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Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Verleihung des deutschen Gründerpreises am 11. Juni 2002 in Berlin

I.Meine Damen und Herren,ich bin über das Manuskript hinaus ziemlich aufgeregt, denn ich habe soeben die Liste der Gewinner bekommen, und ich darf ja nun nicht vorgreifen. Es macht mich doch glücklich, dass ausgerechnet die Schule, auf der ich als Elfjähriger war, heute ausgezeichnet wird, sechzig Jahre später. Das sind offenbar Tiefenwirkungen zum Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal.Ich bekomme als Bundespräsident viele Briefe von Unternehmern, die feiern den Geburtstag ihrer Firma, den hundertsten, den hundertfünfzigsten oder einen noch stolzeren. Dann werde ich gebeten, ein Grußwort beizusteuern oder gar vorbeizukommen. Das täte ich häufig gern. Meist muss ich absagen, weil der Terminkalender es nicht zulässt.Aus jedem dieser Unternehmerbriefe spricht der Stolz auf das Geschaffene, auf die Leistungen, auf das Werk, zu dem manche Generation beigetragen hat.Manchmal bekomme ich zu diesen Briefen auch eine Unternehmenschronik. Wenn man darin blättert, kann man viel lesen über die Startschwierigkeiten, die es gegeben hat, über die Hürden, die die Unternehmer früher überwinden mussten. Hilfen und Beratungen gab es nur selten, von denen liest man kaum. Da sind wir nach meiner Überzeugung heute ein gutes Stück weiter. Es gibt mehr risikobereite Existenzgründer und es gibt mehr Beratungs- und Hilfsangebote.

II.

In Deutschland sind heute rund 3,5 Millionen Menschen selbständig tätig. Rund zwanzig Prozent von ihnen sind jünger als 35, etwa sechzig Prozent sind zwischen 35 und 55 Jahre alt.Viele erfolgreiche Existenzgründer haben in den letzten Jahren die Beratungsangebote der Sparkassen, der Deutschen Ausgleichsbank, der Handwerkskammern, der Wirtschaftssenioren, der Handelskammern empfangen. Diese Angebote sind alle keine Garantie für unternehmerischen Erfolg, aber sie machen den Erfolg wahrscheinlicher.Das gilt auch für den StartUp Wettbewerb, dessen Schirmherr ich bin. Dafür bin ich dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband, McKinsey und dem "Stern" und dem ZDF dankbar. Sie helfen mit, dass in Deutschland gute Ideen eine wirtschaftliche Zukunft haben.Die Förderung von Existenzgründungen ist vor allem eine Förderung des unternehmerischen Mittelstandes und den brauchen wir dringend. Der Mittelstand beschäftigt die meisten Menschen und er bildet die meisten jungen Menschen aus. Darum muss die mittelständische Wirtschaft auch in Zukunft ein kraftvoller und ein dynamischer Motor unserer Wirtschaft bleiben.In den letzten Jahren sind Existenzgründungen insgesamt leichter geworden. Früher war der Zugang zu Risikokapital das größte Hindernis. Da hat sich einiges zum Besseren gewendet und darüber bin ich froh. Viele Experten sagen mir, Risikokapital sei heute nicht mehr das Hauptproblem und Planungs- und Genehmigungsverfahren liefen heute schneller und reibungsloser. Dennoch müssen wir weiter gehen: Es gibt immer noch Existenzgründer, die mir schreiben und die mir ihre Odyssee von Bank zu Bank, von Sparkasse zu Sparkasse, von Finanzinstitution zu Finanzinstitution schildern.Sie klagen mir ihr Leid, dass die potentiellen Geldgeber viel zu wenig auf das Firmenkonzept achten und viel zu sehr auf nicht vorhandene Sicherheiten. Das mögen, meine Damen und Herren, Einzelfälle sein. Dennoch plädiere ich dafür, dass die Institutionen Konzepte erarbeiten, die gerade den jungen Unternehmern, die nur ihre pfiffige Idee als Startkapital haben, sachgerechte Unterstützung bieten.Die Zahl der Gründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist in Deutschland im internationalen Vergleich noch zu gering. Hier sind weitere Anstrengungen nötig, die müssen fachübergreifend angelegt und die müssen nicht nur wirtschaftswissenschaftliche, sondern auch ingenieurwissenschaftliche Akzente setzen.

III.

Unternehmer brauchen unternehmerische Freiheit, wenn sie erfolgreich sein sollen. Man hört heute viele Klagen darüber - und wir haben sie eben auch wieder gehört -, dass die "Regelungswut" des Staates diese Freiheit über Gebühr einenge, ja die Initiative sogar ersticke.Natürlich gilt in der Tat: Wer erfolgreich ist, wer viel Geld verdient, der braucht keine staatliche Fürsorge und der braucht auch keine staatlichen Sozialsysteme. Um erfolgreich zu sein, brauchte er meist eine gute schulische Bildung, vielleicht hat er sogar staatliche Ausbildungsförderung bekommen, häufig ist er angewiesen auf eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur und immer ist er angewiesen auf faire Wettbewerbsbedingungen.Das waren und das sind Leistungen, die der Staat erbringt. Diese Leistungen werden von allen Steuerzahlern finanziert, auch von Unternehmern und für Unternehmer, weil sie Arbeitsplätze schaffen und zum Wohlstand beitragen. Diese Leistungen aller Steuerzahler sollten auch erfolgreiche Unternehmer nicht vergessen. Niemand sollte nur im Nehmen Solidarität zeigen und sie dann verweigern, wenn es ums Geben geht. Niemand zahlt besonders gern Steuern, aber gut verwendete Steuergelder sind eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft.Ich bin froh darüber, dass viele Unternehmen über ihre Pflicht hinaus weitere gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Das bürgerschaftliche Engagement von Unternehmen hat in Deutschland zum Glück Tradition. Diese Unternehmen und diese Unternehmer haben erkannt, dass sie durch freiwilliges bürgerschaftliches Engagement ein Stück weit dazu beitragen können, das freiheitliche und soziale Fundament unserer Gesellschaft zu stärken.Dafür gibt es ganz viele praktische Beispiele aus der Zusammenarbeit von Unternehmen mit Schulen, aus der kulturellen Zusammenarbeit mit Städten und Gemeinden auf dem weiten Feld der Kulturförderung. Solches Engagement nutzt dem Unternehmen und seinem öffentlichen Ansehen und es erhöht die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger.Darum möchte ich heute allen Unternehmen danken, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für unser Gemeinwesen einsetzen.

IV.

Heute zeichnen wir hier künftige und schon erfolgreiche Existenzgründer aus.Damit sind Sie natürlich gleichzeitig Kandidaten für eine Auszeichnung für besonderes gesellschaftliches Engagement. In dieser Rolle sähe ich Sie alle gerne wieder. Das ist gewiss noch Zukunftsmusik, aber ich höre sie schon recht deutlich.Ich gratuliere Ihnen zu der Auszeichnung, die Sie am heutigen Tage bekommen, ich wünsche Ihnen alles Gute. Ich hoffe, dass Sie Vorbilder werden für viele andere, die auch gute Ideen haben, die aber mit der eigenen Existenzgründung noch zögern.Denen, die zögern, rufe ich zu: Wagen Sie doch den Versuch, holen Sie sich Rat, beteiligen Sie sich am nächsten Wettbewerb, denn es ist wirklich schön, hier oben zu stehen und einen Preis zu bekommen. Das kann ich Ihn