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Rede von Bundespräsident Johannes Rau zur Verabschiedung der Belgischen Truppen aus Deutschland

Anrede,

mit diesem feierlichen Zeremoniell verabschieden wir Sie, die belgischen Soldatinnen und Soldaten, aus Deutschland. Fast sechzig Jahre waren Ihre Einheiten hier stationiert. Das hat Belgier und Deutsche zueinandergebracht. Sie haben viel dazu beigetragen, dass die Menschen in unseren Ländern sich besser kennen und verstehen. Dafür möchte ich Ihnen heute, an diesem für Sie und für Ihre Familien so wichtigen Tag, im Namen meiner Landsleute danken.

Mit Ihrer Rückkehr nach Belgien geht ein beispielhaftes Engagement zu Ende. Denken wir zurück:

1946 sind die belgischen Truppen zunächst als Besatzungsmacht gekommen. Doch bald hat sich das Verhältnis gewandelt. Wir erinnern uns daran, dass sie unserem Land nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen haben, eine friedliche, freiheitliche und demokratische Gesellschaft aufzubauen. Dass sie zu Bündnispartnern und zu Freunden wurden, die bereit waren, die Bundesrepublik Deutschland gemeinsam mit der Bundeswehr zu verteidigen. Und wir erinnern uns dankbar daran, dass ihr Dienst während des Kalten Krieges ganz wesentlich zur Stabilität und Sicherheit in Europa beigetragen hat.

Zeitweise waren 40.000 belgische Soldaten, beinahe das gesamte Feldheer und wesentliche Teile der Luftwaffe, in Deutschland stationiert.

Unser Dank gilt Generationen belgischer Wehrpflichtiger und freiwilliger Soldaten, die hier in der Nähe Kölns, in Aachen, Soest und Siegen und im Raum Kassel ihren ganz persönlichen Beitrag für Frieden und Freiheit geleistet haben.

Sie haben sich Ihr eigenes Bild von Deutschland gemacht und sie haben viel zu unserem Bild von Belgien beigetragen. Heute verbindet uns eine enge Freundschaft. Wir teilen gleiche Werte, uns vereint der Einsatz für die Demokratie.

Unser Dank gilt aber auch Ihren Angehörigen und Familien. Von Ihnen allen haben wir ein Stück belgischer Lebensart kennen- und schätzen gelernt. Sie waren gute Nachbarn, aufgeschlossen und zur Verständigung bereit. Das hat das Zusammenleben in den Standorten und die Integration Ihrer Familien in die Städte und Gemeinden leicht gemacht.

Wenn ich an die Jahre zurückdenke, in denen ich in Nordrhein-Westfalen Verantwortung getragen habe, dann fallen mir gute Begegnungen ein, die das Miteinander von Belgiern und Deutschen bestimmt haben:

Da gab es deutsch-belgische Wochen, es gab gemeinnützige Veranstaltungen und Volksfeste bei den Streitkräften und Tage der offenen Tür in den Kasernen, an denen auch das belgische Königspaar teilgenommen hat. Und wer wollte die belgische Kochkunst vergessen, die nicht nur hier in Spich einen guten Namen hat!

Das freundschaftliche Verhältnis zu den belgischen Soldaten und zu ihren Familienangehörigen habe ich in Nordrhein-Westfalen immer besonders geschätzt. Deshalb bin ich heute gern nach Spich gekommen.

Ich weiß, dass Abschied schwer fällt. Es tröstet aber, dass sich viele von Ihnen dafür entschieden haben, auch künftig mit ihren Familien in Deutschland zu leben. Sie sind und Sie bleiben uns als gute Freunde und Nachbarn herzlich willkommen.

Unser Dank gilt heute einem Land, das großen Anteil an der Einigung Europas hat. Paul-Henri Spaak, der spätere NATO-Generalsekretär, trat schon während des Zweiten Weltkriegs für eine Europäische Allianz ein. Mit den Brüsseler Verträgen von 1948 nahm sie Gestalt an und wurde zum Vorläufer der Nordatlantischen Allianz. Belgien gehört zu den Gründungsmitgliedern und engagiertesten Verfechtern der Europäischen Union, die heute auch eine gemeinsame Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik einschließt.

1967 hat der belgische Außenminister Pierre Harmel die nach ihm benannten Grundzüge einer neuen Strategie der Nordatlantischen Allianz vorgelegt. Seine Vision hat ganz wesentlich zur Entspannung zwischen Ost und West beigetragen. Wir Deutsche sind dafür besonders dankbar, denn erst mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die staatliche Einheit der Deutschen möglich.

Heute können wir die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik neu ordnen. Das erlaubt Strukturveränderungen und Personalreduzierungen, in deren Folge die belgischen Verbände in Deutschland aufgelöst werden.

Auch künftig werden belgische und deutsche Soldaten im Bündnis und in internationalen Einsätzen Seite an Seite für ein friedliches Zusammenleben der Völker, für Menschlichkeit und für die Wahrung der Menschenrechte eintreten.

Sie, Herr Oberst Reynaert, werden die vor uns stehenden Truppen in ihr Heimatland zurückführen.

Sie haben als Befehlshaber der belgischen Streitkräfte in Deutschland einen wichtigen persönlichen Beitrag geleistet für die deutsch-belgische Freundschaft und für das Zusammenleben in den Standorten. Die Integration der belgischen Soldaten und ihrer Familien war beispielhaft. Daran haben Sie durch Ihre intensive Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden erheblichen Anteil.

Dafür danke ich Ihnen besonders herzlich. In Anerkennung Ihrer um die Bundesrepublik Deutschland erworbenen besonderen Verdienste möchte ich Sie gleich mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland auszeichnen.

Als Dank für die gemeinsamen Jahre in Deutschland und für Ihren Beitrag zur Sicherung des Friedens verleihe ich dann allen Einheiten, die wir heute verabschieden, das Fahnenband der Bundesrepublik Deutschland.

Ich wünsche den Soldatinnen und Soldaten

des 1. Panzergrenadierbataillons

des Artilleriebataillons

des 20. Logistikbataillons

und der 4. Fernaufklärerkompanie

glückliche und gesunde Heimkehr.

Sie gehen nach Belgien zurück, aber Sie bleiben uns in Erinnerung, in guter Erinnerung. Das findet auch ganz praktischen Ausdruck:

In Köln-Ossendorf wird auf dem Gelände einer ehemaligen belgischen Kasernenanlage eine Wohnsiedlung errichtet. Dort wird heute Abend der König-Baudouin-Platz eingeweiht. Damit ehren die Kölner einen bedeutenden belgischen Monarchen.

In der Zeit seiner Regentschaft nahm Belgien tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Erneuerungen in Angriff. Ihr Land wählte den Weg in einen föderalen Staat und in ein vereintes Europa. König Baudouin unterstützte diese Entwicklung aus tiefer innerer Überzeugung. Sein Einsatz für Demokratie und soziale Gerechtigkeit ist unvergessen.

In wenigen Minuten wird die belgische Flagge eingeholt und die Europafahne wird in unsere Mitte getragen. Am späten Abend wird unsere Bundeswehr die belgischen Streitkräfte mit einem großen Zapfenstreich ehren. Mit dieser feierlichsten Form des militärischen Zeremoniells der Bundeswehr verabschieden die deutschen Soldaten ihre belgischen Kameraden.

Damit wollen wir deutlich machen:

Die belgischen Streitkräfte verlassen uns und sie gehen als Freunde. Wir bleiben aber vereint in Europa und wir arbeiten auch künftig gemeinsam daran, die Einheit Europas in Frieden und Freiheit zu vollenden.