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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Festveranstaltung der FH Schmalkalden anlässlich des Jubiläums "100 Jahre höhere Bildung"

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr darüber, dass ich - begleitet von der Vorsitzenden der Kultsminister­konferenz, Frau Ministerin Schipanski - heute hier sein kann.

Ich gratuliere zu diesen hundert Jahren, von denen Sie, Herr Professor Müller, uns erzählt haben. Das war ja damals ziemlich aufregend: Nicht nur Solingen, nicht nur Remscheid - also nicht nur das Ungleichgewicht zwischen dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet bis Lüdenscheid und auf der anderen Seite die Thüringer Metallindustrie und die sächsische Werkzeugmaschinenindustrie - sondern auch die amerikanische Konkurrenz machte es nötig, dass man darüber nachdachte, wo liegen die Fähigkeiten und Fertigkeiten, wie kann man sie weiter entwickeln, was kann man tun?

Und dann entstanden Fachschulen wie die hier in Schmalkalden, wie die in Remscheid, die schon einige Jahre vorher dagewesen war; und in meiner Heimatstadt Wuppertal entstand die Fachschule für den Eisenwarenhandel.

Aufregende Zeiten, frühe Erkenntnisse: Die Erkenntnis nämlich, dass wirtschaftlicher Auf­schwung nur gelingen kann, wenn Bildung und Ausbildung vorhergehen und nicht nach­folgen. Wenn es also gelingt, Menschen fähig zu machen, ihre eigenen Gaben zu entdecken.

Dann eine Geschichte der Fachschulen und der Ingenieurschulen, die eindrucksvoller nicht geschildert werden kann, als sie gewesen ist. Freilich immer mit etwas Statusproblemen. Freilich bis in die siebziger Jahre, jedenfalls im Westen Deutschlands, im Vergleich zu den Universitäten; mit Streit im Besoldungsrecht und um die Titulaturen. Bis dahin, dass dann 1971, also vor dreißig Jahren, die ersten Fachhochschulen gegründet wurden: In dem Land, aus dem ich komme, zusammengefügt aus über 150 höheren Fachschulen, von den Ingenieurwissenschaften bis zu Sozialpädagogik und Sozialarbeit.

Einiges ist dabei verloren gegangen auf dem Weg bis zum Jahr 2002. In Schmalkalden zum Beispiel, wenn ich es richtig weiß, das Fernstudium. Das einzige, das es in der DDR gegeben hatte für Ingenieurwissenschaften. Ist das richtig? Wäre es nicht besser, man hätte das ein Stück weiter geführt in die Gegenwart? Wäre es nicht richtig, man würde neu danach fragen, ob nicht das Fernstudium Schichten erschließen kann für bildungspolitische Erfolge, die sonst nicht erreichbar wären?

Und dann die Fachhochschule, von der Frau Ministerin Schipanski seit langem sagt, eigent­lich sei es ideal, wenn sie von vierzig Prozent der Studenten besucht werde und nicht von fünfundzwanzig.

Also müsste man den Ausbau der Fachhochschulen stärker fördern, in allen Ländern, als das offenbar geschieht, und also müsste man, wenn ich es richtig sehe, zu vermeiden versuchen, dass die Fachhochschulen sich entwickeln zur Kopie der Universitäten. Denn: Wer das Original haben kann, kauft nicht die Kopie. Erst zwei Originale unterschiedlicher Ausprägung ergeben die Vielfalt, die gewünschte Buntheit, auch den Spannungsbogen unterschiedlicher Begabung. Und ich denke, hier stehen wir vor bildungspolitischen Fragen von außerordent­lichem Rang, und ich möchte herzlich dazu einladen, diese bildungspolitischen Fragen streitig zu diskutieren und dann einvernehmlich zu beantworten. Dabei darf einiges nicht verloren gehen:

Erstens der gute Ruf Schmalkaldens nicht. Die Thüringische Landesregierung hat sich ja was dabei gedacht, dass sie auf der Grundlage dessen, was seit 1902 hier geschehen war, Schmalkalden neben Erfurt und Jena zum dritten Standort einer Fachhochschule gemacht hat und dass sie jetzt diesen breiten Fächerkanon hat, von dem Sie, Herr Rektor, berichtet haben.

Aber das wichtigste ist, für mich jedenfalls, dass sie ihren Praxisbezug nicht verliert. Denn: Zwar ist nichts so praktisch wie eine gute Theorie, aber es gibt ein deutsches Missverständnis, dass Dinge, je praxisferner sie seien, umso wissenschaftlicher wären. Ich halte das für ein großes Missverständnis und mindestens, wenn ich zum Arzt gehe, möchte ich die Praxis­orientierung seines Studiums vorher geprüft wissen, damit ich nicht zum Gegenstand theoretischer Medizinuntersuchungen werde. Ich rate sehr dazu, das ernst zu nehmen, diesen Praxisbezug.

Praxisbezug kann man nicht besser wahrnehmen als durch Zusammenarbeit zwischen regionaler Wirtschaft und Bildungseinrichtungen des tertiären Bereichs. Darum möchte ich die, die hier als Unternehmer, als Mittelständler oder als große Unternehmer tätig sind, dringend bitten - und ihnen gleichzeitig herzlich danken für das schon Geschehene -, den Kontakt nicht zu verlieren zur Fachhochschule, die Türen weit aufzutun, damit Praktika möglich sind, damit Nachwuchs gewonnen werden kann, damit Ausbildung und Produktion und Marketing und Vertrieb sich gegenseitig ergänzen, und damit wir in den Hochschulen nicht im luftleeren Raum leben.

Mir scheint das außerordentlich wichtig zu sein. Und weil das so ist, darum glaube ich, die Internationalisierung der Fachhochschulen ist richtig und tut gut, deshalb in meinem ersten Satz der Hinweis darauf, dass es nicht nur Solingen und Remscheid waren, sondern auch die Vereinigten Staaten, die Schmalkalden Konkurrenz machten. Wir können uns nicht zurück­ziehen in unsere Krähwinkelei, sondern wir brauchen Internationalität, freilich mit der Boden­haftung in der Region. Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen dieses Kunststück hier in Schmalkalden gelingt.

In dieser schönen, alten Stadt, in der man nicht gerne nur über Fachhochschulen spricht, ohne über die schmalkaldischen Artikel etwas zu sagen, ohne Phillip Melanchton zu erwähnen, der übrigens, und das sage ich den Bildungspolitikern immer wieder, als er als 21-jähriger Professor wurde, ordentlicher Professor an der Universität Wittenberg, seine Antrittsvorlesung über die Notwendigkeit der Studienreform gehalten hat. Das war 1515. "Wie man das Studium der jungen Leute verbessern sollte" - das war das Thema seiner Antrittsvorlesung. Die in dieser Antrittsvorlesung enthaltenen Fragen sind bis heute nicht vollständig beantwortet. Schmalkalden hat also noch große Aufgaben.

Ich grüße Sie herzlich, wünsche Ihnen für die nächsten hundert Jahre - mindestens aber für die nächsten jetzt folgenden Semester, dass Ihnen die neuen Räume gefallen. Ich danke denen, die das möglich gemacht haben: der Landesregierung und durch die Landesregierung dem Steuerzahler. Ich wünsche Ihnen, dass diese Hochschule kein Asyl für Antriebsgestörte wird, sondern eine Stätte, in der sich Menschen selber erproben, in der Menschen bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gehen, auch bis an die Grenzen der Gemeinsamkeiten einer Generation im Verhältnis zur anderen Generation, damit die Fachhochschule eine Stätte ist, von der man verändert und bereichert weggeht, wenn man das Diplom oder die übrige Graduierung - wie immer das heißen mag - in der Hand hält. Das wünsche ich Ihnen von Herzen. Ich bin froh und dankbar dafür, dass ich eine Stunde bei Ihnen sein kann, und grüße Sie alle von Herzen.