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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des zwanzigsten Jahrestreffens des InterAction Council

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der frühere amerikanische Präsident John F. Kennedy soll bei einem Abendessen im Weißen Haus mit Größen aus Wissenschaft und Politik einmal gesagt haben: "Niemals ist in diesem Raum so eine exquisite Runde zusammengekommen seit der Zeit, in der Thomas Jefferson hier allein gegessen hat". Ich bin natürlich versucht, Ähnliches zu sagen, - ich bin nur noch auf der Suche nach dem deutschen Jefferson, der einmal hier gegessen haben könnte.

Aber ich freue mich sehr darüber, dass ich Sie alle heute Abend hier auch im Namen meiner Frau im Schloss Bellevue empfangen kann.

Ich glaube, dass Sie eine gute Wahl getroffen haben mit Berlin als dem Ort des zwanzigsten Jahrestreffens des InterAction Council. Hier sind viele, die haben in ihrer aktiven Zeit gewiss mit der Berlin-Frage zu tun gehabt. Sie können sich jetzt davon überzeugen, es hat alles eine gute Wendung genommen. Berlin ist im Umbruch und im Aufbruch und ist eine der lebendigsten Hauptstädte Europas.

Ich freue mich darüber, dass Sie sich bei Ihrem Treffen zwei Themen widmen, die mich auch sehr interessieren: der Zukunft der Europäischen Union und dem Internationalen Humanitären Recht.

Mit der Europäischen Union geht für viele, vor allem aber für uns Deutsche, fast eine politische "Utopia" in Erfüllung.

Wir haben gelernt und ich hoffe, dass viele es lernen, dass der Schiller'sche Satz, "Der Starke ist am mächtigsten allein", kein Zukunftsrezept ist.

Wir stehen jetzt vor einer großen Erweiterungsrunde in der Geschichte der Europäischen Union. Eine Größenordnung, wie wir sie bisher nicht erlebt haben. Da soll ein einheitlicher Wirtschaftsraum zustande kommen mit 450 Mio. Menschen, der weltweit eines der höchsten Bruttosozialprodukte erwirtschaften und ein Faktor der Stabilität und der Prosperität sein soll.

Wir müssen andererseits darauf achten, dass bei der Globalisierung weltweit keine Aufteilung zwischen Gewinnern und Verlierern geschieht, dass kein Volk und keine Region und keine Religion das Gefühl hat, sie werde wirtschaftlich abgehängt und kulturell überfremdet.

Sie haben die Themen "Global Governance" und "Good Governance" auf der Tagesordnung, das alles sind Stichworte die wir täglich benutzen.

Wirklicher Dialog bedeutet Toleranz, eine Toleranz, die nicht zur Beliebigkeit der ethischen Werte führt. Wir müssen weiter darauf hinarbeiten, dass die Menschenrechte weltweit anerkannt und respektiert werden. Das erfordert Verständnis für die Komplexität der unterschiedlichen Kulturen, aber auch die Bereitschaft, das Gemeinsame in diesen unterschiedlichen Kulturen zu suchen.

Zum Schluss möchte ich ein Wort zu der Person sagen, die uns heute Abend zusammengeführt hat. Lieber Helmut Schmidt, Du hast den InterAction Council mit begründet. Du hast ihn zum zwanzigsten Jahrestreffen hierher nach Berlin gebracht. Dafür möchte ich Dir herzlich danken. Du gehörst zu denen, die nach ihrem Abschied von der Regierungsverantwortung aktiv geblieben sind und großen Einfluss auf das politische Denken ausüben. Dein Rat ist nach wie vor gefragt. Auch von mir.

Auf einer meiner vielen, vielen Reisen habe ich einmal eine schöne Geschichte gehört, mit der ich gerne abschließen möchte. Es ist die Geschichte von einem Pastor, der zu lange redete und nie aufhörte zu reden, er redete und redete und redete. Und als er es dann selber merkte, dass er zu lange redete, sagte er: "Meine Damen und Herren, ich bitte um Entschuldigung , dass ich solange geredet habe, ich hatte meine Uhr vergessen". Da rief einer aus dem Saal: "Aber an der Wand hängt ein Kalender." Also erkläre ich hiermit, es ist der 8. Juni und Sie sind alle herzlich willkommen.