherzählen, sein geistiger Gehalt nicht - der muss gegenwärtig sein, um zu wirken. Diesen inneren Gehalt und Wert des Ordens bewahren, prägen und entwickeln allein die, die mit ihm ausgezeichnet sind. Das ist ihnen, nehmt alles nur in allem, über nun hundertundsechzig Jahre hinweg und nicht zuletzt in den fünfzig Jahren der neuen Zählung ausgezeichnet gelungen.

V.

Damit komme ich zum letzten Schritt meiner Annäherung: In dieser Runde herausragender Frauen und Männer offenbart sich etwas, das vielleicht die wichtigste Bedeutung des Ordens und ein Teil seines innersten Wesens ist. Der Orden repräsentiert nichts - weder Staat noch Nation, weder Parteiung noch Fraktion - aber der Orden zeigt etwas, in ihmzeigt sich etwas: Es zeigt sich in ihm das Ideal eines vernünftigen, dem Wahren und Schönen verpflichteten Miteinanders, das Ideal eines herrschaftsfreien Gespräches, das Ideal einer "brotherhood of man" Freier und Gleicher.

Ist nun aber, was da sichtbar wird, ein Bild des Kommenden oder auf immer schöner Schein? Ist der Orden Pour le mérite mehr als eine kunstvoll verfasste Welt für sich, ist er Modell einer möglichen Zukunft, oder wird er eine kleine Insel der Seligen bleiben? Das bleibt offen, doch schon dass er uns vor diese Fragen stellt, scheint mir schön und sinnvoll.

VI.

Fritz Stern hat heute Nachmittag seinen Vortrag unter einen Vers von Heinrich Heine gestellt. Ich möchte mit einem Vers von Eduard Mörike schließen, der ähnliche Fragen in der Schwebe hält und sich wohl auch dem Orden Pour le mérite widmen ließe:

"Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst".